The Tale of Princess Kaguya

Wird langsam Zeit, dass die Akte Ghibli geschlossen wird. Nachdem bereits Hayao Miyazaki mit Wie der Wind sich hebt seine Abschlussvorstellung ins japanische Kino brachte, durfte auch Mitbegründer des der Leinwand entsagenden Studios Isao Takahata einen großen, letzten Film machen. Sein erster Ghibli seit 1999s Meine Nachbarn die Yamadas und seine erste Regie-Arbeit seit jenem Film abgesehen eines Segmentes in einem Kollaborationsprojektes. Insgesamt hat uns Takahata von den über 20 Ghiblis tatsächlich „nur“ 5 gebracht, aber er war auch nie ganz der gleiche Kinokassen-Garant wie Miyazaki und ist bekannt Deadlines schlecht einhalten zu können. Bis zum Ende, denn Die Legend der Prinzessin Kaguya sollte ursprünglich als Double-Feature mit Wie der Wind sich hebt in die Kinos Japans kommen, sozusagen gleichzeitig die beiden großen Ghibli-Regisseure verabschiedet werden, stattdessen musste er allerdings um einige Monate verschoben werden.

Ein etwas abseits eines kleinen Bergdorfes lebender Bambusschneider findet jedenfalls eines Tages einen übernatürlich leuchtenden Sprössling, aus der ein Puppenhaftes Mädchen fällt, welches sich kurz darauf in ein Baby verwandelt. Der gutmütige Kerl, der sie für eine vom Himmel geschickte Prinzessin hält, zieht die Kleine mit seiner Frau groß. Und groß wird sie schnell, denn das Prinzesschen hat ein beschleunigtes Wachstum, welches alle Bauern der Gegend ziemlich gutmütig einfach so hinnehmen.

Doch als das Mädchen langsam (oder doch schnell) größer wird, und der Bauer im leuchtenden Bambus Gold und schöne Kleider findet, setzt sich in seinem Kopf die Idee fest, dass der Himmel von ihm will, dass sie tatsächlich wie eine Prinzessin aufwachsen kann. Also baut er mit dem Vermögen ein großes Anwesen in der Stadt und reißt die Familie aus dem bescheidenen aber ruhig-besinnlichen Leben in den Bergen, um dort einen Hofstaat aufzubauen.

Gerade das wilde Mädchen, der es Spaß macht durch die Gegend zu tollen und mit den Jungs Abenteuer zu erleben, wird dort nicht glücklich. Eine Dame tut dies, eine Dame tut jenes, und vor allem eine Dame tut viele Dinge gar nicht, ist was ihr schnell von der Zofe beigebracht wird. Nach ihrer Namensfeier darf sie sich Kaguya nennen, und bekommt prompt wegen ihrer Schönheit die Aufwartung von Edelleuten gemacht. Die kein wahres Interesse an ihr haben, und ihr unhaltbare Versprechungen machen, die das gewitzte Mädel allerdings einfordert, bevor sie zur Heirat willig ist.

Es ist eine schöne Erzählung geworden, mit dem Drama und der Melancholie, die wir aus Takahata-Filmen wie Die letzten Glühwürmchen und Tränen der Erinnerung kennen, aber auch mit etwas des Witzes aus Pom Poko und Meine Nachbarn die Yamadas. Es ist ein Appell daran das Glück in den kleinen Dingen zu suchen, mit weniger zufrieden zu sein statt immer noch nach mehr zu verlangen. Das Leben in den Bergen mag nicht immer leicht sein, immerhin war gerade in dieser Ära arm zu sein auch kein Wunschkonzert, doch dies spricht der Film eher kurz an und zeigt dies nie in Bildern. Stattdessen ist das Leben dort, zumindest für Hauptfigur Kaguya, hauptsächlich Spaß und Spiel und die Natur gibt reichlich um zufrieden sein zu können. Das Leben in der Stadt, vom fälschlicherweise nach immer mehr Ansehen strebenden Vater, der dies durchaus fehlgeleitet fürs Glück seiner Ziehtochter hält, hingegen bringt einen Überfluss aber auch beklemmende soziale Zwänge mit sich. Gerade für ein Mädchen in der Ära, aber es ist ja jetzt nicht so, dass die japanische Gesellschaft nicht bis heute von tausend beengenden ungeschriebenen Gesetzen geregelt wäre.

Ist allerdings nicht alles tragisch, was im Film geschieht. Nicht nur hat Kaguya viel Spaß als Kind in den Bergen, sondern wie in Takahatas Heidi für Toei Animation, hat sie sich etwas von jener Leichtigkeit auch mit in die Stadt genommen. Einige kleine humorige Stellen bietet der Film auch, wie wenn der Ziehmutter plötzlich magisch die Milch einschießt, um Kaguya großziehen zu können, oder wie sie ihre Verehrer austrickst. Und Kaguya kleine Zofe mit dem Breitmaulgesicht ist sowieso der heimliche Star des Filmes.

