Verhoeven Wednesday – Steekspel

ava-1812Der bisher letzte Film von Paul Verhoeven ist ein ganz besonderes Projekt, denn er entstand aus Entertainment Experience. Jenes Projekt stützt sich stark auf User Content. Wer wollte konnte ein Script beisteuern, welches dann von Verhoeven und seinem Team unter die Lupe genommen wurde, um dann aus Versatzstücken seinen Film Steekspel zu drehen. Nebenher wurde noch von verschiedenen Teams Teile verfilmt, die dann erneut der Öffentlichkeit zur Wahl gestellt wurden, woraus dann die Version Lotgenoten entstand. Ins niederländische Kino kamen beide, Verhoevens Profiversion und der Publikumsfrankenstein, als Double Feature. Auf der deutschen DVD ist nur Verhoevens Tricked (internationaler Titel).

Steekspel/Tricked startet auf der Feier zum 50. Geburtstag von Remco. Der hat eine Frau, zwei Kinder, über die Jahre immer mal wieder eine Geliebte, und eine Architekturfirma. Nadja, seine letzte Affäre, die vor 6 Monaten nach Japan ging, taucht auch zu den Feierlichkeiten auf – im 8. Monat schwanger. Seine Firma derweil läuft nicht so pralle, und die beiden Mitinhaber der Firma wollen Remco davon überzeugen zu verkaufen. Die beste Freundin der Tochter scheint auch auf Remco zu stehen, während dessen Sohn es auf sie tut. Er photoshopt sogar ihren Kopf auf Pornobilder, auch wenn er sich nicht genug Mühe macht, das ordentlich zu tun, so dass wenigstens die Illusion der Illusion da wäre.

Der Film wird nicht bei jener Geburtstagsparty bleiben, sondern erzählt uns auch noch die Begebenheiten der zwei oder drei darauf folgenden Tage, doch damit wäre das Ding schon mal ziemlich klar abgesteckt. Wir haben eine überschaubare Zahl an Charaktere, und alle haben diverse Geheimnisse voreinander, die häufig anderen Charakteren mehr oder weniger bekannt sind, allerdings sie wiederum ein Geheimnis daraus machen, dass das Geheimnis gar keines ist.

Oder kurz gesagt, Steekspel ist wie eine Sonderepisode zu einer Daily Soap. Intrigen und Versteckspiel zwischen Freunden und Verwandten. Jemand bekommt sogar (fast) ein Glas Wein ins Gesicht geschüttet. Das Spiel mit den überzogenen Überraschungen fände ich gar nicht mal so übel, nur leider ist viel davon gar keine. Das Ideen teilweise erst nach und nach aufgekommen sind, merkt man schon, denn nicht alles wirkt immer ganz organisch, sondern teilweise eben als hätte jemand aus dem Ansatz eines anderen Menschen einen neuen Strang gewoben, der so gar nicht gedacht war. Von daher kann man nicht sagen, dass man schon zur Party am Anfang alles weiß, was da noch zum Vorschein kommen wird, aber eigentlich doch immer schon bereits kurz, bevor der Film es wirklich ans Licht kommen lässt. Dazu ist das ganze Ding auch noch enorm bieder umgesetzt, eben wirklich wie ein Fernsehfilm daher kommend.

Von daher fehlt mir bei Steekspel einfach wirklich ein wenig der Biss und die Ambition. Eben etwas, dass es über das Niveau von „Fernsehfilm zu GZSZ“ erheben würde, abgesehen vom besseren Schauspiel.

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Verhoeven Wednesday – Zwartboek

ava-180815 Jahre lang machte Verhoeven Filme für Hollywood, bis er in die Niederlande zurückkehrte, wo 2006 Zwartboek in die Kinos kam, 23 Jahre nach De vierde man. Mal wieder der teuerste Film des Landes, mal wieder ein Schlager an den Kinokassen. So wünscht man sich die cineastische Rückkehr ins Heimatland im Idealfall.

Rachel Stein ist eine holländische Jüdin in 1944. Heißt statt in Berlin zu singen sitzt sie nun versteckt in der Dachkammer einer Familie, die ihr illegalen Unterschlupf gewährt. Bis eine Bombe das Haus zerstört und Rachel sich anderweitig Hilfe suchen muss. Netterweise taucht Van Gein auf, ein Polizist, der ihr über die Grenze helfen will. Beim Notar Smaal, der die Wertsachen ihrer Familie bereithält, holt sie sich also einen Überlebensgroschen, geht auf die Fähre, wo sie sogar mit ihrer Familie wiedervereint wird. Dummerweise entdeckt ein Kontrollboot der SS sie und schießt alle außer Rachel über den Haufen.

Wie immer in ihrem Leben hat Rachel Glück im Unglück, und neben dem Überleben tun sich gleich weitere Helfer auf, die sie nach Den Haag bringen, wo sie nun mit blonden Haaren und unter dem Namen Ellis de Vries ein Mitglied der Widerstandsbewegung wird. Um die Nazis auszuspionieren ist Ellis sogar dazu bereit deren Hauptsturmführer Müntze zu bezirzen, der sich als gar nicht mal so übel herausstellt, beide romantische Gefühle füreinander entwickeln.

Paul Verhoeven bietet uns also eine weitere weibliche Hauptrolle, die kein einfaches Leben hat, und tut, was sie tun muss, um zu überleben. Wenn ich eines über seine Filme gelernt habe, dann das Verhoeven sehr wohl starke Frauen mag, alle seine wichtigen weiblichen Rollen sind es. Allerdings hat er normalerweise ein Problem damit, sie mir auch sympathisch werden zu lassen. Bei Rachel/Ellis ist dies nun nicht der Fall, sie kommt nicht wie ein solches Miststück rüber, wie das bei Carmen in Starship Troopers oder Agnes in Flesh + Blood der Fall war. Sie macht Fehler, klar, aber sie bleibt ihren moralischen Grundsätzen immer treu, ist aber nicht zu dumm einzusehen, dass dies nicht immer so einfach ist. Wenn die Widerstandsbewegung abwiegen muss 30 Juden oder 30 „gute holländische Bürger“, wie sie sich ausdrücken, zu retten. Rachel will natürlich die Juden retten, aber ist sich bewusst, dass eine Entscheidung in beide Richtungen gleich schlecht/gut ist.

