Tatort Giftschrank: Krokodilwächter

Ein Krokodilwächter ist eine Vogelart, die in den geöffneten Mäulern von Krokodilen sitzt, um dort die Essensreste aus den Zähnen zu picken. So haben die eine Mahlzeit, während die Krokodile keine Keimentzündungen fürchten müssen, weswegen sie die Vögel gewähren lassen, statt sie zu fressen wie man meinen sollte. Ein starkes und gern verwendetes Bild für symbiotische Beziehungen. Und eventuell nur eine schöne Legende, weil wohl keine Beweise dieses Verhaltens vorliegen.

Auch an der Existenz eines Tatortes mit dem Namen Krokodilwächter könnte man fast zweifeln. Denn der ist im Giftschrank zu finden, also nach der Erstausstrahlung nie in die Wiederholungsrotation aufgenommen worden. Nach Tod im Jaguar übrigens der zweite Giftschrank-Tatort des Jahres 1996 und erneut mit Hauptkommissar Roiter und dessen niedlichen Kollegen Zorowski.

Diesmal geht eine Bombe hoch. Und zwar eine Briefbombe im Wagen eines Postbotens. Das macht es natürlich entsprechend schwer herauszufinden, an wen der Brief eigentlich gehen sollte, sprich wer in Gefahr ist ermordet zu werden und wer der Täter sein könnte. Das Ermittlerduo bewegt sich zunächst auf dem Fleck.

Aber in der ersten Hälfte des Filmes spielen die beiden sowieso eine eher untergeordnete Rolle. Sofort nachdem die Bombe hochgegangen ist gleiten wir nämlich erst Mal ins Netz der russischen Mafia ab. Paten importieren gern mal hübsche russische Mädchen nach Deutschland, die dann in Bordellen ihrer Landsleute prostituiert werden. Ohne Pass und so flieht es sich natürlich auch schlecht. Der Zuhälter bekommt frische Ware für seine Fleischtheke, während die Mafia Prozente von deren Einspielergebnis holt und sich nach dem Erstimport nicht mehr die Hände schmutzig machen muss.

Irina ist eine solche Prostituierte, der allerdings ihr Zuhälter Olek verfallen ist, weswegen er sie hinter der Bar arbeiten lässt statt weiterhin mit den Kunden schlafen zu müssen. Nebenbei verdient sie sich aber genau darüber noch was dazu, zumindest am im gleichen Haus wie ihr lebenden und ihr hoffnungslos verfallenen Apothekenbesitzer Wittkowski. Dass das Zugpferd Irina nicht mehr anschaffen gehen muss, gefällt den Nachwuchsmafiosi Dima und Viktor allerdings gar nicht, immerhin hat Olek ordentlich Schulden beim Paten. Als Irina dann noch aufmüpfig wird, gerät die Sache mit dem hitzköpfigen Dima aus dem Ruder, der sie schlägt, vergewaltigt und dann erschießt.

Erst jetzt haben Roiter und Zorowski auch eine Schnittstelle mit der ganzen Mafia-Geschichte des Filmes, zu dem die Briefbombe natürlich zurückkehrt.

Im Giftschrank ist der Tatort wohl dann auch, weil er brutal und sexistisch ist. Tatsächlich gehen die Bordellbesitzer und Mafiosi nicht gerade zimperlich mit den Prostituierten um. Sonderlich grafisch brutal wird es nie, aber 1996er Prime Time in des Deutschen liebster Fernsehreihe sorgte das halt für Aufsehen.

Besonders beliebt ist er wohl auch nicht, weil qualitativ nicht gut? Ich bin da so ein wenig gespaltener Meinung. Im Konzept finde ich Krokodilwächter eigentlich ganz gut. Hier war jemand am Werk, der ein echtes Faible für epische Mafia-Dramen hat. Die Ermittler sind mal fast Nebensache. Stattdessen gibt es ordentlich Irrungen und Wirrungen in der Familie was einen Generationskonflikt angeht, plus die dreckigen Machenschaften im Rotlichtmilleau und dem Menschenhandel. Da lässt sich dramaturgisch echt was rausholen und langweilig wird es definitiv nicht. Wenn das ganze halt nicht so sehr wie ein billiger Abklatsch wirken würde. Das Schauspiel ist solala, die Struktur klischeehaft wie die Musikuntermalung, und erneut haben wir die billige Soap-Optik der Betamax-Kameras wie schon beim Tod im Jaguar. Gut gemeint ist halt noch nicht gut gemacht, wie Krokodilwächter schön beweist.