GitS Week – Innocence

2004 ist nicht nur das Jahr, in dem japanische Fernsehgeräte die zweite Staffel von Stand Alone Complex ausstrahlten. Nein, auch das ursprüngliche Film von Mamoru Oshii bekam neun Jahre später ein Sequel in die Kinos gebracht, erneut von Oshii geschrieben und dirigiert, und in Japan schlicht als Innocence bekannt, im Westen allerdings den Serien-Obertitel tragend.

Major Kusanagi ist immer noch MIA, und somit folgen wir Batou mit seinem neuen Partner Togusa. Deren aktueller Fall behandelt Gynoids, Puppenähnliche Dienstroboter, von denen eine neue Produktionslinie begonnen hat, ihre Besitzer zu ermorden. Um anschließend die Selbstzerstörung zu initiieren, da sie gegen das dritte Gesetz der Robotik verstoßen haben. Es ist zwar durchaus nicht komplett ungewöhnlich, dass experimentelle neue Modelle wegen Bugs etc. nicht richtig funktionieren und dies im Ernstfall in einem Kriminalfall enden kann, doch gerade weil hier die Opfer Politiker und sonstig einflussreiche Leute sind, investigiert Section 9 die Möglichkeit, dass dies unter deren Jurisdiktion fallen könnte.

Wie sich herausstellt haben die Gynoids illegale Sexbot-Funktionen und fallen unter das ebenfalls illegale Ghost-Dubbing, um sie entsprechend lebensnaher zu machen. Der Ghost in der Franchise ist sowas wie das menschliche Bewusstsein oder die Seele, sprich die Gynoids bekommen echte menschliche Gehirnströme eingespeist. Darin verwickelt sind die Yakuza, und letztendlich fliegen Batou und Togusa in eine Gesetzlose Zone der Megakonzerne, um sich mit dem Hersteller der Gynoids auseinanderzusetzen.

Mamoru Oshii war während der Arbeit an Innocence bereits über 50, bringt also reichlich Lebenserfahrung mit, ist ein belesener und gereister Mann, und im Gegensatz zu den meisten Japanern gläubiger Christ gewesen. Oshii hat außerdem in Interviews wiederholt gesagt, dass er in seinen Filmen gerne in andere Welten entführt, sowie die visuelle Komponente vor Story setzt und Charaktere hinten einreiht.

Es sollte also nicht weiter verwundern, dass seine Filme immer eine gewisse unmenschliche Note haben. Im ganz einfachen Sinne, dass sie eine humane Note vermissen, seine Charaktere nie wie wirklich echte Menschen wirken, sondern kühl-kalkulierende Schachfiguren in einem Theaterstück gleichen. Das geht in Innocence sogar noch ein Stück weiter. Nicht nur ist in Oshiis Ghost in the Shell nichts von den Charakter-Quirks und dem humorigen Schlagabtausch zwischen den Charakteren aus SAC übrig, sondern Charaktere reden meist gar nicht mal richtig miteinander. Stattdessen haben sie eine Obsession damit, Fragen und Aussagen anderer Charaktere mit Zitaten von Denkern, Dichtern und Philosophen zu kommentieren. Dieses Zitieren gehört durchaus zu den Charakteren in allen Ghost in the Shells, aber in Innocence nimmt das echt Überhand, da man manchmal wirklich fast das Gefühl bekommt, keiner habe wirklich einen Dialog miteinander, sondern als würden alle nur Zitate einander an den Kopf werfen.

Das wirkt natürlich extrem künstlich und kann durchaus anstrengend sein. Wobei Oshii bedacht hat die Grundhandlung des Filmes eigentlich relativ simpel zu halten, damit man dennoch mitkommt. Wobei ich zugeben muss, bis zum Ende nicht genau Klarheit gehabt zu haben, worum es jetzt genau gehen wird. Doch alles klärt sich auf, und so schwer war das nicht. Dieses einfache Grundgerüst ist allerdings auch nötig, damit man nicht erdrückt wird von der abgehobenen Optik und dem heftigen Rumphilosophieren, die er großzügig auf jener Leinwand verteilt.

Gerade zur Mitte des Filmes hin, wenn Batou und Togusa die Stadt verlassen und in die Gesetzeslose Zone wechseln, kommt es einem fast vor, als wäre man in einem komplett anderem und Fantasy-Film gelandet. Mit einem langen Intermezzo einer bunten Parade in den Straßen, Karnevals-maskierten Leuten, Gebäude wie Kathedralen, die aus dem endlosen Wolkenmeer voller weißer Vögel hervorstechen. Eine westliche Villa inmitten eines Sees, mit Bleiglasfenstern, angeführt von jemandem, der sein Bewusstsein komplett in eine Cyborg-Marionette hat einspielen lassen, und sich ins Hirn der beiden Ermittler einklinkt, um sie in einer Albtraumrealität zu fangen.