Was mir an Zwartboek vor allem auch sehr gefiel ist, dass dies ein grauer Film ist, nicht jeder ist eindeutig gut oder böse. Das war ja das, was ich bei Soldaat van Oranje so schade fand, mit dem ehemaligen Freund, der in die Ränge der Nazi-Armee rutschte, und mit dem man die Möglichkeit hatte zu zeigen, dass nicht jeder damals ein fleischgewordener Dämon war, nur um ihn dann am Ende auch einen verschwitzten Fiesling sein zu lassen, der Kindern den Lutscher klaut. Zwartboek hingegen gibt uns Müntze, der sogar mit dem Widerstand verhandelt, wenn sie ihre Waffen niederlegen verspricht er, und meint das auch, keine Vergeltung zu planen. Er selbst hat seine Familie bei einem englischen Bombenangriff verloren. Und am Ende, wenn der Krieg vorbei und die Nazis geschlagen sind, dann bestraft die befreite Bevölkerung jeden Sympathisanten, selbst jene die anders nicht hätten überleben können, auch auf teilweise sehr unschöne Weise. Ich mein, natürlich ist man auf der Seite des Widerstandes und gegen die Nazis, so viel ist jedem normal denkenden Menschen klar, aber es ist eben nett, dass es da ein paar Graustufen im Film gibt, nicht nur langweilige Schwarz-Weiß-Malerei.

Ich hab es glaube ich bei Soldaat van Oranje bereits geschrieben, aber Kriegsdramen, gerade welche zum Zweiten Weltkrieg, sind nicht unbedingt etwas, für das ich mich sonderlich interessiere. Zwarboek allerdings war eine jener Geschichten, die mich nicht ganz so kalt gelassen haben, eben auch weil Verhoeven es endlich mal schafft, mich den Charakteren in seinem Streifen nicht so indifferent gegenüberstehen zu lasen.

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Verhoeven Wednesday – Hollow Man

ava-1802Hollow Man ist Verhoevens letzter Film Hollywoods, und es ist etwas kurios, denn vor Erscheinen meinte Verheoven, dass er sich diesmal vorgenommen hat, den Film möglichst massentauglich zu halten, genau das ist aber auch der Grund, den er später für seine Rückkehr in die Niederlande nannte: Hollow Man hat nichts eigenes, er sieht sich selbst nicht im Film.

Ebenfalls (lose) basierend auf H.G. Wells Buch, bekommen wir auch hier den genialen Wissenschaftler Caine zu sehen. Der ist der Kopf eines kleinen Forscherteams, welches fürs Pentagon an einem Unsichtbarkeits-Tonikum werkelt. Das haben sie auch schon, jemanden unsichtbar zu machen ist gar nicht so schwer, ihr wahres Problem kommt dadurch, dass sie es nicht schaffen, die Versuchstiere anschließend wieder sichtbar zu kriegen.

Bis Caine beim Bespannen seiner Nachbarin eine halbe Titte zu sehen bekommt und sofortige Erleuchtung widerfährt. Nicht nur in der Theorie, sondern auch am Versuch an der Gorilla-Dame ist die Lösung stabil. Dem Pentagon sagt er allerdings noch nichts, in Angst das Militär würde ab dann übernehmen und ihm sein Projekt wegnehmen. Stattdessen überredet er zwei Kollegen Stillschweigen zu bewahren und heimlich ohne Erlaubnis mit Menschenversuchen zu beginnen, damit es nicht auffliegt stellt sich Caine selbst als Versuchskaninchen. Ihn unsichtbar werden zu lassen ist erneut schnell erledigt, doch nach den vorgesehenen 3 Testtagen schlägt das Gegenmittel bei ihm nicht an.

Was aus Hollow Man anschließend wird, ist ein recht gewöhnlicher Horror-Thriller, denn Caine driftet langsam in den Wahnsinn ab und fängt an zu morden. Interessant hierbei ist hauptsächlich, dass der Film offen lässt, warum dies geschieht. Während beispielsweise in The Invisible Man (1933) noch eindeutig gesagt wird, dies sei eine Nebenwirkung des Mittels, so könnte dies hier auch der Fall sein, aber es kann auch schlichtweg die Tatsache sein, dass nicht gesehen zu werden etwas in Caine hervorbringt. Er selbst meint ja es wäre interessant, was man alles vor sich selbst verantworten kann, wenn man sich anschließend nicht im Spiegel betrachten muss. Was würde man nicht alles tun, wenn man davon ausgehen kann, damit davon zu kommen, nicht? Vielleicht ist es aber auch nicht einfach nur nicht gesehen und so vermeintlich nicht geschnappt werden zu können, sondern auch die Extremsituation, nämlich verschwunden zu sein und für Wochen im Labor festzusitzen, die ihn überschnappen lässt.

Was dabei allerdings das größte Problem von Hollow Man darstellt, ist die fehlende Spannung. Weite Strecken des fast 2 Stunden langen Filmes kommt nämlich wenig davon auf, er bleibt auch so ziemlich blutleer, und selbst wenn es dann im Finale endlich rund geht, so zieht sich selbst das enorm dahin, während man zwischendurch bereits drei Mal dachte, den Klimax erreicht zu haben. Dem Film hätten so 20 Minuten an Straffung vielleicht ganz gut getan.

