Shenmue II

Zwei Jahre nach dem ersten Shenmue, und ein halbes Jahr, nachdem Sega offiziell den Support des Dreamcasts einstellte, kam als einer der letzten großen Schwanengesänge auch endlich der Nachfolger auf die Plattform – zumindest in Japan und dann einige Monate später in Europa, während Microsoft für die USA einen Exklusiv-Deal mit Sega einging, und es dort erst ein Jahr später auf Xbox erhältlich gemacht wurde.

In Shenmue II sahen Spieler dann auch endlich die anderen Reisestationen aus den frühen Trailern wieder, in den Kapiteln 3 (Hong Kong), 4 (Kowloon) und 5 (Guilin), nachdem man sich wohlweislich dazu entschieden hatte, Kapitel 2 (Ryo auf dem Schiff nach Hong Kong) eventuell nicht in ein episches, mehrere Discs spannende Unterfangen aufzubauschen, in dem man sich Stundenlang im Verfolgen des langsamen Weges der Sonne über den Horizont oder der alltäglichen Arbeiten von Seemännern verlieren darf.

Es ist wohl glaube ich wenig strittig, dass Shenmue II einfach das spannendere Spiel der beiden ist, weil wir nun nicht mehr in den ersten 10 Minuten eines Martial Arts Filmes stecken, sondern der hinter der Title Card endlich richtig anfangen konnte. Dass dies konzeptionell allerdings immer noch eine ziemliche Standard-Handlung mit gewohnten Charakter-Stereotypen ist, bleibt natürlich dennoch nicht aus. Die Besonderheit von Shenmue war allerdings nie, dass es eine besondere Handlung zu erzählen hat, sondern dass man sie lebt. Andere Vertreter des Genres versetzen einen in eine sehr stringente Narration, die ständig am Hemdsärmel zupft doch weiterzumachen, Shenmue hingegen setzt einen in eine atmende, von sich aus laufende, Welt, in der auch gerne die Verfolgung des roten Fadens für Wochen oder Monate auf die lange Bank geschoben werden kann. Ich persönlich bin weitestgehend weniger derjenige, der an jeder Straßenecke stehenbleibt, um dies alles in sich aufzunehmen und auf sich wirken zu lassen, sondern rannte ziemlich zügig durchs Spiel, doch die Atmosphäre ist hier einfach eine ganz andere.

Ich würde dazu auch sagen, dass sich die drei Episoden stilistisch stark voneinander unterscheiden. Hong Kong ist beispielsweise dem ersten Shenmue nicht unähnlich. Denn auch hier verbringt Ryo seine Zeit in einer realitätsnachempfundenen Stadt (dazu, dass die NPCs Chinesisch sprechen hat es dann aber doch nicht gereicht), in der sich zum Großteil von einem Hinweis zum nächsten gefragt wird, was Lan Di und die beiden Jadespiegel angeht. Dabei kommt es zu ein paar Schlägereien mit Banden der Stadt, ein paar Verfolgungsjagden mit diebischen Kids, oder dem Erlernen neuer Moves von Kung-Fu-Meistern. Ja sogar einen Job Kisten zu verladen wird Ryo aufs Auge gedrückt, zu dem man nach dem ersten Arbeitstag allerdings nie zurückkehren muss.

