Adventure Week #19: Scratches

Diesmal springen wir ungefähr zehn Jahre weiter, in das Jahr 2006 zu Scratches, respektive das Jahr 2007 für Scratches: The Director’s Cut. Das erste kommerzielle Adventure Game aus Argentinien, dessen Studio allerdings wenige Jahre später wieder eingestampft wurde. Dann wiederum hat man es auch eher in der Zeit released, als das Adventure Genre nicht unbedingt eine Hochzeit erlebte.

In Scratches übernehmen wir die Rolle eines Horror-Romanautors, der einige Tage und Nächte in einem alten Herrenhaus, um das sich so einige Mysterien ranken, verbringt, um sich von der Muse küssen zu lassen. Prompt hat er auch in der ersten Nacht, nachdem er herausfinden musste, dass die ganze Elektrik nicht funktioniert, merkwürdige Träume von afrikanischen Masken und meint Kratzgeräusche zu hören. Während er sich durch das Haus sucht, findet er dann auch so einige Dinge heraus. Beispielsweise darüber, dass Hauseigentümer Blackwood in Afrika auf einen extrem brutalen Stamm gestoßen ist, und deren angeblich verfluchte Maske gestohlen und hier im Haus ausgestellt hat. Oder die Familientragödie eines verstorbenen Kindes mit seiner Frau, sowie die Anschuldigungen einer Bediensteten, Blackwood beim Verscharren der Leiche seiner Ehefrau ertappt zu haben.

Das Ganze eruiert sich nach und nach übers Auffinden von Tagebüchern, Zeitungsartikeln und Briefen der Hausbewohner, die mal offen rumliegen, mal irgendwo versteckt waren, und mal theoretisch offen aber in einem nicht so einfach zu betretenden Raum liegen. Auf andere Charaktere wird man nicht treffen, das Spiel ist in Egoperspektive, und es gibt viele trockene Observationen unseres Charakters in Textform zu den Ereignissen oder einfach der Raumausstattung. Das gibt dem ganzen Spiel einen unaufgeregten Touch, eine trockene und eher unterschwellig-unheimliche Atmosphäre, statt wirklich je komplett Horror zu sein. Eher in Richtung Poe, weil man sich natürlich auch nie sicher sein kann, wie viel von den Dingen, die vorige Hausbewohner niedergeschrieben haben, wirklich so stimmten. Ist die Maske wirklich verflucht, oder Blackwood einfach abergläubisch und langsam wahnsinnig gewesen? Hört der eigene Charakter überhaupt wirklich das nächtliche Kratzen, oder bildet er sich das ebenfalls nur ein?

Um ganz ehrlich zu sein fand ich es letztendlich ungefähr halb durch das nicht allzu lange Spiel hindurch mehr als offensichtlich, was wohl hinter allem steckt. Kurioserweise findet unser Hauptcharakter dies allerdings nie komplett heraus. Ich meine zwar schon, dass das Ende ziemlich eindeutig meinen Verdacht bestätigt hat, aber Mr. Schriftsteller verlässt panisch das Haus ohne je 2 und 2 zusammengezählt zu haben. Das offene Ende, das ein solches eigentlich nicht ist, wenn durch Kontext eigentlich eh alles klar war, wird dann im wenige Minuten andauernden Bonusspiel „The Last Visit“, welches dem Director’s Cut beiliegt, auch für die letzten Schlauchsteher aufgeklärt. Ein Journalist betritt hier Jahre später, kurz bevor es abgerissen werden soll, das Haus, kann in dessen nun desolaten Zustand eh kaum etwas betreten, und hat eine finale Konfrontation mit dem Rätsel um das Kratzen. Zumindest soweit mir ein Youtube-Video mit dem Ende gezeigt hat.

