Oz 2&3

ava-1535Buch Nummer 2 und 3 aus der über hundert Jahre alten Oz-Reihe von L. Frank Baum sind also gelesen. Beide erneut durch die TV-Serie leicht bekannt, hiernach sollte es also wohl überraschender werden… oder zumindest neuer, als Erwachsener überrascht in einem Kinderbuch dank größerem Erfahrungsschatz dann ja nicht mehr so viel direkt.

Interessant an The Marvelous Land of Oz ist wohl direkt, dass Dorothy hier keine Rolle spielt, da sie ja am Ende des ersten Buches nach Kansas zurückbefördert wurde. Stattdessen folgen wir dem Jungen Tip, der von der alten Hexe Mombi großgezogen und als billige Arbeitskraft missbraucht wird, bis jene ihn zu einer Statue machen will. Woraufhin er mit dem frisch von Mombi zum Leben erweckten, aber von ihm gebauten, Kürbismann gen Smaragdstadt wandert, um die Vogelscheuche zu besuchen, welcher aber von einer Rebellenarmee an Mädchen verjagt wurde.

Was mir ja wirklich an den Oz-Büchern gefällt, ist die Schreibweise, die mich etwas an die Alice-Bücher erinnert, da auch hier Wörter und Bedeutungen verdreht und zu wörtlich ausgelegt werden, und alle Charaktere so ein wenig auf naiver Kinderlogik arbeiten. Wenn die frisch zum Leben erwachten Kürbismann und Holzpferd gefragt werden, was sie so alles wissen/können, woraufhin sie nur antworten, dass sie das unmöglich beantworten können, da sie ja erst wenige Minuten lebendig sind, und deswegen keine Vergleichsmöglichkeiten haben, was es in der Welt alles zu wissen und können gibt. Oder wenn die Vogelscheuche meint, dass sich die Anführerin der Rebellen des Hochverrats schuldig gemacht hat, weil sie den König – also ihn – gestürzt hat, und deswegen gegen sie gezogen werden muss, woraufhin der Zinnmann nur meint, dass sie sich dann ja auch des Hochverrats schuldig machen würden, da sie ausziehen die sich zur Königin ernannten Anführerin zu stürzen, was übrigens darauf hinausläuft, dass sich alle einig sind, dass es in der Natur von Gesetzen liegt, dass sie unverständlich und unsinnig sind.

Etwas in modernen Zeiten fragwürdig mag eventuell zunächst die Rebellenarmee erscheinen, die komplett aus Mädchen besteht, die die Smaragdstadt erobern wollen, weil sie die Juwelen für sich haben wollen, was zunächst schnell sexistisch erscheinen mag. Allerdings werden dann so Dinge eingestreut, wie das sie die Macht auch haben wollen, um nicht mehr ungedankt für niedere Hausarbeiten herhalten zu müssen – ja wenn die Männer in der Smaragdstadt jene „Frauenarbeit“ verrichten müssen, alle etwas geschockt darüber sind, was das doch für ein Drecksjob ist. Und letztendlich haben wir ja dann mit Ozma eine Vagina als Thronerbin, sowie das Land von Glinda, in dem alle wichtigen Positionen von Frauen eingenommen zu sein scheinen, was jenen Vorwurf schnell wieder abprallen lässt.

Ozma of Oz gibt uns dann Dorothy zurück, spielt dafür im Prinzip gar nicht in Oz. Stattdessen landet sie, nachdem sie Schiffbrüchig geht, im an der Wüste um Oz angrenzenden Land Ev, wo sie auf Tiktok trifft, der ihr erzählt, dass die Herrscherfamilie abhanden gekommen ist. Der Gnomkönig hat nämlich die Königin und ihre 10 Kinder in Nippes verwandelt. Ozma taucht tatsächlich auch auf, will sie doch dem Nachbarland wieder einen rechtmäßigen Herrscher geben, was zum bekannten Moment führt, wenn alle versuchen müssen, die verwandelten Personen aus den vielen Dekoartikeln rauszuraten, ansonsten werden sie selbst zu einem.

Ich kann sogar ein Stück weit sehen, warum man sich bei Return to Oz dazu inspiriert fühlte, das ganze Ding düster aufzuziehen. Mal abgesehen davon, dass Kindergeschichten/Fabeln einen Alptraum-Touch zu geben beliebt ist, seit es die Brüder Grimm gibt. Die Wheeler gleich zur Ankunft in Ev drohen Dorothy mit dem Tod, auch wenn wir kurz darauf herausfinden, dass das alles nur heiße Luft ist und die ganz harmlos sind. Die vorübergehende Herrscherin von Ev hat tatsächlich ein Kabinett mit 30 verschiedenen Köpfen und will Dorothys ihrer Sammlung einverleiben. Der König von Ev hat seine Familie an den Gnomenkönig verkauft, nachdem er seinen Fehler einsah Selbstmord begangen. Tiktok erzählt uns von den beiden Mechanikern, die ihn hergestellt haben, von denen einer verschwand, der andere bei einem Unfall starb. Ozma of Oz wartet zu Beginn der Geschichte ganz schön mit Tragik auf.

Interessant fand ich vor allem aber, dass in jeder Adaption es Dorothy ist, die austüftelt, welche Gegenstände die Personen sind, während es im Buch die sprechende Henne ist, die sie dabei hat, und zwar schlichtweg, weil sie den Gnomenkönig gehört hat, als er den Trick preis gab. Und was ich ja auch immer ganz herrlich finde, ist, wie blase die Charaktere teilweise sind. Wenn sich Dorothy mitten im Pazifik auf einem Floß wiederfindet, entreißt ihr das kaum einen Kommentar, außer dem kurzen Gedanken, wie sie wohl an Essen kommen soll falls sie hungrig wird. Wenn Dorothy im Turm eingesperrt ist und der Vogelscheuche Hilfe entgegen ruft, meint der nur, dass sie dort oben doch absolut sicher vor jeglicher Gefahr ist, demnach keine Hilfe brauchen sollte.

Auch interessant fand ich, dass das Buch für den größten Teil über keinen direkten Antagonisten hat. Die Prinzessin, die Dorothys Kopf haben will, sperrt sie lediglich ein, lässt sie kurz darauf auf Wunsch von Ozma wieder frei. Der Gnomenkönig hat, wie die Charaktere richtig feststellen, ja eigentlich nichts falsch gemacht, ist der König von Ev mit ihm doch einen fairen Tauschhandel eingegangen: Familie gegen langes Leben. Und nachdem sie dem Gnomenkönig gegenüber meinen, dass weil er sich anschließend umbrachte, er kein langes Leben hatte, somit das Geschäft nichtig ist, meint der wie ein gutmütiger Weihnachtsmann daherkommende Gnom nur, dass er sehr wohl Leistung erbracht hat, die der König dann nur aus dem Fenster warf. Gegen Ende stellt sich heraus, dass er ein Trickster und Lügner ist, aber die meiste Zeit über wird der Gnomenkönig als lustiges Männchen, dem man theoretisch keine Übeltat vorwerfen kann, dargestellt.