Love Exposure

Zu seinem jährlichen Update im Blog hat der gute DarkIkarus für dessen Geburtstag schon vor geraumer Zeit ein Gewinnspiel rausgehauen. Was jetzt darin gefruchtet hat, dass mir die DVD zu Love Exposure zugeschickt wurde, weil ich mich von der Filmwahl überraschen lassen wollte, statt selbst was herauszusuchen. Als mir auf dem Cover dann „Ein Film von Sion Sono“ entgegen lachte, kam mir gleich die Reaktion „ist das nicht der, dessen Filme alle 4 Stunden dauern?“ und tatsächlich prangt auf dem Backcover, das dieser 228 Minuten auf 2 DVDs verteilt. Ikki hat gleich beschwichtigend eingeworfen, dass es einem gar nicht so lang vorkommen würde. Und tatsächlich kann ich dies bestätigen, denn ich war keine Minute des Filmes über auch nur in Gefahr gelangweilt zu sein.

Protagonist des Filmes ist Yu, der in einer katholischen Familie aufwächst, und nachdem seine Mutter stirbt dessen Vater sogar das Amt des Priesters aufnimmt. Zunächst für seine ermutigenden Predigten bekannt, ändert sich das, nachdem sich ihm das Flittchen Kaori an den Hals wirft, in Windeseile sich zum Christentum bekehren lässt, bei den beiden als Geliebte einzieht, und dann wankelmütig den Vater doch wieder verlässt, weil der sie nicht heiraten kann. Yus Vater wird besessen von der Sünde und macht seinem absoluten Gutmensch-Sohn vorwürfe, zu denken man würde nicht sündigen, wäre selbst eine Sünde. Um den Vater bei den täglichen Beichten gefällig zu sein, erfindet Yu also Sünden, aber da blickt der Priester durch, also beginnt Yu tatsächlich zu sündigen, alles für die Interaktion mit und Vergebung von ihm. Dass er in einer Gang ist, berührt den Vater nicht weiter, aber als dann eine sexuelle Komponente hinzu kommt, weil Yu Meister darin wird, Mädels unter den Rock zu fotografieren, schlägt ihn sein Vater zum ersten Mal. Das findet Yu sogar noch besser, da er nun endlich wieder Vaterfigur statt nur vergebender Priester ist. Womit er nicht rechnet ist, dass sein Vater ihn einfach aus der Kirche wirft, Yu alleine im Haus mit einem Taschengeld leben lässt, und gar keinen Kontakt mehr pflegt.

Aber Yu hat ja seine neue Familie im Sinne von gleichaltrigen Gangmitgliedern, die sogar eigentlich ganz nett sind. Als er eine Wette mit ihnen verliert, muss Yu als Frau verkleidet durch die Straßen gehen. Und statt sich eine weibliche Schuluniform anzuziehen und total einen auf verlegen zu machen, geht auch hier Yu gegen alle Erwartungen und verkleidet sich einfach als Female Prisoner Scorpion Sasori und schreitet voller nicht geahntem Selbstbewusstsein durch die Straßen. Wo er auf Yoko trifft und eine Offenbarung hat, die uns 56 Minuten im Film endlich die Title Card gibt. Endlich hat er das Mädchen gefunden, bei dem er spontan einen Ständer hat, seine Maria die er seiner Mutter zu heiraten versprochen hat. Da Yu allerdings verkleidet ist, und Yoko nichts von Männern wissen will, seitdem ihr Vater sie begrapscht hat, denkt Yoko nun stattdessen, dass sie eine Lesbe und in die ihr helfende Sasori verliebt ist.

All das beobachtet die ebenfalls gleichaltrige Koike, die mit Wellensittich und zwei Handlangern beständig Yu beobachtet, nachdem sie ihn vor der Kirche im Regen beten und von der Erbsünde hat reden hören. Denn Koike ist das Oberhaupt der Zero-Church-Sekte, nachdem sie ihren Vater umgebracht hat, der sie beim Aufwachsen beständig von der Erbsünde erzählend verprügelte. Sie heckt einen Plan aus, wie sie auch Yus Familie zu Mitgliedern machen kann.

