Ghibli Sunday – Ponyo

Nach der nicht uneingeschränkt geglückten Übernahme von Das wandelnde Schloss wollte Miyazaki (der Miyazaki, der die guten Filme macht, nicht der von Erdsee) wohl für sein nächstes Projekt wie bei Chihiro eines, was wirklich von Herzen kommt, machen. Zumindest bekommt er bei Ponyo: Das große Abenteuer am Meer die Credits für Director, Story und Screenplay, ja hat sogar wie zu seinen Zeiten bei Toei bei der Animation mitgeholfen. In Ponyo steckt also sehr viel Miyazaki.

Ponyo ist ein kleiner Goldfisch mit menschlichem Gesicht, Goldfischmädchen nennt der Film das, für mich sieht’s eher wie eine Handpuppe aus. Das kommt zu Stande, weil ihr Vater ein Mensch (der aber nun im Meer lebt) und ihre Mutter eine Meeresgöttin ist (wie das auch immer funktioniert). Vater Fujimoto hat eigentlich ein ziemliches Auge auf seinen Schwarm an Puppentheater-Nachkommen, doch Ponyo schafft es zu entwischen, um ein Sonnenbad zu nehmen, wobei sie allerdings an die Küste getrieben wird.

Dort findet der 5-Jährige Sosuke sie und freundet sich mit seinem neuen, sprechenden Haustier an. Nachdem Ponyo von ihrem Vater zurückgeholt wird, hat sie dann auch nur noch einen Wunsch: Zum Mensch werden und bei Sosuke sein. Mit purer Willenskraft schafft sie das auch, wobei dies magische Kräfte frei setzt, die die Welt in den Untergang treiben könnten. Die Göttinnen-Mami ist von der kleinen Vorschulromanze übrigens recht begeistert und meint, Ponyo könne ruhig ein Mensch bleiben, was aber nur klappt, wenn Sosuke sie wirklich liebt, ansonsten wird Seeschaum aus ihr.

Spätestens beim letzten Satz klingelt es natürlich auch beim halb weggedösten Leser, aus welchem Märchen sich Miyazaki für sein Ponyo hat inspirieren lassen. Das liegt aber tatsächlich nur im losen Handlungsgerüst, wie die kleine Meerjungfrau kommt halt auch Ponyo aus dem Meer, verliebt sich in einen Menschen und will zu einem solchen werden, riskiert das eigenen Dahinschwinden dafür. Zu Seeschaum wird sie natürlich letztendlich nie, der Film ist ja nicht von Takahata, und passen würde es in seine Atmosphäre auch gar nicht, das ist einem schnell klar.

Ponyo ist eine Rückbesinnung Miyazakis an seine frühen Werke fürs Studio. Nicht die ganz frühen wie Nausicaa und Das Schloss im Himmel, sondern die nächsten beiden Filme, Totoro und Kiki. Weg von den komplizierten Epen, den vielen Plotpunkten, der harten Action, Kampf und Kriegsgeschehen. Hin zu den einfachen und geradlinigen Handlungen, der Kinderunterhaltung, die sich die ganze Familie zusammen anschauen kann. Ponyo ist ein ziemlich simples kleines Märchen, eine niedliche Romanze zwischen zwei süßen Kids, ohne große Verwicklungen oder nötiger Tiefenanalyse. Wenn ich den Film mit einem Wort bezeichnen müsste, wäre es wohl „weich“. Eine Haupthandlung, bei der nichts großes auf dem Spiel steht, goldige Kleinkindcharaktere und ein sehr heller, pastelliger Zeichenstil und bewusst handgezeichnet aussehende Szenerien, gerade bei den Wellenlinien im Meer und dem wie Aquarelle aussehende Küstenlandschaften.

Natürlich kann aber auch bei Ponyo Botschaften hineininterpretiert werden, auch wenn ich denke, dass es Totoro und gerade Kiki einem da etwas einfacher machen, Ponyo wirkt da doch etwas… oberflächlicher. Aber zumindest die Umweltbotschaft ist natürlich ganz Miyazaki mal wieder deutlich da, immerhin startet der Film im wunderschön wuselnden Seepanorama (das es so bei unserer Überfischung eigentlich gar nicht mehr wirklich gibt, schon mal überhaupt nicht bei der Seafood-Nation Japan) nur um dann im Sand der Küstennähe überall von Müll durchsetzt zu sein (so sauber wie Japans Straßen häufig sind, so dreckig kann doch das dortige Meer sein).

Und das mit „ohne große Verwicklungen“ und „eine Haupthandlung, bei der nichts großes auf dem Spiel steht“ war gelogen. Es wäre nur schön, wenn’s so wäre. Ponyo käme durchaus komplett als seichtes aber liebenswertes kleines Märchen aus. Die ganze Sache mit dem nahen Weltuntergang wirkt nämlich unglaublich deplatziert und will so wirklich die für ein solches Ereignis nötige Screentime eigentlich auch nicht bekommen. Es wird geradezu surreal, wenn gegen Ende des Filmes ein Großteil des Landes überflutet wird, aber nicht ein Mensch dabei ertrinkt und alle happy in Bötchen umher fahren, sobald sich das Wasser zurückgezogen hat (nachdem Ponyos Menschbleiben Deus-Ex-Machina-mäßig dann irgendwie den Weltuntergang aufhält oder wie auch immer) noch nicht mal Heim und Hof irgendwie beschädigt worden sind. Ich mag Ponyo wirklich sehr, aber schon allein deswegen reicht er eben nicht an Totoro oder Kiki heran, diesen Weltuntergangs-Blödsinn hätte er sich sparen sollen, das zieht den ansonsten so runden Film ein kleinwenig runter.

Ghibli Sunday – Earthsea

Ursula K. Le Guin sträubte sich lange Zeit gegen eine Verfilmung ihrer mehrbändigen Erdsee-Sage. Kurz nach der Jahrtausendwende gab sie dann jedoch grünes Licht für gleich zwei davon, zum einen eine TV-Miniserie und dem wiederholt nachfragenden Studio Ghibli für das nächstes Projekt nach der Verfilmung von Howl’s Moving Castle. Beides Entscheidungen, die sie nach der Sichtung der Resultate wohl nicht mehr so pralle fand. Hayao Miyazaki wollte immer Erdsee verfilmen, da er allerdings noch in Das wandelnde Schloss feststeckte, entschied man sich es zum Debüt seines Sohnes Goro Miyazaki zu machen, ein Miyazaki als Ersatz für DEN Miyazaki, wenn der dann mal richtig in Rente geht. Hayao hingegen fand, jener wäre dafür noch nicht bereit. Die Chroniken von Erdsee ist dann auch der Ghibli, der es schaffte sowohl einer der erfolgreichsten Kinofilme des Jahres zu sein (was bei Ghibli-Filmen ja eh abzusehen ist) und gleichzeitig die japanische Version der Goldenen Himbeere für schlechtesten Film und schlechteste Regie einzustecken.