Das funktioniert natürlich so oder so, selbst wenn man kein Japaner ist, eben dadurch das Kaguya langsam aufwächst. Wer erinnert sich nicht gern verklärt an die Kindertage, in denen das Leben simpler und das Glück einfach zu greifen war? Während mit dem Erwachsenwerden mehr soziale Konventionen und Verantwortungen auf einen warten. So findet sich jeder ein wenig in der Legende der Prinzessin Kaguya wieder.

Der Animationsstil derweil erinnert an Meine Nachbarn die Yamadas, denn auch Kaguya hat einen minimalistischen Stil mit viel Bleichstift-artigen Outlines und einer Kolorierung in dezenten Wasserfarben zu bieten. Allerdings ist das Design an sich realistischer und nicht so cartoonig wie die Yamadas. Wenn es dann doch mal zu einer schnellen Sequenz kommt, ist das geradezu eine Explosion an Dynamik, verlieren sich die Details gern noch mehr in schnellen Strichen, Bewegungen.

Einen runden Film hat das letzte Werk von Takahata ergeben. Zeigt seine beiden Stärken sehr gut, sowohl das Drama als auch seinen Humor, die beide gern eher subtil daher kommen.

Prince of the Sun

Horus: Prince of the Sun, auch bekannt als The Little Norse Prince oder als fehlübersetzter Hols, ist ein Frühwerk von Isao Takahata. Genau genommen ist der 1968er-Kinofilm sein erster Feature Film für Toei – und dank des immensen Flops auch gleichzeitig sein letzter, anschließend waren es wieder TV-Produktionen und Kurzfilme, bis zur Gründung Studio Ghiblis mit Hayao Miyazaki, der hier übrigens als Lead Animator beteiligt war. Die Produktion stand allgemein unter keinem guten Stern, so überzog Takahata sowohl Budget wie Zeitfenster und wollte einen wesentlich ernsteren Film machen, als Toei bekommen wollten. Anime nur was für Kinder? Jepp, damals gab es in Japan selbst nicht so viele Produkte, die es wagten, Ambition zu zeigen, sondern waren meist einfache Dinger, die sich zumindest forderst ans junge Publikum richteten.

Das Ergebnis ist eine eigentlich recht simple und altbekannte Heldensage. Dämon Grunwald schickt Terror übers Land und zerstörte das Heimatdorf von Horus, als jener noch ein Baby war. Sein Vater flüchtete mit ihm und nun, wo er im Sterben liegt, erzählt er Horus davon. Also macht sich Horus auf, nachdem er das Schwert der Sonne gefunden hat, gegen Grunwald zu ziehen und es neu zu schmieden. Dabei muss er ein paar Monster besiegen und kommt in einem Dorf unter, welches er rettet. Auch trifft er auf die verfluchte Hilda und nimmt sie mit ins Dorf, womit die Probleme dort für ihn anfangen.

Wie gesagt, die Geschichte ist simpel gestrickt und die Charaktere sind – Hilda etwas abgesehen – eindimensional. Das ist nun bei Heldensagen grundsätzlich auch nicht so ungewöhnlich, immerhin existieren diese Archetypen entsprechend lang. Das Horus damals ein überraschend ernster Film mit Anspruch war, davon merkt man heutzutage natürlich kaum noch was. Jedoch ist er rasant und spannend genug erzählt und animiert (gerade die Anfangsszene Horus vs. Wölfe, welche wohl rotoscopischer Natur ist).

Natürlich gibt es auch ein paar Abstriche, die wohl vor allem aus der uneinigen Produktion entstanden. Einige Lieder mögen sehr nett untergebracht sein, aber andere der Gesangseinlagen, gerade beim Singen und Tanzen der Dörfler, wirken doch eher dämlich. Zusammen mit den sprechenden Tieren hat man hier wohl etwas gen Disney und junge Zielgruppe geschielt, gegenüber der weitestgehenden Ernste des Rest des Filmes, außerhalb des Dorflebens. Auch mussten wegen Budgetmangels zwei der größten Angriffsszenen des Filmes als reine Standbild-Diashow eingefügt werden.

Dennoch fand ich den Film durchaus sehenswert, es ist ein kurzweiliges, meist spannendes Vergnügen, ein interessantes Frühwerk Takahatas und der japanischen Animations-Features.

