Captain Tycho’s Gay Space Adventures

Kommen wir mal zu etwas Anderem. Oder auch nicht wirklich ganz. Point and Click Adventures sind so speziell ja nun nicht, gerade in der Indie-Szene. Luke Millers Duologie My Ex-Boyfriend the Space Tyrant und Escape from Pleasure Planet kommen allerdings mit regenbogenfarbigem Gay-Zuckerguss daher.

Captain Tycho Minogues erstes Abenteuer, My Ex-Boyfriend the Space Tyrant, ist dann auch erst mal weitestgehend harmlos. Der „Gays in Space“-Aufmacher wird natürlich dafür benutzt, überzeichnet-kurzweiligen Humor zu bieten. Mit vielen Anspielung etc. Alle Charaktere sind junge Hunks, alle herzlich wenig an den sowieso kaum existenten Frauen interessiert. Wenn Tycho runtergebeamt wird, geht ihm dabei das eh schon nur aus Hot Pants und Crop Top bestehende Outfit verloren und er findet sich in Unterwäsche wieder. Im Aufzug bekommen wir einen Shot von seinem Hinterteil in die Kamera gehalten, während der Aufzug kommentiert, dass er ihn gern in sich hat und so weiter.

Das ist selbstverständlich alles etwas arg flach und wenig clever. Versucht es aber auch gar nicht zu sein. Eher eben auf einem basischen Level ganz Schmunzelbar, aber keine großen Lacher hervorholend. Lediglich sehr gut erheitern konnte mich die Meerjungfrau, die sich zunächst darüber beschwert, dass die heißen Meermänner nicht an ihr interessiert sind, obwohl sie doch gut aussieht. Und dann tatsächlich resigniert meint, dass selbst dieses Spiel nicht dem Bechdel-Test standhält. Das war dann schon wesentlich smarter als der Witz, dass sich das Raumschiff noch in keiner Notlage befinden kann, solange die Emergency-Kästen mit Martini-Gläsern gefüllt sind.

Die Reise vom zunächst unwilligen Tycho über mehrere Planeten, um seinen angeblich zum Tyrannen ambitionierten Ex aufzuhalten, bekommt dadurch jedenfalls die nötige unernste Leichtfüßigkeit. Man stört sich wesentlich weniger an die massive Aneinanderreihung von Stereotypen, wenn dies mit einem Augenzwinkern geschieht und eindeutig nicht aus einer niederträchtigen Ecke sondern mehr dem Eigenhumor kommt. Sowas ist eben der bedeutende Unterschied zwischen einer Queen in einem Spiel wie My Ex-Boyfriend the Space Tyrant und einer in einem Persona 5, wo von oben herab über sie gelacht wird. Der cartoonige House of Morecock Look des Ganzen lässt weiterhin wenig auf falsche Seriosität vermuten.

Leider ist es spielerisch nicht ganz so ausgereift. Eigentlich gibt es auf jedem Planeten wenig zu tun und ist das akutelle Spielfeld immer auf wenige Bildschirme beschränkt. Dennoch hatte ich so einige Instanzen, wo ich schlicht jeden davon abgegangen bin, um mit jedem NPC erneut zu reden oder die wenigen Items auf jedem der wenigen Interaktionspunkte anzuwenden, in der Hoffnung, dass ich endlich weitergelassen werde. Es gibt zwar einen Nachdenk-Button, durch den Tycho einen gewissen Tipp gibt, was er meint was er zu tun hat, aber so ganz offensichtlich sind manche Lösungen nicht.

Für das Sequel, Escape from Pleasure Planet, bringe ich überhaupt gar keinen Goodwill mehr dar. Statt die kleinen Schnitzer auszumerzen und ansonsten bei dem leichtfüßig-humorigen Gayventures von Tycho zu bleiben, macht das Spiel so gut wie alles falsch.

