Kubrick Wednesday – Life in Pictures

Zum Abschluss der Kubrick-Wochen gibt es, weil es so schön passt, die Doku Stanley Kubrick: A Life in Pictures, da jene in schönen Filmreifen über 2 Stunden sich dem kompletten Schaffenswerk des Mannes widmet. Und ihm selbst natürlich auch, wobei der seine Privatsphäre sehr liebende Kubrick natürlich nur seltener hier auch… eben privat behandelt wird, und mehr eben wie er am Set war.

Ich erinnere mich sogar daran, die Doku vor zig Jahren mal im Fernsehen gesehen zu haben, obwohl ich damals noch gar keinen Kubrick-Film wirklich komplett gesehen hatte. Ich fand es einfach recht interessant und habe deswegen doch das ganze Ding geschaut. Ich denke es trifft da einfach einen netten Mittelweg. Natürlich könnte man zu jedem Kubrick-Film ein eigenes einstündiges Making of machen, mit 10-15 Minuten pro Projekt bekommt man jedoch eine nette Übersicht über seine Werke und wie er sie angegangen ist, ohne dass die Sache die Chance hätte, langweilig zu werden, weil es schon bald wieder ums nächste geht.

Und so erhält man eben einen groben Überblick über den Regisseur, der aus der Geschichte des Filmemachens nicht mehr wegzudenken ist, der aber nur einen Oskar bekommen hat. Dessen Filme zur Veröffentlichung eigentlich immer die Kritiker enorm gespalten haben, in jene, die ihn lieben und jene, die die Filme hassen, nur damit sie alle 10 Jahre später universell als absolute Klassiker betrachtet werden. Der Mann, der immer gerne mehr gedreht hätte, aber dessen Perfektionismus eben dafür sorgte, dass seine Projekte eher langsam vorangingen. Dessen langsame Schaffensart nur deswegen die Studios nicht aufgebracht hat, weil er dafür dennoch vergleichsweise billig blieb. Der immer alles bis ins kleinste Detail perfekt haben musste, überall die Kontrolle behielt, aber durchaus auch gern improvisierte, in der Hoffnung, dass dabei vielleicht doch eben das genau richtige bei raus kommt, weil er eher mit einer konzeptionellen Vorstellung an die Sache ran ging, denn einer Strichliste.

Von den Anfängen als Kurzfilmer, zum ersten kommerziellen Hit Spartacus, dessen Kontrollverlust an Kirk Douglas ihm nie gefiel, zum gewagten Lolita, dessen Zensuren er hasste, beides Dinge die ihn eindeutig für später prägten, ihn wohl nur umso kompromissloser machten in mancher Hinsicht, zu A Clockwork Orange, für das er sogar Drohbriefe erhielt und den Abschluss in Eyes Wide Shut, für das er A.I. zurücksetzte. Selbst Napoleon wird angesprochen, sein absolutes Wunschprojekt, dessen Geldgeber aufgrund des Flops von Waterloo absprangen und das er deswegen nie realisieren konnte, genau wie seine Aufgabe des Filmes basierend auf Aryan Papers zwecks Konkurrenz durch Schindlers Liste und seinem Eingestehen, dass man die Grausamkeit des Holocausts einfach nicht adäquat umsetzen kann.

Gespickt mit Interviews mit Mitarbeitern, Schauspielern, anderen Filmemachern aber auch Frau und Kindern, darüber wie schwierig aber auch herzlich er sein konnte. Wie wenig er auf die Menschheit generell vertraute, wie eng er aber die für ihn besondere Menschen hielt. Am besten kommt diese Dualität seiner Persönlichkeit wohl beim Segment zu The Shining rüber, wo den beiden Hauptdarsteller Jack Nicholson und Shelley Duvall doch sehr unterschiedliche Behandlungen von ihm wiederfahren sind. A Life in Pictures bietet eben genau das in kurzlebigen Segmenten: Ein Rundumschlag des „What’s to like/not to like“ sowohl an Kubrick als auch seinen Filmen.

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Not Kubrick Wednesday – A.I.

Es ist die Zukunft, die Erdbevölkerung ist geschrumpft und künstliche Intelligenz ist das neue In-Thing, weil die einmal gebaut werden und dann bei guter Pflege quasi nix mehr kosten. Und nun haben die Wissenschaftler eine neue Wahnsinnsidee: Künstliche Kinder, Mechas die wirklich fühlen und lieben können, ideal für die vielen Paare, die nicht die Erlaubnis bekommen, echte Kinder haben zu dürfen.

Natürlich muss da erst Mal ein Testlauf her, bei einem Angestellten soll der erste „David“ eingesetzt werden. Und der passende ist schnell gefunden, hat doch einer einen eigenen Jungen, der im Koma liegt und nie wieder aufwachen wird, der ideale Einsatzort, für das erste Mecha-Kind. Das Paar muss sich natürlich der Verantwortung bewusst sein, sobald so ein Mecha-Kind erst Mal auf jemanden geprägt ist, kann es nie wieder jemand anderen lieben, will man es los werden, muss es, da es für den weiteren Einsatz unbrauchbar ist, der Fabrik zurückgegen werden, damit sie es verschrotten können.

Doch nach einer Eingewöhnungsphase läuft das Leben der etwas anderen Kleinfamilie eigentlich ganz rund. Bis das Unglaubliche geschieht: Ihr leiblicher Sohn erwacht. Selbstverständlich schmeißen sie David nicht gleich raus, doch die beiden Söhne kabbeln sich natürlich jetzt um die elterliche Liebe und nach ein paar Zwischenfällen ist für sie klar, dass David zu sehr zur Gefahr geworden ist. Doch einfach der Verschrottung anheimgeben können sie ihn auch nicht, sondern setzen ihn mit guten Ratschlägen im Wald aus. Von nun hat der mit dem Pinocchio-Märchen aufgewachsene Mecha-Junge nur noch ein Ziel: Die blaue Fee finden, damit sie aus ihm einen richtigen Jungen macht, auf dass die Mama ihn wieder liebhaben kann.