Ghibli Sunday – Yamadas

Als ich Meine Nachbarn die Yamadas zum ersten Mal untertitelt auf Arte gesehen habe, hätte ich nie erwartet, dass dieser Film je auf deutscher DVD erhältlich sein würde, dafür ist auf dem deutschen Animemarkt einfach kein Platz. Vielleicht allerhöchstens als rein untertitelte DVD von Rapid Eye Movies, aber nur im Zweifelsfall. Doch Universum Film bringt dankenswerterweise den ganzen Ghibli-Katalog raus und somit sind auch die Yamadas ein paar Jahre später hier in den Regalen gestanden. Nicht, dass es sich gelohnt hätte, laut Universum sind die Verkaufszahlen ziemlich mau gewesen und ehrlich gesagt war es ja auch nicht anders zu erwarten. Ich muss eingestehen, ich war durchaus Teil des Problems, habe ich mir die DVD doch erst jetzt für diesen Rewatch gekauft.

Was die Yamadas in Deutschland zu schlecht verkäuflich macht, ist einfach die Alltäglichkeit der Sache. Der Film erzählt uns in kleinen, nicht zusammenhängenden Vignetten das total normale Alltagsleben einer absoluten japanischen Durchschnittsfamilie. Da haben wir den schusseligen Vater, die faule Mutter, die resolute Oma, einen älteren Bruder, jüngere Schwester und sogar ein alles mit Desinteresse beobachtenden Hund. Lebend in einem Vorstadthäuschen, der Vater arbeitet, die Mama ist Hausfrau. Das ist die japanische Standardfamilie, die so Abenteuer zu bestehen hat, wie den Kampf um die Fernbedienung, das es jetzt schon wieder Eintopf zum Essen gibt, die Abschlussprüfung verhauen wurden oder der Geldbeutel zu Hause liegen gelassen wurde.

Klar, der Film arbeitet das alles mit viel Witz und Charme auf, jedoch hauptsächlich bissiger bis liebenswerter, aber eben sehr niedrig gehaltenem, trockenen Witz. Das hier ist kein überdrehtes Shin-Chan. Die Yamadas ist ein ruhiger, bodenständiger Film, selten wirklich überdreht oder Action-geladen, außerhalb der einen oder zwei Traumsequenzen des Familienplanens am Anfang oder der Mofa-Superheldens gegen Ende. Zwischendurch gibt es sogar immer wieder zur Situation passende Haikus. Er ist zu alltäglich und zu japanisch, um eine breite Masse zu interessieren.

Und auch nicht ansehnlich genug. Es gibt hier nicht das übliche Ghibli-Charakterdesign zu sehen, keine super detaillierten Szenerien und atemberaubende Animationen. Die Yamadas sind in einem sehr Skizzenhaften Storyboard-Stil gehalten, alles minimalistisch, die Hintergründe teilweise kaum da, koloriert in blassen Aquarellfarben. Das ist eine stilistische Entscheidung und eine die eigentlich gut zum Thema passt, der Sache mehr Charme gibt, aber sicherlich kein Eye Catcher.

Aber ob ein Film gut oder schlecht ist, richtet sich ja Gottseidank nicht danach, wie viel Erfolg er auf dem deutschen Nischenmarkt haben könnte. Dann wären ja so Endlos-Shonen-Serien wie Naruto die Krönung schlechthin, und das wollen wir doch wohl hoffentlich alle nicht. Das absolute Kontrastprogramm zum vorangegangen Epos Prinzessin Mononoke ist sicherlich auch keiner der ganz großen Ghiblis, der absolut mitreisenden Geschichten, sondern einer ihrer kleineren Filme, fast schon mehr geeignet als episodische TV-Serie denn abendfüllenden Kinofilm, doch es ist ein sehr nettes und charmantes Werk geworden, dem man seinen Unterhaltungswert auch nicht absprechen kann, besonders wenn man sich für eine humorige Betrachtungsweise des japanischen Alltags interessiert.

Ghibli Sunday – Pom Poko

Schon immer lebten die Marderhunde in den ländlichen Gebieten neben den Menschen her, ohne sie groß zu stören. Bis sich dann die Menschen dazu entschieden, die Marderhunde stören zu müssen. Denn so eine Metropole wie Tokyo breitet sich nun Mal konstant aus und die Hügel der Marderhunde werden zum neuesten schicken Vorort der Stadt, eine Wohnsiedlung im Grünen. Nur das beim japanischen Platzmangel eine Wohnsiedlung im Grünen immer noch heißt, dass abgesehen von einer Allee und einem winzigen Park hier und dort der Rest immer noch menschlicher Wohnraum heißt, nicht tierischer.

Nun haben Marderhunde allerdings ähnlich wie die Füchse ein geheimes Talent: Sie sind Gestaltwandler. Und als solche versuchen sie, die Bautrupps und Vorstadtbewohner zu vertreiben. Nur haben die verspielten Tiere dummerweise auch Probleme, die ihnen dabei im Weg stehen, feiern sie doch gerne, haben einen Hang zum Schabernack, sind verfressen und ist ihre Aufmerksamkeitsspanne eh nicht sonderlich hoch angesetzt. Marderhunde sind sozusagen die ADHS-Kinder der japanischen Tiermythologie.