Dies ist in allen Belangen dem Vorgänger gegenüber allerdings verbessert. Hong Kong ist schlichtweg die interessantere Stadt, als multi-kulti Metropole gegenüber dem homogenen Vorort. Es gibt mehr zu sehen, mehr Abwechslung, mehr NPCs auf dem Frageweg nach Kowloon. Die Spur wirkt jederzeit frischer, die erhaltenen Informationen gehaltreicher, es scheint immer und jederzeit voranzugehen, statt das unnötig Zeit totgeschlagen wird. Ich meine, sicherlich, Shemue bleibt Shenmue, ein wenig Zweitverschwendung und einzelne Segmente langziehen ist immer noch da, aber ich war jederzeit motivierter und weniger gelangweilt während meiner Zeit in Hong Kong denn in Yokosuka. Und obwohl die Stadt größer und komplizierter ist, ging ich hier weniger verloren, denn es gibt Maps, die meisten Schilder sind in lateinischen Buchstaben vorhanden, und die Bewohner weisen Ryo in klarere Richtungen. Und die beste Änderung von allen: Erreicht Ryo eine Lokalität, von der er weiß, dass er hier um eine bestimmte Uhrzeit Hilfe bekommt, es ist allerdings noch zu früh, kann über den Wait-Befehl sofort auf die richtige Tageszeit vorgespult werden.

Hat Ryo dann letztendlich erneut groß melodramatisch allen seinen Hong-Kong-Bekanntschaften Auf Wiedersehen gesagt, selbst wenn man mit jenen eventuell wenige bis gar keine der optionalen Szenen gesehen hat, die ein so melancholisches Goodbye rechtfertigen würden, geht es nach Kowloon. Die Rechtsfreie Zone Hong Kongs bis in die 90er, mit den bis zu 14 Stockwerken aufeinander gebauten Verschläge des von der Mafia regierten Slums/Kleinstadt. Hier legt Shenmue so viel Action hin, wie man sonst nirgends erwarten sollte.

Was sich allerdings erneut ein wenig mit dem eigentlich gemächlichen Vorangehen beißt. Ryo kann nun sicherlich ständig in Schwierigkeiten mit Kowloons Banden geraten, und muss sich später auch seinen Weg über Straßenkämpfe in eine hinein schlagen, doch das bedeutet nicht, dass Kowloon nicht dennoch wesentlich mehr Stunden einnimmt, als nötig gewesen wäre. Musste das heimliche Folgen von Yuan wirklich so lang sein? Brauchte es wirklich ganze 6 Straßenkämpfe, um sich zu beweisen? Das Finale, wenn sich die Stockwerke des Wolkenkratzers hinaufgekämpft wird, ist fast eine pure Aneinanderreihung von QTEs und Brawler-Fights, kulminierend in einem toughen Bosskampf und dem einzigen Kurzauftritt von Lan Di im Spiel, doch wäre die Angelegenheit meiner Meinung nach noch interessanter und besser gewesen, wenn sie um ein Drittel kürzer gelaufen wäre. So richtig was ein schnittiger Ablauf ist, kennt Shenmue halt einfach nicht.

Vielleicht lag es aber einfach nur ein Stück weit auch daran, dass Shenmue II es während Kowloon nicht leid wird, einem Yuan unter die Nase zu reiben, und ich persönlich fand den Okama-Stereotypen, der in japanischen Medien so gern als Gag-Charakter herausgeholt wird, noch nie sonderlich amüsant, und bin ihn mittlerweile mehr als leid geworden.

Das Finale in Episode 5: Guilin, ist dann so Shenmue wie Shenmue nur sein kann. Wo andere Spiele sich langsam auf einen großen Klimax zuspitzen würden, verwandelt sich Shenmue II… in einen Walking Simulator. Ernsthaft, Ryo und Shenhua laufen ungefähr 3 Stunden (Realzeit!) lang einen geradlinigen Pfad durchs Naturpanorama und reden lange und breit über nichts von Relevanz. Irgendwo gibt es mal eine aufgesetzte QTE, aber das war es dann auch schon. Zugegebenermaßen weiß ich so allerdings bereits mehr über die gerade erst hinzugestoßene Shenhua, als über jeglichen anderen Charakter der beiden Spiele, von denen sich Ryo immer so gern so dramatisch verabschiedet hat. Im Vergleich zum faden Ryo wäre allerdings natürlich selbst ein Ziegelstein, auf den man ein Gesicht gemalt hat, weniger langweilig. Mit der Ankunft bei Shenhua zu Hause finden wir nicht nur heraus, wonach Shenmue benannt ist, sondern mit einer Offenbarung, die darauf schließen lässt, dass endlich was Großes geschehen könnte, setzt Shenmue II einen Cliffhanger und rollt die Credits. Auf eine Shenmue-igere Art und Weise hätte das Spiel echt nicht enden können, ich kann ihm nicht mal böse sein, irgendwie gefällt mir das sogar.