A.I. – Artificial Intelligence ist ein Projekt, das Stanley Kubrick lange umsetzen wollte, aber auch ewig in Developement Hell verblieb. Mitte der Neunziger wollte er es dann an Stephen Spielberg übergeben, der dann aber doch Kubrick davon überzeugte, am Ball zu bleiben. Beide machten letztendlich zunächst andere Filme, Kubrick widmete sich Eyes Wide Shut und verstarb, was Spielberg dann zum Anlass nahm, dass Projekt doch zum Seinigen zu machen und den Film in die Kinos zu bringen.

Und man sieht irgendwo, wo Kubrick aufhört und Spielberg anfängt. Die beiden machen recht unterschiedliche Filme. Kubrick ist ein Zyniker, macht unterkühlte bis inhumane Filme mit fiesen Enden. Spielberg ist der Positive, macht Familienfilme mit Happy Ends. A.I. ist irgendwo dazwischen. Die Geschichte um den Mecha-Jungen, der nicht anders kann, als zu lieben. Die „bedingungslose Liebe“ zwischen Eltern und Kind als etwas Programmiertes. Eine lange Reise, um endlich zu gefallen, die Liebe wiederzuerlangen. Der Film ist häufig zugleich rührend wie fatalistisch. Der Anfang mit David in seiner neuen Familie ist süß, aber durchzogen von Szenen, die ihn auch in einem leicht unheimlichen Licht darstellen. Das Festival of Flesh, in dem David landet, nachdem er ausgesetzt wird, und wo entlaufene Roboter von Menschen hingerichtet werden, ist doch sehr Kubrick. Und noch viel mehr ist es das „erste Ende“.

A.I. hat da so gesehen nämlich zwei von. Zuerst typisch Kubrick. David kommt endlich in New York an und muss herausfinden, dass das ganze Locken mit dem Märchen um die Blaue Fee nur dazu da war, ihn zu seinen Schöpfern zurückzubringen. Das Ziel, dem er gefolgt ist, gibt es nicht, sein Traum kann nicht erfüllt werden. Ja, er ist noch nicht mal einmalig, die Massenproduktion von Davids hat praktisch schon begonnen. In Raserei zerstört er einen anderen David, wankt verloren zwischen halb fertiggestellten weiteren. Und lässt sich dann einfach in die Tiefen der überfluteten Stadt fallen, wo er in einem Vergnügungspark ausgerechnet die Statue einer blauen Fee sieht. Und dort verbringt er einfach auf alle Ewigkeit ruhig stehend und darum bittend, dass sie ihn doch zu einem richtigen Jungen machen möge, damit Mami ihn wieder lieben kann. Hier hätte Kubrick geendet. Fies und tieftraurig.

Doch dann, für die letzte halbe Stunde, wird aus A.I. ein absoluter Spielberg. Aliens tauchen auf, entdecken David und schenken ihm seine frisch geklonte Mami wieder. Das wirkt etwas unnötig und aufgesetzt und mag nicht so recht zum restlichen Film passen. Sicher, eigentlich ist auch dies ein trauriges Ende. Es lebt kein Mensch mehr, 2000 Jahre sind vergangen. Und David hat nur einen einzigen Tag mit seiner neuen Mutter, bevor sie erneut und unwiderruflich stirbt. Aber es ist doch sehr Spielbergs Art ein Nicht-Happy-End zu machen, nämlich die nettere.

Das nimmt einem vielleicht nicht grandiosen, aber doch sehr guten Film doch aufs Finale noch ein wenig etwas. Aber dankenswerterweise nur ein wenig. Über jeden logischen Aspekt der Erzählung sollte man auch nicht unbedingt nachdenken (warum beispielsweise würde man die Mecha so programmieren, dass sie sich nur einmal prägen lassen), aber hier geht es eh nicht so um harte SciFi-Fakten und mehr um die emotionale Seite, dass „menschliche“ Drama. A.I. ist eher ein Märchen, die SciFi-Variante von Pinocchio.

Kubrick Wednesday – Eyes Wide Shut

Dr. Bill führt ein nettes Oberschichten-Leben. Hübsches Apartment in New York, noch hübschere Amazonen-Frau, ein verwöhntes Kind und Einladungen zu Partys der High Society, denen er medizinischen Rat gibt. Das Leben könnte kaum besser sein. Bis seine Frau, nachdem beide etwas Gras geraucht haben, aus heiterem Himmel den üblichen „Wenn du eifersüchtig bist, engst du mich ein, wenn du es nicht bist, bin ich dir nichts wert“ Streit vom Zaun bricht, dabei wollte Dr. Bill doch gerade nur ein wenig vögeln. Frauen in Beziehungen halt.

Zu behaupten, dass es nicht enorme Selbstsicherheit ist, sondern er weiß, in sie vertrauen zu können – wahrscheinlich die beste Antwort, die man auf die Fangfrage geben kann, aber wie dem nun mal so bei Streits mit der Ehefrau ist, ist keine Antwort die richtige Antwort – führt nur dazu, dass sie ihm davon erzählt, dass sie vor einem Jahr beinahe ihn und ihre Tochter hätte sitzen lassen, um einem Kerl zu folgen, den sie nicht mal kannte.