Dafür sind die Special Effects ganz cool. Die Unsichtbarkeit hier findet nämlich langsam nach und nach statt, zuerst schält sich die Haut, dann verschwindet das Muskelgewebe, die Organe, bis am Ende das Skelett dran ist. Auch beim Sichtbarwerden pumpen zunächst die Adern das Serum durch den Körper, das Herz verteilt es dann weiter, und anschließend kommen wieder die anderen Schichten des Körpers so nach und nach drauf. Das ist tatsächlich ganz faszinierend anzusehen, in einer Körperwelten Art und Weise.

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Verhoeven Wednesday – Starship Troopers

ava-1795Starship Troopers ist ein Film von Paul Verhoeven. Starship Troopers ist auch ein Buch von Robert A. Heinlein. Starship Troopers der Film basiert auf Starship Troopers dem Buch, aber nicht wirklich. Es ist tatsächlich so, dass der Film auf einem eigenständigen Script basiert, welches später, nachdem die Rechte an einer Starship-Troopers-Verfilmung akquiriert war, zu einer solchen umgemodelt wurde. Das ist in Hollywood nicht mal so unüblich, doch im hiesigen Fall wohl so spät erst geschehen, dass bestenfalls Oberflächlichkeiten sich ähneln.

Dem Buch wird übrigens gern vorgeworfen Faschismus und Militarisierung zu beschönigen. Im Schulunterricht zu Beginn des Filmes sehen wir dann auch die Grundlagen dafür: Die Demokratie hat versagt, der Sozialismus die Gesellschaft an den Rande des Ruin gebracht, dann haben die Veteranen die Zügel in die Hand genommen und einen gut geölten Militärstaat erschaffen. Es ist sogar so, dass strickt zwischen Bürger und Zivilisten unterschieden wird – Bürger sind nur jene, die ihren Grunddienst abgeleistet haben, und nur Bürger haben beispielsweise das Recht zu wählen (und wie uns später in der Unisex-Duschszene durch die verschiedenfaltigen Motivationen der dortigen Soldaten gezeigt wird, natürlich auch diverse andere Rechte, die Zivilisten nicht haben).

Zumindest ist das im O-Ton der Fall, denn Starship Troopers ist in Deutschland zensiert. Interessanterweise allerdings nicht zwangsläufig in der Gewaltdarstellung, sondern in den Dialogen. Die Synchronisation unterschlägt schlichtweg einige der zu hart faschistischen Aussagen oder schwächt sie zumindest ab, weil unser Land ja eine gewisse Vorgeschichte hat, was entsprechende Propaganda angeht.

Nur ist die Sache so, zumindest in der Filmversion, dass dies alles satirisch gemeint ist. Nirgendwo wird das deutlicher als in den extrem überspitzten Werbeeinblendungen zwischendurch, die sicher voller Militär-Pathos sind, aber eben ihre Propaganda so übertreiben, dass hier die Frage nach Satire oder nicht gar nicht erst aufkommen muss. Auch so beschönigt der Film nicht unbedingt zwangsläufig Dinge, sondern Verhoeven darf seinen Blutrausch mal wieder ausleben, in dem er zeigt das die meisten Soldaten bei einem Kriegseinsatz auch draufgehen können, und das nicht in schöner hehrer Art und Weise.

Und dennoch funktioniert der doppelbödige Film auch als Action-Spektakel. Es wird jede Menge geballert, es wird jede Menge in die Luft gesprengt, es gibt Gore auf beiden Seiten. Und eben, wenn wir mit den Fußsoldaten in den Gräben liegen und sie beim Überlebenskampf und Gegenschlag erleben, wenn die Menschen endlich die schleimigen Bugs aus ihren Verstecken ziehen, dann kommt dabei durchaus auch Pathos auf.

Eine menschliche Komponente gibt es auch noch, nehme ich mal an, obwohl das ganz Verhoeven wieder nicht unbedingt der stärkste Part des Filmes ist. Rico, Carmen und Carl gehen in die gleiche Klasse, Rico und Carmen sind irgendwie zusammen, auch wenn sie eher ein Cocktease ist. Währenddessen macht Dizzy Rico schöne Augen und Ace auch Carmen. Rico muss eigentlich gar keinen Dienst leisten, denn seine Familie ist reich, kann sich also auch alle Vorteile kaufen, die man eigentlich nur als „Bürger“ bekommt. Doch für Carmen lässt er sich eintragen, damit sie endlich mit ihm schläft. Tja, der PSI-begabte Carl darf in die Forschung/Führung, die schlaue Carmen wird Pilotin, der nur sportlich herausstechende Rico kommt in die zum Tode geweihte Infanterie. Pech gehabt. Aber dafür kommt Dizzy mit ihm, während Ace bei den Piloten ist. Katsching, katsching. Jedenfalls soll wohl das „lasst und ewig Freunde sein, obwohl wir uns nach der Schule wahrscheinlich nie wiedersehen werden“-Versprechen des Trios zu Beginn, und ihre Wiedervereinigung am Ende einen gewissen Bogen spannen, sowie die Vierecksbeziehung. Carmen ist, wie viele Verhoeven-Mädels allerdings zwar ein starker Charakter, aber sicher kein Sympathieträger. Zuerst hängt sie in der Schule am Sportass Rico, dann im Militär am Vorgesetzten Ace, und als der das Zeitliche segnet fällt sie auf Held Rico zurück. Das wirkt nie wie ein Liebesdillema bei ihr, sondern wie Karriereficks.

Aber ja, zumindest Rico und Dizzy, denen wir eh den Hauptteil des Filmes beiwohnen, gehen ganz ok. Und so ist der Film echt sehenswert, weitestgehend halt als cooles SciFi-Actionspektakel, aber mit den nötigen satirischen Untertönen, um das nicht zu doof wirken zu lassen.