Pom Poko ist wohl einer der weniger zugänglichen Filme des Studio Ghiblis für den westlichen Ottonormalschauer, da er einfach unglaublich japanisch ist. So dreht sich alles um die Tanuki, eine japanische Art von Marderhunden, die laut Aberglauben eben Gestandwandlerische Fähigkeiten besitzen. Aber nicht nur die Fähigkeit an sich, sondern auch ihr normales Leben reflektiert sehr stark das altmodische japanische Familienleben und Feierlichkeiten.

Was nicht bedeutet, dass man sich wirklich groß mit Japan auskennen müsste, um den Film genießen zu können, es hilft halt nur weiter. Denn der Film ist einfach witzig, das quirlige Treiben der Marderhunde, ihre misslingenden Eskapaden, lauten Feste, launigen Gestaltwechsel… Pom Poko ist ein wirklich amüsanter Film mit absolut sympathischen tierischen Hauptcharakteren.

Auch wenn darunter eine ernste Handlung vergraben ist. Natürlich mal wieder die Umweltbotschaft und das Glorifizieren des altertümlichen Landlebens. Das kennt man von Ghibli ja mittlerweile und Pom Poko ist einer jener Filme, die es dicker auftragen. Allerdings nie so ernst wie andere, dafür sind die Marderhunde einfach zu witzig und unterhaltsam. Klar, ernste Szenen gibt es auch und obwohl der Film auf eine versöhnliche und lustige Szene endet, so geht er doch streng genommen eigentlich nicht gut für die Tanuki aus. Sie bekommen ihren Lebensraum nicht zurück, so scheinheilig ist der Film nicht.

Das macht Pom Poko, aller unterliegender ernsten Botschaft zum Trotze, wohl zu einem der spaßigsten und lautesten Ghiblis. Nicht unbedingt zu ihrem anspruchsvollsten und absolut ernsten, aber doch zu einem echt niedlichen und launigen Anschauen. Obwohl er mit fast 2 Stunden vielleicht etwas lang geraten ist, geht es doch vorrangig nur um mehr oder weniger zusammenhängende Eskapaden der Tierkommune.

Ghibli Sunday – Only Yesterday

Taeko ist eine junge, unverheiratete Frau mit gutem Bürojob in Tokyo, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Zumindest nach unseren Verhältnissen ist sie eine junge Frau, mit 27 unverheiratet zu sein macht sie in Japan natürlich schon fast zur alten Jungfer, bei der man sich fragen muss, was mit ihr schief gelaufen ist, dass sie keinen Mann dazu bringen kann, sie zu heiraten. Anwandlungen wie weiblicher Karierewunsch, warten auf den Richtigen oder Homosexualität sind nette Naivitäten, wenn man auf die Uni geht, aber mit Mitte Zwanzig sollte man langsam mal erwachsen werden und eine Familie gründen, um seinen Zweck als Rädchen im Bienenvolk zu erfüllen.

Taeko ist davon allerdings ziemlich unbelastet, tut das mit einem Lächeln und Winken ab. Momentan ist sie sowieso viel zu gut drauf, hat sie sich doch 10 Tage Urlaub genommen, um aufs Land zu fahren. Dort will sie die Atmosphäre genießen, während sie den Bauern erneut bei der Ernte hilft, anstatt sich einfach auf die faule Haut zu legen und zu entspannen. So holt sie sozusagen nach, dass sie als Stadtkind ohne landlebende Großeltern dies in ihren Sommerferien nie tun konnte. Und wer weiß, vielleicht ist das Glück ihr ja hold und sie findet dort einen netten Bauern, der sie heiraten will und so zu einem richtigen Menschen macht, zumindest so weit, wie man das als Frau sein kann. Aber erst mal ruft die Reise viele Erinnerungen an ihre Kindheit wieder wach.

Denn genau genommen ist die Urlaubsreise der erwachsenen Taeko nur der Mantel, der die einzelnen Episödchen aus ihrer Kindheit als etwas 10-Jährige in den 60ern zusammen hält, der Sache einen Faden verleiht, an dem sich die Erinnerungen aufreihen. Sich mit den beiden älteren Schwestern streiten, eine schlechte Arbeit nach Hause bringen, das erste Mal verliebt, Aufklärungsarbeit über die erste Periode, sauer auf den strengen Vater sein und so weiter.

Damit ist Tränen der Erinnerung der normalste und ruhigste Film im Ghibli-Kanon, weil er zwar mit viel Charme und Nostalgie, aber eben doch nur gewöhnliche Alltagssituationen präsentiert. Taeko gelangt nicht durch Wandschrank oder Hasenbau in eine Zauberwelt, in ihrer Kindheit gab es keinen Weltkrieg oder eine tausende Meilen weite Reise zur Mutter in Argentinien. Nein, Taeko war ein ganz normales, vielleicht etwas zickige kleines Mädchen.