Es geht seltsames vor im Land. Dürren vernichten die Ernten, die Tiere werden krank, die Magie schwindet und die eigentlich von der Menschheit getrennt lebenden (aber ehemals koexistierenden) Drachen sind wieder aufgetaucht. Das klingt wichtig, gell? Für den Film wird all dies allerdings nie relevant. Ich spoiler übrigens extremst rum, also eventuell die nächsten drei Absätze überspringen.

Stattdessen dreht er sich um Prinz Arren, der seinen Vater umbringt, um an dessen Schwert zu gelangen, und dann flieht, dem Magier Sperber in die Arme läuft (einer der wenigen, die tatsächlich noch Magie wirken können) und mit jenem auf Reise geht. Wie sich herausstellt flieht Arren vor seinem eigenen Schatten, sprichwörtlich, und wird immer wieder von seiner grausamen Seite übernommen. Wenn nicht, ist er ein weinerliches Wrack, immer den nächsten Bösartigkeitsanfall erwartend.

Und dann machen die beiden erst mal Rast bei einer Freundin von Sperber auf ihrem Hof und verrichten Feldarbeit. Warum? Keine Ahnung. So wirklich eilig haben sie es auf jeden Fall nicht damit, irgendwas von Wichtigkeit zu tun. Dort lebt auch das Mädchen Theru, das Arren während eines Anfalls vor Fieslingen gerettet hat, die ihre Dankbarkeit aber durch unsympathische Zickigkeit beweist. Die Bauernidylle wird erst gestört, als der Magier Cob, der eine Vergangenheit mit Sperber hat, sich einmischt und aus irgendwelchen Gründen auch an Arren Gefallen findet. Warum Arren – oder sein Schwert – wichtig sind, erklärt der Film aber auch nie so wirklich.

Cob ist am ewigen Leben interessiert und Sperber will ihn davon abhalten, weil das das natürliche Gleichgewicht sowieso noch mehr durcheinander bringt, als eh und der ganze Kram. Doch Arren kann Cob besiegen, in einem Finale, dass den ihm im Rest des Filmes des Platz als Hauptprotagonist fast streitig machenden Sperber so absoluter Untätigkeit verbannt. Ach und Theru verwandelt sich in einen Drachen. Weil halt. Und Arrens Schatten, vor dem er den ganzen Film weggelaufen ist, war eigentlich gut.

Wat? Ich habe bisher nur bei Flüstern des Meeres dazu geschrieben, dass es ein Ghibli wäre, der getrost in der Sammlung fehlen darf, weil ich durchaus finde, dass alle anderen Filme des Studios – mit unterschiedlich hoher Priorität – ruhig früher oder später in einer solchen Platz finden dürfen. Die Chroniken von Erdsee ist der zweite Film, der bedenkenlos übersprungen werden kann. Goldene Himbeere ist vielleicht dann doch ein wenig übertrieben und eher als ein Statement zu sehen, wie weit vom eigentlichen hohen Ghibli-Standard der Film entfernt ist, aber ein guter ist’s nun wirklich nicht.

Genau genommen macht er fast alles falsch, wenn ich mal drüber nachdenke. Die Charaktere sind unsympathisch, zumindest Theru und Arren, mit denen ich beiden nix anfangen konnte, die eine ist eine Zicke, der andere ein Emo, der sich lange durch Passivität auszeichnet. Bis beide dann plötzlich beschließen, jetzt mögen sie sich doch. Die Handlung ist ein Durcheinander, das lange Zeit irgendwie Ziellos vor sich hin dümpelt, einfach kein zentrales Thema zu fassen bekommt, auch nicht so recht weiß, ob sie nun lieber Arren oder Sperber folgen will und dann schlussendlich doch ein ziemlich simples Ding war, das ohne das verworrene Geflecht der gehinteten Themen zu Filmbeginn ausgekommen wäre, weil es sie eh nie wieder aufgreift. Warum stirbt die Welt? Warum tauchen die Drachen wieder auf? Warum ist Arren so wichtig? Warum sein Schwert? Und wenn es so wichtig ist, warum versucht er nie aktiv es wiederzuerlangen, nachdem er es verloren hat? Warum war Cob noch mal so an einer Ergreifung Sperbers interessiert? Häufig ist der Film sogar bestechend langweilig, gerade im viel zu langen Mittelteil auf dem Hof. Selbst das Design des Filmes ist nicht auf dem gleichen Niveau, wie viele andere Ghiblis. Gerade die Charaktere würde man in einer Gruppenszene aus den unwichtigen Randfiguren nicht rausfiltern können.

Tja, vielleicht hätte der gute Goro Miyazaki doch mal Landschaftsgärtner bleiben sollen.

Ghibli Sunday – Howl’s Moving Castle

Die Filme von Hayao Miyazaki sind jene Ghiblis, die am kommerziell erfolgreichsten sind. Takahata ist da einfach der ewige Zweite des Studios und auch die wenigen anderer Regisseure haben nie die gleiche Zugkraft aufgebaut. Nach Prinzessin Mononoke wollte Miyazaki in Rente, kam dann aber um Chihiros Reise ins Zauberland zu machen wieder zurück, nur um danach gleich wieder in Rente zu gehen. Nach dem Das Königreich der Katzen auch nicht das neueste gefeierte Meisterwerk wurde und der für Das wandelnde Schloss auf dem Regiestuhl Platz nehmende Mamoru Hosoda (The Girl Who Leapt Through Time, Summer Wars) doch wieder absprang, beschloss Miyazaki erneut zurückzukehren und das Projekt zu übernehmen. Es wird interessant zu sehen, wie es dem Studio Ghibli eines Tages ergeht, wenn er sich mal dazu entschließt, wirklich Rentner zu bleiben, statt für jedes zweite Projekt wieder in die Arbeitswelt einzusteigen.