Während der Film in der ersten Stunde mehr oder weniger „Beschissene Eltern: Der Film“ war, sind wir nun in einer Teeny Dramedy für die nächste Stunde gelandet. Denn Yoko und Kaori ziehen zusammen durch die Lande und Kaori versöhnt sich mit dem Vater von Yu. Dadurch sind Yu und Yoko nun fast Geschwister, während Yu in Yoko verknallt ist, Yoko ihn aber nicht ausstehen kann, dafür sich in Sasori verguckt hat, die ja eigentlich Yu ist. Und dann lässt sich Koike auch noch in deren Klasse einschleusen und tut so, als wäre sie im Geheimen Sasori, und fängt somit eine Beziehung mit Yoko an, obwohl sie eigentlich hinter Yu her ist. Viele schräge Missverständnisse und verletzte Gefühle folgen.

Nur dann macht der Film im dritten Teil erneut eine Kehrtwende und wird zum Drama um eine von einer Sekte vereinnahmte Familie. Nachdem Koike das fragile Familiengleichgewicht zerstört hat und alle in die Zero-Church indoktriniert bekommt, nur Yu nicht, der sein Möglichstes versucht, um Yoko dort wieder raus zu bekommen, aber selbst sich immer weiter verstrickt.

Und worum ging es bei diesem wilden Ritt durch den Irrwitz und jegliche erdenkliche menschliche Emotion, die man nur haben kann, eigentlich? Na um die Liebe natürlich, sagt doch schon der Titel. Die Liebe ist die zentrale Motivation für jeden dieser Charaktere. Der Vater von Yu zerbricht an der zur Mutter gefolgt von Kaori. Yu tut alles, um an Yoko zu kommen, egal wie fragwürdig einige Vorgehen sind, immer strack geradeaus getrieben von seiner magischen Erektion. Kaori selbst ist dabei auch nie als die fiese Familienzerstörerin dargestellt, sondern ist ernsthaft in Yus Vater verknallt, nur eben sehr wankelmütig und unzufrieden. Koike schmiedet alle ihre Pläne nur, weil sie mit Yu zusammen sein will. Was dabei natürlich immer damit einhergeht ist allerdings auch das Thema der Obsession. Die drei Väter von Yu, Yoko und Koike verderben ihre Kinder durch ihre Obsession mit der Sünde, was natürlich gerade im in Japan eigentlich raren aber hier im Film sehr zentralen Katholizismus gut bedient werden kann. Koike ist absolut besessen von Yu, und Yu zunächst davon es einem Vater recht zu machen dann von Yoko, und Kaori sowieso total Gefühlsgesteuert. Und nach dem überraschend emotionalen Part in der Irrenanstalt gibt es ja doch quasi ein Happy End, nicht nur für Hauptpärchen Yu und Yoko, sondern auch sein Vater und Kaori werden nicht vergessen, die sich nun endlich beruhigt haben.

Was bei alledem nicht zu unterschätzen ist, ist der pure Unterhaltungswert des überlangen Filmes, der es schafft nie langweilig zu werden. Es vergeht so gut wie nie Zeit, ohne dass nicht doch der spritzige Humor erneut aufkommt, die schrägen Charaktere in überraschende Manierismen verfallen, oder der Film ein wenig der Frivolität fröhnt. Die eigenen Perversionen zu umarmen statt sich dafür zu geißeln ist nämlich letztendlich ebenfalls ein Plädoyer von Love Exposure. Das gibt der Achterbahnfahrt eine durchgehende Frische und einen Überraschungsfaktor, selbst in den ernsteren Teilen der Geschichte, weswegen man Gedanklich nie abzuschweifen in Gefahr gerät, da man sowieso von den Eindrücken auf der Leinwand fast überfordert ist. Das alles in interessanten Bildern von Marien-Erscheinungen zu faken Plastik-Erektionen oder Fotos von Mädchen-Unterhöschen. Alles, was man im Medium Film zu erwarten dachte und mehr, verpackt in 228 Minuten mentaler Wasserrutsche und Tour de Force an Exzess. Zurückhaltung findet man woanders, und das ist auch gut so.