Besonders interessant ist dabei auch, dass Major Kusanagi quasi kein Charakter mehr ist. Batou ist der Hauptcharakter des Filmes und wir folgen zum Großteil ihm und Togusa, mit nur wenigen Szenen der anderen Besetzung von Section 9. Kusanagi ist am Ende des ersten Filmes verschwunden und dreht nur körperlose Runden im Cyberspace, kommt erst im Finale zu Hilfe, für das sie sich in eine der Dolls herunterlädt, also auch nicht ihr gewohntes Aussehen hat. Und ganz ehrlich gesagt fand ich jenes kurz angebundenes Action-Finale etwas merkwürdig. Ich meine der eigentlich sehr ruhige und dunkle Film lockert sich immer mal wieder mit kurzen Action-Spitzen auf. Aber es wirkt wirklich fast so, als wäre Kusanagi nur dabei, weil Ghost in the Shell ohne sie nicht denkbar ist, ihr Kurzauftritt wirkt etwas erzwungen nachgereicht, besonders weil man sich zu jenem Zeitpunkt sicher schon dran gewöhnt haben wird, dass sie nur Namentlich erwähnt werden wird.

Ist jedenfalls ein interessanter Kontrast zu Stand Alone Complex gewesen, in dem Kusanagi quasi das Zentrum des Universums ausmacht. Aber Innocence zeigt uns das die Welt auch ohne das Individuum an sich weiter geht, was schon sehr Oshii ist. Der Film wirft erneut dabei natürlich die Frage nach der Grenze auf, die zwischen Mensch und intelligenter Maschine besteht. Oder genauer gesagt, ob es jene überhaupt gibt, oder wir die nicht für uns ziehen, um den Menschen eine Sonderstellung zu geben, und zu rechtfertigen mit den Cyborgs so umgehen zu können, wie das teileweise getan wird. Was ist, wenn unsere Wegwerf-Haushaltsgeräte ein menschliches Aussehen bekommen und scheinbar Empfindungen haben? Ist es Ok Roboter zu opfern, um Menschen zu retten, weil das Menschenleben an sich höher eingeordnet wird? Und all das in einer Welt, in der mehr und mehr des menschlichen Körpers durch Maschinen ersetzt ist, nur noch das vage Konzept eines Ghosts die Trennung ausmachen soll? Und wenn der Körper eine finanzierte Maschine ist, gehört man dann nicht eigentlich der Firma, die ihn gebaut und bezahlt hat, statt sich selbst?

Innocence hat mir tatsächlich außerordentlich gut gefallen, weil der Film dann glücklicherweise nicht ganz so extrem verkopft war, wie ich zunächst befürchtet hatte. Klar sind die Dialoge unglaublich künstlich, und stellenweise dadurch fast lachhaft, aber auch das fügt sich ganz gut in den Vibe hinein. Dazu die treffsichere Bombastoptik, die einen in fremde Welten entführt, und eine durchaus nachvollziehbare Handlung, deren philosophischen Anspielungen zu folgen immer dem Zuschauer überlassen bleibt, statt notwendig zu sein. Es ist interessant, denn obwohl ich sagen würde das Oshiis Ghost in the Shells tiefgründiger sind als die Stand Alone Complexes, so würde ich sagen, dass sie dennoch weniger anstrengend und ihnen stellenweise einfacher zu folgen ist.

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GitS Week – Ghost in the Shell

Aus mittlerweile dann doch nicht mehr ganz so aktuellem Anlass des kürzlich an den Kinokassen gefloppten Hollywood-Remakes mit Scarlett Johansson, schauen wir uns doch mal durch die ganze Ghost in the Shell Franchise, bzw. durch dessen Anime-Seite. Immerhin muss ich zugestehen, dass ich davon bisher nur den ersten 1995er-Film gesehen habe, und auch das ist schon fast 20 Jahre her, so dass ich mich an gar nichts mehr so richtig erinnern könnte.

Und immerhin ist das Ding zusammen mit Akira und Ninja Scroll einer der absoluten frühen Anime-Klassiker im Westen gewesen. Als Masamune Shirow noch regelmäßig populäre SciFi-/Action-Manga zeichnete, darunter auch Dominion Tank Police und Appleseed, die nur insular mal eine Ausrede finden ein Mädel nackt oder in Lesbensex verwickelt zu zeigen, bis er irgendwann kurz nach der Jahrtausendwende entschied doch lieber exklusiv Plot-losen Porn mit so attraktiven Namen wie GalGrease und GreaseBerries zu zeichnen. Aber so richtig zum Megahit wurde die Franchise erst, als Production IG Mamoru Oshii die Regie für einen großen Kinofilm überließ. Wer eine Generation unter mir ausgebrütet wurde, kennt Ghost in the Shell wahrscheinlich eher als die Musikvideo-Clips aus Wamdue Projects King of My Castle, welches unerträglich lang hoch und runter gespielt wurde.