Sophie hat das Geschäft des verstorbenen Hutmacher-Vaters übernommen, wo das schüchterne Mädchen ohne großes Selbstwertgefühl in der Hinterkammer ihre Tage verbringt. Während des Wegs um ihre Schwester zu besuchen (den sie auch durch ausgestorbene Seitengassen tätigt), rennt sie in den berüchtigten Magier Hauru, der ihr aus einer Notlage hilft. Leider bringt das Sophie auf den Plan der Hexe aus dem Niemandsland, die Sophie mit einem Fluch belegt, welcher aus ihr eine alte Frau macht. Und wie der Zufall so will, rennt Sophie, als sie die Stadt verlässt, direkt in das wandelnde Schloss Haurus und kann sich dort einnisten.

Sie ist übrigens nicht die einzige, die mit einem Fluch belastet ist, wie sich herausstellt. Das Schloss wird von einem Feuerdämon angetrieben, der mit einem solchen an Hauru gebunden ist, welcher wiederum sein Herz verlor. Gleichzeitig geht übrigens ein Krieg vonstatten zwischen zwei benachbarten Nationen, die alle Hexen und Zauberer zur Vaterlandshilfe rekrutieren wollen.

Zunächst mal kurz zum Namen des Zauberers, für die, welche die Unstimmigkeit zwischen englischem Titel und deutscher Übersetzung bemerkt haben. Der Kerl heißt Howl. Nun ist es so, dass es zwar eine gefühlte Million japanischer Schriftzeichen gibt, jene aber sehr eingeschränkt sind, wenn es darum geht, ausländische Worte nachzuäffen (zumal für jene nur die Katakana Verwendung finden). Da sind unsere 26 lateinischen Buchstaben, die beliebig zusammengefügt werden können, wesentlich flexibler. Da wird dann in japanischer Umschrift eben das draus, was von der Aussprache her am besten passt. Und so ist ein Dragon Quest 1:1 rückübersetzt plötzlich Doragon Kuesuto oder Breath of Fire ein Buresu obu Faia, House ein Hausu usw. usf. Und dies ist der kleine Schnitzer, den sich die deutsche Fassung erlaubt, in dem sie den Namen nämlich hart zu dem übersetzt, was die japanischen Schriftzeichen sagen, nicht was über sie ausgedrückt werden soll. Und schon haben wir einen Hauru (oder Haoru, oder Hauro, je nachdem, welcher Sprecher ihn gerade sagt) statt eines Howl. Aber das nur mal so am Rande, wirklich stören tut’s nicht.

Das wandelnde Schloss ist ein sehr beschäftigter Film, häufig zu beschäftigt. Da geht es mir gegen Ende noch stärker wie in Nausicaä, er wirkt nach einem recht langsamen und sich Zeit nehmenden Aufbau plötzlich schrecklich überhastet und zusammengeschustert, als fehlten Dinge, häufig die genaueren Erklärungen dafür, warum jetzt passiert, was passiert, warum Charaktere tun, was sie tun. Es ist das schnelle Abhaken der verbliebenen Plotpunkte ohne die Zeit, sie richtig durcherklären oder zusammenfügen zu können.

Ich mein, was haben wir denn alles? Sophie ist belegt mit einem Fluch. Calcifer und Hauru sind es auch. Genauso ist die Vogelscheuche (was wir aber erst auf die finalen Minuten herausfinden, obwohl es einer der wichtigsten Punkte der Handlung sein müsste). Die Hexe aus dem Niemandsland mischt sich ein. Genauso die Hofhexe des Königs. Dann die Romanze zwischen Sophie und Hauru. Das Wachsen als Charakter der beiden. Und einen Krieg gibt es dann ja auch noch. Das sind so viele Handlungsstränge und viele davon kommen zu kurz, gerade der Krieg oder die Beweggründe, warum die beiden Hexen sich jetzt eigentlich noch mal genau in Haurus Kram mischen.

Wofür sich der Film lediglich genug Zeit nimmt sind Hauru und Sophie. Beide machen eine deutliche Wandlung durch, Hauru wird weniger feige (er hat ja kein Herz) und eingebildet, Sophie entwickelt ein Selbstbewusstsein (interessant auch, dass sie immer dann jünger, der Fluch also schwächer wird, wenn sie für sich und die ihrigen einsteht – wenn sie beim Schlafen zwangsläufig ganz sie selbst ist komplett von ihr genommen scheint -, was erneut im Film so direkt nie angesprochen wird). Auch ihre Romanze ist ein kompletter roter Faden im Film und wird ganz gut beendet, während die Erkenntnis, wie und wann Hauru und Calcifer ihren Pakt geschlossen haben oder was den Krieg beendet (was sowieso ein viel zu einfacher Weg aus dem Konflikt raus ist, wo es doch schon so viele Opfer gab), schnell abgehandelt werden. Das ist etwas schade, dass der Film, der zunächst so solide ist, gegen Ende zu bröckeln beginnt und droht auseinander zu fallen.

Überhaupt trägt Sophie weite Teile des Filmes, da sie ein einfach herziger und sympathischer Charakter ist. Auch die spätere Hexe aus dem Niemandsland oder der Hund sind absolut charmant. Die beste Szene im Film ist überhaupt das Wettkriechen der beiden alten Damen die lange Treppe zum Schloss hinauf. Auch wenn Sophie die Hexe aufgenommen hat und sich rührend um sie kümmert ist allerliebst. Das wandelnde Schloss strahlt also erstaunlicherweise am hellsten in den ruhigen und beschaulichen Szenen, in denen eigentlich gar nichts so recht passiert, statt in den teilweise fast deplatzierten Szenen, in denen der Vogelmensch-Hauru über flammenden Städten die Kriegsmaschinerie angreift. Da fühlt man sich plötzlich fast in einem anderen – falschen – Film gelandet.

Es scheint wohl zur Genüge durch: Das wandelnde Schloss ist bisher Miyazakis schwächster Film, da er einfach nicht rund zusammenkommen will, zu viele Baustellen hat, die er nicht richtig beendet bekommt. Doch auch der schwächste Film von Miyazaki hat immer noch was sehenswertes, dafür sind die Charaktere zu charmant, die richtig guten Szenen so richtig gut eben, die Magie der Welt ist da, gerade die erste der beiden Stunden eben noch wirklich rund.