Das ganze regt Dr. Bill so auf, dass er ziellos durch die New Yorker Nacht zieht. Eine Nutte gabelt ihn auf, ist super freundlich zu ihm und küsst sogar auf den Mund, wie man das von New Yorker Huren so gewohnt ist, letztendlich zieht er aber doch weiter, statt mit ihr zu schlafen. Von einem Freund bekommt er den Tipp einer geheimen Sexparty in einem abgelegenen Anwesen. Bill holt sich also die dazugehörige Robe und Maske und fährt dorthin, wo die High Society in venezianischen Masken Orgien feiert und das für den besonderen Kick auch in düstere Rituale fast. Bill fliegt natürlich fast sofort auf und wird von der Gesellschaft gestellt, muss bestraft werden. Er soll sich komplett ausziehen…

Wer denkt, jetzt kommt der beste Teil des Filmes, leider nicht, es gibt keinen nackten Tom Cruise Rape, eines der Weiber nimmt die Strafe für ihn auf sich und er wird rausgeschmissen.

Das ist er also nun, der Film, der Stanley Kubrick umgebracht hat. Gut zehn Jahre seit dem Release von Full Metal Jacket hat es gedauert, bis sich Kubrick an einen weiteren Film machte, vom Studio alle Freiheiten gelassen, der Traum eines jeden Regisseurs. Und vielleicht nicht die klügste Entscheidung, wenn man Kubricks enormen Perfektionismus betrachtet, so landete Eyes Wide Shut auch im Guinness Buch der Weltrekorde als „Longest Constant Movie Shoot“ mit über 400 Tagen. Cruise-Kidman für solch eine lange Zeit von anderen Projekten abzuhalten, hat schon ziemlich Eier. Kurz bevor er 1999 seine Kinopremiere feierte, aber angeblich nachdem der Final Cut erledigt war, verstarb Kubrick.

Eigentlich ist es ja der ideale Film für Kubrick. Die Dekadenz der Reichen, Sexualität, moralischer Taumel, schöne Szenerie, klassische Musik, Überlänge. Leider ist er meines Erachtens nach auch einer seiner schwächsten Filme. Die Länge von 2 1/2 Stunden ist mal wieder absolut nicht gerechtfertigt, bei einem Film, der so wenig Content hat. Die ersten 1 1/2, bis er aus der Orgienburg geschmissen wird, sind eigentlich ganz OK, die restliche Stunde ist aber nur ziellose Dahintreiben ohne großen Spannungsbogen.

Schön anzusehen ist er natürlich, der Film. Dass er nicht inszenieren könnte, kann man Kubrick ja nun Mal nicht vorwerfen. Natürlich vorrangig das rituelle Treiben in den venezianischen Masken. Und damit meine ich gar nicht mal so sehr „das Treiben“, denn obwohl uns Eyes Wide Shut – nicht nur hier – ordentlich in nackten Tatsachen ertränkt, kann man wenig bis gar nix davon wirklich als sonderlich sexy bezeichnen.

Was die schauspielerische Leistung unserer zentralen Charaktere, dem Ehepaar Kidman-Cruise angeht, gibt wie zu erwarten die Hälfte, die schauspielern kann alles, während Cruise, der dafür bekannt ist, nicht unbedingt der beste Schauspieler auf Gottes weiter Erde zu sein, dass Glück hat einen ziemlich introvertierten und von der Situation überforderten All American Guy zu spielen, was er ja dann noch geradeso hinbekommt. Die Szene, wo er weinen muss, mal ausgenommen.

Gegen Ende wird der Film auch ziemlich mau, fand ich. Irgendwo fehlt da jeglicher Konflikt, irgendeine wirkliche Gefahr. Nachdem es eine Weile so aussah, als hätte das Auftauchen bei der Orgie Bill richtig in Schwierigkeiten gebracht, bekommt er mit, dass dies alles nur falsche Einschüchterungsversuche waren, um ihn zum Schweigen zu bringen und eigentlich keine Gefahr bestand. Und Gefahr für die Ehe der beiden? Nö, nachdem Bill seiner Frau alles, was in der Nacht passiert ist, erzählt, ist sie zwar erst total aufgelöst, meint aber am nächsten Tag in etwa „jetzt sind wir quitt und durch die Zerreißprobe ist unsere Ehe stärker geworden“. Und warum sollten sie auch nicht quitt sein? Beide haben mit dem Gedanken der Untreue gespielt, beide es aber letztendlich nicht durchgezogen. Irgendwie ist das Ende einfach schrecklich antiklimatisch und das, wo die finale Stunde eh so ein schwaches Dahindümpeln war.

Kubrick Wednesday – Full Metal Jacket

Das Kubrick nicht sonderlich viel vom Krieg an sich hält, hat er bereits in Fear and Desire bewiesen, dass er auch nicht sonderlich positiv der rigiden Militärhierarchie gegenüber steht in Paths of Glory. Zu Zeiten des Vietnamkriegs wurden Antikriegsfilme dann sogar mal außerordentlich populär, da ließ er es sich natürlich nicht nehmen mit Full Metal Jacket seinen Beitrag beizusteuern. Es ist schon interessant, dass er sich ausgerechnet bei einem Film über den Vietnamkrieg mal wieder auf unter 2 Stunden einpendeln kann, statt die übliche Überlänge zu produzieren.

Und dabei behandelt er noch nicht man komplett den Krieg, das erste Segment von gut 45 Minuten zeigt frische Rekruten, die durch den Ausbildungsdrill gehen müssen. Vom Ausbilder angeschrien, gedemütigt, verbal wie körperlich gezüchtigt und zurecht gestutzt, bis sie springen, wenn man es ihnen sagt, abdrücken ohne nachzudenken. Die Formung eines Menschen zum Soldaten, schonungslos und Wert auf schiere Funktionalität gelegt. Da bekommen die schon mal einen Unterricht über bekannte Massenmörder und Attentäter, weil die so gute Schützen waren.

