Nadia: The Nautilus Story

Nadia: The Secret of Blue Water, oder wie bei uns Germanen bekannt unter Die Macht des Zaubersteins, ist ein Anime-Klassiker der frühen 90er, der besonders hier in Europa sich erstaunlicher Beliebtheit erfreut. Das auch beispielsweise bei meiner frühen Anime-Prägung. Allerdings ist dessen Entstehungsgeschichte eher eine holprige gewesen.

Hayao Miyazaki hatte bereits zu seinen Zeiten als Macher von TV-Serien für Toho Animation eine frühe Story-Idee in diese Richtung, aus der allerdings nichts wurde – jedoch verwertete er die Sache mit den untergegangenen Zivilisationen und Mädchen mit blauen Zaubersteinen für Laputa: Das Schloss im Himmel später beim Studio Ghibli. Irgendwann geriet dann Gainax daran, die TV-Serie doch zu machen. Allerdings war Gainax vor dem weltweiten Superhit Neon Genesis Evangelion ein Studio, welches ständig kurz vorm Bankrott stand. Führte dazu, dass Nadia zum Großteil von NHK bezahlt wurde, im Gegenzug Gainax allerdings nicht die Rechte am Anime hatte, sondern lediglich Merch dazu selbst erstellen durfte.

Dies führte auch dazu, dass nachdem die auf 26 Folgen geplante Serie ein Überraschungshit war, Gainax dazu verdonnert wurde, dies doch bitte auf 39 Wochen zu erweitern. So spät in die Produktion nur möglich, indem Gainax kurz vorm Serien-Finale eine Füller-Arc einführen musste. Die berühmt-berüchtigten Insel-/Afrika-Folgen, die von solch erbärmlicher Qualität und so unnötig für das restliche Seriengeschehen sind, dass selbst die größten Nadia-Fans sie kein zweites Mal schauen. Ein Jahr später kam sogar noch ein die Franchise melkender und deren Popularität begrabender Film heraus, der mehr Recap dann Neues ist, und mit dem Gainax gar nichts zu tun hatte.

Hideaki Anno, der die Regie der TV-Version führte, war allerdings immer daran interessiert wirklich einen Film zu erstellen, der seinen Director’s Cut der Serie darstellt, ohne die ganzen Zugeständnisse, die an NHK gemacht werden mussten. Sozusagen sein Rebuild of Nadia. Das gab es sogesehen zwar nie, aber letztendlich doch ein seltenen Recut der Serienfolgen in 3 Filmversionen, die dem zumindest nahe kommen sollen: Die Nautilus Story. Die erschien nur in Japan auf VHS und LD, allerdings waren Fans so nett sie basierend auf dem englischen Dub-Release zu kreieren. Ja, ich bin mir bewusst wie fake das alles klingt.

Der erste Film, Nautilus, the Fantastic Submarine, spannt dabei die Folgen 1-9. Sprich so ziemlich das ganze Setup der Serie. Von Jeans Treffen auf Nadia, hin zu deren Verfolgung durch Grandis Gang, weil die an Nadias Amulett Blue Water wollen. Kurzes Treffen auf Captain Nemo und seine Nautilus-Crew, bis zu einer ersten Auseinandersetzung mit Gargoyle und seinem Kult um Neo Atlantis, die ebenfalls Blue Water begehren. Endet dann im Prinzip an dem Punkt, an dem alle endgültig von der Nautilus als neue Passagiere aufgenommen werden und wir die große Offenbarung bekommen, dass Nemo selbst einen Blue Water hat.

Das macht thematisch eben schon einen ziemlich runden Film aus, weil wirklich sozusagen alle Schachfiguren auf Position gebracht werden und die demnächst eine geraume Zeit miteinander verbringende Truppe zusammengeworfen wurde. Die Abenteuer auf der Nautilus können dann den nächsten Film ausmachen. Ganz rund läuft der Film zwar nicht, da immer noch offensichtlich ist, dass hier einzelne Szenen aus einer Serie zusammengeschnitten wurden. Dadurch sind die Überleitungen häufig etwas holprig und auch ein paar Dinge werden etwas plötzlich angesprochen. Doch insgesamt funktioniert der Teil als ganzer Film schon recht gut, wobei natürlich bei 9 Folgen a 22 Minuten zu einem Film von 120 Minuten zusammengeschnitten auch noch gar nicht ganz so viel Federn gelassen wurden, da die Spielzeit nicht mal halbiert wurde.