Ghibli Sunday – The Cat Returns

Mit Das Königreich der Katzen kommen wir nun in den Bereich der Ghibli-Filme, die häufiger etwas kritischer betrachtet werden, als die vorigen. Nicht im Sinne von „die sind scheiße“ sondern im Sinne von „die sind schwächer als die Klassiker“. Es sind auch jene, die fast alle für mich neu sind, lediglich Das wandelnde Schloss kenne ich bereits, während ich die früheren fast alle bereits kannte (abgesehen von Flüstern des Meeres und Stimme des Herzens).

Haru ist eine japanische Schülerin und hat gerade nicht die besten ihrer Tage. Abgesehen davon, dass sie sowieso ziemlich verplant und schusselig ist, scheint ihr momentan gar nix so ganz klappen zu wollen und ihr Schwarm hat auch schon eine andere. Selbst als sie eine Katze vorm Überfahren rettet und plötzlich die Aufwartung des Katzenkönigs gemacht bekommt, da dies sein Sohn war, bringt ihr deren Dankbarkeit in Form von Katzenminze und Mäusen nicht gerade die versprochene Freude. Also laden sie Haru ganz einfach bei sich ins Königreich ein, um den Prinzen zu heiraten und selbst eine Katze zu werden – was Haru so wirklich eigentlich auch nicht will. Immerhin hat sie den Baron dabei, um sie dort raus zu boxen.

Das Königreich der Katzen war eigentlich gar nicht als Kinofilm geplant. Ursprünglich wollte ein Vergnügungspark einen 20-Minüter mit der Thematik und wendete sich ans Studio Ghibli. Als der Plan dann jedoch ins Wasser viel, sollte der Film zunächst als Kurzfilm von 45 Minuten entstehen, erhielt dann aber doch ein Upgrade zum Feature Length Kinofilm des Studios. Das erklärt dann wohl die mit 70 Minuten doch recht kurze Spielzeit für einen solchen sowie die Tatsache, dass es erst der zweite Kinofilm des Studios ist, der nicht von Miyazaki oder Takahata stammt, sondern von jenem Regisseur, der bereits den Kurzfilm hätte machen sollen. Witzig, wo der Film mit dem Baron doch ein Cameo aus Stimme des Herzens, dem anderen Film unter anderer Regie beinhaltet.

Woran man wohl auch die Ursprünge des Projektes erkennt, ist die doch recht simple Handlung, die genau genommen wenig her gibt und selbst die Selbstfindungs-Botschaft aufgesetzt wirkt. So ruft der Baron Haru zwar immer mal wieder zu, sie müsse sie selbst sein, aber so wirklich eine spürbare Entwicklung wollte ich da nicht sehen. Die Charaktere behaupten sie war da, aber im Film gesehen hätte ich sie nicht.

Jedoch braucht ja auch nicht jeder Film viel Tiefgang und Das Königreich der Katzen wäre nicht der erst vom Studio Ghibli, der seicht wäre. Das sind die Slice of Life Filme wie Stimme des Herzens, das quirlige Meine Nachbarn die Yamadas und auch der Klassiker Kikis kleiner Lieferservice nun auch. Unterhaltungswert kann man dem Werk nämlich nicht absprechen, sowohl Haru ist eine sympathische Person, als auch die Ereignisse und überzeichneten Katzen sind absolut humorig. Zusammen mit den Yamadas ist es definitiv einer der witzigsten Ghiblis.

Das Königreich der Katzen ist eben einer der kleineren, weniger spektakulären Ghiblis. Einer der wegen der simpel gestrickten Handlung und helleren, einfacheren Optik wohl eher eine Fußnote im Schaffenswerk des Studios bleibt. Wenn ich eine Ghibli-Collection anfangen würde, wäre er wohl auch wirklich nicht einer der ersten Filme, die ich erstehen müsste. Aber ganz gut unterhalten wird man vom kurzweiligen Spektakel schon.

Ghibli Sunday – Spirited Away

Chihiros Reise in Zauberland, der Film, der alle überraschte, bei der Berlinale 2002 eigentlich eher unter “ferner liefen” eingestuft wurde, weil warum würde schon so ein japanischer Animationsfilm gewinnen? Und dann plötzlich tat er’s und die Kritiker mussten sich den Film noch schnell anschauen, um was drüber schreiben zu können (da man Zeiteffektiv ja eigentlich vorrangig erst mal in die Screenings der Filme geht, die als mögliche Gewinner gehandelt werden). Chihiro ist seit Cinderella auf der allerersten Berlinale (wo sowieso noch so einiges anders lief) überhaupt erst der zweite Animationsfilm, der in Konkurrenz lief. Sicherlich, er musste sich den Gewinn mit Bloody Sunday teilen, aber wer hätte schon gedacht, dass er bei einem deutschen Filmpreis abräumt und dann auch noch, wo es nur einen Gewinner gibt, nicht wie bei den Academy Awards viele Kategorien. Wir Deutschen sind halt einfach zu bieder, um einem „Kinderfilm“ Erfolgschancen einzuräumen.

So wirklich an eine deutsche (Heim-)Kinoauswertung traute man sich dann allerdings doch nicht so schnell, schien dem inländischen Preis nicht zu trauen. Denn erst nachdem der Film ein ganzes Jahr später im März 2003 auch den Oscar als Best Animated Feature abräumte, wurde auch endlich für den Sommer ein Landesweites Kino-Release und für Jahresende die DVD angekündigt. Geöffnet waren die Tore für eine Widerverwertung von Prinzessin Mononoke und in den folgenden Jahren dem restlichen Ghibli-Katalog auf DVD (plus der einen oder andren Kinoaufführung, ob nun großflächig wie für Das wandelnde Schloss oder punktuell wie Das Schloss im Himmel). Zu behaupten das damit nun wirklich viele Augen geöffnet worden wären und Anime in Deutschland kein Nischenmarkt mehr ist, wäre natürlich dennoch dreist gelogen, aber eine gewisse Landmarke ist Chihiro damit dennoch. Und ein wenig besser stehen wir nun ja immerhin schon da – ob das jetzt mit dem Preisabräumer Chihiro zu tun hat, oder der Tatsache, dass immer mehr Kids mit RTL2-Serien wie Dragonball, One Piece, Naruto und so aufwachsen, sei dann mal dahingestellt.