Kult-Regisseur Mamoru Oshii ist dabei für einige Konstanten bekannt, von denen mindestens eine, wenn nicht mehrere, in allen seinen Filmen auftauchen. Er hat einen Hang für politische Plots, er philosophiert gerne, spielt mit dem Verwischen von Traum und Realität, liebt Corgis, und nimmt es mit dem Ursprungsmaterial nicht zwangsläufig allzu genau. So wird aus der seichten Love-Comedy Urusei Yatsura in seinem Beautiful Dreamer eine Traumsphäre mit philosophischen Gequatsche, oder aus der Action-Serie Patlabor im zweiten Kinofilm ein Polit-Thriller mit viel Gequatsche. Ghost in the Shell (1995) checkt gleich alle vier Oshii-Merkmale mit einem Haken ab.

Dabei ist die erste Szene schon so quintessentiell 90er-Anime Großproduktion, so typisch für die damalige Zeit, und vielleicht sogar ein wenig fehlleitend was den weiteren Film angehen wird: Vor einer unterkühlten Großstadtfassade steht Hauptakteurin Motoko Kusanagi, bekommt ihren Auftrag, entledigt sich ihrer Kleidung, und springt nackt vom Hochhaus, um durch die Fassade hindurch ihr Ziel zu erschießen. Das ist eine ziemlich coole Hammer-Szene, und ein guter Auftakt, aber wie gesagt nicht unbedingt Indikativ für den Rest des Filmes. Hin und wieder wird in jenem um sich geschossen oder gibt es eine Verfolgungsjagd, dies ist dann auch nicht gerade unblutig geworden, und ein paar weitere nackte Tatsachen werden ebenfalls den Bildschirm zieren, jedoch ist der Film weitestgehend ruhig und gelassen rübergebracht, und es wird mehr geredet denn explodiert oder gekämpft werden.

Die Haupthandlung an sich wird dabei schon fast zum unwichtigen Hintergrund, ist teilweise unnötig kompliziert dargestellt, und kommt nicht unbedingt zum befrindigendsten Ende, welches man sich vorstellen kann. Außenministerium, Sektion 9, und Sektion 6 spielen also ein Verwirrspiel darum, was wirklich hinter dem Drahtzieher der aktuellen Welle an Cybercrime, genannt der Puppet Master, steckt. Jeder will ihn, aber warum genau? Letztendlich läuft er zur Sektion 9, weil er ein Date mit Motoko ausmachen will, aber warum sie genau so wichtig für ihn ist, ist auch nicht unbedingt aufgeklärt. Jedoch reicht dies vollkommen aus, um dem Film eine Struktur zu verleihen, und als Bühne für die Gedankenspiele zu dienen, die Mamoru Oshii wirklich interessieren.

Denn Ghost in the Shell spielt in einer Welt, in der die Augmentation der Menschheit weit fortgeschritten ist. Wer es sich leisten kann, hat diverse Funktionen seines Körpers technologisch verbessert, gerade auch wenn es natürlich um Agenten des Staates wie hier geht. Motoko selbst ist eigentlich ein kompletter Cyborg, deren einzige menschliche Zellen im Gehirn übrig bleiben. Das macht einen natürlich allerdings auch sehr von Checkups abhängig. Der Film spricht direkt an, dass jeder freiwillig aus dem Dienst der Sektion austreten kann – wenn er jene freien Checkups bzw. sogar die Cyborg-Augmenation an sich aufgeben will. Aber wenn man stärker, schneller, schlauer und immer mit dem Cyberspace verbunden zu leben gelernt hat, wer will das schon aufgeben? Gleichzeitig wirft das ganz neue Sicherheitslücken auf. Denn der Puppet Master nutzt seine Bauern, in dem er sich in ihr Hirn einklinkt, und ihnen Infos von komplett falschen Vergangenheiten einspeist, die für jene zur Realität werden. Man kann seinem eigenen Gedächtnis nicht mehr trauen, wenn was schlicht von einem Virus überschrieben oder gelöscht werden kann.

Ganz zu schweigen vom Verwischen der Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine. Wie viel organische, menschliche Zellen, muss jemand noch haben, um als Mensch zu gelten? Ist Motoko noch ein Mensch, auch wenn sie zu 99% aus Technik besteht, und nur durch das Verhalten anderer ihr Gegenüber sich selbst als Person sieht? Was ist mit einer reinen Maschine, deren KI zu Eigenwahrnehmung erwacht – ist die ein Lebewesen? Der Film beantwortet diese Fragen freilich nicht.