Besonders hier ist übrigens die Animationsarbeit, die dem bodenständigen Film noch mehr Realismus verleihen soll. Ghibli-Filme sind eigentlich immer ganz gut darin, über die Gestikulation und auch hier und da mal einen Versprecher die Charaktere lebensnah zu präsentieren. Hier kommt noch hinzu, dass man das Mienenspiel wesentlich stärker ausarbeitet, weswegen Tränen der Erinnerung auch zuerst die Sprecher aufnahm und dann auf ihren Text drauf animiert wurde (in Japan wird im Gegensatz zu Amerika erst animiert und dann müssen die Synchronsprecher halt passend drauf reden), damit die Mimik passt. Das ist ehrlich gesagt ein etwas seltsames Ergebnis, da wir das von animierten Figuren nicht gewöhnt sind und es ja die Regel gibt, dass jede Falte einer gezeichneten Person gleich ordentlich Jahre optisch drauf setzt, wodurch die Charaktere manchmal einfach nur eben alt wirken, wenn sich in ihren Gesichtern die Mimikfalten breit machen. Im Kontrast dazu sind übrigens die Erinnerungen etwas traumhafter gehalten, die Animation ist klassischer und die Farben sind pastelliger haben etwas von einem Kinderbuch.

Wie bereits erwähnt ist Tränen der Erinnerung, weil er sich vorrangig an ein Publikum wie Taeko richtet, also erwachsene Frauen, die in Erinnerungen schwelgen wollen, der ruhigste Ghibli und für diejenigen, die mit solchem alltäglichen Slice of Life nichts anfangen können sicherlich der langweiligste. Doch ich fand ihn ganz nett, Takahata hat einfach ein Händchen dafür, Alltäglichkeit charmant zu präsentieren.

Ghibli Sunday – Fireflies

Die letzten Glühwürmchen, der erste Ghibli, den ich gesehen habe, als er damals im deutschen Fernsehen lief – dank den Franzosen von Arte. Und auch der erste, der auf deutscher DVD erhältlich war – dank den Schweizern von Anime Virtual. Damit sich UFA an ein Release der Filme traute, musste ja erst Chihiro den Oscar gewinnen. Ich hatte damals keine Ahnung vom Film oder wer Studio Ghibli ist, aber es war ein Anime im TV und da hat man damals alles mitgenommen, was ging. Was für eine Überraschung, als er dann über den Bildschirm flimmerte…

Der Film macht uns keine falschen Hoffnungen, er beginnt direkt damit, dass der Junge Seita stirbt und seine Seele nun wieder mit seiner Schwester Setsuko vereint ist. Erst dann kommt der Rückblick, allerdings nicht gerade in eine beruhigendere Szene: Die beiden fliehen beim Bombenangriff der Amerikaner durch die abbrennenden Straßen der Stadt. Es ist der Zweite Weltkrieg und somit wird es nicht ihr letzter bleiben.

Die Mutter stirbt an Brandwunden, die Kinder werden bei der Tante aufgenommen. Jene ist zunächst noch nett, solange die beiden dank der Verbindung des Vaters zum Militär noch Rationen bekommen, an die die normale Bevölkerung normalerweise nicht ran kommt. Doch mit der Zeit lässt sie die beiden immer mehr merken, dass sie nur eine permanente Belastung für sie sind.

Also ziehen sie aus, in eine Höhle im nahen Berg, wo sie sich gern hin zurückgezogen haben. Dank dem Geld der Mutter lebt es sich zunächst noch gut, doch das hält nicht an. Sie werden hungrig und krank, Setsuko überlebt es nicht.

Die letzten Glühwürmchen ist der Film, bei dem viele zugeben, weinen zu müssen. Das ist ja freilich auch keine schwere Angelegenheit für ihn, immerhin zeigt er uns zwei leidende Kinder im zweiten Weltkrieg, die sterben. Die Atmosphäre ist bestechend bedrückend, vor allem in der ersten und finalen halben Stunde. Seitas Tod am Bahnhof, weggeworfen wie Müll, weil das zu häufig vorkommt; der erste Bombenangriff und der plötzliche Tod der Mutter, bei dem uns der Film den Anblick des durch die Verbände blutenden Brandopfers nicht erspart, weil der Film uns nämlich nichts erspart, schonungslos real ist; und dann gegen Ende natürlich die Szene nachdem die Glühwürmchen gestorben sind und das Ende von Setsuko. In der halben Stunde dazwischen gibt es ein paar kleine Inseln des Glücks, damit sich die Zuschauer nicht massenhaft in den Selbstmord stürzen, doch Die letzten Glühwürmchen verbreitet meist Grabesstimmung. Ein Film, den man einfach jederzeit einlegen kann und unterhalten wird wie ein Schloss im Himmel oder Totoro ist es also freilich nicht, hierfür muss man in der richtigen Stimmung sein.

