Tatort Giftschrank: Der Fall Geisterbahn

Ort: Deutsche Fernsehstuben, Zeitpunkt: Sonntag. Seit Jahrzehnten und je über eintausend Folgen dominieren zwei deutsch-produzierte unterhaltungsmediale Klassiker die Bildschirme. Die Lindenstraße und der Tatort. Erstere bald nicht mehr, während der Tatort eher wieder auf einem Beliebtheitshoch ist. Den gibt es seit 1970 und tingelt neben den Erstausstrahlungen zur Wochenends-Prime-Time auch durch alle dritten Kanäle in endloser Wiederholung.

Doch es gibt Ausnahmen. Die nach Apotheken-Praxis benannten, weggesperrten Giftschrank-Folgen, denen nach der Erstausstrahlung ein Sendeverbot aufgestempelt wurden. Aktuell gibt es fünf Tatorte, die nie wiederholt wurden, während sich fünf weitere lange Zeit im Giftschrank befanden, mittlerweile aber wieder in der Rotation auftauchen. Zum allerersten Mal geschah dies bereits bei der 16. von mittlerweile 1116 Tatort-Folgen, dem 1972er Der Fall Geisterbahn.

Was natürlich immer sehr wichtig bei den Filmen ist, ist in welcher Stadt sie spielen und wer der Kommisar ist. Hier überrascht Der Fall Geisterbahn allerdings zweifach. Zum einen ist der Schauplatz einfach eine fiktive deutsche Stadt, ohne direkt Bezug zu einer real existenten zu nehmen. Der Kommissar ist Herr Konrad, dargestellt von Klaus Höhne. Wirklich ermitteln wird aber der von Herbert Bötticher dargestellte Kriminalhauptmeister Klipp.

Der ist ganz zufällig bzw. aus ganz normalen zivilen Gründen auf dem Rummel unterwegs, als man in der Geisterbahn eine Leiche findet. Klipp läst die Mordkommmission verständigen, da er selbst einem ganz andern Kriminalfachbereich angehört. Kommissar Konrad, dem der Fall zugeteilt wird, nimmt Klipp auf Grund seines guten Handlings der Sache wegen schlicht kurzerhand mit bei der ersten Befragung der Angestellten des Rummels. Wo wir beispielsweise die Geisterbahn-Mitarbeiter haben, zu denen der Ermordete gehörte, und von denen einer meint, der wäre ein Dreckschwein gewesen, während alle anderen abwiegeln und sofort dicht machen. Auch die Ehefrau des Ermordeten, der gerne zu häuslicher Gewalt neigte, scheint sich sofort den Gesprächen entziehen zu wollen, und flieht zu ihrer Mutter. Die ist Wahrsagerin des Rummels, hatte Klipp bereits einen aufregenden Tag prophezeit, und lässt nebenbei fallen, dass sie unheilbar krank ist.

Der Besitzer der Geisterbahn will jene sogar direkt abbauen lassen. Und nachdem Klipp von Konrad den Fall einfach komplett übertragen bekommt, weil der es mit dem Rücken hat, findet Klipp schnell heraus, dass Christopher Lee für Arme überraschend mondän lebt, für einen Besitzer einiger Rummelattraktionen. Schon sehr fischig der gute Mann.

Wer der Mörder ist, solte allerdings bereits lange vorher klar sein. Sobald die Mutter der Ehefrau des Toten nach ihrem Hustenanfall erwähnte, dass ihr keiner helfen kann, war es mir zumindest klar. Die hat halt nichts mehr zu verlieren gehabt, da sie eh bald stirbt, und noch mal schnell den prügelnden Ehemann ihrer Tochter umgebracht, damit die in Frieden leben kann. Und genau das war es dann auch. Der Geisterbahn-Besitzer und das merkwürdige Verhalten dessen Mitarbeiter waren nur ein Roter Hering, da die sehr wohl was kriminelles drehen, aber nichts mit dem Mord an sich zu tun hatten. Ist doch immer so in deutschen Krimis, der Offensichtliche ist es nicht, sonder der scheinbar Nette, der mal kurz forshadowing getrieben hat.

Dadurch ist natürlich leider die Luft am Fall schnell raus. Wobei es in 2020 geschaut schon witzig ist, so eine 70er-Zeitkapsel zu haben. Wenn die Spurensicherung ein Taschenmesser am Tatort findet, und das ganz ohne Handschuhe in die Höhe hält. Die alten Autos und Klamotten. Oder das man einfach so einen Beamten, der gar nicht zur Mordkommmission gehört, in die Ermittlungen einbeziehen und letztendlich sogar übertragen kann. Dies ist eindeutig nicht der Fall von Konrad, sondern von Klipp.