Aber genug von dem ganzen Quatsch und zu Japans erfolgreichsten Film aller Zeiten, präziser worum es in jenem überhaupt geht: Chihiro ist eine ganz normale 10-Jährige, also so ein wenig ein Balg, schlecht drauf, selbstbezogen und feige. Die Tatsache, dass sie mit den Eltern gerade in eine neue Stadt umzieht und ihre Freunde hinter sich lassen muss, macht ihre Laune natürlich nicht unbedingt besser. Auf dem Weg verfährt sich die Familie und landet in einem verlassenen Vergnügungspark. Zumindest ist keine Seele dort zu sehen, Essen an der Bude köchelt aber dennoch lecker vor sich hin, weswegen Muttchen und Papchen sich dazu entscheiden, einfach mal zuzulangen, irgendwann wird schon jemand kommen, bei dem sie bezahlen können.

Doch die hereinbrechende Dunkelheit bringt keine Menschen hervor, sondern Sagenwesen und verwandelt die ungebetenen Gierschlunde in zwei Schweine. Chihiro hat sich den Magen nicht vollgeschlagen und bleibt somit ein Mensch. Doch um ihre Eltern vom Fluch befreien zu müssen, muss sie sich im Badehaus der Hexe Yubaba, wo die japanischen Götter zum Relaxen auftauchen, erst ordentlich nützlich machen. Und so hat die 10-Jährige plötzlich einen Job, und nicht gerade einen angenehmen. Außerdem heißt sie nun Sen, da Yubaba ihr die restlichen Schriftzeichen ihres Namens genommen hat. Sollte sie während ihrer Zeit in deren Diensten je ihren wahren Namen vergessen, gibt es kein Zurück mehr.

Und so entfaltet sich die Fabel um das verzogene Gör Chihiro, die zur hart arbeitenden Sen wird, um ihre Familie und den netten Jungen Haku aus Yubabas Badehaus zu befreien. Denn das ist im Prinzip die Hauptmoral diesmal im Film. Die aktuelle Jugend ist verweichlicht und verzogen, Chihiro zeigt dies auf – immerhin ist Miyazaki zum Filmrelease auch schon 60 gewesen und somit ein „verkommene Jugend von Heute“-Gemecker schlichtweg überfällig. Aber nicht nur die Jugend ist schuld, die Gesellschaft an sich ist arrogant und unsozial geworden. Das zeigt ja auch das Verhalten von Chihiros Eltern, Yubabas Übersorge gegenüber ihrem eigenen verzogenen Balgs oder das Ohngesicht, welches auch Völlerei frönt und sich dabei Zuneigung mit Geschenken erkauft. Währenddessen wächst Chihiro als Sen eben geistig und seelisch. Sie wird bodenständiger, weniger verzogen, der harte Alltag macht sie erwachsener. Ein wenig Umweltbotschaft gibt’s durch den verdreckten Wassergott natürlich auch.

Und somit haben wir ein Märchen für Groß und Klein, mit Botschaft in Form von merklicher aber nicht zu aufdringlicher Gesellschaftskritik, mit viel Imagination dank des Tauchens in die illustre Götter- und Sagenwelt Japans, mit Action, mit Herz und Charme, mit Seele dahinter, auch mit einer nicht zu dick aufgetragenen Romanze und natürlich wie immer prächtig animiert. Sprich Chihiros Reise ins Zauberland ist wohl einer der rundesten Filme des Studio Ghiblis geworden. Wem Prinzessin Mononoke zu ernst ist, Die letzten Glühwürmchen zu depressiv, Stimme des Herzens zu alltäglich, Mein Nachbar Totoro zu ereignislos ist… Chihiro hat von allem etwas in ziemlich ausgewogenen Maßen.

Ghibli Sunday – Yamadas

Als ich Meine Nachbarn die Yamadas zum ersten Mal untertitelt auf Arte gesehen habe, hätte ich nie erwartet, dass dieser Film je auf deutscher DVD erhältlich sein würde, dafür ist auf dem deutschen Animemarkt einfach kein Platz. Vielleicht allerhöchstens als rein untertitelte DVD von Rapid Eye Movies, aber nur im Zweifelsfall. Doch Universum Film bringt dankenswerterweise den ganzen Ghibli-Katalog raus und somit sind auch die Yamadas ein paar Jahre später hier in den Regalen gestanden. Nicht, dass es sich gelohnt hätte, laut Universum sind die Verkaufszahlen ziemlich mau gewesen und ehrlich gesagt war es ja auch nicht anders zu erwarten. Ich muss eingestehen, ich war durchaus Teil des Problems, habe ich mir die DVD doch erst jetzt für diesen Rewatch gekauft.

Was die Yamadas in Deutschland zu schlecht verkäuflich macht, ist einfach die Alltäglichkeit der Sache. Der Film erzählt uns in kleinen, nicht zusammenhängenden Vignetten das total normale Alltagsleben einer absoluten japanischen Durchschnittsfamilie. Da haben wir den schusseligen Vater, die faule Mutter, die resolute Oma, einen älteren Bruder, jüngere Schwester und sogar ein alles mit Desinteresse beobachtenden Hund. Lebend in einem Vorstadthäuschen, der Vater arbeitet, die Mama ist Hausfrau. Das ist die japanische Standardfamilie, die so Abenteuer zu bestehen hat, wie den Kampf um die Fernbedienung, das es jetzt schon wieder Eintopf zum Essen gibt, die Abschlussprüfung verhauen wurden oder der Geldbeutel zu Hause liegen gelassen wurde.

Klar, der Film arbeitet das alles mit viel Witz und Charme auf, jedoch hauptsächlich bissiger bis liebenswerter, aber eben sehr niedrig gehaltenem, trockenen Witz. Das hier ist kein überdrehtes Shin-Chan. Die Yamadas ist ein ruhiger, bodenständiger Film, selten wirklich überdreht oder Action-geladen, außerhalb der einen oder zwei Traumsequenzen des Familienplanens am Anfang oder der Mofa-Superheldens gegen Ende. Zwischendurch gibt es sogar immer wieder zur Situation passende Haikus. Er ist zu alltäglich und zu japanisch, um eine breite Masse zu interessieren.

Und auch nicht ansehnlich genug. Es gibt hier nicht das übliche Ghibli-Charakterdesign zu sehen, keine super detaillierten Szenerien und atemberaubende Animationen. Die Yamadas sind in einem sehr Skizzenhaften Storyboard-Stil gehalten, alles minimalistisch, die Hintergründe teilweise kaum da, koloriert in blassen Aquarellfarben. Das ist eine stilistische Entscheidung und eine die eigentlich gut zum Thema passt, der Sache mehr Charme gibt, aber sicherlich kein Eye Catcher.