Was bleibt ist ein ziemlich cooler, aber auch verkopfter Film. In unterkühlten aber stylischen Szenen reden und schießen unterkühlte Leute in der Gegend rum, das ganze zu einem coolen aber ebenfalls eher meditativen Soundtrack (selbst während der Action-Szenen), der dennoch immer mal wieder von etwas kurzer aber brachialer Action aufgelockert wird. Ghost in the Shell ist ruhig und langsamer, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber gerade das Gesamtpaket an sich macht ihn zu so einer speziellen und interessanten Erfahrung, die tatsächlich komplett begründet zu einem Klassiker der Anime-Geschichte wurde.

Dallos

Bei Dallos handelt es sich um die erste OVA-Produktion überhaupt. Durch die weite Verbreitung von VCRs in den 80ern gab es dort nämlich in der Anime-Landschaft für gut zwei Dekaden einen richtigen Boom an Direct-to-Video Produktionen. Das hatte mehrere Gründe. Ein nicht unbeachtlicher davon war einfach auch, weil diesen Produktionen so gut wie keine Zwänge auferlegt waren. Was im Fernsehen gezeigt werden kann war sehr restriktiv, zudem waren TV- und Kinoproduktion stark davon abhängig, ein entsprechend großes Publikum anzulocken. OVAs hingegen konnten so gut wie alles zeigen, und durch die Produktion auf einer Folge-zu-Folge-Basis konnten auch Nischen angesprochen werden – verkaufte sich eine rausgebrachte Folge nicht, produzierte man halt keine weiteren. Dafür allerdings war die Laufzeitig entsprechend gestreckt, da zwischen Folgen Monate lagen, wodurch die Serien entsprechend kürzer und knapper gerieten. Mittlerweile kann im TV mehr gezeigt werden und sind auch kurze Serien dort ganz normal, so dass die goldene Zeit der Direct-to-Heimvideo Produktionen abgeklungen ist.

Zudem war Dallos eine frühe Regiearbeit von Mamoru Oshii. Der begann sein Schaffen Ende der 70er an diversen TV-Serien, wobei er vor allem einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung von Urusei Yatsura leistete. Zu jener Serie steuerte er auch 1983 den ersten Kinofilm bei, noch im gleichen Jahr sollte Dallos starten, mit der vierten Folge im darauffolgenden Jahr, als er auch mit Urusei Yatsura 2: Beautiful Dreamer stark gegen den Strom zu schwimmen begann, beendet werden.

Dallos spielt in einer nahen Zukunft, in der die Zivilisation auf der Erde in arge Probleme auf Grund von Überbevölkerung und Ressourcenmangel geriet. Also wurden Siedler geschickt den Mond zu kolonisieren, um dort Rohstoffe abzubauen, die der Erde wieder auf die Beine helfen können. Mittlerweile lebt allerdings bereits die dritte Generation an Siedlern auf den Mondkolonien und ist das zu einem ziemlichen Polizeistaat mutiert. Siedler haben Ringe am Kopf, über die sie nur als Arbeiternummer identifiziert werden. Jegliches Vergehen wird sofort geahndet. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das harsche und ungedankte Leben auf dem Mond zur Rebellion führt.

Insgesamt muss ich sagen, dass Mamoru Oshii die relative Freiheit einer OVA noch nicht ganz ausnutzt, sondern weitestgehend herkömmliche Kost anbietet. Ganz besonders in den ersten zwei Folgen, Remember Bartholomew und The Order to Destroy Dallos, die erst Mal damit beschäftig sind die Konflikte und Hauptpersonen einzuführen und zu erklären, wobei es natürlich auch hier schon zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommt. Höchstens an den doch sehr cineastischen Kamerawinkeln erkennt man ihn – am teilweise absolut unpassenden Soundtrack zumindest nicht.

Ach ja, erklären was Dallos überhaupt ist, sollte ich vielleicht auch mal. Und zwar handelt es sich dabei einfach um eine alte Ruine auf der dunklen Seite des Mondes, die wie ein Gesicht aussieht, und von vielen der Kolonisten mittlerweile als Schutzgottheit angesehen wird. Wobei auch hier Oshii überraschend wenig seiner Spiritualität einbringt, und Dallos weitestgehend nicht so wichtig für die Handlung direkt ist, sondern als Motivation und Sinnbild der darin involvierten Charaktere.