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Verhoeven Wednesday – Showgirls

ava-1788Uh-oh, da sind wir nun also. Angekommen bei Paul Verhoevens 11. Feature Film, der 5. in Hollywood, sein wohl bekanntestes, kontroversestes, und deswegen auch eigentlich interessantestes Werk: SHOWGIRLS!!! Mit Caption on und drei Ausrufungszeichen, weil nichts anderes passt zu so einem glorreichen Trainwreck, so einem vulgären inhumanen Epos über den zerstörten amerikanischen Traum, der einem Titten zum die Ohren haut, bis sie einem aus jenen heraushängen und man sich fragt, ob man je wieder einen weiblichen Körper sexy finden kann, oder für den Rest seiner Tage genug davon hat.

Ein Film mit dem Ruf die Karrieren aller beteiligten Schauspieler ruiniert zu haben, Paul Verhoevens gleich mit, und Hollywoods NC-17 Rating hat er auch noch ertränkt. Ein kolossaler Flop an den Kinokassen, zum Erscheinen verrissen. Aber, und jetzt wird es interessant, heutzutage auch ein Kult-Klassiker. Dank des Heimvideomarktes ist Showgirls mittlerweile unter den Bestsellern des MGM Studios, er ist beliebt sowohl in ironischer Hippster-Weise, wie auch bei Leuten, die es so richtig schön trashig mögen, ja sogar einige Kritiker verteidigen Showgirls heutzutage als unverstandene Satire. Mittlerweile gibt es ein Sequel und ein Musical, sich beide auf die parodistische und satirische Seite schlagend, von der bis Heute nicht geklärt ist, ob sie im Original tatsächlich beabsichtigt war. Drehbuchschreiber Joe Eszterhas behauptet dies zwar gerne, aber rückwirkend kann das jeder. Zumindest ist es schwer glaubhaft, dass Hollywood fast 4 Millionen Dollar für ein Drehbuch zahlt, welches für einen zu satirischen Zwecken bewusst schlechten Film ist.

Wie viel Schaden der 7 Goldene Himbeeren einsackende Film übrigens den Beteiligten wirklich angetan hat, ist auch strittig, obwohl er sicherlich niemanden Karriere direkt förderte, und alle Involvierten eher peinlich berührt sind, wenn sie auf ihn angesprochen werden. Die arme Elizabeth Berkley, die wie alle heranwachsenden Kinderstars doch nur endlich mal ihre Titten in eine Kamera halten wollte, damit man merkt, dass sie nun erwachsen und ernstzunehmend ist, hat wirklich Jahre lang wegen Showgirls keine guten Rollen einsacken können. Aber mal wirklich, der bekannteste Name im Cast ist Kyle MacLachlan, es ist also nicht so, dass hier irgendwo eine Superstar-Karriere auf dem Spiel stand. Paul Verhoeven kann es auch nicht komplett ruiniert haben, immerhin gab ihm Hollywood anschließend noch zwei weitere Projekte in die Hand. Und das NC-17-Rating, wenige Jahre vorher ins Leben gerufen für erwachsene Filme, die nicht mit Pornos verwechselt werden sollen, und tatsächlich seit Showgirls als Zuschauerkiller gilt, der nur noch für Arthouse und ausländischen Filmen benutzt wird? Genau genommen haben NC-17-Filme nie wahnsinnig viel Kohle gemacht, zumindest nicht an den Kinokassen, welche ja zunächst erst mal am Wichtigsten sind, weil man dort frühestens sein investiertes Geld zurück bekommt, wie gesagt ist das auf dem Heimvideomarkt wieder eine andere Sache. Vor Showgirls hat es nur eben keine super teure Großproduktion spezifisch auf das Rating angelegt, die ob ihm hätte floppen können.

Von daher muss man Showgirls aller Schreckensmythen, die sich um den Film ranken zum trotz, immer etwas in Relation sehen. Ein schlechter Film ist es aber dennoch.

Das Schauspiel ist zum Großteil passabel, aber nie an sich gut, und Berkley schafft es auch nicht immer selbst den auf den Medium-Standard aller anderen zu bleiben. Ihnen ist natürlich nicht dabei geholfen, dass die Texte, die sie hier vortragen, häufig nicht nur lachhaft dämlich sind, sondern wenn man wirklich drüber nachdenkt, die meiste Zeit auch nicht aus einer zusammenhängenden Konversation zu stammen scheinen. Ein wenig, als hätte jemand ein ausländisches Script durch Babelfisch gejagt und irgendwie dabei auch noch die Absätze durcheinander gewürfelt. Was in dem Film warum und woraus resultierend geschieht, darüber verliert man eh schnell den Überblick, selbst wenn mal was aufeinander aufbaut.

Und es hilft natürlich nicht, dass der Film ähnlich Keetje Tippel so ein Ding ist, wo sich alles am Hauptcharakter an sich hängt. Nicht nur die Handlung als solche resultiert komplett daraus, dass alle anderen Charakter tun, was sie tun, weil sie Nomi entweder mögen oder ficken wollen. Nein, auch für den Zuschauer sollte das Mädchen aus armen Verhältnissen, welches einen großen Traum hat, vom Business in die Mangel genommen wird, und letztendlich genauso korrupt wird, wie die Leute, die sie zu hassen glaubt, doch irgendwo ein Sympathieträger sein. Doch Sympathie will so einer egozentrischen Ziege gegenüber nie wirklich aufkommen. Es hilft natürlich nicht, dass ein Großteil dessen bereits vor dem Start des Filmes an sich geschehen ist – als Waisenkind durch die Heime gereicht, abgehauen und als Drogensüchtige Prostituierte auf der Straße gelandet… all jene Hintergrundgeschichte ist bereits gelaufen, und wir erfahren sie zusätzlich erst zu Filmende. Dafür untergräbt jene Eröffnung  die Logik hinter ihrem naiven Verhalten nur noch mehr.