Aber ob ein Film gut oder schlecht ist, richtet sich ja Gottseidank nicht danach, wie viel Erfolg er auf dem deutschen Nischenmarkt haben könnte. Dann wären ja so Endlos-Shonen-Serien wie Naruto die Krönung schlechthin, und das wollen wir doch wohl hoffentlich alle nicht. Das absolute Kontrastprogramm zum vorangegangen Epos Prinzessin Mononoke ist sicherlich auch keiner der ganz großen Ghiblis, der absolut mitreisenden Geschichten, sondern einer ihrer kleineren Filme, fast schon mehr geeignet als episodische TV-Serie denn abendfüllenden Kinofilm, doch es ist ein sehr nettes und charmantes Werk geworden, dem man seinen Unterhaltungswert auch nicht absprechen kann, besonders wenn man sich für eine humorige Betrachtungsweise des japanischen Alltags interessiert.

Ghibli Sunday – Princess Mononoke

Prinzessin Mononoke ist wohl der erste Ghibli-Film, der in den Jahren nach seinem Japan-Release auch in den meisten westlichen Ländern sich selbst außerhalb von Anime-Kreisen einen gewissen Namen machen konnte. Natürlich nichts Post-Chihiro-mäßiges, jedoch lief er in vielen Ländern im Kino, darunter auch Deutschland. Allerdings leider nur in einem sehr limitierten Release, ich habe ihn 2001 auf der Animagic gesehen, in einem Kino in der hiesigen Umgebung landete er nämlich natürlich nicht. Leider kam er auch zunächst erst ausschließlich auf VHS raus, die deutsche DVD sollte erst Ende 2003 nach Chihiros Oscar-Gewinn erscheinen. So lange habe ich damals gar nicht gewartet, um an eine DVD in Deutsch zu kommen, sondern mir bereits vorher die japanische 3-DVD-Box geholt, welche auf der dritten DVD diverse westliche Dubs aufweist. Wie sich die Zeiten doch ändern.

Ashitaka ist der junge Prinz eines abgelegen lebenden Stammes, welcher gerade von einem Rachegott angegriffen wird. Zwar kann er jenen erlegen, wird aber mit dessen Fluch infiziert, weswegen er gen Westen aufbricht, um den Ursprung von allem zu erforschen. Dort trifft er auf eine Eisengießerei unter der Führung der Lady Eboshi, die mit den Gewinnen aus jener der kleinen Ansiedlung zu Wohlstand verhilft, allerdings im ständigen Kampf gegen die auf den Reichtum eifersüchtigen Lords und die ihres genommen Waldes zürnenden Naturgötter steht. Ihre heftigste Feindin ist das Mädchen San, die von der Wolfsgöttin Moro aufgezogen wurde und den offenen Kampf mit Eboshi sucht.

Ashitaka sieht sich bei beiden Seiten um, verguckt sich natürlich in San. Währenddessen schlagen die Wildschweine zu einer finalen Schlacht gegen Eboshis Mannen, wohl wissend, dass sie gegen die Gewehre nicht gewinnen können, sie durch deren Verletzungen sogar zu jenen rachsüchtigen Göttern werden können wie jener am Anfang des Filmes. Eboshis wirkliches Ziel ist derweil den wahren Gott des Waldes zu erlegen, um sich ungestört ausbreiten zu können, zumal der Kaiser dessen Kopf haben möchte. Ihn zu enthaupten gelingt ihr sogar, so viel muss man ihr lassen. Dummerweise verwandelt dies den kopflosen Gott in eine Zerstörungsmaschine, der sowohl die Eisengießerei wie der Wald zum Opfer fallen.

Hier haben wir ihn also, den größten und bombastischsten Miyazaki, sein Öko-Märchen voller großer Szenen, großen Worten, toller Landschaften, mitreisender Musik. Sein Werk mit der stärksten Umweltbotschaft, welche sie hier am Schonungslosesten präsentiert. Allgemein ist es wohl neben Die letzten Glühwürmchen der brutalste Film des Studios. Menschen führen Schlachten gegeneinander, Waldgötter sterben, Ashitakas verfluchter Arm führt schon mal dazu, dass jeder seiner Pfeile genug Durchschlagskraft für Enthauptungen parat hält. In Prinzessin Mononoke wird geklotzt, nicht gekleckert.

Er geht seine Botschaft auch geschickt an. Es gibt keine böse und gute Seite, Menschen holzen nicht den Wald ab, weil Bäume halt doof sind. Es steht menschlicher Fortschritt gegen schützenswerte Natur, kein einfacher Konflikt, nichts mit simplen Lösungen. Ashitaka ist hier unser Kundschafter, wie er selbst so schön sagt will er mit ungetrübten Augen die Wahrheit sehen. Oh er mischt sich schon ein, er ist kein passiver Beobachter, aber er schlägt sich nicht auf die eine Seite oder die andere, sondern versucht beide am Leben zu halten und von ihren Kämpfen abzubringen, sie den Versuch der friedlichen Koexistenz machen zu lassen. Eboshi wird nicht dämonisiert, nein sie ist eine strenge aber gerechte Herrin. Sie erwartet, dass du deinen Nutzen beweist, nimmt gerne Frauen aus den Freudenhäusern bei sich als Arbeiterinnen auf, ja gibt selbst den Aussätzigen einen Platz. Auf Seiten der Natur… na da sprechen schon die gewaltigen Landschaftaufnahmen, die Bilder verträumter Seen und majestätischer Bäume für sich, dies gehört erhalten.

Doch beides geht nun Mal nicht, oder doch? Zumindest nicht einfach. Prinzessin Mononoke endet sozusagen sogar mit einem positiven Ende, was schon erstaunlich ist, wo im Finale doch noch die absolute Zerstörung von Allem bevorstand, aber eben nicht mit einem „und plötzlich war alles A-OK und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“. Der Waldgott ist tot, der Wald zerstört, die Eisengießerei abgebrannt. Doch der Wald wächst nach – lange wird es dauern, aber er wird nachwachsen. Die Siedlung kann wieder aufgebaut werden und Eboshi ist sich sogar sicher, diesmal in besserem Einklang mit der Natur leben zu können – ob dies auch funktionieren wird, sei mal dahin gestellt. Und Ashitaka und San? Sie kann nicht in seine Welt, er nicht in ihre, aber wie er so schön sagt, sie sind ja Nachbarn und können sich besuchen kommen. Besser kann man die Geschichte wohl nicht enden, ohne scheinheilig zu werden.