In der zweiten Hälfte der Geschichte, Raising in the Sea of Nostalgia Act I und Act II, kommt letztendlich aber doch etwas Oshii rausgeblickt. Denn hier geht die OVA doch etwas stärker auf die Politik hinter den Ereignissen und dem Hinterfragen des Krieges ein. Beispielsweise die innere Unruhe und Hinterhältigkeiten bei den Fraktionen der Mondpolitik. Gerade wenn es um Alex geht, der als Gouverneur von der Erde geschickt ist und hier sozusagen nur ein paar Jahre seinen Dienst verrichten muss, bevor er wieder zurück kann, also ganz anders vorgehen kann als diejenigen, die mit den Kolonisten weiterhin auf dem Mond leben müssen. Aber auch wird erwähnt wie einfach es ist, einen Kampf zu starten, aber wie schwer es sein kann, diesen aufrecht zu erhalten, und dann natürlich immer noch die Frage, was danach kommt. Wie man wieder zu Frieden finden kann. Wann man soweit geht, dass sich die Kluft nicht mehr schließen lässt. Wie Gewalt eigentlich nur mehr Gewalt hervorbringt. Aber Dallos macht es sich nicht einfach, bringt keine einfachen Antworten auf den Tisch. Denn auch wenn Gewalt nur zu mehr Gewalt führen kann… ist es nicht dennoch nötig irgendwann auch diese in Betracht zu ziehen, wenn friedliche Mittel nicht ausreichen?

Sehr interessant ist hierbei auch die unterschiedliche Einstellung der drei Generationen an Mond-Kolonisten. Die alte Generation, die noch von der Erde stammt, ist wesentlich Bereitwilliger wenn es darum geht, ein hartes Leben auf sich zu nehmen. Denn sie wissen, wofür sie dies tun, nämlich damit die Ökonomie auf dem blauen Planeten wieder aufgebaut werden kann, damit dessen Schönheit erhalten bleibt. Erde ist deren ursprüngliches Heimatland. Die dritte Generation hingegen sind die jungen Leute, die auf dem Mond geboren und aufgewachsen sind. Für jene ist der Mond die Heimat, sie haben die Erde nie gesehen. Sprichwörtlich, denn die Kolonie ist auf der Erdabgewandten Seite des Mondes, sie sehen die blaue Kugel also nicht mal am Himmel stehen. Die Erde hat für sie keine Bedeutung, ihnen geht es um ein gutes Leben auf dem Mond.

Das Ende bleibt dabei dann auch offen. Die aktuellen Auseinandersetzungen sind beendet. Hauptcharakter Shun hat über die Ereignisse beide Seiten des Konfliktes kennengelernt, sich ein eigenes Bild machen können, und sich für diejenige entschieden, von der er hofft, dass dies die richtige ist. Aber er kann sich nicht sicher sein. Und andere Charaktere bereiten schon die nächste Rebellion vor. Während Dallos ominös über die Ending-Credits zu leuchten beginnt.

War also insgesamt schon ein interessantes Werk von 2 Stunden. Wenn auch etwas mehr drin gewesen wäre. Aber eben auch die herkömmlichen ersten zwei Folgen bieten insgesamt noch eine unterhaltsame SciFi-Story, die Tiefe wird halt erst in der zweiten Hälfte und eigentlich auch dort nur angekratzt. Für die damalige Zeit und die Laufzeitkürze allerdings durchaus ein gutes Werk.

Beautiful Dreamer

ava-2038Rumiko Takahashi ist eine der profiliertesten Mangaka aller Zeiten. Mangaka ist nicht unbedingt der einfachste Job, denn die Deadlines sind strickt, und wenn man nicht eine Hitserie erschafft verdient man auch nicht sonderlich gut. Rumiko Takahashi hingegen hat es geschafft Zeitweise eine der Bestverdiener Japans zu sein, und das nur durchs Zeichnen von Manga. Die gute Frau hat, neben durchaus kürzeren Geschichten, seit den 80ern eigentlich immer eine ewig laufende Serie am Laufen, die für diese Generation zu einem absoluten Klassiker wird, und in mehrere hundert Folgen TV-Anime, OVA und Filme adaptiert wird.

Von 1978 bis 1987 wäre das ihr erster großer Japan-Hit Urusei Yatsura in 34 Bänden, und nebenbei hat sie von 1980 bis 1987 auch noch mal schnell 15 Bände des dort ebenfalls Instant Classic Maison Ikkoku rausgehauen. Direkt im Anschluss lief die wohl für meine Generation weltweit bekannteste Serie Takahashis, nämlich von 1987 bis 1996 das 38 Bände umfassende Ranma 1/2. Um dann gleich anschließend von 1996 bis 2008 in 56 Bänden Inuyasha dranzuhängen. Seither zeichnet sie Rin-ne, welches auch schon bei 25 Bänden angekommen ist. Die gute Frau hat eigentlich nie keine Hitserie gezeichnet. Schön für sie.