Erzählt wird das aus den Blickwinkel des Rekruten „Joker“, jedoch ist der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens Leonard, der schon fast etwas zurückgeblieben rüber kommt, langsam ist, Übergewicht hat und ständig Fehler macht. Als der Ausbilder ihn mit den normalen Schikanen nicht zurechtgebogen bekommt, geht er dazu über, die ganze Truppe zu bestrafen, wann immer er was falsch macht. Bis die sich eines Nachts im Pack an ihm rächen. Und siehe da, von nun an ist Lawrence der Vorzeigerekrut – und mental komplett gebrochen, aber wen stört das schon? Er fängt an mit seinem Gewehr zu reden und schießt eines nachts in der stärksten und atmosphärischsten Szene des Filmes, mittlerweile komplett psychopatisch geworden, den Ausbilder über den Haufen und sich dann selbst das Hirn weg.

Erst auf diese starken, eindringlichen 45 Minuten gelangen wir für die restliche Stunde in den Vietnamkrieg. Joker ist Berichterstatter geworden, schreibt in einem Militärheftchen – natürlich beschönigt und schön die Moral aufbauend – über das Kriegsgeschehen. Als Reporter reist er hin und her und so wird der Film ziemlich episodisch und verliert, gerade folgend auf den Höhepunkt, den das Ausbildungssegment gesetzt hat, doch an Drive und Eindringlichkeit.

Das ist etwas schade, denn die anfängliche Viertelstunde ist einfach genial, das Ende von ihr unglaublich fies. Das ausgerechnet der Vietnam-Teil die langweiligere Hälfte des Filmes ausmacht, ist schon erstaunlich. Klar hat auch jene ihre Momente, aber das Gleiche ist es einfach nicht mehr. Zugegeben bin ich auch nicht das beste Publikum für Antikriegsgeschehen, interessiere ich mich dafür nicht so sehr. Das hinterlässt leider einen etwas unausgewogenen Film, der aber durchaus sehenswert ist, wegen des Anfangs allein schon.

Kubrick Wednesday – The Shining

Jack ist ein Stephen King Hauptcharakter und somit wie alle anderen auch ein weißer Mittdreißiger mit Frau und Kind und natürlich Schriftsteller. Allerdings kein ungemein erfolgreicher, was ihm weder den Luxus gibt, befreit von Geldsorgen einfach den ganzen Tag zu schreiben, noch lässt seine aktuelle Blockade das zu. Also sucht er sich einen Job und da gibt es sogar einen, der ideal ist: Über die Wintermonate auf ein Hotel aufpassen. Da die Straßen den Berg hoch zu verschneit sind, ist das nämlich in der Wintersaison geschlossen. Also verdient er im Prinzip Geld, ohne viel tun zu müssen, kann seine Familie dort unterbringen und hat viel Freizeit an einem neuen und sehr ruhigen Ort, um sich von der Kreativität finden zu lassen.

Nur kann so ganz ab jeder Zivilisation zu hocken zu einem ganz schönen Lagerkoller führen, besonders wenn die Muse einen nicht küsst und sich somit schriftstellerischer Frust entladen muss, die einzigen beiden Menschen, mit denen man zusammen hockt, zu nerven beginnen und das Hotel sowieso eine Geschichte hat, Leute in den Wahnsinn zu treiben.

The Shining ist also eine weitere Geschichte der Marke Haunted House, bzw. Haunted Hotel, was ja letztendlich auch nur ein großes Haus ist. Allerdings etwas ambitionierter, weil man sich nie sicher sein kann, ob das Hotel nun wirklich die Geistererscheinungen hervorruft, oder ob das alles nur Einbildung der langsam verrückt werdenden Charaktere ist, oder halt eine Mischung aus beidem. Zumindest was der Junge sieht, ist ja echt, da er das „Shining“ hat, die früheren schrecklichen Ereignisse des Hotels also immer wieder als Vision hervorblitzen sieht.

Es gibt den Film übrigens in zwei Schnittfassungen. Der in Europa angelangte International Cut kratzt knapp an den 2 Stunden, während die amerikanische Schnittfassung (welche ich gesehen habe) noch mal fast eine halbe Stunde länger geht. Das ist keine Zensur, sondern Kubrick schnitt einfach eine Reihe an Gesprächen, an Story Exposition, heraus, da er davon ausging, dass ein schlauer Europäer der Handlung auch so folgen kann, während dumme Amis dann doch mehr erklärt bekommen müssen. Sollte ich mir den Film in einigen Jahren erneut anschauen wollen, werde ich wohl zum International Cut greifen, nicht nur zwecks Vergleichsmöglichkeiten, sondern weil die 2 1/2 Stunden doch etwas arg lang sind. Denn so toll, wie die finale Stunde ist, so viele Längen hat der Film derweil davor. Das geht über reinen langsamen Suspens-Aufbau weit hinaus, sicher gibt es gerade zu Beginn jene Szenen, die uns in Handlung und Charaktere einführen und erstes Forshadowing leisten, aber mit voranschreitender Spielzeit wird es dann doch leicht langweilig, hat der Film einen Durchhänger.

Wenn er dann aber aufs ziemlich lange Finale an Schwung gewinnt, dann gibt es kein Entkommen mehr, ein Wirbel aus Ereignissen, seltsamen Erscheinungen und der immer unheilvoll dröhnend-disharmosichen Musik – wenn Kubrick endlich los legt, dann so richtig. Von daher würde ich den Film schon insgesamt als gelungen verbuchen, wenn auch nicht als einen der absolut besten Horrorfilme aller Zeiten – vielleicht in der kürzeren Schnittfassung, aber definitiv nicht in der amerikanischen.

