Adolescence Apocalypse!, or Rewatching Utena the Movie

ava-1506Be-Papas waren sich nie sicher, ob ihr erstes Werk nicht auch ihr letztes sein würde. Doch die Utena TV-Serie war ein Erfolg, und somit ließ man sich kurz nach deren Vollendigung auch dazu hinreißen einen Kinofilm anzugehen, der 1999 in die japanischen Kinos kommen sollte. Um beim „Utena ist das Evangelion der Shoujo-Anime“ zu bleiben, erzählt jener in abgewandelter Form einfach noch mal einen ähnlichen Plot, nur visuell fordernder, sowie narrativ unverständlicher. Nach satten 5.000 Worten Revolutionary Girl Utena zur TV-Serie ist also noch längst nicht Schluss, hier noch mal 1.000 weitere:

Fängt auch gleich anders an. Utena, hier mit modischer Kurzhaarfrisur, ist nämlich neu an der Schule, statt ein alteingesessener Nicht-Konformist. Und hat eine Vergangenheit mit Touga, den sie hier ganz zufällig Rosensiegel-bestückt wiederentdeckt. Mit dem war sie nämlich zusammen, seitdem er ihr in der Kindheit über den Tod der Eltern weggeholfen hat, der Prinz der. Der Siegelring hier wird ihr aus einer reinweißen Rose aus dem verdächtig Grab-esquen roten Rosenbeet im Hof geboren. Damit zieht es sie direkt mal zum höchsten Punkt der Schachtelschule, in der Sicherheit absolut nicht vorgeht, gibt es doch keine einzige Begrenzung irgendwo zu sehen. Dort findet sie… Anthys Rosengarten, der als Duellplatz doppelt, für den sie ihn auch gleich mit Saionji nutzt.

Anthy muss auf Grund der Kürze des Filmes alleine auch eine wesentlich aktivere Rolle übernehmen, und greift direkt gleich hier schon einmal ein, um sicherzugehen, dass Utena ihre neue Verlobte ist. Tatsächlich ist Anthy regelrecht eine Verführerin und wirkt von Anfang an etwas fischig, weil man sich ziemlich sicher ist, dass sie irgendwas im Schilde führt.

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Die anderen Schülerratsmitglieder hingegen kommen fast gar nicht vor, Nanami ist nur ein kleiner Fanservice-Cameo; Mikis nicht gerade gesunde Beziehung zu seiner Schwester wird auf eine Szene reduziert, die uns die beiden Teenager miteinander ein Bad nehmend zeigt (anschließend taucht Schwester Kozue nur auf einem Nummernschild in der Tiefgarage auf, was vielleicht oder vielleicht auch nicht bedeutet, dass sie tot ist). Was Attention Whore Shiori angeht, die die beliebte Juri ob ihres Wissens über ihre homosexuellen Neigungen ihr gegenüber quält, so hat sie sogar mehr Szenen als Juri selbst. Beispielsweise ist sie eine der wenigen Charaktere, die wir abgesehen von Utena je auch nur die Anwesenheit von Touga wahrnehmen sehen, als jener ihr nämlich davon erzählt, dass sein Adoptiv-Vater ihn sexuell missbraucht hat. Und dann später taucht sie wieder auf, wenn drei Szenen ineinander laufen: Das Duell Utena gegen Juri, nachdem diese sich endlich darauf eingelassen hat, Anthy zu verteitigen. Parallel dazu die Szene, wo sich Anthy und Utena gegenseitig nackt zeichnen wollten, wodurch Utena gesehen hat, was Anthy zur Rosenbraut macht: Ein Loch im Brustkorb. Und eben Shiori, die das Skandalvideo zeigt, wie es dazu kam: Anthy wurde von ihrem Bruder, stellvertretender Schulleiter Akio Ohtori, wiederholt betäubt und sexuell missbraucht, nur fand er raus, dass sie sich nur narkotisiert gestellt hat, und eigentlich ganz Ok mit dem ganzen Inzest ist, weil sie ihren Prinzen von einem Bruder doch liebt. Das hat ihm ein wenig den Verstand geraubt, er hat Anthy erstochen, sich selbst aus dem Fenster gestürzt, und Anthy hat ihn dann unterm Rosenbeet mit den vielen Kreuzen, das mal gar nicht auffällig oder so war, begraben.

So. Jetzt wird es aber erst richtig schräg. Noch bevor sich ein Mob bilden kann, der Anthy angeht, flieht jene, gefolgt von Utena, die sich im Fahrstuhl endgültig dem Verbleib ihres Prinzen Touga stellen muss: Es hat fast keiner mit ihm interagiert, weil der gar nicht existiert, Utena hat die Erinnerung daran verdrängt, dass er sich nicht von ihr trennte, sondern ertrunken ist. Nachdem sie also Abschied von ihrem ehemaligen Prinzen nehmen konnte, kann sie sich nun auf Anthy einlassen. Da jene auf dem Campus allerdings nicht glücklich werden kann, ist die Lösung natürlich schlichtweg jene Welt zu verlassen. Also taucht eine Autowaschanlage aus dem Nichts auf, „Absolte Destiny Apocalypse“ beginnt zu spielen (die „Transformationsmusik“ wenn Utena in der Serie zum Duellplatz aufstieg), und Utena verwandelt sich in ein rosa Auto, das von Anthy in die Außenwelt gefahren wird. Nur werden sie zunächst noch von anderen (toten?) Charakteren in Form von Autos fast abgedrängt, anschließend sogar vom auf Rädern ankommenden Traumschloss, bis sich Prinz Akios Geist selbst stellt, und sich auch Anthy von ihrem toten Prinzen trennen kann, auf das die sie mit Utena endgültig die eigene beschränkte Welt, in die sie sich zurückgezogen haben, sowie unerreichbare Traumschlösser, hinter sich lassen können, und in die weite, unheimlich-undefinierte neue Welt flüchten können, in der sie ihre lesbische Liebe ausleben dürfen.