Auch ich muss hier weinen, übrigens. Das tue ich normalerweise nicht häufig und bei Filmen schon mal noch weniger, weil ich immer die Grunddistanz dazu habe, immer im Hinterkopf behalte, dass hier ja nur Schauspieler so tun als ob. Ghiblis Glühwürmchen sind dann noch nicht mal Schauspieler, sondern alles nur gezeichnet, auf den ersten Blick also noch mehr Distanz bringend. Aber er schafft es, nicht mal 5 Minuten müssen dafür vergehen.

Dafür sind die Kinder einfach zu herzig und zu tragisch. Besonders die kleine Setsuko, so ein goldiges kleines Ding habe ich sonst nicht mehr in einem Anime gesehen, vielleicht Ringo in Casshern Sins mal ausgenommen. Wenn sie dann weint geht das ans Herz, wenn sie leidet bricht es. Und Seita, ewig mit dem Fehler und dem Vorwurf behaftet, dass sein falscher Stolz zur Eskalation der Situation beigetragen hat, weil er nicht zugeben wollte oder konnte, dass ihm alles über den Kopf wächst. Zeiten und Erziehung genommen nehm ich ihm das ab. Er liebt seine Schwester viel zu sehr, als das dies bewusst passiert wäre. Er ist ja auch noch ein halbes Kind. Die Bindung der beiden ist rührend, die Menschlichkeit dieser zwei gezeichneten Figuren bestechend.

Am Ende sitzt man dann da, die meisten vielleicht mit einem Taschentuch in der Hand, und ist um eine Erfahrung reicher. Und was für einer, einer die man nicht missen wollen würde, auch wenn man sich das bedrückende Kriegsdrama so schnell vielleicht dennoch nicht erneut ansehen kann.

Ghibli Sunday – Laputa

Piraten überfallen ein Luftschiff, um an den Anhänger des darin gefangen gehaltenen Mädchens Sheeta zu kommen. Die springt allerdings einfach aus dem Schiff, zum Glück ist besagter blauer Anhänger ein Flugstein, der sie sanft gen Boden gleiten lässt – und direkt in die Arme des Jungen Pazu. Die beiden freunden sich an und Pazu macht es sich zur Aufgabe, Sheeta zu schützen, sowohl vor den Piraten als auch vorm Militär.

Gelingt nur nicht, das Militär schnappt sich Sheeta und Pazu muss plötzlich mit den eigentlich doch gar nicht ganz so üblen Luftpiraten zusammen arbeiten, um sie wieder zu retten. Warum ist sie überhaupt so wichtig? Alle wollen in die sagenumwobene Himmelsfeste Laputa, wo unsägliche Reichtümer und Macht warten sollen. Und Sheetas Stein weist den Weg dorthin.

Was für ein wundervoller Film, Das Schloss im Himmel ist einer der besten Abenteuerfilme für die ganze Familie, den man sich ansehen kann. Ich kann einfach nichts an ihm finden, was mich stört. Die Charaktere sind alle durch die Bank weg sympathisch – sofern von Nöten -, die Chemie zwischen Pazu und Sheeta ist glaubhaft, obwohl es so schnell geht, die Piraten sind total witzig, die Antagonisten fies aber jenes eben nicht ganz grundlos, sondern haben schon eine gewisse Agenda. Die Action lässt nie nach, eigentlich könnte man Das Schloss im Himmel auch zu einer Mini-Serie von Halbstündern zerschneiden und es gäbe in jeder Episode ein actiongeladenes Highlight gegen Ende. Ein wenig Moral gibt es natürlich auch, wie immer bei solchen „Untergegangene Hochkultur“-Handlungen dahingehend, dass der ungebremste Technikdrang um den Willen des Fortschritts nicht nur positiv sein muss, wenn man sich von der Natur entsagt und Menschen Mächte in die Hand bekommen, mit denen sie nicht umgehen können, die zu gefährlich sind.

Und wer wie ich auch immer ger Nadia: The Secret of Blue Water geschaut hat, wird wohl ein paar Parallelen zu finden wissen. Denn beide basieren auf einem Konzept, das Miyazaki damals für Toho erstellte und lang ungenutzt blieb. Der blaue „Zauberstein“, die Prinzessin der untergegangenen Zivilisation, der Erfinder-Junge, die Piratenbande mit überraschend großem Herz und einem Rotschopf als Anführer. Macht richtig Laune, die Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Sehr interessant ist erneut auch der Soundtrack von Joe Hisaishi. In Nausicaä lieferte er einen überraschend anderen Synth mit 70s-Vibes ab, hier geht er in die extrem subtile Richtung. Häufig hört man die gleichen wenigen Melodien, nur in unterschiedlicher Abmischung. Gerade das Main Theme, welches dann auch in gesungener Form den Abspann begleitet, scheint fast jede zweite Szene zu unterlegen. Überraschend, wie kleine Änderungen in ihm es so passend auf so viele Situationen machen kann.