Denn leider ist Scratches nicht gerade ein Spiel, welches besonders gern auf modernen Windows-Systemen läuft. Es im Windowed-Mode spielen zu wollen, führte sowieso dazu, dass sich die Maus unkontrolliert im Kreis drehte, was aber zum Glück im Fullscreen nicht mehr geschah. Die Interaktionspunkte waren in den Bildschirmen allerdings auch manchmal sehr fragwürdig. Eine Türe hat da schon mal seine Klinge zwar rechts, der Interaktionsspot um sie zu öffnen ist allerdings links. Oder ich drehe mich von einem Kamin weg zu einem Sofa, mein Cursor zeigt ich kann mit ihm interagieren, bekomme beim Klicken aber ein Closeup vom Kamin, dem ich den Rücken zugekehrt habe. Manchmal hat sich das Spiel auch beständig aufgehängt, wenn es zu einem Bildschirmwechsel oder Animation kommen sollte, in anderen Sessions lief es dann aber auch wieder für lange Zeiten ohne Probleme. So wirklich in die Quere kam mir das eben nur bei „The Last Visit“, wo sich das Spiel immer bei der gleichen Interaktion mit einer „Critical Module Error“-Message aufhängte und weigerte mich zum Ende durchzulassen.

Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass Scratches sehr Trigger-bestimmt ist, wenn es um den Fortschritt im Spiel geht. Es kann fast keine Sache außerhalb der Reihe gemacht werden, die von den Machern des Spieles vorgesehen war. Was dazu führt, dass mit so einigen Dingen auch erst dann interagiert werden kann, wenn der entsprechende „Hebel“ dafür gelegt wurde, weil man etwas woanders im Haus rausgefunden hat. Manchmal hilft es auch schlicht seinen Freund und Publizist anzurufen, damit der einen auf einen neuen Trichter bringt. Den Schlüssel in einer Vase kann man erst dann nehmen, wenn man die Vorhänge öffnete, um ihn darin liegen zu sehen. Die Vorhänge können aber erst geöffnet werden, wenn in einer alten Fotografie gesehen wird, dass die Vase früher mal unter dem Schlüsselbrett stand. Die Beeren von einer Pflanze sind nicht mit Händen pflückbar, sondern müssen merkwürdigerweise mit der Gartenschere abgeschnitten werden. Solche Dinge sind nicht immer intuitiv, und das Spiel nicht zwangsläufig sehr zuvorkommend mit Hinweisen, wofür man gerade den Hebel gelegt hat. Manchmal muss echt einfach das ganze Haus abgegangen werden, um zu sehen, ob irgendwo eine neue Interaktion aufgegangen ist oder bei einer bereits vorhandenen ein neues Resultat entsteht. Was dadurch noch etwas erschwert wird, als das die Welt hier ähnlich wie Myst III und IV zwar aus vorgerenderten Hintergründen besteht, jene aber nicht flach vor einem ausgebreitet sind, sondern als Panorama-Sphäre um einen gespannt werden, der Charakter also in alle Himmelsrichtungen gedreht werden muss, um alles im Blick zu haben.

Gemocht habe ich definitiv den manchmal trockenen Humor. Wenn das Spiel beispielsweise adressiert, wie irrsinnig es doch ist, nicht einfach das Haus zu verlassen oder die Polizei zu rufen, sondern jeden Tag aufs Neue dem dichter werdenden Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen. Oder sich unser Charakter in der Bibliothek darüber beschwert, dass hier gar keine Horror-Romane stehen, sondern nur langweilig Bücher, wie beispielsweise über die Myst Islands. Oder wenn man den Trick mit der Zeitung unter dem Türschlitz um an einen Schlüssel zu kommen versucht, und trocken feststellt, dass sowas eh nur in Filmen klappt, nachdem es nicht funktionierte.

Dennoch würde ich Scratches attestieren, dass es zwar ein brauchbares Adventure ist, aber einfach nicht speziell genug herausstechend, um sich mit den vielen kleinen Krankheiten rumzuschlagen, die wohlgemerkt auch zum Großteil eben echt erst auf modernen Betriebssystemen vorkommen. So richtig genervt von Scratches war ich im Gegensatz zu Shivers zwar nie, aber habe mich schon hin und wieder, wenn ich irgendwo festhing, gefragt, ob es das wirklich wert ist.

Advertisements