Oder so. Was weiß ich. Wer die TV-Serie nicht kennt, ist beim Film eigentlich sofort was das Verständnis angeht absolut aufgeschmissen. Er macht zwar einige Dinge anders, ändert sogar einige Charaktere maßgeblich um, aber man braucht jene schon als einen Absprungspunkt, um hier halbwegs mitkommen zu wollen. Gerade auch die Inklusion vieler Nebencharaktere und Nods zur Serie, würden Neuankömmlinge ob ihres Nicht-Wichtigseins nur komplett aus der Bahn werfen, während Kenner wissen, dass sie eben nur dabei sind, weil es sie auch in der Serie gab, und sich aufs Wesentliche wieder konzentrieren können. Und selbst dann war ich mir nicht immer sicher, wirklich alles verstanden zu haben, sowie jegliche Symbolik mitbekommen zu können.

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Natürlich hat der Kinofilm gegenüber der TV-Serie auch sowas wie ein Budget, das zusätzlich auf wesentlich weniger Spielzeit verteilt werden muss. Von daher ist es nicht so… kost-effektiv aussehend. Man muss dabei der TV-Serie zugutehalten, dass sie das tatsächlich gut gehandhabt hatte, mit einem sehr punktgenauen Stil, der auch in den häufig verwandten Standbildern toll aussieht, sowie die Wiederverwertung vieler Bewegungsabläufe in den Duellen, damit sie dennoch recht flüssig laufen. Auch waren es nur die Filler, die so richtig schlecht gezeichnet waren. Der Film jedoch ist nun frei dieser Einschränkung. Wer also die Serie nicht gesehen hat und dennoch in den Film einsteigt, mag nicht kapieren, was das ganze Zeug hier soll, ist aber wenigstens audiovisuell voll bedient.

So ist das Schulgelände hier so schreiend unpraktisch – es sieht schlichtweg aus wie aus einem Gemälde von Escher. Überall sind Treppen, Türme, Übergänge, Spitzen, Balkone – nicht davon wirklich miteinander verbunden, alles endlos ineinander verschachtelt, ständig scheinbar in Bewegung, und nirgendwo ein Zaun, der einem vor dem freien Fall retten würde. Die Schattierungen sind häufig hingegen Rot, die Rosen sowieso diesmal fast alle, statt den Regenbogen wie in der Serie wiederzuspiegeln. Ja wenn Anthy die Wasserleitung auf dem Duellplatz zerstört, wodurch sich Utena und sie nachts tanzend durch dessen Wiederspiegelung auf der Wasseroberfläche scheinbar im Sternenhimmel bewegen, regnen die runtergespülten Rosenblätter wie Blut gegen den schwarzen Schattenriss des Schullabyrinths. Nein wirklich, interessant anzusehen ist Adolescence of Utena zu jeder Zeit.

Allegory Allegorier Allegoriest!, or Rewatching Utena: Apocalypse Saga

ava-1498Da sind wir nun also angekommen, mit den 6 Folgen der Apocalypse Saga ist das Ende von Revolutionary Girl Utena erreicht. Die Serie mit der romantisch-verklärten Optik, der abgedrehten Ideen und seltsamen Symbolik, um die fast genauso viel theorisiert wird wie zu Mother und Evangelion, die gleichzeitig so überdreht ist aber irgendwie dennoch wenn es wichtig wird ernstgenommen werden kann, rast auf ihr merkwürdiges Finale zu.

Jetzt wird’s nämlich so richtig kompliziert, ich glaub ich hab noch nie so viele Anmerkungen mir gemacht – zu vielen Blogeinträgen mach ich gar keine –, weswegen wir doch hier einfach mal Folge für Folge vorgehen.

Den Start legt eine enorm wichtige Folge, beginnend mit einem Theaterspiel, das die Vergangenheit von Akio und Anthy in ein Märchen packt: Es gab mal einen tollen Prinzen, der allen Prinzessinnen geholfen hat. Bis seine Schwester, die nie ein Prinzessin werden kann, ihn korrumpierte, der Öffentlichkeit stahl, und sein Licht (a.k.a Die Macht die Welt zu revolutionieren, Etwas Ewiges, Etwas Leuchtendes, Die Macht der Wunder etc.) versiegelte. Dann haben wir ein Flashback zum Tag, als Utena von Prinz Akio aus dem Sarg errettet wurde, in dem er ihr etwas Ewiges zeigte: Die ewige Qual der von den Dorfbewohnern aufgespießten Rosenbraut, die zur Hexe wurde, um den Prinzen zu retten. Das war der Moment, an dem Utena beschloss selbst ein Prinz zu sein, um die Rosenbraut eines Tages retten zu können.

Wichtig bei Utena, gerade in den späteren Folgen, ist immer diverse Dinge im Hinterkopf zu behalten. Nur weil alles kitschig aussieht oder in Form von Bilderbuch-Märchen oder gar Alpträumen gezeigt wird, bedeutet das natürlich nicht, dass dem so war, es ist nur ein Stilmittel. Zudem gibt es den „unreliable Narrator“, Dinge die uns bildlich oder wörtlich klar gemacht werden, sind nicht unbedingt ebenfalls die reine Wahrheit. Und nicht vergessen das es hier um eine inzestuöses Geschwisterpaar sowie Allegorien für Fortschritt und Erwachsenwerden geht.

Von daher sehe ich den Fall des Prinzen als den Moment, wenn Akio sich seinen Gefühlen zu seiner Schwester letztendlich hingab. Und da das junge Mädchen weder Wiederstand geleistet hat, ja gar selbst in ihren Bruder verliebt erscheint, machte er sie für sich zur Schuldigen – zur Hexe. Sie soll den ewigen Hass und Pein auf sich ziehen. Und das „Licht des Prinzen“, welches für all die anderen blumig-vagen Dinge steht, würde ich mal salop „Hoffnung“ nennen. Oder halt allgemein die Kraft, sich und seine Situation zu verändern. Auch wird die Serie nun verstärkt über Prinzen und Prinzessinnen reden, denn es geht auch um Liebe, und jemandes Prinz/Prinzessin zu sein, meint einfach, der Partner jenes Menschens zu werden – Anthy kann keine Prinzessin werden, weil Akio der Prinz ist, und Geschwister dürfen sich nicht lieben. Sobald sie eine Beziehung eingingen, hörte er auf, der Prinz zu sein.

