Mardock Scramble – Third Exhaust

Der finale Film, The Third Exhaust, startet genau dort, wo der zweite Film aufhörte: Im Casino. Wer dachte, dass eine halbe Stunde der knappen Stunde des vorigen Films ans Glücksspiel zu verlieren, bereits eine ziemliche Zeitverschwendung war, wird hier nicht glücklicher gemacht. Auch die dritte Stunde der Saga wird zur Hälfte davon eingenommen. Damit ist ein drittel der Spielzeit von Mardock Scramble im Casino zugebracht.

Und sicherlich gibt es auch Anime, die Glücksspiel als zentrale Thematik interessant aufbereiten können. Mardock Scramble gehört aber nicht dazu. Dafür ist das immer alles viel zu einseitig. Entweder gewinnt Rune-Balot haushoch, oder sie verliert alle Spiele. Zumindest bis über ewige innere Monologe mit Oeufcoque hinter dessen Trick gekommen wurde, und Rune-Balot wieder einseitig gewinnen darf. Es gibt nie ein richtiges Tauziehen, nie einen Clash der Strategien.

Sind wir endlich aus diesem unsäglichen Casinos raus, geht es dafür umso überstürzter. Sie haben aus den Chips die Erinnerungen von Shell geholt, und finden endlich heraus, warum er Mädels umbringt. Er selbst wurde von seiner Mutter vergewaltigt, bis er jene umbrachte. Deren Asche war der erste blaue Diamant. Dann war er aber mal eine weile glücklich mit jemandem liiert, bis die ihm offenbarte, dass sie ebenfalls als junges Mädchen von ihrem Vater missbraucht wurde. Sie ist dann irgendwie auch gestorben, so richtig wie wann und warum hab ich nicht mitbekommen. Alles hat Shell dann jedenfalls so sehr mitgenommen, dass er anfing, misshandelte Mädchen aufzunehmen, sie früher oder später aber wie seine Mutter umzubringen und zu blauen Diamanten zu verarbeiten.

Die Gerichtsverhandlung gegen Shell, um die es ja eigentlich gehen soll, und für die man seine Erinnerungen als Beweise brauchte, sehen wir übrigens gar nicht. Sondern nur die Szene, wie er schon als Verurteilter abgeführt wird. Na da hat es sich doch echt gelohnt, das Casino auf eine volle Stunde zu ziehen. Musste man ja nur so eine Unwichtigkeit für einsparen, wie der eigentliche Verhandlungshöhepunkt gegen den Antagonisten.

Der entkommt und bringt seine Verlobte um, durch die er ja zur October Corp eine Verbindung hatte. Und wir finden heraus, dass auch sie von ihrem Vater, dem Oberhaupt der October Corp, misshandelt wurde. Ich schwör, Mardock Scrambles einziger Modus Operandi ist, Charaktere, die ein Trauma brauchen, eine Misshandlung anzuhängen, und Bösewichte als Pädophile darzustellen. Mardock Scramble ist das edgedordigste Anime, das ich seit RIN: Daughters of Mnemosyne geschaut habe.

Shell will den October Corp Präsidenten erschießen, der ist jetzt irgendwie wichtig, auch wenn er nur zwei Sätze im Film hatte. Hält sich dann aber doch zurück. Genauso, wie sie Shell verschont, sondern ihm nur seine Erinnerungen wieder einpflanzt, davon überzeugt, dass er dann nicht mehr mordet. Das ist wohl ihre Character Arc. Statt Oeufcoques Kräfte wie am Ende vom ersten Film im Rachewahn zu missbrauchen, behält sie einen kühlen Kopf und lässt die Rechtssprechung über sie entscheiden. Boiled will sie ebenfalls verschonen, aber der geht zu brutal gegen sie vor und lässt sein Leben. Was er aber gut findet. Und dann ist Mardock Scramble auch ziemlich sang- und klanglos vorbei.

Mardock Scramble war im Ganzen schon eine Enttäuschung. Es möchte so gerne das neue Ghost in the Shell sein, ist aber viel zu dämlich dafür. Dabei gibt es durchaus viele interessante Ansätze, die man verfolgen kann. Nicht nur was das World Building angeht, wie ich es schon beim zweiten Film bemängelte. Sondern auch Tiefenpsychologisches. Die ganze Shell-Revelation ist so kurzangebunden und abgehackt, dass man schnell die Übersicht verlieren kann. Was war genau mit seiner Freundin geschehen? Warum meint Rune-Balot, dass seine Erinnerungen ihn vom Morden abhalten werden? Ist das unterbewusste Halb-Erinnern an sein Kindheitstrauma ohne konkrete und klare Erinnerungen der Grund seiner Psychose? Hält er sich die misshandelten Mädchen, weil er sie unterbewusst als Ersatz der vergessenen Freundin sieht? Oder Boiled. Was macht es aus einem Menschen, wenn man ihm nicht nur die Emotionen nimmt, sondern auch die Not zum Schlafen? Als Supersoldat sicherlich geil, aber was macht es psychisch mit einem Menschen, nie zur Ruhe zu kommen, nie abschalten zu können?