Ihr früher Japan-Hit Urusei Yatsura sollte letztendlich in fast 200 Folgen TV-Serie, ein gutes Dutzend OVAs, und 6 Kinofilme adaptiert werden (von denen witzigerweise der Untertitel The Last Chapter für den vorletzten genommen wurde), herausgekommen in den zehn Jahren zwischen 1981 und 1991. Wir wenden uns hier dem zweiten Film zu, Urusei Yatsura 2: Beautiful Dreamer. Hier kommen wir zu einem weiteren großen Namen im Business: Mamoru Oshii. Das ist der hinter so Filmen wie der Kult-Klassiker Angel’s Egg, der die frühen westliche Anime-Landschaft mit prägenden Ghost in the Shell, die Patlabor-Filme, oder die Kerberos Saga zu der Jin-Roh gehört. Vorher bereits an einigen TV-Anime gearbeitet, war sein Durchbruch als Regisseur von Urusei Yatsura, bei dem er für die ersten zwei Filme verantwortlich zeichnet.

Dabei gestalten die sich ein wenig wie seine Arbeit an den ersten beiden Patlabor-Filmen: Der erste war eine relativ getreue Adaption der Serie ins Kinoformat ohne große Sprünge, dafür nutzte er dann seine Cloud, um sich beim zweiten Film wesentlich mehr zu trauen und vom Ursprungsmaterial zu entfernen. Deswegen besprechen wir auch Urusei Yatsura 2 und nicht auch den ersten Film, der erste ist scheinbar nur eine Filmadaption der TV-Serie, die üblich Rumiko Takahashi sicherlich charmant und witzig, aber auch seicht und stagnierend ist. Beautiful Dreamer hingegen war zu Release umstritten, da Fans sowie Takahashi wenig begeistert davon waren, dass er sich so weit vom Original entfernt, hat es über die anschließenden Jahrzehnte allerdings zu einem stark referenzierten Klassiker geschafft und gilt mittlerweile als der beste der 6 Filme, und als einer, der die Anime-Landschaft maßgeblich mit geprägt hat, der es regelmäßig in Listen bester Anime-Filme aller Zeiten schafft. Sprich es ist einfach der interessantere Film, und der mit mehr Prestige.

Urusei Yatsura, im Original, dreht sich übrigens um ein Alien in Form eines Bikini-Mädels, die zur Erde kommt, und über ein Missverständnis den lüsternen Ataru heiraten will, der sie zwar schon mag, aber lieber auch anderen Mädels nachstellen will, was sie zu übernatürlichen Eifersuchts-Attacken bringt. Plus um Atarus Schulklasse und Aufsichtspersonen, die alle die eine oder andere schräge Macke haben. Es ist eine Romcom von Rumiko Takahashi, wer irgendeine davon kennt, weiß ungefähr, wie alle davon ausarten. Wie fängt also Mamoru Oshii seinen zweiten Film zur Reihe an? Am Strand einer postapokalyptischen Ruinenstadt, an dem die Hauptcharaktere wortlos rumfaulenzen, während Alien-Dame Lum Wasserski fährt… ja, so viel mit der Original-Prämisse scheint der Film auf Anhieb nicht mehr zu tun zu haben.

Doch nach dem Opener geht es erst mal zurück, ins Japan des Hier und Jetzt, in dem der schräge Haufen aus der Serie ein Schulfest vorbereitet. Drittes Reich Cafe haben sie ausgewählt… ich sag dazu jetzt mal nix. Komödiantische Eskapaden geschehen, Lum darf eifersüchteln, um sich lasern, und ihren Traum davon, ewig mit Ataru und seinen Freunden zu leben, preis geben – das scheint nur ein netter Nebensatz zu sein, wird aber tatsächlich für den Film sehr wichtig. Doch dann fängt Oshii schnell an, surreale Dinge einzustreuen. Wenn die Jungs nachts Snacks kaufen fahren, und ihnen plötzlich auffällt, dass die Stadt wie ausgestorben ist. Oder wenn der Lehrer und die Krankenschwester auf den Trichter kommen, dass es immer wieder der Tag vorm Schulfest ist, man sich also scheinbar in einer Zeitblase befindet. Wenn die Charaktere statt wie vorher in der Schule zu übernachten, um die Vorbereitungen rechtzeitig fertig zu bekommen, nach Hause geschickt werden, aber aus dem einen oder anderen Grund doch wieder alle beim Schulgelände ankommen.