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Die nächste Episode bringt die Erkenntnis von Playboy Touga mit sich, dass Utena das erste Mädchen ist, um das er sich was schert. Allerdings zu spät, da Akio’s Verführung sie bereits für ihn gewann. Was ganz interessant hier ist, ist Saionjis Satz, dass sich Utena – genau wie sie alle – immer noch im Sarg befinden: Sie hängen in der Vergangenheit begraben, können als Menschen nicht wachsen, weil sie sich selbst verschließen.

Episode Nummer Drei bringt nun das Duell mit Touga, der nicht mehr gewinnen will, um die Rosenbraut und ihre Macht zu erlagen, sondern um Utena aus dem perfiden Spiel zu ziehen. Sie mit Gewalt vom Pfad des Prinzen abbringend und zu seiner Prinzessin (Geliebten) machen wollend. Hier ist mir zum ersten Mal aufgegangen, dass bisher alle, die gegen Utena in den Duellen verloren haben, ihre (häufig nicht erwiderte) Liebe mit Gewalt erlangen wollten. Utena war immer die Realistin, die nicht für irgendeine angebliche Macht gekämpft hat, die ihr zu etwas verhelfen soll, was sie nicht erreichen kann.

Das macht uns Juri dann noch mal in der nächsten Episode klar, wenn sie meint sie habe immer nur an sich gedacht, wenn es um die Macht der Weltrevolution geht. Alle Duellanten außer Utena haben sich also erneut in etwas verrannt, statt weiterziehen zu können. Außerdem sagt Akio hier, dass es die Schuld der Welt ist, dass Anthy ewiglich Schmerz empfindet: Klar, es ist das soziale Umfeld, welches eine Inzest-Beziehung nie gutheißen würde, und gleichzeitig kann er so die Schuld erneut woanders hinschieben.

Außerdem versucht Anthy, nachdem Utena sie nach ihren Zukunftsplänen gefragt hat, sich umzubringen, da sie merkt, dass sie wenn sie so bleibt, wie sie ist, keine hat. Das bringt Utena endlich dazu zu wählen: Sich weiterhin an ihre romantisierte Vergangenheit vom Prinzen hängen, sich für den Verführer Akio entscheiden, oder doch auf Anthys Seite zu stehen. Sie wählt Anthy.

An bricht die erste der beiden Finalepisoden. Utena stellt sich also dem „Ende der Welt“, findet heraus das es Akio war, der hier sein Spielchen gespielt hat. Er will sie immer noch zu seiner „ewigen Prinzessin“ machen, doch da in dieser Welt dann kein Platz mehr für Anthy wäre (Utena als neue Geliebte löst die alte ab), geht sie nicht darauf ein. Auch sehen wir, dass alles tatsächlich nur eine Illusion war: Es gibt weder Duellplatz noch Himmelsschloss, alles war nur von Akio vorgetäuscht. Die Sache ist die, dass Utena im anschließenden Duell révolution die Oberhand zu gewinnen scheint… bis Anthy sie von hinten mit einem Schwert aufspießt, damit ihr geliebter Bruder nicht unterliegt.

Die letzte Episode eröffnet sie dann auch mit den Worten, dass sie dies getan hat, weil Utena als Mädchen sowieso nie ihr Prinz sein kann. Erneut spricht soziale Konvention hier: Mädchen dürfen keine Mädchen lieben. Akio hat das letzte Duell also gewonnen und versucht das Portal zur Weltrevolutionsmacht zu öffnen. Jedoch schafft er es nicht. Allerdings benutzt er auch das Schwert Dios, des Prinzen der er nicht mehr ist. Die Serie hat ziemlich klar gemacht, dass er der Prinz war, bevor Anthy ihn „verführt“ hat. Seine alte Macht zurückerlangen zu wollen sehe ich also erneut als Akio, der nie darüber hinweggekommen ist. Der sich in die Vergangenheit und sein Bild als der Prinz, der damals noch rein war, verrannt hat, wieder jemand sein will, der er einfach wegen dem, was geschehen ist, nicht mehr sein kann. Wenn er überhaupt je so edelmutig und gut war, wie er selbst zu glauben gedenkt.

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Er meint übrigens auch, dass Anthy diejenige ist, die gerne eine Hexe ist, gerne leidet. Und es ist hier ihre Aufgabe, die ganzen „Schwerter des Hasses der Menschheit“ auf sich zu ziehen. Tatsächlich wird die Rosenbraut ganz wie in den Flashbacks von Millionen Schwerter penetriert. Erneut, die Beziehung der beiden Geschwister ist komplex. Sie lieben sich, sie wissen aber das dies nicht richtig ist. Dies führt dazu, dass Akio seine Schwester sowohl liebt, wie auch hasst, sie dämonisiert, und meint alles Übel an der Situation kommt von ihr, damit er sich selbst keinen Fehler eingestehen muss. Gleichzeitig kümmert er sich aber auch um sie, und bezeichnet sich selbst als gefallenen Bösewicht, frei nach „ist der Ruf erst einmal ruiniert“. Das ganze Spiel um das Rosensiegel an sich ist überhaupt auch zwiespältig: Er scheint sich selbst nicht ganz so klar, ob er die Sache jetzt dahin manipulieren will, dass er die Macht zurückerlangt, oder ob er jemand anderen gewinnen lassen will, der Anthy endlich aus dieser Situation befreien kann.