Was sich leider nicht geändert hat, ist, dass sich Ryo immer noch eher suboptimal steuert, und ich glaube diesmal sind auch ein paar Buttons aus irgendwelchen Gründen anders belegt als im Vorgänger, ich hatte zumindest zu Beginn sogar noch mehr Probleme. Ins Menü zu springen und Leute nach Nebenjobs zu fragen beide aufs Dreieck zu legen ist auch so eine Sache, die mich in den dicht besiedelten Straßen von Hong Kong ein wenig Nerven kostete. Dafür ist die japanische Sprachausgabe diesmal nicht von ganz so schlechter Qualität, sowohl was die Aufnahme an sich wie auch die Leistung der Sprecher angeht, allerdings interagiert man in Shenmue II auch mit mehr A-Charakteren als im ersten Teil. B-Charaktere stehen zumindest auch nicht mehr eingefroren rum, wenn Ryo sich mit ihnen unterhält, wobei ihre übertriebenen Bewegungsabläufe beim Reden nicht unbedingt besser sind, und sie eher weniger Details in den Modellen aufzuweisen scheinen. Shenmue II ist natürlich selbstverständlich auch viel ambitionierter und zahlreicher in ihrem Vorkommen, und das auf ursprünglich nur einer Disc mehr. Schön wäre es zumindest gewesen, wenn sich das HD-Remaster den Cutscenes angenommen hätte. Ich mag noch verstehen, warum die in 4:3 im ersten Teil vorliegenden nicht auf 16:9 gezogen wurden, doch die in Shenmue II nicht schlicht von ihrer Letterbox zu befreien, leuchtet mir nicht ein.

Schlussfolgernd darf ich bezeugen, dass mir Shenmue II den Großteil der Spielzeit über schon gut gefallen hat, und ich sogar sagen würde, dass es endlich das einzulösen weiß, was die Franchise von Anfang an versprach, im Erstling aber noch nicht liefern konnte. Shenmue II ist absolut erlebenswert, sofern man sich auf die leichten Unebenheiten und die langatmige Art einstellen kann, die einfach auch ein Stück weit zum merkwürdigen Charme der Serie gehören. Was natürlich die Frage aufwirft, wie man mit dem Prolog umgehen sollte, der nun Mal direkt hier hineinfließt. Das erste Shenmue spielen ist es meiner Meinung nach nicht wert. Netterweise gab es allerdings zum DC-Original von II ein Shenmue Digest Movie, welches den Vorgänger in 15 Minuten zusammenfasst, was absolut ausreichen sollte, um auf dem aktuellen Stand und bereit fürs Spielen des Nachfolgers zu sein. Wer gern etwas mehr der schrägen Vibes und langgezogenen Gespräche mitbekommen will, der kann sich immer noch Shenmue: The Movie antun, welcher in Japan in Kinos zu finden war und der Xbox-Version beilag, und der den Vorgänger in ganze 90 Minuten fasst.

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Shenmue: The Waiting Simulator

Shenmue ist eines jener Spiele, dessen Entstehungsgeschichte interessanter ist als das Endprodukt. Yū Suzuki, hauptsächlich bekannt durch Sega Arcade Hits wie Space Harrier, After Burner oder Virtua Fighter, startete zur Saturn-Zeit unter „Virtua Figher RPG“ ein Spinoff-Projekt ähnlich Panzer Dragoon Saga. Mit Drehbuchautoren in einer generellen 11-Kapitel-Struktur festgelegt sollte daraus ein spielbarer Martial-Arts-Film werden, in dem der stoische Protagonist die Ermordung seines Vaters rächen will, folgend dem Übeltäter von Japan quer durch China, wo er sich durch Banden prügelt, von Meistern neues Kung-Fu lernt, und eine übernatürliche Komponente entdeckt.