Übrigens ist der englische Dub mal so nebenbei angemerkt zwar von guter Qualität, was bei Anime eher nicht so häufig der Fall ist, jedoch nervt mich persönlich Jeans französischer Akzent ganz gewaltig.

Den Mittelteil behandelt dann der zweite Film, Nautilus‘ Biggest Crisis, bei dem die Folgen 11 bis 22 abgehandelt werden. Wer genau aufgepasst hat, wird festgestellt haben, dass dort die Folge 10 in der Auflistung fehlt. Das liegt darin begründet, dass sie komplett herausgefallen ist. Die Sache ist die, dass The Secret of Blue Water im Mittelteil eben auf Abenteuer-Serien-Modus umschaltet und erst mal mehr oder weniger episodische Geschichten bietet, bei der unsere drei Parteien aus Hauptcharakteren, Grandis Gang und Nautilus Crew sich beschnuppern und zusammenwachsen dürfen. Davon ist in einem Filmzusammenschnitt, der sich auf das Wesentliche beschränken muss, nicht mehr ganz so viel übrig.

Das macht diesen auch definitiv zum schwächsten Film und den, der am meisten davon profitiert hätte, wenn dies noch Mal neu für das Format umgeschrieben und neu animiert hätte werden können. Die beiden Highlights sind definitiv die beiden Wesentlichkeiten, zum einen der sehr atmosphärische Besuch der Atlantis-Ruinen, wenn die Verstorbenen der Nautilus-Crew vom Rest zu Grabe getragen werden, und dann das große Finale des Filmes, bei dem die beiden Episoden 21 und 22, wenn die Nautilus im großen Gefecht gegen Gargoyle zerstört und Elektras tragische Vergangenheit behandelt werden, fast komplett ungeschnitten verwendet werden.

Aber alles, was dazwischen geschieht, hat eben Probleme. Die netten kleinen Episoden mit den Charakteren so stark komprimiert wirken eben zu sprunghaft und fragmentiert, und so wirklich genug geboten, als dass sie wirklich einem sympathisch werden, ist nicht dabei. Die Entwicklung von Grandis Crew von den ersten Schurken zu den liebenswerten Mitstreitern geht verloren. Die Crew-Mitglieder, die sterben, kennen wir nicht. Selbst die Haupt-Crew um Elektra und Nemo und die beiden fürs Finale so wichtigen Figuren, sind zum jetzigen Zeitpunkt noch etwas unbekannt.

Wer immer noch aufpasst, dem wird aufgefallen sein, dass damit der dritte Film, Inheritor of the Stars, die Folgen 23 bis 39 wiedergeben muss. Was nicht nur die größte Anzahl darstellt, sondern direkt mit dem eingangs erwähnten berüchtigten Insel-/Afrika-Teil beginnt. Deswegen spannt der Film auch eigentlich die wenigsten Folgen, denn fast die kompletten 120 Minuten werden vom großen Endgame der Serie, die Folgen 35 bis 39, fast uneditiert aneinandergereiht eingenommen.

Letztendlich zeigen die ersten paar Dutzend Sekunden des Filmes wie Nadia und Jean in Episode 23 auf der Insel angespült werden, dann wird direkt auf Episode 28 gesprungen, wenn Grandis Gang zu ihnen stößt, nach nur etwas über 3 Minuten sind wir schon bei den einzig wirklich für die Handlung relevanten Teilen der Insel-Episoden, wenn Jean und Nadia in Episode 30 und 31 das Innere der Insel entdecken und nach gerade mal einer Viertelstunde sind wir auch schon beim Beginn von Episode 35 angelangt. Richtig gelesen, die Episoden 23 bis 34, 12 Folgen a 22 Minuten, machen im Zusammenschnitt nur noch 15 Minuten aus, und nichts von Wert ging verloren.

Ein wenig das Problem aus dem vorigen Film besteht natürlich weiterhin, nämlich dass die mickrigen Überreste der Insel-Abenteuer natürlich so zusammengeschnitten, auch wenn nichts Wichtiges fehlt, etwas überhastet und sprunghaft wirken, da eben für ein TV-Format geschrieben und eigentlich mehrere Folgen dazwischen habend. Erneut komplett neu für ein Filmformat geschrieben hätte dies leicht bereinigt werden können, aber ist es eben nicht.