Anthy derweil hat sich emotional selbst abgetötet, um die seelische Pein nicht mehr ertragen zu müssen, lässt deswegen alles mit sich machen, und denkt tatsächlich, sie gehöre für das, was sie ist und fühlt, bestraft. Sie ist der Vogel im Käfig (nicht umsonst sieht das Gewächshaus, in dem sie immer die Rosen gießt genau wie einer aus), mit dem ihr Bruder und die Duellanten machen können, was sie wollen. Erst das Wiedererwachen von Gefühlen und der Hoffnungsschimmer einer Besserung durch Utena hat sie letztendlich im Umkehrschluss genug verzweifeln lassen, um sich umbringen zu wollen.

Utena ist es dann auch diejenige, die statt die Pein der Rosenbraut zu ignorieren an ihre Freundschaft appelliert, und damit das Portal doch geöffnet bekommt: Dahinter nur den Sarg, in dem sich Anthy emotional verschlossen hat, findend. Und sie gewinnt scheinbar nicht, sie befreit Anthy nicht, alles stürzt ein und Utena verschwindet. Wir sehen den Schulalltag weitergehen, als wäre nie was gewesen und habe Utena nie existiert, während Akio bereits die Briefe vom „Ende der Welt“ für eine neue Runde im Spiel um die Rosenbraut aufsetzt. Doch etwas hat sich verändert: Anthy. Mit den Worten, dass Utena nur die Welt verlassen habe, verlässt sie den Campus.

Denn das ist es: Utena und Anthy sind gewachsen, haben den ewigen Stillstand hinter sich gelassen. Die Welt, die revolutioniert werden sollte stand für die eigene kleine Welt, den eigenen Blickwinkel. Und für die Schule, denn wenn man als Teenager noch auf jene geht, scheint dies tatsächlich das ganze Umfeld zu sein. Zudem ist es Akios kleine Welt, in der er als stellvertretender Rektor alle Macht innehält und tun kann, was er will. Aber es ist eben nur eine beschränkte, kleine Welt, ein wohliges Ei, in das man sich zurückziehen kann, aber auch ein erstickender Sarg, in dem man nicht wächst und weiterkommt, sondern auf den eigenen Tod wartet. Die Särge von Utena und Anthy sind geöffnet, die Eischale ist aufgebrochen, Akio mag in seiner eigenen kleinen Welt das Sagen haben, aber deswegen haben sie jene eben einfach verlassen – sind in die „richtige“ Welt außerhalb des Campus gegangen.

Angel Androgynous!, or Rewatching Utena: Akio Ohtori Saga

ava-1492Es ist glaub ich etwas strittig, ob es eine dritte und vierte, oder nur eine dritte Arc gibt. So hab ich sowohl gesehen, dass manche nach Akio Ohtori und Apocalypse trennen, während wieder andere alle 15 Folgen als Apocalypse Saga sehen. Ich trenne mal, weil mir das mehr Platz zum Schreiben gibt, außerdem ist’s so im Wikipedia, was nicht zwangsläufig bei allen Dingen die verlässlichste Quelle ist (je nach Unterseite ist sich Wiki nicht mal einig, ob Akio bei Folge 24 oder 25 beginnt), aber so wichtig isses ja auch nicht.

Nun kann also endlich Akio die Bühne als Antagonist definitiv betreten. Der Verführer, der Manipulator, der sich selbst als gefallenes, schönes Übel Luzifer bezeichnet. Er hat Utena und Anthy dazu überredet bei ihm zu wohnen, um die Rosenbraut und ihre Verlobte besser im Auge zu haben. Und er bemerkt auch sofort etwas, was ihm nicht gefällt: Sie sind befreundet. Und zwar eine Freundschaft, die Anthy gut tut, sie sich langsam öffnen lässt. Sie ist fröhlich, vertraut Utena beinahe ihr Geheimnis an, und versucht zum ersten Mal den Beischlaf mit ihrem Bruder zu verweigern. Utena könnte also zum ausgewachsenen Problem werden, und da sie es trotz er Macht Dios, die ihr in den Duellen zur Hilfe kommt, eben noch nicht geschafft hat, mit Hilfe der Rosenbraut die Ewigkeit und Macht zur Weltrevolution zu erlangen, wird es vielleicht langsam Zeit den Verlobten zu wechseln.

Da sowohl der Schülerrat sowie die Schwarze Rose niemanden hervorgebracht haben, der Utena hätte besiegen können, macht sich Akio selbst daran zu rekrutieren. Hauptsächlich findet er die wieder beim Schülerrat, doch diesmal reißt er dessen emotionale Rückstände so richtig auf, bis sie wie ein in die Ecke gedrängtes Tier sind, und lädt sie dann auf eine Spritztour mit seinem Auto ein.

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Auto fahren zu dürfen bedeutet ein Erwachsener zu sein. Und das die Serie das Erwachsenwerden mit Sexualität gleichsetzt, ist sicherlich nichts Neues. Tatsächlich sitzen sie dann auch, während Akio sie zum Duell überredet, mit offenen/verrutschten Schuluniformen dort, streicheln die Karosserie, das Auto wird schneller und schneller, Porn-Musik läuft… die Symbolik ist klar, da müssen die Duellanten am nächsten Tag beim Herausfordern von Utena eigentlich schon gar nicht mehr sagen, dass sie „nun jemand anderes als noch Gestern“ oder „Heute ein Erwachsener“ sind.

Bei der Duellarena hat sich übrigens wieder was verändert. Zum einen geht Utena nun die Spiraltreppe nicht mehr hoch, sondern fährt mit dem schnelleren Fahrstuhl, der in der Säule aufgetaucht ist, wahrscheinlich bessere Effizienz/Vertrautheit mit dem Geschehen symbolisierend, genau wie Miki auch meint es solle sie auf eine höhere (Daseins-)Stufe bringen. Anthy ist nun übrigens mit Utena im Aufzug, statt oben auf ihre Ankunft zu warten, was eine höhere Vertrautheit/engere Beziehung der beiden signalisieren könnte. Und analog zur Fahrt erblüht ein Rosenbusch zu voller Schönheit. Auf dem Kampfplatz der Arena befinden sich nun übrigens ebenfalls Autos, zwischen denen sich die beiden Parteien duellieren. Und das Dios-Schwert versagt in der ersten Episode, nun gebiert Utena mit Hilfe von Anthy es aus sich, statt es aus Anthy zu holen – eventuell erneut die engere Beziehung, plus das die Kraft nun verstärkt aus Utena kommt, statt komplett geliehen zu sein. Auch die anderen Duellanten haben nun alle ihre „Rosenbraut“ dabei.