Kubrick Wednesday – Barry Lyndon

Redmond Barry ist ein romantischer Teenager (der verdächtig nach Mitte 30 aussieht) und unsterblich verliebt in seine Cousine. Die ist es nicht ganz abgeneigt, mit seinen Gefühlen etwas zu spielen und sich bewundern zu lassen, doch will letztendlich natürlich einen ganzen (und gut betuchten) Mann heiraten, was Barry zur Rebellion treibt und letztendlich darin endet, dass er fliehen muss, denkend er habe den Nebenbuhler im Duell erschossen. Es gibt natürlich Schlimmeres denn als junger Mann mit Pferd und etwas Geld in der Tasche die Welt erkunden zu dürfen und Freiheit zu schnuppern. Lang anhalten tut dies freilich nicht, Barry wird überfallen und landet in der Armee. Die macht aus ihm einen Mann, nur sobald es dann in die echte Schlacht geht, ist die Angelegenheit natürlich nicht mehr so rosig und Barry desertiert.

Mit guter Verkleidung und einem einfallsreichen Mundwerk schafft Barry es sogar, eine Weile unbescholten vor sich hin reißen zu können, bis ein preußischer Offizier seinen Schwindel auffliegen lässt und Barry, um nicht als Deserteur bestraft zu werden, nun erneut in einer Armee dienen darf. Doch auch hier weiß er letztendlich, mit wem er sich gut stellen muss, um der Sache zu entfliehen. Nun wird er zum professionellen Glücksspieler, der mit seinem Mentor den Adel ausnimmt (die beiden betrügen natürlich). Bis sein Auge dann auf die hübsche Komtess Lyndon fällt, deren alter und reicher Mann es nicht mehr lang macht. Er schmeichelt sich ein, wird in ihrem Anhang aufgenommen und bringt sie dazu, sich in ihn zu verlieben. Und nachdem ihr Mann dann endlich das Zeitliche segnet, heiraten die beiden und aus Redmond Barry wird Barry Lyndon. Man sollte meinen, er habe das Glück gepachtet, doch letztendlich wird dem nicht so bleiben.

Barry Lyndon ist definitiv Kubricks normalstes und am wenigsten gewagtes Werk. Ein Historiendrama, ein Kostümfilm, adelige Dekadenz und darunter ein junger Mann, der das Glück sucht und auch findet, häufiger durchaus Rückschläge erleiden muss, es letztendlich aber immer wieder schafft, doch oben auf zu bleiben.

Das inszeniert Kubrick wie gewohnt mit viel Stil und wenig Eile. Der Film geht geschlagene 3 Stunden, ziemlich genau mittig in zwei Parts aufgeteilt, zuerst die ganze Vorgeschichte, wie Barry aufwächst, in die Armee kommt und letztendlich mit der Komtess anbandelt, Teil zwei dann sein Leben als Neu-Adliger und Arschloch aus Überzeugung. Nein ernsthaft, wo Barry in der ersten Hälfte durchaus noch etwas Sympathie erregen könnte – auch wenn seine Obsession mit seiner Cousine, die eh nur eine berechnende Schlampe ist, zu Beginn etwas nerven kann – ist er nun plötzlich absolut der Unsympath. Er ist schlecht zu seiner Ehefrau, obwohl das doch eigentlich konterproduktiv ist, hat er doch nur durch sie Adel und Moneten, schlägt ihren Sohn und wird maßlos überheblich.

Das ist allgemein ein Problem mit dem ganzen Film: Alle Charaktere sind einem egal, er schafft es nicht, einen einzigen davon sympathisch werden zu lassen. Von der Komtess und ihrem Sohn wissen wir nichts, warum soll es mich also scheren, dass Barry ein Arsch zu ihnen ist, beispielsweise. Und so ist das mit allen Charakteren, entweder sind sie Arschlöcher oder nicht genug definiert, um mehr als ambivalent ihnen gegenüber zu sein. Dazu die wie so häufig distanzierte Inszenierung Kubricks. Die Charakterkühle mag für Filme wie 2001 oder A Clockwork Orange super passend sein, bei einem Charakterdrama wie Barry Lyndon ist das natürlich fatal. Wenn auf die letzte halbe Stunde mehr und mehr Schlechtes auf alle beteiligten hernieder regnet, Barry an der eigenen Ambition zerbricht, wäre es vielleicht gut, wenn ich den Charakteren zumindest genug Sympathie entgegen bringen würde, als das mich das was schert. Tut es aber nicht.

Da mag der Film noch so viel Stil haben, noch so hübsche Schlösser und Kostüme zeigen, noch so dramatisch klassische Musik fahren, er hat einfach Probleme, was die Charaktere angeht. Zu kühl, zu distanziert, nicht identifizierbar, immer gestochen vor sich hin schwallend, immer blasse Kontenance wahrend. Und Überlänge hat das ganze Ding sowieso, gerade aus Part 1 hätte man so einiges weg kürzen können, die meisten wirklich interessanten Dinge passieren erst in der zweiten Hälfte (so interessant, wie Barry Lyndon zumindest wird [was nicht sehr viel ist]).

Kubrick Wednesday – Clockwork Orange

Alex lebt in einem dystopischen Britannien. Geradezu als Gegenbewegung zum Überwachungsstaat machen des Nachts Jugendgangs die Straßen unsicher, und von einer solchen ist Alex der Anführer. Seine so getauften „ultra-violence“ Trips machen ihm Spaß – Leute ängstigen, prügeln und vergewaltigen, was gibt es denn schon besseres? Abgesehen von den Klassikern von Ludwig van vielleicht. Dummerweise behandelt er auch seine Kumpels nicht allzu gut, wodurch sie ihm eines Abends, als die vom neuesten Opfer gerufene Polizei um die Ecke braust, einfach eins überziehen und auf der Türschwelle liegen lassen.