Das Projekt wuchs aber schnell über die aktuellen Möglichkeiten hinaus und wurde stattdessen auf das in den Startlöchern stehende Dreamcast gehievt. Nun satte 16 Kapitel zählend. Groß beworben unter der neuen Genre-Bezeichnung FREE, weil angeblich alles vom Spielerverhalten abhängig und das Spiel so realitätsnah wie noch nie sein sollte, war die Ambition doch etwas größer, als man schlucken konnte. Um das als Killer-App für die Konsole geplante Spiel noch Dezember 1999, immerhin bereits ein volles Jahr nach der Japan-Erscheinung der Konsole, in die Ladenregale zu bekommen, konnte es nur das erste Kapitel fassen, obwohl frühe Trailer sowohl für die Saturn- wie die Dreamcast-Version Szenen bis zum fünften Kapitel beinhalteten. Ryo sollte im ersten Spiel seiner epischen China-Reise also nie auch nur einen Fuß vom japanischen Inselstaat setzen.

Man muss Sega dabei auf jeden Fall eingestehen, dass ihre Entscheidungen zu jenen Zeiten alles andere als langweilig waren. 70 Millionen in ein Spiel zu investieren, hinter dem man voll und ganz stand, es als den Konsolenschlager einschätzend, so dass tatsächlich das mehrfache an DC-Besitzern das Spiel hätte kaufen müssen, um überhaupt schwarze Zahlen zu schreiben, und das bei einem Spiel fast ohne jegliche Action oder Handlung. Da war wohl jemand wirklich der Meinung ihr Zielpublikum wünscht sich nichts sehnlicher, als in einer japanischen Stadt der 80er-Jahre an Straßenecken auf Ladenöffnungszeiten zu warten, den Nachbarinnen beim Tratschen zu lauschen, oder sich Capsule Toys aus Automaten zu ziehen.

Die Handlung lässt sich nämlich tatsächlich in wenige Sätze fassen. Ryo kommt gerade dann nach Hause, wenn Lan Di seinen Vater umbringt. Die nächsten 15-20 Stunden werden nun damit verbracht, sich wild durch die Stadt zu fragen, wo denn Chinesen abhängen, und ob die was über Lan Dis Verbleib wissen. Um letztendlich herauszufinden, dass er gerade nach Hong Kong übersetzt ist, woraufhin eine Fahrkarte nach China besorgt werden muss. Macht sich Ryo auf den Weg ins neue Land, rollen auch schon die Credits. Wenn man bedenkt, dass dieses erste Kapitel sozusagen der Prolog zum eigentlichen Abenteuer, und vielmehr mehrere Kapitel pro Spiel hätten umgesetzt werden sollen, macht das ganze Unterfangen auch gleich mehr Sinn. Nur so kann man sich beispielsweise auch die Existenz des 2. Kapitels „Ryo auf dem Boot nach China“ erklären, welches letztendlich wieder gestrichen wurde – ein Kapitel sollte nie ein ganzes Spiel füllen, sondern lediglich eine Reisestation beinhalten, in der entsprechend viel oder wenig geschieht.

