Adventure Week: NightCry

Im modernen Zeitalter des Crowdfundings kann man sich natürlich daran versuchen alle möglichen Spielkonzepte umzusetzen oder zurückzubringen. Beispielsweise auch Nischenserien wie Clock Tower und dann noch in ihrer nischigeren Form im Point and Click Interface. Und so war eines der vielen Kickstarter-Projekte dann auch Project Scissors, ein spiritueller Nachfolger zur Clock-Tower-Serie, unter Schirmherrschaft von Hifumi Kondo, dem wir die ersten drei Teile Pre-Capcom zu verdanken haben, mit einem Scissor-Walker-Design von Silent Hill Koryphäe Masahiro Ito und einem Live Action Teaser Trailer vom Ju-On Regisseur Takashi Shimizu.

Klingt ja erst mal nach Prestige, dieses Lineup. Allerdings war Project Scissors zunächst nur als Mobile-Game geplant, bekam anschließend Versionen für Vita und PC hinzugefügt, Stretch Goals für Xbox One und PlayStation 4 wurden genauso nicht erreicht, wie jenes für ein Bonuskapitel und weiteren spielbaren Charakter. Die PC-Version erschien letztendlich mit leichter Verspätung als NightCry in 2016, die Vita-Variante obwohl vorher geplant erst Anfang dieses Jahres, und das ursprüngliche Smartphone-Release lässt noch auf sich warten. Klingt schon etwas suspekter.

Im Nachhinein möchte ich alles zurücknehmen, was ich an Clock Tower 3 bemängelt habe, und sehe selbst Clock Tower: Ghost Head/The Struggle Within in einem leicht besseren Licht. Und gerade das sollte ziemlich viel über NightCry aussagen, wenn im Vergleich selbst Ghost Head ein bisschen weniger scheiße rüberkommt.

Das fängt schon mit dem Kontrollschema an. Point and Click funktioniert einfach nicht, zumindest nicht in einem Setting wie NightCry. Denn das Spiel findet in einer komplett begehbaren 3D-Umgebung statt, allerdings mit ständig wechselnden Kameraperspektiven, die ganz Survival Horror auch gern mal einen das Kommende nicht zeigen, weil das atmosphärischer ist. Point and Click funktionierte auf dem SNES und den beiden PlayStation-Teilen, weil deren Umgebung auf einer starren 2D-Ebene stattfand und fast alles immer im Blick blieb. Vorgegebene, sich wechselnde Kameraperspektiven funktionieren in Clock Tower 3, weil nach vorn zu drücken den Charakter immer in diese „Vorn“-Richtung gehen lässt, welche beim Start des Drückens vorn war, auch wenn die Perspektive sich ändert. Es gibt aber nichts Schlimmeres, als in einem kompletten 3D-Lokal wild überall rumklicken zu müssen, um in gewissen Ecken zu kommen, nach Interaktionsspots zu suchen, oder weil der Charakter den Input etwas zu weit vorn oder hinten registriert. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Spiel atmosphärisch den Charakter den Flur heruntergehen lässt, dabei aber in die Richtung zeigt, aus der er gelaufen kommt, und lediglich fünf Schritte vor ihm hängt, so dass den ganzen Gang hinweg ständig ein paar Zentimeter vor den Charakter am Bildschirmrand gehämmert werden muss, damit derjenige weiterhin in diese Richtung läuft. Und wenn sich die Perspektive plötzlich ändert und in einen Seitenraum hineinblickt, das wilde Klicken dazu führt, dass man ihn wo ganz anders hinsteuert oder im Zweifelsfall wieder den gekommenen Weg zurück wandern lässt. Ich kann gar nicht zählen, wie häufig ich schlichtweg davon genervt war, einen der Charaktere ganz einfach durch die Umgebung bewegen oder zu einem Interaktionsspot gehen lassen zu wollen.

Extrapoliert werden jene Probleme natürlich dann, wenn der Scissor Walker erscheint und das Klicken wilder wird, die Fehlerquote zu einem Game Over führen kann. Zusammen damit, nun wirklich verzweifelt nach den paar Interaktionsspots zu suchen, die einen entkommen oder verstecken lassen. Dies kommt übrigens auch gern mit QTEs, um während des Versteckens still zu bleiben. Run and Hide ist eine Sache, die durch Spiele wie Amnesia und Outlast im Survival-Horror-Genre popularisiert wurden. Das Problem bei NightCry ist halt, dass es fest Speicherpunkte hat. Zum Serienkonzept hat es halt immer schon gehört, dass es ein gewissen Trial and Error gibt. Man kann bei der Flucht vor dem Killer tatsächlich mal kein Versteck rechtzeitig finden, oder weil man es mehrmals benutzt funktioniert es plötzlich nicht mehr. Aber auch so kann bei der Interaktion mit allen möglichen Dingen diese entweder hilfreich zum Vorankommen sein, zu einem Scare führen, oder den Charakter auch schlichtweg umbringen. Das funktioniert in Clock Tower fürs SNES, da es einen – ganz wie Amnesia später – direkt dort wieder anfangen lässt, wo man gestorben ist. Die PlayStation-Teile lassen einen jederzeit speichern. NightCry kennt manuelle Saves durch das Aufladen des Smartphones an Ladestationen und sporadische Autosaves, allerdings nur einen einzelnen Spielstand. Das macht das Herumprobieren und etwaige Ableben natürlich viel nerviger, wenn wiederholt Teile erneut gespielt werden müssen. Abgesehen davon kann auch in NightCry ein frühzeitiges der insgesamt 8 Enden erreicht werden, wenn Kapitel vorher bereits ein obskurer Trigger nicht gelegt wurde. Und das bei einem sich ständig überschreibenden Speicherstand.