So kann Alex also endlich verhaftet werden, und da glücklicherweise sein aktuelles Opfer das Zeitliche gesegnet hat, darf man ihn sogar für 14 Jahre in den Knast stecken. Ganz dumm ist Alex ja nicht, und so versucht er der vorbildlichste Häftling überhaupt zu sein, immer auf eine Chance wartend. Und jene kommt. Es gibt eine neue, hochexperimentelle Therapie, die dazu führen soll, dass Straftäter geläutert und nie wieder rückfällig werden und Alex darf daran teilnehmen. Woraus jene besteht? Alex wird auf einen Stuhl gefesselt, die Augen künstlich offen gehalten und mit gewalttätigen und sexuellen Bildern bestrahlt, während ihm von einem gespritzten „Medikament“ übel ist. Durch die dem Körper so eingetrichterte Assoziation wird Alex nun jedes Mal komplett elend, wenn er an Sex oder Gewalt denkt. Er ist „geheilt“ und kann entlassen werden.

A Clockwork Orange ist ein wirklich faszinierender Film. Wenn Kubrick was kann, dann ist es Atmosphäre schaffen und stilistisch so richtig schön reinzuhauen. Und das schafft er auch hier wieder. Die Designs des Filmes, alle recht poppiges 70er-Zeug, sind echt interessant und hübsch anzusehen, dagegen der Kontrast der Gewalt und sexuellen Reize (ernsthaft, fast in jedem Haus hängt erotische Kunst), die klassische Musik, die spielt und dagegen Alex zum Teil hochgestochene, zum Teil vulgäre Sprache. Und die Inhumanität der ganzen Sache. Denn so wirklich um irgendeinen Menschen in dem Film Sorgen wird man sich eher nicht machen. Die Opfer von Alex werden nicht genauer beleuchtet, sondern tauchen nur auf, um direkt misshandelt zu werden. Die Staatsgewalt übt ihre eigenen Machtspielchen und Sadismus im Namen des Gesetzes aus. Und die brutalen Jugendgangs, die für den Kick unbescholtene Bürger misshandeln natürlich auch nicht. Da kann Alex noch so witzig bis charmant kommentieren, McDowell ihn herausragend schauspielern und er seinen Ludig van mögen… so wirklich Mitleid haben wir hier im Film mit niemandem. Aber all das passt zum Stil, zum Nihilismus des Filmes. Trotz aller satirischer Untertöne.

Nur weil ihm irgendwo die Menschlichkeit abgeht, ist A Clockwork Orange ja auch erst mal nicht weniger spannend. Man will schon wissen, was als nächstes passiert, was Alex so treibt und ihm zustößt. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis läuft der Film zwar kurz Gefahr den bisherigen Drive zu verlieren, doch glücklicherweise gibt sich das schnell durch die karmischen Ereignisse, die da kommen. Wenn Alex erst so richtig mit den Langzeitwirkungen seiner bisherigen Taten konfrontiert wird. Inklusive herrlich bösem Ende.

Irgendwie allerdings schon witzig, wie Alex hier ständig als „Junge“ bezeichnet wird, wo Malcom McDowell so eindeutig längst kein mehr Teenager, sondern fast 30 war. Nicht ungewöhnlich in amerikanischen Filmen, aber immer wieder zunächst etwas seltsam.

Kubrick Wednesday – 2001

2001: A Space Odyssey beginnt anders, als man es bei dem Titel wohl erwarten würde, denn das erste Segment, „The Dawn of Man“ zeigt uns Menschenaffen, die einen schwarzen Monolithen finden und daraufhin entdecken, dass man Gegenstände super als Werkzeuge oder Waffen nutzen kann. Erst danach, im zweiten Segment, geht es in die (damals) Zukunft. Wir folgen einem Wissenschaftler, der auf dem Weg zum Mond ist, da dort eine Anomalie gefunden wurde, die vor Millionen von Jahren dort bewusst vergraben zu worden schien. Es ist ein weiterer Monolith, der ein seltsames Signal aussendet.

18 Monate später finden wir uns im „Jupiter Mission“ Segment wieder, sozusagen dem Herzstück des Filmes. Eine sechsköpfige Manschaft ist auf dem Weg zum Jupiter, 3 von ihnen im Kälteschlaf, 2 zur Überwachung wach und das letzte Mitglied ist ein Computer der HAL-9000er-Serie, die für ihre Unfehlbarkeit und menschenähnliches Denken bekannt sind. Nachdem HAL einen Fehler zu machen scheint, aber darauf besteht, dass es wohl eher menschliches Versagen ist, wie jeder „Fehler“ der 9000er Serie bisher, statt Computerversagen, beschließen die beiden Männer, ihn im Auge zu behalten und Notfalls abzuschalten. Nur kann HAL das nicht erlauben, ist die Mission – die bisher nur er kennt – doch zu wichtig.

Kubricks Space Odyssey ist ein interessanter Film. War Science Fiction bis daher doch meistens sehr geprägt von Action und Kampf gegen andere Lebewesen, häufig gern in sehr bunter Optik, geht 2001 doch in eine ganz andere Richtung. Es gibt keine körperliche Auseinandersetzungen, keine Schlachten, keine Scharmützel, allgemein passiert weite Strecken des Filmes wenig bis gar nichts. Und das alles is sehr klinisch reinen Bildern, viel Weiß, hier und dort mal ein Farbkleks.

Es ist nicht mal so, dass der Handlung schwer zu folgen wäre, zumindest nicht in den ersten drei Akten, bis es dann im finalen Segment „Jupiter and Beyond the Infinite“ super trippy wird. Nein, es ist einfach so, dass es schlichtweg nicht sonderlich viel davon gibt, in den ganzen 2 1/2 Stunden des Filmes. Der spannendste Teil ist immer noch „Jupiter Mission“, weil es hier tatsächlich zu Reibereien kommt, nämlich menschliche Crew vs. HAL (zeigt auch wunderbar, wo Portal seine GLaDOS her hat). Davor und danach ist der Film bewusst langsam und Ereignislos. Da scheiden sich dann an ihm auch die Geister, 2001 ist monumental, nur ob monumental clever oder monumental langweilig, ist wohl Ansichtssache.