Aber Shenmue, Kapitel 1: Yokosuka, oder auch „Die Reise beginnt“ oder auch „Viel passiert noch nicht“, nimmt ein ganzes Spiel ein. Und zwar eines, welches 3 Discs füllte. Nun nutzte das Dreamcast zwar keine DVDs, aber mit 1GB waren die Discs jetzt auch nicht winzig. Womit sind die denn jetzt gefüllt? Tja, wenn man der Haupthandlung relativ geradlinig folgt, oder zumindest so geradlinig, wie es Shenmue über unwesentliche aber dennoch für den nächsten Trigger unabdingbare Ablenkungen zulässt, sollte man meinen nicht viel. Der Großteil der Tage in dieser virtuellen Welt wird daraus bestehen, irgendeinen NPC, sobald sein Tagesablauf ihn für Ryo zugängig macht, nach einem weiteren Brotkrumen an Information zu befragen, um an einen Ladenbesitzer weitergeleitet zu werden, und nun wie ein Creep 5 Stunden dessen Geschäft in Grund und Boden zu starren, bis er öffnet, und die dünne Spur weitergeht. Sporadisch gerät Ryo auch mal in eine Prügelei, eine Verfolgungsjagd, oder stolpert zufällig in eine Nebenszene mit einem der vielen NPCs der Stadt, die keine größere Relevanz fürs Geschehen haben. Aufs letzte Drittel geht es dann auch noch im Hafen an die Arbeit, aber ob gezwungen zu werden fast eine ganze Woche lang jeden Tag für mehrere Stunden Kisten mit dem Gabelstapler zu bewegen, wirklich eine wahnsinnige Steigerung zum Wartespiel des vorigen Spielverlaufs ist, sei mal dahingestellt. Als Spieler von Shenmue nimmt man aber wie ein Verdurstender in der Wüste natürlich jedes Kanalisationswasser gerne dankbar an.

Dabei wollte ich Shenmue echt mögen, einfach schon alleine deswegen, weil es so herrlich merkwürdig ist, wenn man halt gerade nicht darauf wartet, dass was geschieht. Die Gespräche zwischen Ryo und anderen Charakteren sind einfach absolut strange, mit merkwürdigen Pausen, in denen sich die beiden Parteien einfach nur kurz anstarren, und dann weiterreden, als wäre das ganz normal. In dem Ryo drei Mal eigentlich essentiell die gleiche Frage nacheinander stellt, und auch drei Mal eine ähnliche Antwort mit nur einer kleinen Neuigkeit bekommt. Wenn die Kamera dabei unter ständiger Bewegung und Cuts meint, dies wäre cineastisch, dabei aber mehr desorientierend ist und merkwürdige Winkel einfängt. Und die B-Charaktere sind dazu auch noch in ihren Bewegungen komplett eingefroren und selbst die japanische Sprachausgabe so hölzern wie der geschriebene Dialog, der wiedergegeben wird. Selbst die Romanze zu Nozomi, einem der wenigen A-Charaktere, kommt, wenn man gewisse optionale Szenen mit ihr verpasst, genauso aus dem nichts, wie sie generell noch unterkühlter ist als jene zwischen Squall und Rinoa. Ryo zeigt mehr Emotion, wenn der Gag-Sidekick in die Staaten zurückfliegt, als wenn Nozomi ihm eröffnet nach Canada zu ziehen. Die Szene mit beiden auf dem Motorrad zu einem käsigen Pop-Song ist zum Schreien komisch. Zwischenmenschliche Interaktion in Shenmue wirkt so, als wachte man nach tausend Jahren Kälteschlaf auf, und Aliens hätten hunderte Jahre nach dem Untergang der Menschheit einen Vergnügungspark nur basierend auf rudimentärem Wissen aufgebaut, und als hätten die Animatronics immer mal wieder einen kleinen Kurzschluss. Herrlich schräge Vibes, die mir echt ohne Scheiß total gefallen haben.