Das Showgirls ein schlechter Film ist, zumindest an so ziemlich allen klassischen Maßstäben gemessen, bedeutet aber nicht, dass Showgirls nicht ein unterhaltsamer Film ist. Man kann allgemein nicht wirklich sagen, dass Paul Verhoeven je langweilt, oder sich wahnsinnig zurückhalten würde, weil er befürchtet zu trashig zu werden. Die beste Art von Trash ist sowieso die ungewollte, die mit Glamour und viel Budget. Nicht die billigen Direct-to-DVD Filmchen, die nervtötend Augenzwinkernd gewollt schlecht gemacht sind, und auf Niveau einer Porn-Parodie hindümpeln. Und Showgirls ist ein großer, wuchtiger, glamouröser Film, der zumindest von den Schauspielern an sich ernst gespielt wird.

Und so viel Budget und so viel ehrliches Bemühen dann kontrastierend zu haben mit so einem enormen Fail, in all den richtigen, unsinnigen und trashigen Arten. Mit Handlungsstruktur und Dialogen, die wie aus einem Paralleluniversum scheinen. Die dabei so herrlich zitierbar schlecht sind. Wo Charaktere ihre Motivation und ihre Persönlichkeit je nach Szene komplett ändern. Der einem so viel Nacktheit entgegen wirft, dabei aber so blase damit umgeht, dass er nie sexy ist. Ich kann tatsächlich Showgirls nicht nicht mögen, denn der Film ist – gewollt oder nicht – eine herrliche Gaudi. Perfekt für den angetrunkenen Abend mit Kumpels.

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Verhoeven Wednesday – Basic Instinct

ava-1785In den späten 80ern und frühen 90ern waren der Erotik-Thriller und das Erotik-Drama wieder ziemlich angesagt, mit Sachen wie 9 1/2 Wochen und Wilde Orchidee, die eine ziemliche Welle an Mitschwimmern mit sich brachten. Paul Verhoeven war sich für Blut und nackte Haut eh nie zu schade, und es quasi nur eine Frage der Zeit, bis er etwas dazu beizutragen wusste. Es wurde letztendlich kein anderer als Basic Instinct, dessen Script für erstaunlich hohe 3 Millionen über den Tisch wanderte.

Wir beginnen den Film bei einem Paar im Bett, die rammeln wie die Karnickel. Doch gerade im Moment der höchsten Ekstase zieht die reitende Blondine einen Eispickel und verpasst dem Liegenden zahlreiche neue Löcher, dass das Blut nur so über die Laken spritzt.

Nick ist Polizist, hat eine Vergangenheit was Drogen und das Erschießen von Zivilisten angeht, und wird auf den Fall angesetzt. Die erste Verdächtige am Mord des berühmten Mannes ist natürlich dessen hübsche, blonde Freundin. Die mal schnell aufklärt, dass es eher eine lange Bettgeschichte war. Denn die reiche und mit Abschluss in Psychologie ausgestattete Schriftstellerin Catherine hat es nicht so mit einengenden Labels, sondern fickt mit wem sie will, wann sie Bock hat, und solange, wie der- oder diejenige sie zu befriedigen weiß.

Stellt sich irgendwie raus das sie sich hauptsächlich für Mörder zu interessieren scheint, sowie alle ihre sich um Mord drehenden Bücher frappierende Gemeinsamkeiten mit echten Morden in Catherines Leben zu tun haben, eines sogar quasi 1:1 den aktuellen Fall wiederspiegelt.

Basic Instinct also, der Film mit dem berühmtesten Muff-Shot der Geschichte Hollywoods. Es ist ganz interessant, denn der Film mag nicht Verhoevens blutigster sein, auch wenn er mit dem roten Saft aufwarten kann, ist aber wohl sein bisher explizietester, einfach schon durch die Länge und Anzahl der Sex-/Nacktszenen. Und dennoch ist er überraschenderweise bisher zumindest von seinen Hollywood-Outings derjenige, der jeglichen Trash-Faktor missen lässt, sondern wirklich ein eiskalter Thriller mit Noire-Einschlag darstellt.

Tatsächlich ist der Sex beispielsweise immer angebracht und Story-fördernd, wenn es um die schwarze Witwe Catherine geht und ihre Psychospielchen. Dabei immer das Verwirrspiel, ob sie nun wirklich eine Mörderin ist, die es genießt verdächtig zu erscheinen und dennoch alle bei der Nase zu führen. Oder ob sie einfach der Aufregung wegen ihre Spielchen treibt und doch unschuldig und einfach nur etwas schräg ist. Nick verrinnt sich da immer weiter im Netz aus Lügen, verwirrenden Halbwahrheiten und Doppelmeinungen, und gutem Sex.

Macht Basic Instinct für mich bisher zu einem Highlight in Verhoevens Repertoire, denn ich fand ihn echt spannend, echt clever, und wirklich hübsch anzusehen, immer Stil-sicher den Neo-Noire-Ton treffend. Definitiv auch ein Beispiel wo die unterkült-distanzierte Art der Charaktere, die mich bei ein paar anderen Verheovens störte, der Atmosphäre zuträglich ist.

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Verhoeven Wednesday – Total Recall

ava-1780Nach RoboCop durfte Paul Verhoeven mit Total Recall gleich einen weiteren Klassiker des Hollywoodschen Action-Kinos schaffen. Und dabei wäre der Film vielleicht nie zustande gekommen, hätte sich Star Arnold Schwarzenegger nicht persönlich dafür eingesetzt ihn aus der Development Hell zu hieven.

Es ist mal wieder die Zukunft, und keine ganz so rosige, zumindest nicht für die Marsbewohner, die vom Inhaber eines Megakonzerns ausgenutzt werden, was zu offener Rebellion führt. Douglas müsste das eigentlich wenig scheren, denn er führt ein bescheidenes aber glückliches Leben als Bauarbeiter mit seiner Frau auf der Erde. Wären da nicht die seltsamen Träume, die er vom Mars und einer mysteriösen Fremden hat.