Ghibli Sunday – Nausicaä

Ah, das Studio Ghibli, das japanische Traditions-Animationsstudio schlechthin, sozusagen deren Disney. Nur mit konstanterem Output, was aber auch klar ist, wenn die Filme immer von den gleichen drei Hauptfiguren gemacht werden. Mein erster war damals übrigens Die letzten Glühwürmchen, auf Arte noch. Anschließend war es immer wieder eine Freude auf einer Animagic mal einen Nausicaä, Mononoke, Kiki oder Totoro mitzubekommen. Ach ja, die damaligen Zeiten, heutzutage hat man es ja so einfach, Ghibli komplett auf DVD zu bekommen. Und was sind die Bluray-Cover erst so classy, wenn auch wahrscheinlich zu schlicht, um in Deutschland groß verkaufsfördernd zu sein.

Egal, Nausicaä aus dem Tal der Winde, ähnlich wie Heidi beim World Masterpiece Theatre eigentlich noch vor deren Gründung erschienen, aber gern dazu gezählt, wird ja mittlerweile auch über Ghibli vermarktet. Basierend auf einem – wesentlich längeren – Manga von Miyazaki himself.

Vor 1000 Jahren ging in den sieben Tagen des Feuers die Welt unter. Mittlerweile wird sie vom Wald der Fäulnis beherrscht, ein giftige Sporen aussendender Urwald, voller mutierter Rieseninsekten, die bei der kleinsten Provokation durchdrehen. Die Menschen leben verstreut in den wenigen noch nicht vom Wald eingenommenen Gebieten, darunter auch das Tal der Winde mit dessen Prinzessin Nausicaä, die die Insekten und Sporen sogar heimlich studiert.

Dummerweise stürzt ein Flieger aus Tolmekia im Tal ab, mit einer seltsamen organischen Ladung. Schon bald kommen weitere Flieger und besetzen das Tal, töten Nausicaäs Vater. Die Ladung ist nämlich ein Titan, die damals in den Tagen des Feuers die Apokalypse übers Land haben regnen lassen. Eine mächtige Waffe also, die jeder gerne hätte und den die tolmekische Prinzessin mit Krieg aus Pejite geholt hat.

Auf dem Weg zurück nach Tolmekia, Nausicaä als Geisel nehmend, werden sie von Pejite angegriffen, stürzen im Wald der Fäulnis ab, wo Nausicaä herausfinden muss, dass jener eine sehr wichtige Daseinsberechtigung hat.

Der erste Film also vom Team, dass dank dessen Erfolges zum Studio Ghibli werden konnte, und was für einer. Immerhin waren die alle keine Neulinge mehr, haben vorher beispielsweise bei Nippon Animation in den World Masterpiece Serien oder den Mumins mitgearbeitet, Castle of Cagliostro auf die große Leinwand gebracht. Und das merkt man, liefern sie hier doch einen weitestgehend runden Film ab. Wenn ich den Manga nicht kennen würde, würde mir gar nicht bewusst, dass er dennoch fast nur ein Schatten des wahren Epos ist.

Es ist ein moralischer Plot, natürlich, Miyazaki hat schon immer gern Umweltbotschaften in seine Filme eingebaut, wirklich tragend sind sie allerdings nur hier und in Prinzessin Mononoke. Es ist eine Geschichte gegen das scheinbare Bedürfnis ständig und wegen allem Krieg zu führen, auch wenn es uns nur dem Untergang näher bringt. Gegen Umweltverschmutzung und dafür, sich mit seiner Umgebung besser zu befassen, immerhin ist der für den Menschen auf den ersten Blick tödliche Wald nichts anderes, als der Selbstverteidigungs- und Reinigungsmechanismus des Planeten. Eben um jene katastrophalen Wunden zu heilen, die der Mensch ihm zugefügt hat.

Dennoch zeigt der Film nie zu sehr mit den Zeigefinger, schleudert wirklich Zaunpfähle um sich. Und funktioniert eben auch ohne die Botschaft als Film voll Action, mit einer interessanten Mythologie und sympathischen Charakteren. Keine einfache Schwarz-Weiß-Malerei, hier agieren Personen, nicht eindimensionale Klischees.