Aber warum ist das Ding jetzt im Giftschrank? Ist er zu brutal? Zu sexy? Diskriminierend, weil Kleinwüchsige als Liliputaner bezeichnet werden? Tatsächlich ist der Grund ganz schnöde und unaufregend. Die Produktionsfirma ging kurz nach der Erstausstrahlung pleite. Deswegen sind die Rechte an Der Fall Geisterbahn in der Schwebe und man hat sich dazu entschlossen, ihn lieber gar nicht mehr zu zeigen. Ein großer Verlust ist es freilich nicht.

Im Schmerz geboren

ava-1742Was die cineastischen Fabrikationen meines Heimatlandes angeht, muss ich zugeben nicht sonderlich versiert zu sein. Noch weniger als zu denen in allen anderen Länder der Erde sowieso schon. Auch was die Großen im deutschen Fernsehen angeht, war ich nie interessiert. Beispielsweise das kürzlich nach 34 Jahren und 215 Sendungen abgesetzte Wetten, dass…? ist etwas, was mir schon als Kind nicht gefiel und ich nie mehr geschaut habe. Ebenfalls der bereits 1970 geborene, und stetig die 1.000 Folgen anstrebende, Tatort ist etwas, was ich nie wirklich mit Interesse verfolgte.

Doch zu Jahresbeginn habe ich einen geschaut, Im Schmerz geboren schimpft er sich, ist ziemlich aktuell, nämlich im Oktober 2014 seine Erstausstrahlung habend. Der spielt in Wiesbaden mit dem Kommissar Felix Murot, weil zu sagen wo und mit welchem Ermittler-Team so ein Tatort stattfindet, davon ist selbst mir die Wichtigkeit geläufig.

Er war überraschend anders, als ich erwartet habe. Allerdings habe ich mir mittlerweile sagen lassen, dass die Fälle einiger Ermittler auch experimentierfreudiger sind, als eher klassischere Fälle alteingesessener Teams. Der Einzel-Kommissar Murot ist wohl einer jener Tatort-Subs, die sich mehr aus dem Fenster lehnen.

Worum geht es? Ein bolivianischer Drogenbaron kommt nach Wiesbaden und prompt wird sein Empfangskommando – die 3 Söhne eines beheimateten Gangsterbosses – über den Haufen geschossen. Wer denkt hier würde es nun um Drogenkartelle und ihre Feindseligkeiten gehen, der irrt jedoch. Denn der Neuankömmling Richard Harloff ist ein alter Bekannter von Murot, der mit ihm zur Polizeischule ging, allerdings entlassen wurde, weil ihn zwei Mitschüler verpetzt haben. Es ist also ein persönlich motivierter Racheplan, den Harloff hier souverän verfolgt, um sowohl jene aus dem Weg zu räumen, aber auch sich an den ehemals besten Kumpel Murot zu rächen, wofür genau ist nur zunächst nicht wirklich klar.

Angeblich hat sich der Regisseur von Shakespeare-Stücken inspirieren lassen, und dies merkt man dem Tatort schon an. Schon alleine daran, dass es einen theatralischen Sprecher gibt, der zu Beginn, Ende und für den Einstieg in die Akte sogar auf die „Bühne“ tritt und dem Zuschauer ein wenig erzählt, was er aus dem Off auch den Rest des Filmes über macht. Ansonsten ist natürlich die Struktur an persönlicher Vendetta ob Missverständnisse und ungewollter Schadenszufügung sehr daran erinnernd, ganz besonders auch im tragischen Richard Harloff zu sehen, der ein unglaublich charismatischer Kerl ist und extrem geschickt und souverän alle auszuspielen weiß, aber bei dem sein Rachefeldzug-Tunnelblick zum eigenen Verderben führt. Und dann natürlich die hohe Anzahl an Toten, denn letztendlich stirbt fast jeder Charakter, den wir zu sehen bekommen, worauf auch am Ende noch mal der Film selbst aufmerksam macht, um sozusagen auch die vielen kleinen Rollen zu würdigen, die man über so 90 Minuten schon schnell wieder vergisst, wenn sie zur Filmmitte hin großflächig über den Haufen geschossen wurden.

Den Tatort dann auch tatsächlich als melodramatisches Theaterstück adaptiert für den TV-Bildschirm zu sehen, ist glaube ich einfach die beste Herangehensweise. Mir zumindest hat das Charakterdrama sehr gut gefallen. Auch wenn ich auf den einen oder anderen optischen Kunstgriff hätte verzichten können, neben einigen Theater-esquen Sachen wird da dann auch schon mal noch ein Oceans-Eleven-liker Stil hinzugenommen.