Um sich die zu befriedigen geht er zur Firma Rekall, die einem eine Reise zu jedem erdenklichen Ziel versprechen – denn man fliegt nicht wirklich hin, sondern bekommt sie direkt ins Gedächtnis eingepflanzt, dem Hirn wird also lediglich vorgegaukelt, all dies geschehe tatsächlich. Wenn schon denn schon, und so lässt sich Douglas dazu überreden, neben der Marsreise auch noch das spannende Programm eines Geheimagenten mit mysteriösen, weiblichen Kontaktperson zu buchen.

Doch mittendrin triggert Douglas‘ verschollene Erinnerung daran, dass er tatsächlich ein Spitzel ist, der von der Agency nur sein Gedächtnis gelöscht bekam. Mit Agenten jener liefert er sich auch sofort eine Schießerei, sowie ein Kampf mit seiner Frau, die nur auf ihn angesetzt war zu kontrollieren, dass das implantierte falsche Normalo-Leben auch Fuß gefasst hat. Die Lösung zu allen Rätseln um seine ehemalige Person und warum die Agency sie löschen wollte befindet sich natürlich nirgends anders als auf dem Mars.

Sprich es geschieht letztendlich genau das, was sich Douglas eigentlich bei Rekall virtuell realisieren lassen wollte. Aber ist das alles nur ein Zufall eines besonders witzig aufgelegten Kosmos, oder geschieht all dies vielleicht tatsächlich gar nicht, sondern ist das für Douglas‘ Hirn als echt empfundene Erlebnispacket? Und wenn all dies echt ist, ist Douglas dann Teil der Rebellenbewegung, oder alles ein perfides Spiel ihn als perfekten Maulwurf in sie einzuschleusen? Damit spielt der Film dann auch mal kurz, wenn auch leider nicht sonderlich lange, man kann sich ziemlich schnell denken worauf dies wirklich hinauslaufen wird. Wobei sich der Film wenigstens erlaubt ein wenig ambitioniert zu enden, nämlich mit der Erfüllung der Machtfantasie, aber eben weil alles so perfekt nach Programm lief nie klärend, ob das nicht doch nur die Rekall-Reise war, Douglas sozusagen 5 Minuten, nachdem der Film beendet ist, nicht doch aufwachen würde.

Etwas Kritik an Großkonzerne ist auch wieder drin, nehme ich mal an. Oder auch nicht, irgendwie sind die Bösewichte dafür eigentlich etwas zu cartoony evil. Ich mein, die verlangen Geld für Sauerstoff, was uns natürlich immer so etwas wie klar überspitze Botschaft vorkommt… aber mal logisch gedacht, natürlich würde ein endliches, ja sogar zu produzierendes Gut auf einem Planeten ohne eigene Atmosphäre kosten. Frische Luft wäre etwas, für dass Geld ausgegeben werden muss, wenn sie keine Selbstverständlichkeit wäre. Wir zahlen ja auch für Wasser und Nahrung, obwohl wir sie unabdingbar zum überleben brauchen, eben weil sie uns erst abgepackt geliefert werden müssen.

Is ja egal, Verhoeven mag seine over the top Sachen, Schnauzerzwirbelnde Fieslinge gehören da genauso dazu, wie die extreme und eigentlich dadurch wieder komische Gewaltdarstellung, dreckige Zukunftsvision mit mutierten Freaks, sowie eine Titte oder drei in die Kamera zu halten. Sprich mal wieder alles, was zu gut unterhaltenden Schauwerten in einem Action-Streifen gehört, der eben erneut nicht ganz so dämlich ist, wie er sein könnte, dank einem zumindest etwas ambitionierteren Scripts.

Nach so einem Film im O-Ton fällt mir allerdings mal wieder auf, warum die Kalifornier den guten Arnie zum Gouverneur gewählt haben: So schlecht wie der schauspielert, kann der doch sicher gar nicht überzeugend die Bevölkerung anlügen.

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Verhoeven Wednesday – RoboCop

ava-1778Es hat 8 Filme gedauert, aber nun kommen wir auch zu den Verheovens, die (außerhalb Hollands) ein kommerzieller Erfolg waren und ein breiteres Publikum kennt. Direkt mit RoboCop, der anschließend eine ziemliche Franchise gespannt hat. Macht ja auch Sinn, der hehre Polizisten-Roboter verkauft sich natürlich gut, gerade auch bei Kids, für die allerdings der Original-Film eher wenig gedacht ist. Wie man beim Namen Paul Verhoeven eigentlich wissen könnte.

Jedenfalls ist es eigentlich eine recht schnörkellose Murder-Revenge-Handlung mit ein wenig Zukunft-Dystopie. Und zwar angesiedelt in einem Verbrechens-verkommenen Detroit, was in 1987 vielleicht auch gar nicht mal so abwegig erschien. Die Boomtown der 50er und 60er befand sich ja anschließend im freien Fall, selbst heutzutage bei nur ungefähr der halben Einwohnerschaft der Hochzeit stehend, und in den 80ern und frühen 90ern hatten ein paar amerikanische Innenstädte ein Image-Problem – wo in New York nun die Disney-Meile ist herrschte ja auch mal Prostitution und Verbrechen.

Detroit also, mit einer vom Verbrechen regierten Innenstadt, einer überforderten Polizei, bei der regelmäßig Beamte nicht lebendig vom Einsatz zurück kommen. Und mit OCP einem Megakonzern, der sowohl diese Innenstadt aufgeräumt sehen will, um eine Modellstadt draus zu machen, sowie im Privatisierungspush sich die Polizei geschnappt hat.

Alex Murphy hat einen beschissenen ersten Tag auf dem neu zugeteilten Polizeirevier, wird er doch direkt von einer Gang nach allen Freuden des Sadismus hingerichtet. Perfekt um ihn zum neuen Cyborg-Prototypen Robocop zu machen. Schneller, besser, unkaputtbarer, wird jener schnell zu einer Image-Ikone. Bis sich seine menschliche Seite ins Programm einklinkt und seine Peiniger zur Strecke bringen will.