Weitestgehend zumindest, aufs Finale merkt man dem Film dann leider doch etwas an, dass die Geschichte runter getrimmt ist, das hier mehr dahinter steckt, als umgesetzt werden kann. Vielleicht hat man halt doch einfach mehr abgebissen, als man in einem schlucken kann. Auf jeden Fall wird er – viele tolle ikonische Szenen zum Trotz – auf den Schluss hin etwas holprig, wenn alles irgendwie zu einem Ende zusammen kommen muss. Das Geschehen zwischen Tolmekia und Pajite wird schnell abgehandelt, der auf den Anfang gehypte Titan, der alles ausgelöst hat und der dann für längere Zeit vergessen wurde, wird schnell verheizt, nach der großen Ohmu-Szene ist es schon etwas abrupt beendet. Hier war die Idee wohl doch etwas größer als die umsetzerischen Möglichkeiten.

Aber das ist nur ein kleiner Makel in einem sonst wirklich tollen Film. Übrigens auch toll animiert, trotz des Alters merkt man hier schon Ghiblis Detailverliebtheit und tolles Weltendesign.

From the Appenines to the Andes

Vor ein paar Monaten hatte ich ja meinen World-Masterpiece-Theater-Nostalgie-Post und ans Ende geschrieben, dass ich mir die Marco-Box mal bestellt hatte, obwohl ich, da sie direkt zum Preissturz als nicht mehr vorrätig gelistet wurde, stark davon ausging, dass das Teil nicht mehr produziert wird und Amazon dat nur noch nicht ganz gecheckt hat. So war es tatsächlich, die Box ist nie wieder offiziell als erhältlich gelistet worden (was ist’s eigentlich mit den Serien, dass von den Halbstaffelboxen immer noch eine erhältlich ist, die andere aber nur 2nd Hand für Wucherpreise zu bekommen ist?), doch Amazon war dennoch so nett, mir einige Zeit später eine zuzuschicken – vielleicht irgendwo aus einem Restbestand oder so. Und das ist über die letzten Wochen mein alltägliches Bettgeh-Ritual geworden: Sich ins Bett kuscheln und noch eine Folge Marco schauen, bevor das Licht ausgeht.

Die Familie des kleinen Marcos lebt in Genua, sein Vater führt dort eine Armenklinik. Das ist eine noble Sache, aber auch sehr dumm, wenn man so wie die Familie weder reich ist, noch einen reichen Gönner hat. Also bekommen sie Geldprobleme und da zur Zeit in Italien die Arbeitslosigkeit eh frapierend ist, geht die Mama nach Argentinien, wie so viele andere italienische Auswanderer auf der Suche nach Glück und Arbeit das auch tun. Marco findet die Trennung natürlich schrecklich und als dann eines Tages auch noch die Briefe der Mama ausbleiben, beschließt er, sie einfach holen zu gehen.

Und so entbrennt, nach der Einleitungsphase der Serie, die Marcos Leben in Genua zeigt, die Odyssey des kleinen Jungens über den Ozean, durch Teile Brasiliens und Argentiniens, von einem ehemaligen Aufenthaltsort der Mama zum nächsten, über Wasser, zu Lande, durch Schnee, mit neuen Freunden, die er wieder verlassen muss, bis er sie endlich findet.

52 Folgen sind natürlich ein ziemliches Time Commitment, aber doch ein sehr lohnendes, denn überraschenderweise wird die Serie nie langweilig, alle Folgen sind sehr kurzweilig, selbst jene, in denen im Nachhinein eigentlich gar nicht so viel passiert ist. Marco hält es nie lange an einem Ort auf und wenn doch, wie beispielsweise in Genua oder während der Ozeanüberquerung, gibt es immer was zu erleben. Man muss den naiven, stoischen kleinen Jungen einfach gern haben, der all das auf sich nimmt und mit träumerischen Blick verzweifelt gen Horizont schaut. Irgendwo da ist seine Mama und verdammtnochmal, er wird sie finden!

Es ist eine anrührende Serie, kaum anders zu erwarten von WMT und Isao Takahata, der es wie kaum ein anderer schafft, uns dramatische, menschliche Schicksale zu präsentieren. Man freut sich mit, wenn Marco mit den Puppenspielern auftritt, man fiebert mit, wenn er in einen Schneesturm gerät, man fühlt mit, wenn er mal wieder zu spät wo ankommt, da die Mama schon weitergezogen ist. Und man gewinnt auch all die anderen Charaktere, die er auf seiner Reise antrifft, gern. Schöne Serie, das :3

Ich würd ja gern auch mal den Kinofilm von 1998 sehen, als WMT die Serien zwecks schlechter Quoten einstellte, sich aber an einen Kinoreboot wagte, der nach Niklaas und Marco allerdings auch im Sande verlief. Nur glaub ich gibt’s den leider gar nicht in für mich verständlicher Sprache. Schade.