Das interessiert Mardock Scramble aber irgendwie alles nicht. Traumata sind plakativ und möglichst fies, gleichzeitig aber doch irgendwie immer wieder das gleiche. Action-Szenen möglichst schnell und brachial. Hier und dort mal ne Titte ins Bild halten. Extreme Gesichtszüge und Reaktions-Cose-Ups. Aber wirklich spannend ist es dann dennoch nicht, wenn man plötzlich eine volle Stunde tote Zeit mit langweiligen Casino-Gesprächen füllt.

Mardock Scramble – Second Combustion

Beim letzten Mal: Die misshandelte Rune-Ballot wird von Shell in die Luft gesprengt, aber von Easter und Oeufcoque kämpferisch aufgebessert rekonstruiert, um Shell hinter Gittern bringen zu können. Der setzt jedoch Boiled auf sie an, welcher Oeufcoque erneut zu seiner Waffe machen will. Rune-Ballot dreht auf Grund ihres Machthochs kurz durch, Oeufcoque reagiert mit einer Abstoßreaktion, es sieht so aus, als hätte Boiled sie erledigt.

Dem ist natürlich nicht so, ansonsten hätten wir kaum zwei weitere Filme, es sei denn Mardock Scramble zieht einen Psycho ab und ändert plötzlich den Hauptcharakter. Tut die Reihe natürlich nicht. Gerade, als Boiled Rune-Ballot erschießen will, kommt Dr. Easter in einem riesigen Ei vorbeigeflogen und nimmt Rune-Ballot und Oeufcoque mit in Sicherheit.

Sie wacht in Paradies wieder auf, einem Forschungslabor, in dem Projekte wie Scramble 09 gestartet sind, die experimentalen Technologien entwickelt werden, und Rune-Ballot sowie Oeufcoque geheilt werden können. Rune-Ballot ist dabei untröstlich, dass es ihrem Mitstreiter dank ihr so schlecht geht, lässt sich allerdigns von einem weiteren stummen Psi-Begabten etwas ablenken. Der nennt sich Tweedledee und führt sie im Paradies rum. Erklärt ihr, dass drei Forscher es ursprünglich erbaut haben. Dass nicht nur Scramble 09 sondern auch die ihm entgegengesetzte October Group hier ihren Ursprung fanden. Lässt sie mit einem der Hauptforscher reden, der nun noch als Kopf in einem Vogelkäfig weiterbesteht, und zeigt ihr seinen schwulen Lover in Form des Delphins Tweedledum.

All der Blödsinn nimmt ein jähes Ende, wenn Boiled vorbeikommt, weil er natürlich immer noch Rune-Ballot und Oeufcoque erledigen muss. Die fliegen aber einfach wieder weg. Mittlerweile wissen wir dann auch, dass die Erinnerungen von Shell, die er regelmäßig wegen seines Hirnimplantats verliert und deswegen abspeichern lässt, in vier Chips in einem Kasino der October Group, in die Shell einheiraten will, um mehr Immunität gegenüber der Justiz zu haben, versteckt sind. Also geben sich Easter und Rune-Ballot als Glücksspieler aus und versuchen mehrere Millionen zu gewinnen, um an die hochkarätigen Chips zu gelangen. Der Film stoppt genau dann, wenn sie mit Black Jack beginnen wollen.

Ich dachte ja irgendwie, dass die drei Filme bei je knapp einer Stunde echt hetzen müssen, um alles gezeigt zu bekommen, was sie einem zeigen wollen. Dass es noch dem Aufbau im ersten Film jetzt so richtig losgeht. Aber eigentlich steigt Mardock Scramble: The Second Combustion so richtig auf die Bremse. Ganz zusammenhängend erscheinen die Ereignisse sowieso nicht, sondern sind zwischen Paradies und Kasino hart voneinander getrennt, als wären zwei Folgen einer TV-Serie aneinander getackert worden.

Im Paradies wird viel geredet, letztendlich geht es allerdings um wenig. Die Charaktere philosophieren munter von der Leber weg, aber so richtig die Bedeutung für das größere Ganze in Mardock Scramble will sich mir aus ihnen nicht erschließen. Es ist mehr die obligatorische psychedelische Episode, um den Stoff erneut intelligenter wirken zu lassen, als er letztendlich ist. Natürlich mit erneut viel Möchtegern-Shockvalue-Edgyness, wie der homosexuellen Beziehung (Skandalös!) und dann noch zwischen einem Jungen und seinem Bruder, der auch noch ein Delphin ist. Oder halt Leuten, die als Köpfe weiterexistieren.