RoboCop also. Der kommerzielle Vollerfolg und richtige Hollywood-Durchbruch für Verhoeven, der es sogar in die Criterion Collection geschafft hat, wo sich eigentlich nur ausländische und Arthouse-Filmchen finden. Und Michael Bays Armageddon… für die Randomness der Sache. RoboCop passt dort vielleicht doch etwas besser rein, ich fand Armageddon zwar Ok, aber es ist halt doch ein absolut dämlicher Film, was ihm am Unterhaltungswert ja nicht abgängig sein muss. RoboCop ist da tatsächlich etwas smarter. Vordergründig als reiner Action-Streifen funktioniert er natürlich auch, wie gesagt ist die Haupthandlug recht simpel, die Welt schön dreckig, und die Action brachial und mit viel Blut bestückt. Aber der Subtext an Satire und Sozialkritik sind auch da. Wenn die erste Gewaltspitze im Film so übertrieben ist und jemand auch noch „Ruft einen Notarzt!“ brüllt, obwohl das Opfer fast in alle Einzelteile zerschossen wurde, ist das so überspitzt dämlich, dass man einfach Schmunzeln muss. Wenn Werbung für das neueste Automodell „6000 SUX“ gemacht wird. Wenn jemand den Nerv hatte, RoboCop mit vielen käsigen Sprüchen a la Schwarzenegger zu programmieren.

Was mir als Einziges erneut vielleicht etwas abgeht, ist die Menschlichkeit. Verhoevens Charaktere wirken immer zu sehr wie die Bauern in einem Spiel, nicht wie Menschen um die ich mich viel schere. Das passt mal besser und mal schlechter zu seinen Filmen. Jedenfalls bin ich dann zumindest nicht sonderlich in den Szenen investiert, wenn Robocop seine menschliche Seite wiederentdeckt oder von seiner ehemaligen Familie träumt. Aber jene Szenen sind in der unterhaltenden Action-Gaudi sowieso eher sekundär.

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Verhoeven Wednesday – Flesh + Blood

ava-17761985 schaffte es Paul Verhoeven also endlich, sich von der niederländischen Filmbranche abzukapseln, mit der hauptsächlich aus Hollywood finanzierten, internationalen Co-Produktion Flesh + Blood. Das muss man sich mal vorstellen: Verhoeven verlässt das als liberal gesehene Holland, und schaut ausgerechnet nach Hollywood, weil er freier und weniger kritisiert seine Filme machen will! Hat zumindest für die erste Produktion auch nicht ganz gefunkt, denn in Flesh + Blood wurde Verhoeven so viel reingeredet, dass er sich anschließend schwor nie wieder Kompromisse einzugehen.

In den 80ern waren Fantasy-Epen in, und Verhoeven hat ja gewisse Ersterfahrung bereits mit er TV-Serie Floris gemacht, bei der ebenfalls bereits Rutger Hauer die Hauptrolle übernahm. Was Paul Verhoeven allerdings in Flesh + Blood abliefert, schwimmt ziemlich gegen heroische High Fantasy, und ist dreckig, fies, unangenehm – im Prinzip das, was Game of Thrones im Vergleich zum Herrn der Ringe ist.

Verwurzelt sich auch wesentlich stärker in der Realität, denn wir sind in keiner Mittelalterfantasy-Welt, sondern im tatsächlichen Westeuropa der fünzehnhunderter Jahre. Der adlige Arnolfini hat die Vormacht über seine Stadt verloren, heuert Söldner an, um sie zurückzuerobern. Unter dem Versprechen, dass sie 24 Stunden lang rauben und vergewaltigen können, so viel sie wollen. So bekommt man arme Schwerter motiviert für einen zu kämpfen, nicht mit dem versprechen von Ruhm, der kein Brot auf den Teller bringt. Martin und seine Truppe gehören zu jenen.

Doch sobald die Stadt wieder in Arnolfinis Händen ist, fällt dem auf, dass man eine Stadt, die nun wieder einem gehört, vielleicht doch nicht plündern lassen sollte, also lässt er alle, die ihm zum Sieg verholfen haben, wieder vertreiben. Auch Martins Truppe trifft es hart, der (wahrscheinlich, da vögelt ja auch jeder mit jedem) von ihm gezeugte Sohn ist eine Totgeburt. Beim aufgefundenen Bildnis des Schutzheiligen und Namensvaters St. Martin schwören sie sich, dass sie unter Martins Leitung zu Reichtum gelangen werden, und alles gerecht untereinander teilen.

Arnolfini derweil hat seinem Sohn Steven mit Agnes eine hübsche, junge Braut einreiten lassen, die prompt in den Angriff Martins Gruppe gerät, einfach mal schnell mit entführt und vergewaltigt wird. Anschließend hilft sie denen dabei, eine Burg einzunehmen, und schon ist sie Teil der Bande, dadurch geholfen, dass sie sich sofort an Martin hängt. Insgeheim hofft sie natürlich, dass Steven sie retten kommt, der sich auch bereits auf den Weg gemacht hat.

Wie gesagt schwimmt Flesh + Blood stark gegen den Strom der Fantasy-Heldensagen, in denen Gut gegen Böse mit glitzernden Kettenhemden und leuchtenden Schwertern gegeneinander antreten, um hübsche Jungfrauen aus Nöten zu erretten. Adlige brechen ihr Wort, das Love Interest kalkuliert genau, mit wem sie schlafen muss, um möglichst in ihrer Situation gut zu stehen, Martin und Truppe stehlen und vergewaltigen mit sichtlicher Freude, Priester machen da überall gern mit, Todgeburten, Dreck, die Pest – und am Ende sind fast alle tot. In Flesh + Blood gibt es tatsächlich kein Schwarz oder Weiß, sondern nur graue Charaktere.