Schnell erzählen sie uns auch eine japanische Legende, von der sich Oshii hat inspirieren lassen: Ein Fischer, der eine Schildkröte rettete, durfte zum Dank auf deren Rücken zum Palast des Drachengottes reisen, wo er einige Tage verbrachte, oder dies zumindest dachte, denn als er in sein Dorf zurückkam waren hunderte Jahre vergangen. Die Charaktere beginnen also darüber zu sinnieren, ob nicht nur im gewissen Umkreis um die Schule die Zeit sozusagen stehengeblieben ist, während drumherum alles normal weiterläuft. Und als sie auf einem Flieger tatsächlich versuchen das Viertel zu verlassen… ist dort nichts, es gibt lediglich die paar Häuserblocks um die Schule, getragen auf dem Rücken einer Schildkröte, mitten im endlosen All. Und dann beginnen immer mehr Menschen zu verschwinden, die Häuser zu verfallen, nur Atarus zu Hause seltsamerweise nicht, welches auch als einziges Gebäude weiterhin fließend Wasser und Strom hat, sowie der Conbini an der Straßenecke immer frische Lebensmittel bereit hält. Das ist im Prinzip der Opener gewesen, wenn die Gruppe an Freunden als letzte Überlebende in einer weitestgehend Ruinenstadt ohne jegliche Zivilisation ihre Tage vergammeln, weil es nichts zu tun und kein entrinnen gibt. Und dann fangen selbst die Freunde an zu verschwinden.

Holy shit, das ist eine erstaunlich nihilistische Welt, zu der die Stadt in Beautiful Dreamer zu zerfallen beginnt. Eine absolut aussichtslose Situation ohne jegliche Hoffnung auf Besserung. Aber, und das ist wirklich interessant, dennoch passt dies in den Canon der Franchise. Ich denke ich nehme niemandem was voraus, denn nicht allzu lang in den Film hinein, sich den Titel vor Augen haltend, ist klar, dass die hiesige Welt nur ein Traum ist. Deswegen darf sich Beautiful Dreamer so weit von der Hauptserie weg trauen, deswegen können die Ereignisse immer schräger und zusammenhangsloser werden, weil der Film im wahrsten Sinne des Wortes auf Traumlogik basiert. Schon ein sehr cleverer Einfall, den Mamori Oshii da hatte, um die ihm gegebene Plattform zu nutzen, um statt wie noch beim ersten Film das Erwartete zu liefern, lieber mit weitestgehend künstlerischer Freiheit stattdessen den Film zu liefern, den er lieber machen würde. Oshii wird immerhin später in Jin-Roh auch Traum und Wirklichkeit verwischen lassen, bei Ghost in the Shell in surrealem Cyberspace philosophieren, und gerade mal ein Jahr nach Beautiful Dreamer nichts anderes, als den sich komplett nicht erklärenden Arthouse-Film Angel’s Egg auf die Japaner loslassen. Ganz so tiefgründig ist Beautfiul Dreamer derweil nie, sondern mehr Style over Substance, wird dadurch aber nicht weniger interessant.

Das führt nicht nur zu einem narrativ sehr interessanten, wenn auch nicht immer ganz einfach zu folgenden (vor allem wenn man das Ursprungsmaterial halt nicht kennt), Film, wobei das natürlich so gewollt ist, sondern auch zu einem sehr interessant anzusehenden. Nicht nur weil er ein anständiges Animations-Budget hat, sondern weil er auch gern artistisch wird. Er sucht sich interessante Kamerawinkel, spielt mit Perspektiven und Farben, und erschafft so wirklich die passende Atmosphäre für diese Traumwelt, in der er spielt.

Sprich das Mamoru Oshii hier nicht geliefert hat, was gewollt war, sondern ganz egoistisch sein eigenes Ding durchgezogen hat, ist ein wirkliches Geschenk. Wer das „echte“ Urusei Yatsura erleben will, der hat mit der Vielzahl an Manga-Sammelbänden, TV- und OVA-Folgen, und fünf weiteren Filmen genug Stoff, um sich derer überdrüssig zu werden. Beautiful Dreamer ist speziell, und unerwartet, und interessant, und das ist auch gut so. Absolut sehenswerte 90 Minuten.

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Nostalgic Anime Week III: Jin-Roh

ava-1503Jin-Roh ist einer jener Filme, die ich auf meiner allerersten Animagic in den dortigen Kinos als frühe Deutschland-Premiere gesehen habe, bevor er dann etwas später auch auf DVD erschien, von der ich mir damals sogar die Special Edition geleistet habe – als noch keiner richtig Ahnung vom Geschäft hatte und statt zu einer häufigen Lösung wie Digipack o.Ä. zu greifen, Film, Soundtrack, Postkaren etc. einfach jeweils in einzelne, normale DVD-Hüllen gepackt sind, die in einen Schuber gesteckt sind.