Mir hat er gefallen. Ich ging von ihm weg, weniger als einen Film im klassischen Sinne sehend, der mir viel zu erzählen hat, sondern ihn als audiovisuelles Erlebnis nehmend. Ein Space Ballet sozusagen. Lange Szenen, wie Schiffe durchs All driften, lange Shots der Charaktere, wie sie normale Gespräche oder alltägliche Abläufe in den hübsch anzusehenden Sets tätigen. Und Kubrick spielt schön mit seiner Szenerie, statt bestechend statisch wie viele SciFi-Sachen nimmt er hier gerne mal die ganzen 360° der künstlichen Schwerkraft in Anspruch, lässt Leute an der „Decke“ oder den „Wänden“ entlang laufen, da es hier ja so gesehen keine feste Spezifikation der Räume gibt. Und über allem sehr ruhige, klassische Musik laufend. Es lullt richtiggehend ein.

Was nun den Sinn hinter der ganzen Schoße angeht. Nun ja, interpretieren kann man in den Film eigentlich alles hinein, worauf man lustig ist. Dafür ist „Jupiter and Beyond the Infinite“ zu vage gehalten, gibt zu wenig Ansatzpunkte für Denkanstöße, um unumstößlich sagen zu können, was jetzt die Aussage der ganzen Sache war. Wer gern viel und wild interpretiert, ist hier also gut bedient. Wer auch einfach mal gar nicht interpretieren will und die Sache einfach so Erklärungs- und Endpunktlos hinnehmen kann, der auch, solang er eben die Sache als Erlebnis denn als kohärenten Handlungsverlauf nimmt. Ich muss eingestehen, ich hab mir hier ernsthaft nich allzu viele Gedanken gemacht, sondern mich einfach von Stil und Atmosphäre des Filmes tragen lassen.

Kubrick Wednesday – Dr. Strangelove

Kalter Krieg ist so eine Sache, niemand ist sich je sicher, ob man jetzt wirklich mindestens genauso viele Nuklearsprengköpfe wie der Gegner hat, oder ob jener nicht doch noch eine Superwaffe in der Rückhand hält. General Ripper hingegen ist sich sicher: Die Kommies hecken was aus und die einzige Chance für die US of A ist der Erstschlag. Also riegelt er seine Basis ab und gibt dem Fluggeschwader den Befehl die Bomben abzuwerfen.

Im War Room des Pentagons ist man davon nicht so begeistert und muss sich jetzt einen Plan einfallen lassen, wie man trotz der Abriegelung der Basis inklusive aller Kommunikationswege zu den Fliegern durch kommt, um sie davon abzuhalten den Dritten Weltkrieg auszulösen. Witzigerweise offenbart der russische Botschafter, dass man von Seiten seines Landes tatsächlich an einem Doomsday Device gebaut hat, eben für den Fall, dass die USA bei ihnen Öl vermuten.

Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb, bei dem Namen an sich merkt man sofort, dass man es hier nicht mit einem super seriösen Antikriegsfilm zu tun hat. Stattdessen gibt es eine Satire auf den Kalten Krieg, mit keinem anderen Ausgang, als die Vernichtung der Welt. Mehr als gewagt für einen Film von 1964, aber Konventionen haben einem Stanley Kubrick nie viel bedeutet.

Es ist schon ein herrlich schräger Film voller kleinerer oder größerer schwarzhumoriger Anekdoten. Die Basis, von der aus der Befehl zum Erstschlag kommt, hat da schon mal den Slogan „Peace is our prefession“ überall ausgeschildert. Einer der Piloten ist da schon mal ein Texaner mit dickem Akzent, Cowboyhut und reitet auf einer Bombe. Auch witzig die Ausführungen von General Ripper, wenn er mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt. Beispielsweise merkt er an, dass diese Kommies ja alle nur Wodka statt Wasser trinken, was sie unmenschlich macht, da ja echte Menschen ohne Wasser nicht leben können, der Körper und der Planet zum Großteil aus jenem besteht. Einer der Berater im War Room, der gegen die Russen stänkert, ist sowieso mehr damit beschäftigt, seine junge Affäre, unter deren Fuchtel er steht, bei Laune zu halten.

Auch die nicht-amerikanische Seite bekommt ihr Fett weg. Der russische Präsident ist mehr damit beschäftigt, sein Amt dazu zu nutzen, ins Höschen von Frauen zu kommen und Alkoholgelage mit jenen zu feiern. Nicht zu vergessen deren Doomsday Device. Der russische Botschafter selbst meint, es wäre so eine Weltzerstörende Monstrosität, dass niemand mit gesundem Menschenverstand es je auslösen würde – deswegen löst sie sich von selbst aus. Und natürlich unser guter Dr. Strangelove, der sofort einen Plan parat hat, dass halt die Obersten und ausgewählte Leute aus dem Volk ein paar hundert Jahre unterirdisch zubringen müssen, um den nuklearen Winter zu überstehen, natürlich mit mehr Frauen denn Männern, zwecks Repopulation und so. Nur damit anschließend die Frage direkt aufgeworfen wird, was denn los ist, sollten die Kommies auch aus ihren Löchern kriechen und sich als die Stärkeren herausstellen. Selbst mit dem nuklearen Winter konforntiert zu werden, schreckt sie also weniger ab, als das die Kommies danach nix besseres zu tun hätten, als ihnen ein Ende zu setzen.