Touga ist übrigens in voller Form zurück und scheint mit Akio unter einer Decke zu stecken. Die beiden manipulierenden Verführer passen halt zusammen. Juris Duell-Doppelepisode ist erneut die dramaturgisch interessanteste, was aber wenig verwundern sollte, denn Kunihiko Ikuhara mag bekanntlich sein Yuri. Auch Nanami hat wieder ihre Filler bekommen. Zum einen haben wir eine Episode, in der sie denkt, ein Ei gelegt zu haben (zuerst dachte ich dies stünde für die erste Periode, aber das Ganze nimmt so schräge Züge an, dass ich mir mal wieder nicht sicher bin, ob sie überhaupt was aussagen wollte), die überraschend auserkoren wurde, uns durch Anthy ein weiteres Thema der Serie zu nennen: Liebe kann man sich nicht aussuchen. Wenn man mal schaut ist auch tatsächlich keiner der Charaktere der Serie glücklich verliebt, aber Emotionen folgen eben keiner Logik, sie können es nun Mal nicht ändern in wen sie verliebt sind. Und dann sind sie noch alle Teenager, wo die erste Liebe sowieso unüberwindbar und einmalig wirkt.

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Die zweite Episode, die ich zunächst für Filler hielt, obwohl mich das Fehlen massiver Übertriebenheit und Slapstick eigentlich vorgewarnt hat, ist wenn sie herausfindet, dass sie gar nicht mit Touga blutsverwandt ist. Das verwirrt sie natürlich komplett, zum einen sind ihre gar nicht so geschwisterlichen Gefühle kein Tabu mehr, zum anderen ist ihre Beziehung zu ihm aber auch nicht mehr besonders – und gerade Touga behandelt Mädchen bekanntlich wie Fließband- und Wegwerfware. Doch am Ende der Episode ist sie es, die herausfindet, dass Anthy und Akio „Siblings with Benefits“ sind, und die Episode war nur die Vorbereitung auf ihre Duellepisode.

Wir als Zuschauer finden übrigens heraus, dass es tatsächlich Akio der Prinz war, der Prinzessin Utena vor all den Jahren aus dem Kummer um ihre toten Eltern errettet hat. Und da Akio immer einen Notfallplan laufen hat, versucht er die Beziehung zwischen Utena und Anthy nicht nur durch einen Duellgewinn zu zerstören, sondern auch in dem er Utena schöne Augen macht, ihr langsam immer näher kommt. Bis dann die letzte Episode, die erneut ein Recap ist der die Duellanten der Arc zusammenschneidet, uns immer wieder Einwürfe zu Utena in einem Hotelzimmer gibt – darin kulminierend, dass wir herausfinden Anthy hat sie auf einen Botengang zu Akio geschickt, der sie hier nun endlich ins Bett bekam.

Transparent Time of Adolescence!, or Rewatching Utena: Black Rose Saga

ava-1487Wenn man die bei der Student Council Saga von Utena einschaltet und nicht gerade in einem Duell landet, oder die Aufstiegsszene einem “Zettai! Unmei! Mokushiroku!!” entgegenplärrt, konnte man auf den ersten und durchaus auch zweiten Blick denken, hier in einem Shoujo-Anime für die Zielgruppe zwischen 6 und 10 gelandet zu sein. Die Black Rose Saga macht nun unmissverständlich klar, dass dies nur die Aufwärmübung war, und Utena einer Zielgruppe im doppelten Alter zugedacht ist. Es ist nicht zwangsläufig die fieseste Arc, aber schon ordentlich gemeiner als das, was in der vorigen geschehen ist, und zumindest optisch am düstersten, vielleicht ists sogar die atmosphärischste.

Was nicht bedeutet das es nicht auch wieder schräg wird. So sind beispielsweise auch bei den Folgen 14-24 zwei total Sinnfreie Füller untergebracht. In der einen verwandelt sich Nanami schon mal in eine Kuh, die andere ist ein Recap am Ende der Arc, die allerdings diesmal nicht die Duelle Revue passieren lässt, sondern all die schrägen Pläne Nanamis, und wie sie scheiterten, noch mal aufkocht.

In der Hauptgeschichte geht es dann aber so richtig zur Sache. Zum einen bekommen wir nun ein Gesicht und einen Namen zum mysteriösen Charakter, der in der letzten Episode der Student Council Saga den Prinz besucht hat: Akio Ohtori, der stellvertretende Schulleiter, der wie das allessehende Auge Saurons von der Spitze des höchsten Penis Turmes die Schule im Überblick hat. Außerdem ist er der Bruder von Anthy… und ihr Liebhaber. Während er sich beim Teekränzchen also Utenas Probleme anhört, werden Abends die Schotten in seinem Planetarium dicht gemacht, und er zeigt seiner Schwester die Sterne.