Im Kasino geschieht dann in der zweiten Hälfte des Filmes scheinbar gar nichts. Rune-Ballot und Easter haben erneut wenig bereichernde Gespräche darüber, wie man auch ohne Cheaten ein Spiel so liest, dass man eigentlich nur gewinnen kann. Außerdem beißt sich Rune-Ballot an einer coolen Dame beim Roulette fast die Zähne aus, bis sie gegen sie gewinnt. Aber letztendlich sehen wir den beiden nur dabei zu, wie sie beim Glücksspiel gewinnen und sonst nichts. Und dann ist das noch nicht mal rum, sondern stoppt einfach mittendrin, wenn es zum Black Jack geht.

Das lässt den ganzen Film ehrlich gesagt etwas unbefriedigend erscheinen, weil es zu wenigen Höhepunkten kommt. Immerhin finden wir die eine oder andere Sache raus, wie beispielsweise die Vergangenheit von Boiled und warum Oeufcoque ihm so wichtig ist. Und das immerhin in stilsicheren Bildern, denn das Paradies wirkt schon sehr cool, gerade wieder in den üblichen kühlen Cyberpunkfarben gehalten, und auch das Kasino ist sehr stilsicher umgesetzt.

Ich glaube ein Problem, welches ich mit Mardock Scramble habe, ist zudem, dass ich kein Gefühl für die Welt habe. So viel, gerade im ersten Film, doch über die Charaktere, die wissenschaftlichen Einrichtungen, die staatlichen Projekte, erzählt wurde, so wirkt das nie wie aus einer stimmigen Welt. Es sind mehr Erklärungen dafür, warum die Dinge jetzt so sind, wie Mardock Scramble sie gerade in der Szene braucht, ohne dabei je auf das größere Ganze einzugehen. Mardock Scramble erklärt kleine Versatzstücke, aber zeigt einem nie wirklich die Welt, in der dies alles möglich ist und warum. Dadurch existiert und geschieht alles in diesen Filmen so ein wenig im luftleeren Raum für mich.

Mardock Scramble – First Compression

Mardock Scramble hat einen gewissen Weg hinter sich gelegt. Ursprünglich 2003 als dreitiliger Roman von Tow Ubukata (Heroic Age, Le Chevalier D’Eon) erschienen, dann ab 2009 in sieben Bände Manga gefasst, sollte nach der 2006 gecancelten OVA doch noch eine Anime-Version erscheinen: Ab 2010 jährlich ein Roman zu einem Film einer knappen Stunde zusammengefasst.

Unsere Hauptakteurin hatte bisher kein sonderlich einfaches Leben, dabei ist sie immer noch ein Teenager. Rune Balot ist mit einer Drogenabhängigen Mutter und einem Vater, der sie ab dem 12. Lebensjahr sexuell missbraucht hat, aufgewachsen. Als der Bruder das mitbekam, und den Vater erschoss, wurde er weggesperrt. Rune Balot rutschte in die Mädchenprostitution ab und wurde letztendlich von Shell aufgenommen, der diverse Unternehmen am Rande der Legalität leitet, unter dem Versprechen, er wäre endlich jemand, der Rune Balot lieben wird.

Ist aber nicht wirklich so gekommen, denn der erste Film startet damit, dass Shell in seiner Limousine Sex mit Rune Balot hat, welche die ganze Aktion ziemlich teilnahmslos über sich ergehen lässt, und dann das Mädchen ins Auto einsperrt und explodieren lässt. Denn er macht gerne junge Dinge von sich abhängig, ermordert sie, nachdem er ihnen überdrüssig ist, und stellt aus deren Asche blaue Edelsteine her.

Allerdings wurden Shell und Rune Balot bei ihrem letzten Schäferstündchen überwacht. Easter, seines Zeichens Wissenschaflter und Scramble 09 Agent, sowie die künstliche Intelligenz und transformierbare Waffe Oeufcoque an seiner Seite, investigieren Shell schon eine Weile, und nutzen die Gelegenheit, um Rune Balot aus den Flammen zu retten. Ihr wird der Körper wiederhergestellt, was allerdings mit dem Verlust ihrer Stimme einhergeht, nachdem Rune Balots Unterbewusstsein den Tod abgelehnt und sich für Scramble 09 bereiterklärt hat.

Scramble 09 ist eine Spezialaktion der Justiz, um experimentelle Methoden zur Überhand nehmenden Verbrechensbekämpfung einzusetzen. Beispielsweise einem 15-jährigen Mädchen einen künstlichen Körper zu geben und Oeufcoque als Waffe zur Seite zu stellen. Zumal Rune Balot auch vor Gericht gegen Shell aussagen soll. Wobei sich die erste Verhandlung auf Befragung ob ihres Familienlebens beschränkt, um sie zu diskreditieren.