Jepp eine herrlich schräge Satire, bitterböse Kriegstreiben und Panikmache durch den Kakao ziehend. Wirklich gut geschrieben was die smarten Dialoge angeht. Gut geschauspielert, was die überzogenen Rollen angeht, allen voran natürlich Peter Sellers, der gleich 3 wichtige Rollen übernimmt, darunter auch den schrägen Dr. Strangelove, nach dem der Film benannt ist (und der bis kurz vor Ende eher wenig bis gar keine Screentime hat, interessanterweise).

Kubrick Wednesday – Lolita

Humbert Humbert erschießt einen Mann. Weswegen genau? Das werden wir über den Verlauf der nächsten 2 1/2 Stunden heraus finden. Alles begann damit, dass Humbert eine Bleibe suchte. Die gute Frau Haze, seit Jahren Witwe und anscheinend nicht gemacht für ein Leben ohne Mann, war ihm grundsätzlich zu aufdringlich, doch sobald er in ihrem Garten die Knospen der Tochter zu Gesicht bekam, zog er dann doch ein.

Er komt der 14-jährige Dolores „Lolita“ Haze langsam näher, wird immer vertraulicher mit ihr, versucht ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie doch noch nicht alt genug ist, um Jungs langsam toll zu finden. Die schickt sie erst mal in ein Girls only Camp. Während der Zeit, die die Kleine weg ist, heiratet Humbert die Mutter sogar. Als jene meint, sie würde Lolita am besten direkt weiter in ein Internat schicken und dann auch noch das Tagebuch findet, in dem Humbert entgegen seiner eigenen Meinung nicht unbedingt geschickt die Gefühle für seine Nymphe umschrieben hat, kommt es zum Eklat. Zum Glück läuft die Alte in ihrer Wut einfach auf die Straße und wird überfahren. Der Weg zu einem Leben mit Lolita ist nun also für ihn offen.

Lolita, der Skandalroman über einen älteren Mann, der wie besessen von einem jungen Mädchen zur Zeit ihres sexuellen Erwachens ist, und sie für sich vereinnahmt. Das bereits 1962 in einen Film packen zu wollen bedeuet natürlich, dass man ordentlich Selbstzensur betreiben muss. Kubrick selbst hat wohl später mal in einem Interview gesagt, noch einmal würde er den Film unter diesen Bedingungen nicht drehen wollen.

Die Schauspielerin der Dolores ist übrigens tatsächlich zur Zeit des Drehs 14 gewesen, keine gerade 18-Jährige, die noch als jünger durchgehen kann. Das macht die Sache für den Zuschauer eventuell noch unkomfortabler, denn das die Göre attraktiv ist, kann man nicht bestreiten. Immerhin machen sich viele, gerade Eltern in den USA, gern vor, dass man erst mit 18 wirklich Interesse an Sex hat, obwohl wir alle wissen müssten, dass das bereits mit der Pubertät anfing. Lolita im Buch ist übrigens erst 12, also gerade in jene gekommen, was vielleicht noch besser funktioniert, da man damit nicht nur noch deutlich kindlicher ist als eine frühreife 14-Jährige, sondern auch für die meisten Länder der Welt unter dem Mündigkeitsalter läge. In Deutschland ist man beispielsweise mit 14 bereits mündig (wobei es da heikel ist, da es Ausnahmen gibt, die es auf 16 hochsetzen können), unter der Voraussetzung das es sich nicht um Ausnutzung sondern im beiderseitigen Einverständnis passiert, kann theoretisch durchaus ein Volljähriger sexuelle Aktivitäten mit jemandem solchen Alters haben und ungeschoren davon kommen.

Nutzt der gute Humbert die arme Dolores also aus? Das ist im Film nie so ganz klar. Das Buch ist wohl komplett aus seiner Sicht geschrieben und zwar so, als würde er einem die Geschichte mitteilen. Unreliable Narrator nennt man sowas, wenn es stark von der persönlichen Sichtweise einer Person geprägt ist. Wer weiß, vielleicht ist Lolita gar nicht so frühreif, benimmt sich gar nicht so aufreizend. Vielleich bildet sich Humbert viel davon nur ein und versucht sich selbst zu rechtfertigen. Im Film haben wir ihn auch immer mal wieder was als Sprecher einwerfend, implizierend, dass dies hier auch alles nur seine Sichtweise der Dinge ist. Doch so ganz rüber kommt es nie, wie sehr er die Kleine nun ausgenutzt hat oder wie bereitwilig sie selbst war, dafür darf der Film da wegen besagter Selbstzensur der Jahre vielleicht gar nicht so weit gehen. Das Lolita gegen Ende keinen Bock mehr auf Humbert hat aber sich von im einschüchtern lässt wird klar, was aber auch nur daran liegen kann, dass sie ihn grundsätzlich leid ist genau wie seine manischen Anfälle und Kontrollzwang, sie ständig am liebsten vor allen anderen wegsperren zu wollen.

Man sollte übrigens erwarten, bei der Thematik wahrscheinlich ein ziemlich ernstes Drama abgeliefert zu bekommen. Dem ist gar nicht mal so. Lolita beinhaltet überraschend viele trocken-humorige Momente, gerade in den schneidigen Dialogen. Ob es so gut ist die dramtische Seite der Handlung damit meist stark zu untergraben, sei mal dahin gestellt, aber überraschend witzig und fast kurzweilig macht dies den Film schon. Wenn er denn etwas kürzer wäre, denn kurzweilige Dialoge helfen einem so einfach gestrickten Film nur so weit, wenn der mit 2 1/2 Stunden doch Überlänge hat, da kann man sich in einem ansonst recht interessanten Film des einen oder anderen langweiligen Momentes leider nicht erwähren.