Ist der Hype um den Film also gerechtfertigt? Aber absolut. Nicht für jeden mag er der unantastbar beste Ghibli sein, aber einer der Tops ist er auf jeden Fall, so viel wird jeder zugeben müssen.

Ghibli Sunday – Whisper of the Heart

Shizuku ist ein ganz normaler Teenager. Manchmal etwas störrisch, kabbelt sich gern mit ihrer älteren Schwester, redet mir ihrer besten Freundin über deren ersten Schwarm. Shizuku selbst hat sich auch in jemanden verguckt, oder besser gesagt verlesen, kennt sie von ihm doch nichts, außer seinen Namen. Denn Shizuku liest gern, nimmt sich in den Sommerferien schon mal vor, 20 Bücher durchzuackern, und auf den Ausleihkarten der Bücherei hat sie nun schon häufig einen Jungennamen entdeckt, der sehr ähnliche Interessen wie sie zu haben scheint.

Eines Tages folgt sie einer interessanten Katze, die kurioserweise neben ihr in der S-Bahn saß, zu einem schnuckligen Antiquitätenladen, in dem die Porzellanfigur des Katzenbarons besonders ihre Aufmerksamkeit weckt. Leider wird ihr der Tag etwas davon ruiniert, dass ein Junge, der es irgendwie immer schafft, sie aufzuregen, hier auftaucht. Doch man läuft sich wiederholt über den Weg und wie es aussieht ist er ein echt netter Kerl. Als sie dann auch noch herausfindet, dass er der Name aus den Büchern ist, ist Shizuku restlos verwirrt. So ist die erste Liebe halt.

Dann stellt sich auch noch heraus, dass er schon längst feste Zukunftspläne hat, während Shizuku nur so vor sich hin driftet. Als er dann für mehrere Monate ins Ausland geht, nimmt sie sich für die Zeit ein Projekt vor: Sie will ein Märchen schreiben, eines über den Baron.

Stimme des Herzens ist der erste Kinofilm des Studios, der nicht von Takahata oder Miyazaki stammt. Miyazaki hat ja wiederholt geäußert, dass er gern in Rente gehen würde. Auch wenn daraus selbst bis jetzt nichts wurde, ließ er das zum ersten Mal nach Prinzessin Mononoke verlauten. Da ist klar, dass man bei Studio Ghibli versuchte, neue Regisseure aufzubauen, die seinen Platz einnehmen können. So geschehen mit dem vielversprechenden Yoshifumi Kondo in Stimme des Herzens, der dann allerdings wenige Jahre später verstarb.

Was für ein Film ist denn der von Kondo? Nun, von der Mentalität her ist er wesentlich näher an einem Takahata in Tränen der Erinnerung. Hier geht es ebenfalls um Slice of Life, um den normalen Alltag eines Teeny-Mädels. Schule, Sommerferien, die erste Liebe, jemandes anderen erste Liebe enttäuschen müssen. Wobei das Hauptaugenmerk natürlich definitiv die sich anbahnende Romanze ist. Jedem Zuschauer wird schnell klar sein, wer denn hinter dem Namen in den Büchereikarten steckt, danach fragt es sich eher nur noch, wie und wie schnell sie zueinander finden werden. Dafür lässt sich der Film dann auch Zeit und wenn er auch nicht wirklich sonderlich von den Standards einer solchen Handlung divergiert, so wird es doch mit viel Charme erzählt. Nun, die Heiratserklärung gegen Ende ist vielleicht etwas seltsam, wo er doch gerade von seinem Auslandsaufenthalt zurück ist, die beiden ja nun noch nicht wirklich viel Zeit miteinander verbracht haben, wirklich ein Date oder einen Kuss per se hatten. Doch insgesamt ist’s ein echt schöner und runder Film geworden, dem nichts dadurch abgeht, dass er so gesehen nicht wirklich mit Überraschungen aufwarten konnte.

Ach ja, Trailern und Promomaterial zum Trotze ist es übrigens wirklich eine absolut bodenständige Erzählung. Die Alice-in-Wunderland-esquen Szenen mit Shizuku im roten Kleid, begleitet vom lebendig gewordenen Katzenbaron sind nur kurze Einblicke in die Geschichte, die sie schreibt. In den Alltag gemischte Fantasy sollte man also von Stimme des Herzens nicht erwarten.

Ghibli Sunday – Pom Poko

Schon immer lebten die Marderhunde in den ländlichen Gebieten neben den Menschen her, ohne sie groß zu stören. Bis sich dann die Menschen dazu entschieden, die Marderhunde stören zu müssen. Denn so eine Metropole wie Tokyo breitet sich nun Mal konstant aus und die Hügel der Marderhunde werden zum neuesten schicken Vorort der Stadt, eine Wohnsiedlung im Grünen. Nur das beim japanischen Platzmangel eine Wohnsiedlung im Grünen immer noch heißt, dass abgesehen von einer Allee und einem winzigen Park hier und dort der Rest immer noch menschlicher Wohnraum heißt, nicht tierischer.

Nun haben Marderhunde allerdings ähnlich wie die Füchse ein geheimes Talent: Sie sind Gestaltwandler. Und als solche versuchen sie, die Bautrupps und Vorstadtbewohner zu vertreiben. Nur haben die verspielten Tiere dummerweise auch Probleme, die ihnen dabei im Weg stehen, feiern sie doch gerne, haben einen Hang zum Schabernack, sind verfressen und ist ihre Aufmerksamkeitsspanne eh nicht sonderlich hoch angesetzt. Marderhunde sind sozusagen die ADHS-Kinder der japanischen Tiermythologie.

Pom Poko ist wohl einer der weniger zugänglichen Filme des Studio Ghiblis für den westlichen Ottonormalschauer, da er einfach unglaublich japanisch ist. So dreht sich alles um die Tanuki, eine japanische Art von Marderhunden, die laut Aberglauben eben Gestandwandlerische Fähigkeiten besitzen. Aber nicht nur die Fähigkeit an sich, sondern auch ihr normales Leben reflektiert sehr stark das altmodische japanische Familienleben und Feierlichkeiten.