Das ist also genau das, was ich mir bei der ersten Staffel von Game of Thrones gewünscht hatte: Es gibt keine Starks. Keine unreflektierten Gutmenschen, die das fiese Spiel nicht mitspielen, um überleben zu können. Dummerweise hat Flesh + Blood aber auch so keine interessanten Charaktere. Es gibt keine Lannisters, die so richtig unterhaltsam gemein und planend sind. Es gibt keine sympathische Brienne von Tarth. Nur jede Menge Leute, die tun, was sie zum Überleben tun müssen, aber doch dabei alle nicht ganz sympathisch sind. Dafür hat Martins Bande an ihren Schandtaten zu viel Freude, oder ist Agnes zu berechnend und skrupellos.

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Verhoeven Wednesday – De vierde man

ava-1769Das 1983er De vierde man ist der letzte niederländische Film Verhoevens für die nächsten 20 Jahre gewesen, und hier fällt nach dem Ausreißer Spetters das Übliche Zusammen: Basierend auf einem gleichnamigen Buch, produziert von Rob Houwer, und Jan de Bont für die Kameraarbeit. Lediglich Rutger Hauer setzte nach vier Filmen diesen hier aus. Ganz ohne Schauspieler früherer Werke musste Verheoven allerdings nicht auskommen, spielen doch Renée Soutendijk (Spetters), Jeroen Krabbé (Soldaat van Oranje, Spetters) und Dolf de Vries (Turks Fruit, Soldaat van Oranje, Spetters) mit.

De vierde man ist nach Wat zien ik der bisher einzige Verhoeven-Film, der mir wirklich rundum gefallen hat. Der gute Mann hat mich noch nie gelangweilt, noch fand ich irgendeinen Film schrecklich, doch bei allen anderen habe ich mich an kleinen oder größeren Dingen gestoßen gehabt. Nicht so bei De vierde man, dessen Sales Pitch ich mal frei “if David Lynch made Basic Instinct” nennen würde.

Gerard ist Schriftsteller und reist von Amsterdam nach Vlissingen, wo er vor einem Literaturclub einen Vortrag hält. Gefilmt wird er von deren attraktiven Kassenwärtin Christine, die ihn dazu überredet doch lieber noch die Nacht im Ort zu verbringen, so können die beiden dann auch miteinander im Bett landen. Während alldem hat Gerard übrigens diverse Vorahnungen. Wiederholt träumt er von einer Fremden in Blau, die er während der Zugfahrt sah, und die eine Apfelschale wie einen Heiligenschein bei ihrem Säugling hielt. Ein Bild von dem Hotel, von dem sich später rausstellt, dass in Vlissingen ein Zimmer für ihn gemietet war, hing auch dort. Ein Bild von Samson und Delilah ebenso.

Und dann, nachdem die Frau in Blau ihn mit einem Schlüssel, der zunächst wie ein Revolver aussah, durch eine Türe mit Buntglasfenster in eine Krypta gelotst hat, in der drei geschlachtete Rinder hängen, die Milchkannen darunter mit ihrem Blut gefüllt… wacht er auf, rechtzeitig dafür, dass Christine ihm mit einer Schere den Penis abschneiden kann. War aber auch nur ein Traum. Oder doch eine Vorahnung?

Denn Christine hat ihn mit zu sich nach Hause genommen, wo sie auch den von ihr geleiteten Schönheitssalon unterhällt. Genannt ist er Sphinx, doch die Anzeige ist leicht kaputt und zeigt nur “Sp in “ (übersetzt Spinne, der Film beginnt übrigens mit einer solchen, die einer Fliege verspeißt), wo sie natürlich auch mit scharfen Friseursscheren handtiert, eine Komsetiklinie mit Namen Delilah unterhält, und wo die Frau aus dem Zug Gerard etwas über Vorahnungen und das man besser auf jene hören sollte, erzählt.

Doch Christine ist bereits dabei Gerard in ihrem Netz einzuweben. Mit Sex, gutem Essen, viel gutem Gesöff. Und indem sie ihm nebenbei wie zufällig auf ihr freimütig geteiltes Vermögen aufmerksam macht, genau wie auf ihren anderen Geliebten, einen attraktiv-muskulösen Kerl, der Gerard bereits am Bahnhof auffiel. Fast so, als wüsste sie, dass Gerard arm, Alkoholiker und bisexuell ist.

De vierde man ist ein äußerst interessanter Thriller, bei dem man allerdings bis zum Ende nicht wissen wird, was genau abgegangen ist. Christine kommt schon rüber, als würde sie all dies genau planen und Gerard, der zunächst noch denkt sie auszutricksen, genau dahin manipulieren, wo sie ihn haben will. Ob sie allerdings wirklich eine eiskalte Mörderin ist, wird nie geklärt. Vielleicht bildet sich Gerard nämlich alles auch nur ein, der ja selbst zu Beginn sagt, dass er als Katholik und Schriftsteller eine äußerst ausgeprägte Fantasie hat, und deswegen so überzeugende Geschichten schreiben kann, weil er sie sich selbst wiederholt vorsagt, bis er selbst daran glaubt – “wahre Lügen erzählen” nennt er dies.

Das Ganze wird nicht nur sehr sexy und mit einigen Gewaltspitzen inszeniert, sondern auch so mit viel optischen Rafinessen und wiederholter Symbolik. Die Spinne zu Beginn und Ende, wiederfindend in der kaputten Sphinx-Leuchtreklame. Die Träume von der Frau in Blau, die ihm vage Wege weist. Die wiederkehrende religiöse Symbolik, bei der sich Gerard schon mal den knackigen Geliebten in winziger Badehose am Kreuze vorstellt und zu betatschen beginnt. Das wiederkehrende Rot, ob als Blut, als Schal, als Warnflagge, oder als Blütenblätter, die der Wind Gerard entgegen wirbelt. Der Film ist herrlich anzusehen, wirklich.

verhoeven06