Die beste Entscheidung war es auf jeden Fall, denn wie gesagt führt dies dazu, dass alle Geschehnisse ab Folge 35 komplett ohne Federn lassen zu müssen gezeigt werden können. Und das Finale ist nach wie vor so genial, dass es immerhin die Original-TV-Serie dazu gebracht hat, zu einem absoluten Klassiker zu werden, statt dank des Insel-Teiles komplett zerstört zu werden.

Aber so interessant wie das Schauen von The Nautilus Story ist, so eindeutig ist dies hier eben dennoch nicht die ultimative Form von Nadia gewesen. Wie bereits zweimalig erwähnt hätte jene durchaus in drei Filmen a 2 Stunden geschehen können. Wenn Hideaki Anno tatsächlich das Script komplett im Format dreier Filme neu schreiben und animieren hätte können, statt sie aus Versatzstücken der Serie zusammen zu schustern. So hätten die Ereignisse flüssiger ineinander übergehen können, Dinge in der zeitlichen Abfolge zum besseren Funktionieren umgestellt werden, und im Mittelteil etwas Luft für die Charakter-Abenteuer geschaffen werden können.

Letztendlich gibt es einfach keine perfekte Art sich Nadia: The Secret of Blue Water anzuschauen, da alle drei Möglichkeiten etwas leiden. The Nautilus Story komprimiert dann doch etwas zu sehr. Alle 39 Folgen der TV-Serie zu sehen beinhaltet eben auch ein Dutzend der schlechtesten Folgen, die ein Fernseher je auszustrahlen gezwungen wurde. Die beste Variante ist wohl tatsächlich sich die Folgen 1-22 anzuschauen, dann die Folgen 30 und 31 für die dortigen Reveals, und dann mit Episode 35 bis 39 zu enden. Eben die komplette Abenteuerserie inklusive charmanter Nebenhandlungen, aber allen irrelevanten Insel-Füller außen vor lassen. Perfekt immer noch nicht, da die beiden halb-wichtigen Inselfolgen eben total aus dem Zusammenhang gerissen sind, aber besser als die beiden Alternativen.

Shin Godzilla

ava-2129War schon irgendwie komisch, dass der Godzilla-Film zum 60. Jubiläum eine amerikanische statt japanische Produktion wurde. Aber da die jetzt erst mal damit beschäftigt sind King Kong neu aufzulegen, um die beiden Monster dann anschließend gegeneinander antreten zu lassen wie damals in 1962, füllen doch die Japaner die Lücke. Immerhin hat Godzilla (2014) gut Kohle gebracht, da kann man sich mal wieder an einem jährlichen Japan-Output wagen. Und immerhin, 2016s Shin Godzilla hatte bombige Einspielergebnisse, für dieses Jahr steht bereits der nächste Streifen an, wenn auch überraschend als Animationsfilm.

Was übrigens nicht ganz uninteressant ist, ist die Wahl des Regisseurs, der zugleich auch das Script schrieb. Dafür verpflichtete man nämlich niemand anderen als Hideaki Anno, frisch im Burnout die Rebuild of Evangelions ewig nicht auf die Leinwände zu bekommen. Und man merkt seine Handschrift schon stark im Film. Es gibt jede Menge kurze Einblendungen von Verkehrsschildern/Verkabelungen sowie viel hin und her in Konferenzräumen. Entweder weite Shots, die die Räume groß und leer wirken lassen, oder extreme Closeups auf die Charaktere. Gerne mal die Kamera direkt am Hinterkopf von jemandem kleben lassen, während ein anderer im Hintergrund redet. Selbst die Musik klingt stellenweise wie direkt aus Evangelion entnommen.

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Auch beim Geschehen auf den Straßen Tokyos favorisiert Anno ähnlich dem 2014er-Film die Kamerawinkel eher auf Bodenlevel nach oben gereckt zu halten, und auch hier gern entweder weit weg oder ganz nah am Geschehen. Zusammen mit der Tatsache, dass wir hier so viele Einblendungen der Bevölkerung bei der Flucht, beim Wiederaufbau oder in den Bunkern bekommen, wirkt Shin Godzilla so nah und persönlich wie kaum ein anderer Film der Franchise. Denn er geht den gleichen Weg wie jeder Reboot, in dem Godzilla nämlich das einzige Monster ist, und die Sache wie ein ernster Katastrophenfilm aufgezogen wird.