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Die Antagonisten der Arc sind allerdings Mikage und Mamiya der Schwarzen Rose, die Leute mit schwachen Herzen in ihr Mikage-Seminar locken, und dann die inneren Wunden aufreißen, damit jene für sie Kämpfen und die Rosenbraut umbringen. Sie sitzen in der Nemuro-Gedenkhalle, die so heißt, weil vor einiger Zeit 100 Studenten hier bei einem Brand ums Leben kamen (die symbolisch übrigens allgegenwärtig sind – auch auf dem Duellplatz befinden sich nun 100 Pults mit den Umrissen von Körpern ganz wie bei Tatorten daneben). Von jenen Leichen kommen die schwarzen Rosenringe, die sie ihren Duellanten geben, sozusagen geliehene Macht, denn auch die Schwerter der Duellanten sind diesmal nicht die eigenen, sondern sie ziehen sie aus den Fixobjekten ihrer Begierde, die für ihre Charakterschwächen zuständig sind – Mikis Zwillingsschwester, die inzestuöse Gedanken hat, nimmt es aus ihm; die ehemalige Freundin von Juri, in die sie heimlich verliebt ist, aus ihr etc.

Dies ist überhaupt interessant: Die Duellanten der hiesigen Staffel, die uns immerhin die höchste Duell-Dichte bringen (7 in 11 Folgen), sind alles Nebencharaktere! Sie waren hiervor nicht wichtig, sie werden hiernach nicht wieder wichtig. Aber sie zeigen, dass jeder Mensch seine Fehler und Geheimnisse hat, seine schwarzen Stellen auf der Seele, die man so gut wie möglich hinter einer Fassade verschließen will. Interessant ist auch, dass ausgerechnet Anthy diejenige zu sein scheint, die schon immer die Leute für diejenigen gesehen hat, die sie dahinter wirklich waren. Aber immerhin hat sie ja selbst so einige Geheimnisse hinter ihrer unscheinbaren Fassade von Brille, konstantem Lächeln und normaler Schuluniform (als einziger Hauptcharakter hat ihre nicht mal eine farbliche Variation) zu verbergen.

Die Gedenkhallen-Sequenz ist übrigens eine visuell sehr raffinierte. Es geht den langen Gang entlang, an dem zuerst die 100 Schuhpaare der toten Mitschüler aufgereiht sind, dann 100 Stühle mit zeigenden Fingerkarten in den Aufzug deuten. Der einzige Aufzug der Serie, der nach unten geht, Regression bedeutet, eine sich beschleunigende Fahrt in ihre seelischen Abründe. Denn statt zu ihren Fehlern zu stehen, verschließen sich die Duellanten in Spe, verrennen sich in ihren Hass demjenigen gegenüber, die sie für ihre eigenen Fehler als Steckenpferd auserkoren haben – an der Wand hinter ihnen hängt das Bild eines Schmetterlings, der mit jeder Einstellung der Fahrt in den Abgrund sich durch die Stadien zur Raupe zurückbildet. Das Geschimpfe, Flehen und Geschrei der Duellanten bei jener Fahrt und in den Duellen macht dies zu sehr intensiven Szenen.

Und dann, wenn sie besiegt sind, erinnern sie sich an nichts – eine psychologische Schutzreaktion, Magie, oder war doch alles nur Illusion? Vielleicht sogar letzteres, aber ich greife ein wenig vor.

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Dies ist auch die Arc, die die Sexualität ordentlich hochschraubt, so deutlich anspricht, wie man es nur ansprechen kann, ohne es wirklich zu sagen. Das Herausziehen der Schwerter aus den Menschen symbolisiert Sex. Man gewinnt die Duelle, in dem man mit dem eigenen Schwert die Rose des Gegners zerfleddert – die Verlust der Jungfräulichkeit. Erwachsenwerden geht mit dem sammeln sexueller Erfahrungen einher. Das wird so dick, dass sich die Serie selbst genötigt sieht, sich drüber lustig zu machen, wenn die Schattenrissmädels meinen, dass viele Erfahrungen einen aufwachsen lassen, man müsse nicht immer sofort auf die Sexschiene sich versteifen.

Dennoch wirken die Duellanten und das Mikage-Seminar, so interessant sie sind, doch zunächst als Lückenfüller, die Black Rose Saga also wie eine Filler-Arc. Bis wir am Ende herausfinden, dass Mikage wie der Schüllerrat nur vom „Ende der Welt“ manipuliert wurde, was das Pseudonym von Akio Ohtori selbst ist. Mikage hat mit den 100 Studenten zusammengearbeitet, am Experiment um die „Macht der Weltrevolution“ zu kommen und „die Ewigkeit zu erlangen“, die beiden Schlagworte, um die sich die Duellanten für die Rosenbraut kloppen. Die 100 Studenten mit der Halle zu verbrennen war ein nötiges Opfer, das Schloss über dem Duellplatz erschien, und Mikage und Akio sind seither nicht um einen Tag gealtert, ja Akio sagt mit eigenen Worten, dass wer an der Schule verweilt nicht älter wird. Mikage jedoch lebt sogar im totalen Stillstand, flüchtet sich in Vergangenheit und Illusion – so ist Mamiya, den er zur Rosenbraut machen will, schon längst tot und begraben, die echte Rosenbraut Himemiya Anthy macht ihm in Akios Auftrag nur etwas vor. Zumindest bis Mikage auch den letzten Funken von Realitsbezug verliert, gegen Utena kämpft, unterliegt, und plötzlich doch vielleicht alles nur eine Illusion war – Keiner erinnert sich mehr an die hiesigen Vorkommnisse außer Akio und Anthy, und die Gedenkhalle ist eigentlich seit dem Brand eine leerstehende Ruine… passiert mag dies alles hier dennoch sein, doch wenn sich niemand daran erinnert, keine Beweise zurückbleiben, mag dies essenziell genausogut nicht der Fall gewesen sein.