Was nicht bedeutet, dass man sich wirklich groß mit Japan auskennen müsste, um den Film genießen zu können, es hilft halt nur weiter. Denn der Film ist einfach witzig, das quirlige Treiben der Marderhunde, ihre misslingenden Eskapaden, lauten Feste, launigen Gestaltwechsel… Pom Poko ist ein wirklich amüsanter Film mit absolut sympathischen tierischen Hauptcharakteren.

Auch wenn darunter eine ernste Handlung vergraben ist. Natürlich mal wieder die Umweltbotschaft und das Glorifizieren des altertümlichen Landlebens. Das kennt man von Ghibli ja mittlerweile und Pom Poko ist einer jener Filme, die es dicker auftragen. Allerdings nie so ernst wie andere, dafür sind die Marderhunde einfach zu witzig und unterhaltsam. Klar, ernste Szenen gibt es auch und obwohl der Film auf eine versöhnliche und lustige Szene endet, so geht er doch streng genommen eigentlich nicht gut für die Tanuki aus. Sie bekommen ihren Lebensraum nicht zurück, so scheinheilig ist der Film nicht.

Das macht Pom Poko, aller unterliegender ernsten Botschaft zum Trotze, wohl zu einem der spaßigsten und lautesten Ghiblis. Nicht unbedingt zu ihrem anspruchsvollsten und absolut ernsten, aber doch zu einem echt niedlichen und launigen Anschauen. Obwohl er mit fast 2 Stunden vielleicht etwas lang geraten ist, geht es doch vorrangig nur um mehr oder weniger zusammenhängende Eskapaden der Tierkommune.

Ghibli Sunday – Ocean Waves

Flüstern des Meeres nimmt eine Sonderstellung im Kanon der Ghibli-Collections ein, da es nämlich kein Kinofilm ist, sondern lediglich ein Fernsehfilm. Bei Ghibli kam man damals auf die Idee, dass jene Plattform sich gut dafür eignet, die jüngeren Mitarbeiter sich in kleineren und billigeren Projekten austoben zu lassen, ohne dass immer ein Miyazaki oder Takahata hinter einem Film stecken muss. Da das Projekt dann wohl doch aufwändiger wie erwartet war, blieb Flüstern des Meeres der einzige jene Ausflug Ghiblis.

Taku und Yukata sind seit ein paar Jahren beste Freunde und nun im letzten Jahr der High School angelangt. Die beiden leben im vergleichsweise ländlichen Kochi, was natürlich bedeutet, dass die Tatsache, dass ein Mädchen aus der Metropole Tokyo rüber zieht und in ihren Jahrgang kommt, das Gesprächsthema ist. Da die Gute sowohl Aussehen, wie auch sportliches Talent besitzt und auch noch gute Noten schreibt, schlägt ihr natürlich bald der Neid der Mitschüler entgegen, obwohl (und weil) alle Jungs eigentlich auf sie stehen, und die Tatsache, dass sie auf diese kalte Aura auch eher schroff zurück reagiert, hilft der Beziehungsbildung natürlich nicht unbedingt.

Vielleicht mag sie aber auch einfach keiner, weil sie eine ziemlich blöde Kuh ist. Genau das ist sie nämlich, wie Taku schnell rausfindet. Das verwöhnte Gör leiht sich mit einer Ausrede viel Geld von ihm, trickst dann ihre einzige Freundin an der Schule dahin, mit ihr nach Tokyo fliegen zu sollen und als jene sich da irgendwie raus schlängelt fällt das Los auf Weichling Taku, der sich von ihr ja sowieso zu allem überreden lässt. Warum auch immer. Bekommt ja noch nicht mal ein paar Sex-Js dafür ihren persönlichen Fußabtreter spielen zu dürfen.

Ist ja auch egal, Flüstern des Meeres erzählt uns dann eigentlich in eine Rückblende, da Taku mittlerweile auf die Uni geht und sich auf den Weg zu einem Klassentreffen macht. Da kommen schon mal die Erinnerungen an das Mädchen hoch, in das man verschossen war und das einen auch mochte, mit der aber vom Pech verfolgt nie was gelaufen ist, da beide es sich erst zu spät eingestehen und gegen Ende sowieso immer einer der beiden gerade sauer auf den anderen war. Selbst seinen besten Freund Yukata, der auch in das Weib verknallt war, hat mit ihm wegen der blöden Schlampe gebrochen. Hey, bros before hoes!

Auf dem Klassentreffen versöhnt er sich dann zwar wieder mit Yukata und es gibt auch auf die letzte Minute ein Wiedersehen in Tokyo mit dem Mädel, lässt sich also die Option offen, dass sie nun doch wieder zusammen kommen können, aber wen interessiert das schon, wenn der Film bis dahin alle Sympathien verspielt hat.

Jep, Flüstern des Meeres ist der erste Studio Ghibli, den ich gesehen habe, von dem ich behaupten kann, dass ich ihn ehrlich absolut nicht leiden kann. Nicht weil es ein kleinerer und bodenständiger Film ist von 70 Minuten über nostalgische High-School-Erinnerungen. Ich mag Tränen der Erinnerung, der ja in eine ähnliche Kerbe schlägt. Und der TV-Produktion sieht man dem Film eh nicht an – klar ganz so detailverliebt wie die Kino-Ghiblis ist er nicht, aber die 90er-TV-Produktion sieht man ihm auch nicht an.

Ich kann mich schon allein dafür schlechter für den Film erwärmen, weil er irgendwo wie ein kitschige und klischeehafte Soap daher kommt, da hilft es nichts, wenn Taku das in bester Selbsterkenntnis selber irgendwann mal anmerkt. Und für einen Film, der bittersüße Nostalgie an die Schultage, erste Liebe und Bruch mit dem besten Freund behandeln will, fehlt im einfach der Charme. Der beste Freund ist sowieso für große Teile des Filmes einfach mal komplett verschwunden, während Taku ein viel zu weichlicher Fußabtreter und das Weib, um das alles geht, eine schreckliche, egozentrische Zicke ist. An so durch und durch unsympathische Charaktere hab ich keine emotionale Bindung und schon ist mir alles egal, was mir Flüstern des Meeres über sie erzählen will.

Flüstern des Meeres: Der Studio Ghibli, der in jeder Sammlung fehlen darf.