Und ja, es bleibt bei einem Monster, auch wenn Anno hier uns clever etwas täuscht. Der Film beginnt im Prinzip direkt damit, dass ein unidentifiziertes Wesen in der Bucht von Tokyo auftaucht, wir sehen aber nur Wellen und von der Hitze verdampfendes Wasser, wenig mehr. Nach 10 Minuten bekommen wir dann den Reveal. Bis hierhin dachte man natürlich das wäre erneut einer der Filme, die ein großes Ding daraus machen das Monster lange bedeckt zu halten, obwohl wir alle ja wissen das es Godzilla ist und wie der generell aussieht. Tja, stattdessen schiebt sich ein schon fast komisch aussehendes Vieh durch die Straßen von Tokyo, welches etwas wie eine geschmolzene Wärmflaschenversion von Gamera aussieht. Beinahe lächerlich und bemitleidenswert, wirklich, wenn Anno nicht bereits hier deutlich machen würde, wie viel das Vieh bereits zerstört, mit wackeligen Kameraaufnahmen von fliehender Bevölkerung etc. Zehn Minuten später haben wir dann den richtigen Reveal: Es ist nämlich doch Godzilla. Im hiesigen Film kommt er nämlich durch Umweltverschmutzung zustande, ist ein konstant bedrohlicher mutierendes Urzeitwesen, dass viel radioaktive Abfälle gefressen hat, die einfach so ins Meer gekippt wurden.

Eine weitere Sache, die Shin Godzilla zum ersten Mal adressiert ist übrigens, dass es gar nicht so einfach ist, mitten über dem dicht bevölkerten Tokyo gegen Godzilla zu kämpfen. Vor jedem Waffeneinsatz muss erst das Ok des Premierministers höchstpersönlich kommen. Das macht auch den finalen Einsatz von nuklearen Raketen besonders gewichtig, da der Film schon bei normalen ein großes Ding draus gemacht hat. Atomare Verseuchung allgemein ist wieder groß im Film, denn auch Godzilla hinterlässt entsprechende Ausdünstungen, über den Film hinweg kann keiner so genau sagen, ob die Innenstadt von Tokyo überhaupt anschließen noch bewohnbar sein wird.

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Dabei begeht Shin Godzilla nie den gleichen Fehler, den Godzilla (2014) machte, und wird nicht langweilig. Kurz nachdem er zu Godzilla mutiert ist und doch ein wenig mehr von Tokyo zerstören konnte, verschwindet das Megamonster erst Mal kurz. Verschnaufpause die zeigt, wie sich Tokyo wieder zu heilen versucht. Nur damit ein größer gewordener Godzilla kurz darauf erst so richtig loslegt was die Stadtzerstörung angeht. Von jener kurzen Pause ab haben wir also so ziemlich den konstanten Film über das Monster onscreen. Es mag grundsätzlich lobenswert sein, dass sich Godzilla (2014) etwas zurückzunehmen wusste. Doch der Film hat einfach extrem für den anderen amerikanischen Eintrag, Godzilla (1998), überkompensieren wollen, wollte zu viel Klasse zeigen, in dem ein Indie-Regisseur verpflichtet wurde, der zum Großteil seine Monster nicht zeigt und auch deren Zerstörung erst mal nur in Ruinen, nachdem die Monster schon durch sind. Wir schauen aber einen Godzilla-Film eben genau aus dem Grund um Gigamonster beim Stadtplanieren zuzuschauen. Und Anno beweist hier eben sehr gut das, nur weil man das Monster viel zu sehen bekommt, ein Film nicht automatisch trashy oder lächerlich wird. Wenn das richtig gefilmt ist, bleibt es dennoch ein ernstzunehmender Katastrophenfilm.

Denn Shin Godzilla ist bewusst bierernst gehalten. Was dadurch unterstützt wird, dass wir mal keinen nervigen menschlichen Charakteren folgen, sondern eher die Entscheider in einer Katastrophensituation und ihre Stäbe dabei beobachten, wie sie gegen ein plötzlich auftauchendes Monster agieren. Mit viel Monster und viel Zerstörung dazwischen, damit die Angelegenheit nicht trocken und langweilig wird. So hat ein ernster Godzilla-Film auszusehen und nicht anders.