Absolute Destiny Apocalypse!, or Rewatching Utena: Student Council Saga

ava-1485Rewatching Revolutionary Girl Utena, ready, set. GO! Jedoch das Gemecker gleich mal zu Beginn abgehandelt: Scheiße, die Serie braucht dringend mal eine deutsche Neuauflage. Das Ding gehört zu den frühen deutschen Anime-DVDs und den ersten von Anime Virtual, und auch wenn es keine unschaubare Katastrophe wie Weiß Kreuz ist, so sieht das Bild aus wie eine 20 Jahre alte, ausgeleierte VHS-Kassette, und ist der Ton dumpf und mit Aussetzern – AVs frühe, häufig zu gestelzt klingenden, deutsche Untertitel hingegen passen eigentlich zum Stil der Serie. Wenn ich mir da Bildmaterial der englisch-sprachigen Remaster-Boxsets anschaue…

Utena haben wir Kunihiko Ikuhara zu verdanken. Maßgeblich an der zweiten bis vierten Staffel von Sailor Moon beteiligt, verließ er Toei Animation nach Unstimmigkeiten ob der Richtung, die SuperS eingeschlagen hat, und gründete sein eigenes Studio Be-Papas. Zusammen mit Mangaka Chiho Saito, die den Utena-Manga zeichnete, sowie Screenwriter Youji Enokido, der Scripts für Ouran High School Host Club, FLCL, Neon Genesis Evangelion oder RahXephon schrieb. 1997, wenige Monate nach dem Abschluss von Sailor Moon, flimmerte dann ihr erstes Werk über die japanischen TV-Bildschirme: Shoujo Kakumei Utena. Ach ja, extreme Spoiler in allen Utena-Posts, so mal vorgewarnt.

Beschreiben lässt sich die Serie gar nicht mal so einfach. Genannt wird es gerne Magical Girl, weil es um besondere Kräfte geht, alles hoffnungslos romantisiert ist, ja der Gang zum Duellplatz ist sozusagen eine Transformationssequenz, gefolgt von einem Kampf. Aber so wirklich das, was einem vorm inneren Auge bei den Worten „Magical Girl“ erscheint, damit überschneidet sich Utena gar nicht ganz.

Die Storygrundlagen sind wie folgt. In einem kitschigen Prolog, designt fast wie ein Märchen-Bilderbuch, wird uns erzählt, dass es mal eine Prinzessin gab, die ihre Eltern verlor und deswegen sehr traurig war. Jedoch erschien ihr ein Prinz, tröstete sie, und meinte, sie solle ihren Stolz und Anmut beim Erwachsenwerden nicht verlieren. Und er gab ihr einen Ring mit einem Rosensiegel. Von dieser starken, edlen Figur so angetan, beschloss das kleine Mädchen schlicht von nun an selbst ein Prinz zu sein.

Enter Utena Tenjou, die Teenager-Version des Mädchens, die ans Ohtori Internat geht, und immer in der Schuluniform der Jungs rumläuft (witzigerweise meint sie zu einer sich beschwerenden Lehrerin, dies wäre doch eine ganz normale Uniform, wir sehen aber keinen männlichen Charakter in der ganzen Serie mit dieser schwarzen Jacke). Als sie den Arsch Saionji herausfordert, muss sie schnell erkennen, dass der Ring mit dem Rosensiegel sie zum Duellanten um die Rosenbraut macht, durch die die Macht die Welt zu revolutionieren erlangt werden kann. Himemiya Anthy, jene Rosenbraut, wird anschließend mit dem Duellgewinner „verlobt“, bis sich dieser Status nach der nächsten Herausforderung eventuell ändert.

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Das klingt jetzt komisch? Ist es auch. Utena ist eine enorm schräge Serie, voller bewusst überspitzter und melodramatischer Ereignisse, einem extrem kitschigen Design ähnlich Shoujo-Manga der 70er, mit viel over the top Randomness. Aber auch mit enorm viel Symbolik und dem absoluten Verlangen, trotz allem die Serie ernst zu nehmen. Oder zumindest ihre Thematiken. Später werden jene deutlich vertieft, die 13 Episoden der Student Council Saga per Face Value genommen scheinen dagegen noch sehr oberflächlich. Wer aber wie ich weiß, wo die Serie mal hinführt, der sieht hier bereits erste Grundlagen für die Thematik von Stillstand und Charakterentwicklung, dem Erwachsenwerden und entdecken von Sexualität.

Und die Serie zeigt hier durchaus zwischen all den rosa Rosen, Comic Relief Affen, seltsame Schattenriss-Mädels mit vagen Gesprächen über die aktuelle Folgenthematik, den Color Coodinated Characterdesigns der Hauptfiguren, der geschwollenen Reden, bereits, dass dies nicht einfach ein hübsches, überzeichnetes Anime an einem Internat ist, wo sich gelangweilte Schüler romantische Duelle vor Märchenkulisse geben. Nach einer extrem non-canonical „wir machen, was für ein Schwachsinn uns gefällt“ Füllepisode kommt beispielsweise die dramaturgisch extrem spannende Folge um Juri, dann eine weitere selbst für Serienverhältnisse witzig-abgedrehte Schwachsinns-Füllepisode, und dann sind wir bei Episode 9, die uns einen Flashback mit den üblichen Schattenriss-Menschen zeigt, in dem die junge Utena sich zum Sterben in einen Sarg bei ihre toten Eltern gelegt hat. Und dann erst Episode 13, die eigentlich nur ein Recap der 7 Student-Council-Duelle ist, uns aber bereits zeigt, dass mit dem Sieg über Touga der Schülerrat eben erst mal weg vom Fenster ist, die Ankunft eines extrem wichtigen neuen Charakters signalisiert, und uns zeigt, dass im auf dem Kopf schwebenden Schloss über der Arena wirklich der gefangene Prinz schlummert. Besser kann man ein Publikum auf die nächste Arc fast nicht heiß machen.

Doch Utenas Student Council Saga ist hauptsächlich Stage Setting und Einführung der meisten wichtigen Charaktere der Serie – schnell erkennbar daran, dass sie die üblichen Anime-Haarfarben haben, statt braun und schwarz wie fast alle Nebenfiguren – und wofür sie stehen. Denn wie gesagt, viel in Utena ist symbolisch und hat durchaus einen Hintergedanken (wenn was wie eine sexuelle Anspielung oder ein Penisersatz wirkt, ist das höchstwahrscheinlich auch so gemeint). Nicht nur hat jedes Duell einen Titel, sondern auch ein eigenes Lied, die entweder Bezug auf die aktuelle Station der Charakterentwicklung von Utena an sich, oder den Grund, weswegen ihr Herausforderer sich mit ihr duelliert, wiederspiegelt.