Zunächst scheint alles Ok. Tycho wird darauf angesetzt, einen Fiesling zu jagen, dessen Kriminalitätsstatistik beispielsweise behinhaltet, dem Sohn des Präsidenten einen Kuss gestohlen zu haben. Man sollte also meinen der spaßige Ton bleibt erhalten. Tut er auch zum Teil. Allerdings treffen hier wesentlich weniger Witze auch wirklich ins Ziel. Oder vielleicht waren sie doch so Standard, dass direkt nach dem ersten Spiel gespielt, sie einfach automatisch nicht mehr so gut sitzen, wie wenn ich dazwischen eine Pause eingelegt hätte.

Scheinbar dachte sich der Macher allerdings, dass dies hier sein Magnum Opus ist, bei dem er auch endlich ernste Themen ansprechen kann. So treffen wir einen NPC an, der feinsten 4chan-Incel-Gamertalk von sich gibt. Von wegen man hat nichts gegen queere Leute, solange sie es einem nicht so unter die Nase reiben, in dem sie sich erdreisten zu existieren und der ganze Müll. Das ist an sich schon ein ziemliches „Wo kam das jetzt her?“. Aber das Puzzle jenen Homophob/Transphob loszuwerden, besteht daraus, ihn scharf auf eine Drag Queen zu machen, die ihn dann im Ganzen schluckt wie eine Schlange ihre Beute. Und ich weiß jetzt auch nicht mehr. Die Sache kommt nicht mal sonderlich humorig rüber, sondern irgendwo gemein und vor allem eher kontraproduktiv. Wenn wir später in die Traumssphären einiger Leute abtauchen, findet wir ein Mädel in der Umerziehungstherapie gegen ihre lesbischen Neigungen wieder und ein Kerl durchlebt den Traumurlaub mit seinem Freund, den sie nie hatten, weil er in einem Gay Bash totgeschlagen wurde.

Diese Dinge werden aber nie mit dem nötigen Gravitas behandelt. Die zunächst witzelnde Atmosphäre nicht dazu benutzt, einen in falsche Sicherheit zu wiegen, und die ernsten Segmente zu kontrastieren. Stattdessen sind das „And I oop“-Einlagen, die aus dem Nichts kommen, einen starken tonalen Bruch gegenüber dem eigentlich spaßigen und sich nicht ernst nehmenden Rest des Spieles darstellen. Und auch ohne größeren Kommentar einfach kurz aufblitzen und dann wird wieder zum normalen Alltag übergegangen, statt ihnen den richtigen Atmungsfreiraum einzuräumen. Sie sollen sicherlich nachdenklich stimmen, mich haben sie aber ehrlich gesagt nur irritiert.

Bei den Puzzlen beschränkt sich das Spiel ebenfalls nicht auf die Simplizität des Vorgängers. Stattdessen sind sie, auch durch die Thematik bedingt, wesentlich abgedrehter und ergeben keinen logischen Sinn. Die halbe Hint-Funktion des Nachenkens Tychos gibt es nicht mehr. Teilweise sind sie sogar zeitlich limitert. Und bieten schon mal so einen Kojima-Schmarrn wie wenn der Hippie einem sagt, man solle meditieren, dass man eine Weile einfach still rumstehen muss. Oder man solle später wiederkommen damit gelöst wird tatsächlich das Spiel zu beenden und neu zu starten. Wer kommt schon auf solche Meta-Lösungen, wenn dies ansonsten nie im Spiel benötigt wird? Es gibt schon einen Grund, warum die Accessibility-Einstellungen des Vorgängers hier um die Punkte erweitert wurden zum einen das Zeitlimit oder schlichtweg gleich alle Puzzle ausstellen zu können.

“Ganz nett” ist bekanntermaßen der kleine Bruder von “Scheiße”. My Ex-Boyfriend the Space Tyrant war dann auch ganz nett. Der Nachfolger Escape from Pleasure Planet ist der große Bruder zum Vorgänger.