Um beim Aufbau und dem Kleinhalten der hohen Verbrechensrate in der Hauptstadt nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs zu helfen, wurde eine unabhängige Spezialeinheit gegründet, da man der Polizei an sich nicht zu viel Macht zuschreiben wollte. Heutzutage kämpft die „Hauptstadtpolizei“ hauptsächlich gegen die Regierungs-Widerstandsbewegung, die nach ihrem Verbot in den Untergrund gingen, und dort erst so richtig erblüht sind.

Sie benutzen u.A. junge Mädchen, die „Rotkäppchen“, die in ihren Schultaschen Bomben ungesehen zu den Aufständigen schmuggeln, und genau einer solchen sieht sich Fuse beim Auslöschen einer Terroristengruppe in der Kanalisation gegenüber. Nur kann der Mann in der ehrfurchtgebietenden schwarzen Rüstung mit den roten Nachtsichtaugen nicht abdrücken, stattdessen sprengt sich das Mädchen selbst in die Luft, als Verstärkung eintrifft.

Das ist natürlich nicht gut, immerhin steht die Hauptstadtpolizei eh bereits auf dünnem Eis, da man sich nach all den Jahren nicht mehr so sicher ist, ob sie überhaupt noch gebraucht werden, die eigentliche Polizei sie eh weg vom Fenster sehen will, und dann noch beunruhigende Gerüchte um die „Kerberos“ umgeht, eine geheime Gruppe in der Spezialtruppe. Also wird Fuse wieder in die Militärschule zurückversetzt und unter Beobachtung gestellt, gerade als er auf die ältere Schwester des toten Mädchens trifft, die ihm das Rotkäppchen-Märchen überreicht.

Die Wolfsbrigade ist ein Schaffenswerk des Allesprobierers Mamoru Oshii. Den meisten wird der Mann durch seine Regiearbeit an Anime etwas sagen, so sind beispielsweise die beiden Ghost in the Shell Kinofilme von ihm, der Kultklassiker Angel’s Egg, die in Deutschland ebenfalls erhältlichen Patlabor-Filme, oder auch das nie nach hier gekommene aber in anderen Nationen extrem beliebte Urusei Yatsura. Allerdings macht der Mann auch Realfilme, deren Reputation jedoch durchwachsener ist, wie beispielsweise Avalon, aber auch welche über die Wolfsbrigade, die nämlich auf einen seiner Mangas – denn die zeichnet er auch noch – zurückgehen. Überraschend ist dann, dass Jin-Roh lediglich von ihm geschrieben ist, auf dem Regiestuhl saß ein anderer.

Was der Film nun ist, ist übrigens ein Spionagethriller und Drama. Denn im Hintergrund des Geschehens werden so einige Pläne geschmiedet, die das Überleben oder den Untergang der Spezialeinheit garantieren sollen, als perfektes Steckenpferd zur Realisierung jener ist Fuse durch seinen aktuellen Fauxpas auserwählt worden. Da sind so einige Charaktere nicht, was sie zu sein scheinen, nur um selbst wiederum von anderen manipuliert und in die Irre geführt zu werden. Und dazwischen haben wir den eiskalten Fuse, den viele mehr wie einen einzelgängerischen Wolf denn einen sozialen Menschen sehen, der vielleicht die Möglichkeit bekommt, durch das Mädchen aufzutauen, welches er trifft, wenn denn in diesem Verwirrspiel Platz für Vertrauen und Liebe wäre.

Ich möchte eigentlich nicht viel drüber schreiben, denn Jin-Roh ist ein genialer Film, der allerdings sich sehr langsam und schleichend entwickelt, und somit viele Worte über das Geschehen zu verlieren bereits zu viel vorweg nimmt und zerstört. Das hier ist eine Geschichte, die man selbst erleben sollte. Selbst-Anschauen ist eine absolute Empfehlung meinerseits, ansonsten entgeht einem tatsächlich großes Kino.

Worüber ich allerdings reden kann, ist der Stil des Filmes, der wie die Faust aufs Auge passt. Das nebenher laufenden Rotkäppchen-Märchen scheint zunächst etwas seltsam, zumal zu viele scheinbare Randcharaktere es zu zitieren beginnen, doch wenn man die finale Szene erreicht, macht das schon alles Sinn und ist echt eine tolle Idee gewesen. Ansonsten ist der Stil des Filmes ziemlich kühl und realistisch, was das hoffnungslose Weltbild gut unterstreicht, und eben die emotionale Endszene umso mehr hervorhebt. Und wenn der Soundtrack nicht mal genial ist, dann weiß ich wirklich nicht, was man sonst groß noch mit diesem Wort bezeichnen könnte.

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