Da wäre natürlich der Schülerrat, nach dem die erste Arc benannt ist, mit ihrem ikonischen Schattenrissaufzug, und dem Spruch über Küken, die sterben, wenn sie ihre Eischale nicht durchbrochen bekommen, was sie analog mit der Macht zur Revolution mit der Welt für sich machen wollen. Nur um ironischerweise dann nur passiv Reden schwingend rumzusitzen, bis ein Brief vom „Ende der Welt“ eintrifft, der ihnen Anweisungen gibt, oder sie zu einem Duell herausgefordert werden.

Als erstes hätten wir da Vizepräsident Saionji, mit dem sich Utena die ersten beiden Duelle („Freundschaft“ und „Wahl“) liefert, und der uns in die Duellthematik einführt. Er scheint einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber Langzeitfreund Touga zu haben, und betrachtet Himemiya als sein Eigentum, schlägt sie sogar mehrmals – scheint aber auf seine eigene Art und Weise durchaus in sie verliebt, wie wir etwas später herausfinden, wenn seine Charakterzüge weniger fies und mehr comical werden.

Mit dem Wunderkind Miki liefert sich Utena das Duell „Vernunft“ (die Serie gibt ihnen allen französische Namen, und auch wenn Vernunft auf Bezug zu Miki durchaus zum Charakter passt, so scheint die englische Übersetzung „raison“ eher zu „Reason (to fight/live)“ zu machen, was hier doch besser passt). Er hat ein enorm komplexes Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester, mit der er als Kleinkind sehr eng war, nachdem er sie enttäuschte aber nun kaum noch was mit ihr zu tun hat, sein Frauenidealbild stattdessen lieber auf Himemiya projiziert.

Fechtklub-Kapitän Juri ist die einzige Frau im Schülerrat, bringt uns das Duell „Liebe“. Sie steckte in einer Dreiecksverhältnis. Drei beste Freunde, Er ist in Juri verleibt, sie in ihn, also schnappt sie ihn Juri weg, nichts ahnend, dass Juri eigentlich in sie verliebt war. Sie kämpft, um zu beweisen, dass es die Macht der Wunder gar nicht gibt.

Tougas kleine Schwester Nanami ist dahingehend ein interessanter Charakter, weil sie irgendwo zwischen Haupt- und Nebencharakter dümpelt, häufig als Comic Relief der Füllfolgen herhalten muss, kein Mitglied des Schülerrats ist, sich aber doch Utena in „Verehrung“ duelliert. Sie ist extrem auf Touga fixiert, der für sie der perfekte Mann ist, und auf alles und jeden Eifersüchtig, der seinen Blick auf sich zieht.

Touga als Kapitän des Rats ist natürlich die Speerspitze der Staffel, der Schönling mit mehr Anbeterinnen als alle anderen Charaktere der Serie, von denen er auch reichlich sexuellen Gebrauch macht, ist zudem der einzige Charakter hier, der es schafft Utena im Duell „Überzeugung“ zu besiegen, bevor sie Himemiya dann in „Selbst“ wiedergewinnt – und zwar wissend, dass er nicht mit körperlicher Überlegenheit gewinnen kann, auf psychologische Kriegsführung geht. Er ist der Verführer, der in dieser Arc die Fäden in Händen hält, Saionji ausspielt, Utena verwirrt, und nach seiner eigenen Niederlage Bewegungsunfähig wird.

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Utena wie gesagt hat jung ihre Eltern verloren, seither eine romantische Vorstellung von ihrem „Prinz“, der sie errettet hat, woraufhin sie sich beschloss nicht mehr eine hilflose Prinzessin, sondern selbst ein starker, selbstbewusster Prinz zu sein. Gegen Ende der Arc kommen ihr allerdings erste Zweifel, fragt sie sich, ob „Normalität“ doch nicht mehr etwas für sie ist, sie doch femininer sein sollte, sprich die selbstbewusste Fassade bröckelt ordentlich, bevor sie im letzten Duell doch wieder zu sich findet.

Himemiya Anthy ist die Rosenbraut, die das Disosschwert für die Duelle gebiert, mit dem Gewinner verlobt wird, und das Objekt aller Begierde, nicht um ihrer selbst wegen, sondern wegen der Macht, die sie angeblich repräsentiert. Sie ist ein Charakter absoluter Passivität, die keine Freunde hat, nur mit anderen Charakteren interagiert, wenn jene dies initiieren, und macht ohne die Wimper zu zucken alles, was ihr aktueller „Verlobter“ von ihr will. Hin und wieder gibt es einen kleinen Einblick dessen, dass sie vielleicht doch lieber bei der netten Utena ist, statt zum misshandelnden Saionji zu gehen, oder bei Touga zu bleiben, für den sie nur ein Accessoire ist, das er überall rum zeigt, der sie aber, sobald er sie hat, scheinbar nicht mal mehr als Mensch sieht. Dennoch scheint sie möglichst unauffällig sein zu wollen, möglichst keine Stoßpunkte geben, nie aufbegehren – und das, wo sie durch ihre dunkle Hautfarbe und Stirnpunkt das herausstechendste Design der Charaktere ist, sowie eben Dreh- und Angelpunkte der Duelle.

Was also schnell ersichtlich wird, ist die Tatsache, dass nicht nur jeder hiesige Charakter eben seinen eigenen Grund zum Kampf hat, seine eigenen Ziele mit der schwammigen „Macht zur Weltrevolution“ zu erreichen hofft, sondern das alle Charaktere auch gewaltige Fehler und dunkle Flecken in ihrer Persönlichkeit haben, häufig was die Beziehung(sbereitschaft) zu anderen Menschen angeht. Utena ist in der Hinsicht das Evangelion der verklärten Shoujo-Anime.