Doch Rune Balot macht eine gute Figur, und Shell lässt seinen Handlanger Boiled zum Zuge kommen, der ehemals Partner von Oeufcoque war und seine Waffe sowieso zurückholen will. Als Unterstützung holt der sich vier Auftragsmörder, welche die Körperteile ihrer Opfer sammeln, die aber von der erstarkten Rune Balot mit Leichtigkeit zur Strecke gebracht werden. Auf diesem Machthoch dreht das misshandelte Mädchen jedoch ab, wiedersetzt sich Oeufcoques Richtlinien, was eine Abstoßungsreaktion von ihm verursacht und Boiled einfaches Spiel lässt. Wir enden auf dem Cliffhanger, nachddem es so aussieht, als würde Boiled Rune Balot erschießen.

Mardock Scramble erinnerte mich ein wenig an zwei etwas ältere Anime, und auch generell mehr wie eines, welches ich zeitlich mehr wie ein Produkt Mitte der 90er bis 2000 eingeschätzt hätte. Kann natürlich daran liegen, dass dies die Anime sind, mit denen ich am meisten Berührungspunkte habe. Aber das die Originalgeschichte von 2003 stammt überrascht mich zumindest nicht.

Zunächst einmal hätten wir da Ghost in the Shell. Das Sci-Fi-Cyberpunk Anime schlechthin. Nur mutet Mardock Scramble mehr an wie ein Ghost in the Shell, welches eben nicht durch den verkopften Mamoru Oshii unter intelligenter Linse neu interpretiert wurde und das Bild, welches wir von der Franchise ab da an hatten, maßgeblich geprägt hat. Sondern mehr, als ob ein weniger ambitionierter Regisseur den pulpigeren Manga originalgetreuer umgesetzt hatte.

Und gleichzeitig erinnerte mich viel von der Geschichte auch an Yasuomi Umetsus Kite, mit dem misshandelten Mädchen, das zur Killermaschine ausgebildet wird. Nur eben weniger Porn. Wobei Mardock Scramble mit nackten Tatsachen und aufs Finale Burtalität auch nicht wirklich zurückhält.

Allgemein wirkt dies hier wie ein Film, der denkt intelligent zu sein, aber es so richtig nicht hinbekommt. Dystopische Megastädte im Neonlicht des Cyberpunks gehen da natürlich immer, genau wie viel der Hintergründe lange im Dunkeln zu lassen und erst nach und nach aufzudecken. Um die Sache komplexer wirken zu lassen, als dies die relative Standardhandlung zumindest des ersten Filmes der Trilogie eigentlich ist. Charaktertiefe, philosophische Zukunftsfragen, oder soziale Gesellschaftskritk wird man in Mardock Scramble: The First Compression zumindest noch nicht finden.

Dafür viel Edgyness, welche so ein wenig das wiederspiegelt, was ein 12-Jähriger für mal so richtig cool und krank ansehen würde. Rune Balot ist häufiger (halb)nackt denn angezogen im Film, immer durchaus aus sinnigem Grund in der Theorie, aber natürlich schon auch voll den Effekt fürs Publikum auskostend. Dazu natürlich noch die großzügig aufgepflasterte Familiengeschichte von Rune Balot. Und das Design der Auftragskillertruppe, die tasächlich die von ihren Opfern genommen Körperteile sich selbst einpflanzen – einer hat lauter blinkede Augen am Oberkörper, einer dutzende Titten vom Blähbauch hängen, und ihr Anführer setzt sich doch tatsächlich seine aktuell präferierte Vagina in die rechte Hand. Ich musste da dann doch etwas lachen, weil spätestens hier war das Edgy so tryhard, dass es für mich leicht ins Lächerliche kippte.

Was allerdings immer geht, ist der Look. Viele der Szenen in Mardock Scramble sind atmosphärisch und Genresicher in kühlen Blau- und Grüntönen gehalten, mit Akzenten aus Gelb. Da kommt doch das dystopische Cyberpunkfeeling zwischen den Glasfassaden der Wolkenkratzer auf. Leider sind die Animationen nicht immer so sauber und stechen die CG-Autos unangenehm heraus, aber darüber kann ich hinwegsehen.

Style ist also auf jeden Fall gegeben, woran es im ersten Film noch etwas hapert ist dahingehend auch die Substance. Bei gerade Mal einer Stunde sind wir aber auch noch nicht weit ins Geschehen gekommen, wodurch sich hier durchaus noch Besserung in den beiden Nachfolgern einstellen kann. Bisherig vorläufiges Verdikt ist allerdings noch mehr gen Mittelmaß strebend.