Dass dies eine blöde Idee ist, ist ausnahmsweise aber auch den Designern mal irgendwie aufgefallen. Deswegen hat NightCry ein Chapter Select. Hier sind die Kapitel in kurze Szenen unterteilt (je 2 für die ersten beiden kurzen Kapitel und 6 für das lange Finale), sowie wird einem sogar gezeigt, wann etwas zu tun oder zu unterlassen die Weiche in ein Game Over oder frühzeitiges Ende führte. So gesehen können jederzeit bereits gesehene Szenen erneut gespielt und anders gemacht werden, um zu einer neuen Klimax zu kommen. Soweit zumindest die Theorie, denn bei meinem Spielen geschah es just, dass dieses Chapter Select kaputtging und sich nach Kapitel 1 nicht mehr updatete.

Allgemein scheint das Spiel kein super optimiertes zu sein, denn zumindest bei mir lief es von den FPS auch etwas arg schwankend über die Bühne. Und das, obwohl es wirklich potthässlich ist. Die Charaktermodelle sind nicht nur simpel, sondern auch extrem merkwürdig animiert, die Haarphysik der beiden Mädels absolut wahnsinnig, auf Lippensynchronität wird beim Voice Acting erst gar nicht geachtet, und einige Szenen sind total merkwürdig, weil sie wie welche erscheinen, die Sprachausgabe hätten haben sollten, die Charaktere allerdings in kompletter Stille ihr Mimikry veranstalten.

Nicht das die Story viel hermachen würde. Das ist zugegeben nie der starke Punkt gewesen. Die Clock Towers waren immer sehr inspiriert von B-Horror-Shlock. NightCry macht hier allerdings den gleichen Fehler wie Ghost Head und verkompliziert die Sache unnötig, ohne wirklich jemals was gut zu erklären. Es gibt einen Kult, dem irgendwie plötzlich jeder angehört, einen babylonischen Mythos, geheime Familienzugehörigkeiten und einen übernatürlichen Scissor Walker, der sich etwaig kontrollieren lässt und im besten Ende dann einfach verschwindet. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen, denn so richtig erklären tut sich NightCry eben auch nie, und viele Charaktermotivationen scheinen aus dem Nichts zu kommen.

Immerhin nur gemischter Gefühle bin ich, wenn es um die Todesarten geht. Interessante, unheimliche oder lachhafte Tode waren immer der große Pluspunkt der Serie. Selbst Clock Tower 3, bei all meiner Meckerei, ist ein absolut irrsinniges Spektakel gewesen. NightCry hat das zum Teil. Sich beispielsweise in einer Waschmaschine als Monica zu verstecken, führt dazu, dass der Scissor Walker das Ding einfach anstellt und die Arbeit für ihn übernehmen lässt. Der erste Tod an den Scissor Walker, wenn der Kerl einfach in den Automaten gezogen wird, ist herrlich blutig und gleichzeitig lachhaft. Es gibt nette Hommages an die früheren Teile, wie in einem Aufzug umgebracht zu werden, mit Kamerablick von außen; oder ein Monster hinter einem roten Vorhang zu finden beispielsweise. Aber es gibt hier auch viel, was unspektakulärer Füller ist. Ein Großteil der Game Over Tode im zweiten Kapitel sind beispielweise vom Kult entdeckt zu werden. Da ist der erste schon wenig spektakulär, denn der Spielercharakter steht in der Mitte des Bildes, drei maskierte Gestalten treten auf ihn zu, und das Bild wird schwarz während er schreit. Allerdings sind alle weiteren Tode an den Kult genau die gleiche Szene, lediglich in einen anderen Raum versetzt.

Ich glaube NightCry ist einfach ein gutes Beispiel dafür, was bei Crowdfunding alles schiefgehen kann, selbst wenn das Projekt an sich zustande kommt, und das auch noch relativ zügig (zumindest in der PC-Version). Die Ambition hier ein Clock Tower für die neue Generation an Run and Hide Survival Horror zu erschaffen, ist eindeutig dagewesen. Aber so ein Budget reicht halt doch nicht ganz so weit, wie man das als jemand, der nicht in Game Developement ist, gern denkt. Kein Wunder, wenn beispielsweise suggeriert wird, dass ein Shenmue III auf läppischen 2 Millionen entstehen könnte. Das ist nämlich, was ich denke, was in NightCry wirklich schiefgelaufen ist. Das Geld war einfach nicht da, um das zu liefern, was man liefern wollte. Und ein Stück weit die Expertise nicht, um das Spielkonzept anständig zu modernisieren, wie man am starken Reiben des Blickwinkels gegen das Steuerschema erkennt. Aus Motivation, Willigkeit und gutgemeinten Versprechen lässt sich eben nicht zwangsläufig ein gutes Spiel machen, wenn’s an diversen Ressourcen mangelt.