Shubh Mangal Zyada Saavdhan

Hallo Bollywood, so sieht man sich also wieder. Meine Berührungspunkte mit dem indischen Erfolgskino sind kurz und lange her. Auch ich war beim Großereignis dabei, als RTL2 Mitte der 2000 Sometimes Happy, Sometimes Sad ausstrahlte. Einer der erfolgreichsten Bollywood-Filme im Ausland bis zum heutigen Tage. Und damit echt große Einspielergebnisse fuhr, so dass eine Weile lang weiteres Bollywood ausgestrahlt wurde. Da war ich schon nicht mehr dabei, obwohl mir ersterer Film gut gefallen hatte.

So nebenbei habe ich ein bisschen darüber über Molodezhnaja mitbekommen. Mit seinen über 20 Jahren Bestehen auch bereits ein Urgestein im deutschsprachigen Internet, welches ich vor ungefähr 10 Jahren entdeckte, auf der Suche nach einer mehr Asia-zentrierten Filmreviewseite. Da war und ist Bollywood ein großes Thema gewesen und mir mittlerweile auch klar, dass indisches Filmeschaffen auch weit über jenen Bereich hinausgeht. Aber abgesehen vom Lesen einiger Reviews hat es mich nicht ins Selberschauen zurückgetrieben.

Shubh Mangal Zyada Saavdhan fiel mir jetzt aber ins Auge. Ein ganz aktueller Film von 2020 sogar. Wie bei den meisten Liebeskomödien/-dramen aus Bollywood dreht der sich zentral um eine Hochzeit. Das besondere daran ist allerdings, dass unser zentrales Paar aus zwei Männern besteht.

Aman kommt aus einer ländlich angesiedelten Großfamilie, wohnt und arbeitet nun aber in der Metropole Delhi. Wo er Kartik getroffen hat, der aus ärmlichern Verhältnissen kommt und über seine Homosexualität mit dem Vater gebrochen hat. Die Familie von Aman weiß über dessen Sexualität hingegen gar nicht Bescheid. Deswegen plant Aman auch gar nicht auf der großen überladenen Familienhochzeit seiner Verwandten aufzutauchen.

Die Umstände wollen es anders und Aman taucht mit Kartik doch bei der Familienfeier auf. Nur erwischt sein Vater ihn dabei, wie er seinen Freund küsst, und reagiert darauf eher suboptimal. Versucht die beiden während der Hochzeit auseinanderzuhalten. Was den eigentlich zurückhaltenden Aman dazu bringt, vor versammelter Familien- und Gästeschafft Kartik zu küssen. Jetzt läuft erst recht alles aus den Fugen.

Trailer zu Bollywood-Filmen sind schon ihre eigene Sache. Shub Mangal sah da fast nach wholesome content aus. Das bunte treiben zur eingängigen Musik mit ein paar typsichen Tanzeinlagen. Klar ein wenig Familientrubel und über-emotionales Geheule gehört dazu. Dass sich Amans Familie aber wirklich so komplett gegen seine Beziehung stellen und ihn „heilen“ wollen würde, hätte ich gar nicht mal erwartet. Letztendlich ist es mit all seiner bunten Optik und seinem überdrehten Familienhumor zum Trotz nämlich doch noch ein Film über den Kampf akzeptiert zu werden.

Was vor dem indischen Background auch ganz interessant ist. Hier gibt es immerhin viele Dinge zu beachten, die man sich, wenn man aus dem Kulturkreis nicht kommt, nicht oder zumindest zunächst nicht gewahr wird. Ab einem gewissen Alter verheiratet zu sein und Kinder zu zeugen ist in Idien immerhin vielerorts noch eine soziale Obligation. Ehe aus Liebe gar keine Priorität, sondern es wird ein sozial anerkannter Partner von der Familie ausgewählt. Es gibt ein starkes Clandenken und das Kastensystem ist immer noch nicht aus den Köpfen der Leute.

Tatsächlich offeriert Kusum, die Amans Familie für eine Hochzeit mit ihm auserwählt hat, einen Deal. Sie ist nämlich auch in jemand anderen verliebt, der kommt aber aus der sozialen Unterschicht, aus der falschen Kaste, und damit haben die beiden keine Chance zu heiraten. Warum sollten Aman und Kusum also nicht wie ihre Familien das wollen zum Schein heiraten und dann jeweils mit ihren Geliebten leben? Amans Eltern liebten ja auch jeweils jemand anderen, bevor sie miteinander verheiratet wurden. Gesellschaftlich ist Heirat in Indien eine ganz andere Nummer eben. Zeigt auch den gesellschaftlichen Wandel des Landes, wo die junge Generation wesentlich offenere Ohren für die „Liebe ist halt Liebe“-Argumentation hat, statt die ältere Generation, bei denen das individuelle Gefühlsleben nichts mit Heirat zu tun hat.

Und dann bringt das Finale noch das Problem von Sektion 377 der indischen Gesetzgebung in den Raum. Homosexualität ist in Indien ein strafbares Verbrechen. Oder war es zumindest bis 2018, als das Oberste Gericht beschloss einvernehmliche Beziehung zwischen Erwachsenen zu legalisieren. Das dient sogar als Finale des Filmes, der sprichwörtlich am Tag jener historischen Entscheidung endet.

Das hat den Film für mich insgesamt ziemlich interessant gemacht. Die verschiedenen Argumentation von Aman und Kartik, um zur Familie durchzudringen, gab es schon zur Genüge in entsprechenden Filmen. Liebe ist Liebe. Man ist so geboren. Warum ist deine spontane emotionale Rekation auf jemanden natürlich meine genau gleiche Reaktion auf meinen Partner aber angeblich eine Krankheit. Sind es nicht gesellschaftliche Zwänge und die Zuschüttung mit heteronormativen Partnerbildungen in den Medien jene, durch die wir das als Normal ansehen und alles andere dadurch automatisch als Abnormal.

Aber das alles war für mich halt in einem eher ungewohnten Päckchen verpackt. Manchmal etwas übertrieben sentimental und dramatisch, klar. Aber doch immer mit viel Schwung und auch mit dem Herz am richtigen Fleck.