Ich persönlich hatte auch einige Probleme mit dem Kontrollschema des Spieles. Ryo bewegt sich im Prinzip wie ein Tank mit der Wendefreudigkeit eines Lasters mit Überlänge. Gerade in Gebäuden ist es unglaublich frickelig ihn dorthin bewegt zu bekommen, wo man hin will. Umso mehr, wenn das Spiel dann auch noch sehr penibel damit ist, wie zu einem Gegenstand gestanden werden muss, um damit interagieren zu können. Das dies Mal gleich funktioniert, und Mal in die Egoperspektive draufgezoomt werden muss, ist dabei genauso merkwürdig, wie das Ryo Gegenstände aus seinem Inventar grundsätzlich sofort benutzt, wenn sie passen, außer wenn er den Geheimraum entdecken muss, und man erst mal herauszufinden hat, sie manuell aus dem Inventar heraus zu nutzen. Dass die Brawler-Kämpfe ein vollwertiges Kampfsystem (immerhin sollte das mal ein Virtua Fighter Spinoff werden) benutzt, ist sicherlich eine nette Idee, aber die vielen Moves für die wenigen Kämpfe zum einen ein leichter Supergau, wie es auch sehr schwer ist sich auf einen bestimmten Gegner zu konzentrieren, wenn sich Ryo ständig neu nach einem anderen ausrichten zu scheinen will. Das absolut schreckliche Motorrad-Rennen soll hier ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Auch wenn ich dem Spiel so schon Langeweile attestiert habe, und diese Action-Einlagen dazu gedacht sind die Spielmonotonie zu unterbrechen, so wäre es mir nach einiger Zeit echt geradezu lieber gewesen, wenn alle Action-Einlagen rein über QTEs laufen würden… was sie ja eh schon immer mal wieder tun.

Immerhin lässt einen Shenmue nichts vermasseln. In einer QTE-Sequenz zu häufig die falschen Buttons gedrückt? Die Szene startet einfach von vorn, bis man sie auswendig kann. Bei einem Kampf gestorben? Der Fight fängt einfach von vorn an und wird progressiv im Hintergrund auch mit jedem Neustart etwas leichter gemacht. Oder es gibt eine alternative Szene, in denen einem ein anderer Charakter aushilft. Shenmue kennt nur einen Fail State und das ist mehrere Monate im Spiel verstreichen zu lassen, obwohl es innerhalb von zwei Wochen beendet werden kann, so dass die Spur zu Lan Di kalt wird.

Nichts was Shenmue macht war an sich in 1999 dabei zwangsläufig wirklich neu. Ein virtuelles Leben führen? Einen Film nachspielen? QTEs? All das gab es vorher schon, nur eben nicht ganz in dem Stil, in dem Shenmue das aufzieht. Gibt es genau auf diese Art bis heute noch nicht, trotz der ähnlichen Yakuza-Serie, trotz spielbarer Filme von David Cage, trotz Walking Simulatoren – ganz genau wie Shenmue ist davon nichts. Und das ist vielleicht auch ganz gut so. Ich denke man hat tatsächlich hier zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein müssen. 20 Jahre später auf der PS4 ist der Aha-Effekt einfach weg und wie wenig darunter steckt kommt stärker zum Vorschein. Es ist ironischerweise gleichzeitig einfach zu sehen wie schwer noch wirklich nachzuvollziehen, warum das Spiel damals so ein großer Deal war.

Ich bin wahrscheinlich auch nicht ganz der richtige Spieler, um Shenmue komplett zu schätzen zu wissen, als jemand, der in RPGs beispielsweise nicht mit unnötigen NPCs in Städten redet. Da geht es halt einfach an mir vorbei, dass das 1986er Yokosuka hier so getreu nachgebildet ist, selbst das Wetter auf Daten der damaligen Zeit beruht. Jeder NPC seinen genauen Tagesablauf hat. Einfach in einer japanischen Stadt abhängen und sich selbst sein lassen zu können. Alles eine löbliche Verbissenheit seiner Vision treu zu bleiben, aber sicherlich auch mit Grund, warum Shenmue trotz einer Verkaufszahl von über 1er Millionen Einheiten (damit ist es immerhin unter den Top 5 der meistverkauften Titel der Konsole) kein finanzieller Segen war und dazu beitrug, dass Sega aus dem Konsolengeschäft aussteigen musste.