GitS Week – Ghost in the Shell

Aus mittlerweile dann doch nicht mehr ganz so aktuellem Anlass des kürzlich an den Kinokassen gefloppten Hollywood-Remakes mit Scarlett Johansson, schauen wir uns doch mal durch die ganze Ghost in the Shell Franchise, bzw. durch dessen Anime-Seite. Immerhin muss ich zugestehen, dass ich davon bisher nur den ersten 1995er-Film gesehen habe, und auch das ist schon fast 20 Jahre her, so dass ich mich an gar nichts mehr so richtig erinnern könnte.

Und immerhin ist das Ding zusammen mit Akira und Ninja Scroll einer der absoluten frühen Anime-Klassiker im Westen gewesen. Als Masamune Shirow noch regelmäßig populäre SciFi-/Action-Manga zeichnete, darunter auch Dominion Tank Police und Appleseed, die nur insular mal eine Ausrede finden ein Mädel nackt oder in Lesbensex verwickelt zu zeigen, bis er irgendwann kurz nach der Jahrtausendwende entschied doch lieber exklusiv Plot-losen Porn mit so attraktiven Namen wie GalGrease und GreaseBerries zu zeichnen. Aber so richtig zum Megahit wurde die Franchise erst, als Production IG Mamoru Oshii die Regie für einen großen Kinofilm überließ. Wer eine Generation unter mir ausgebrütet wurde, kennt Ghost in the Shell wahrscheinlich eher als die Musikvideo-Clips aus Wamdue Projects King of My Castle, welches unerträglich lang hoch und runter gespielt wurde.

Kult-Regisseur Mamoru Oshii ist dabei für einige Konstanten bekannt, von denen mindestens eine, wenn nicht mehrere, in allen seinen Filmen auftauchen. Er hat einen Hang für politische Plots, er philosophiert gerne, spielt mit dem Verwischen von Traum und Realität, liebt Corgis, und nimmt es mit dem Ursprungsmaterial nicht zwangsläufig allzu genau. So wird aus der seichten Love-Comedy Urusei Yatsura in seinem Beautiful Dreamer eine Traumsphäre mit philosophischen Gequatsche, oder aus der Action-Serie Patlabor im zweiten Kinofilm ein Polit-Thriller mit viel Gequatsche. Ghost in the Shell (1995) checkt gleich alle vier Oshii-Merkmale mit einem Haken ab.

Dabei ist die erste Szene schon so quintessentiell 90er-Anime Großproduktion, so typisch für die damalige Zeit, und vielleicht sogar ein wenig fehlleitend was den weiteren Film angehen wird: Vor einer unterkühlten Großstadtfassade steht Hauptakteurin Motoko Kusanagi, bekommt ihren Auftrag, entledigt sich ihrer Kleidung, und springt nackt vom Hochhaus, um durch die Fassade hindurch ihr Ziel zu erschießen. Das ist eine ziemlich coole Hammer-Szene, und ein guter Auftakt, aber wie gesagt nicht unbedingt Indikativ für den Rest des Filmes. Hin und wieder wird in jenem um sich geschossen oder gibt es eine Verfolgungsjagd, dies ist dann auch nicht gerade unblutig geworden, und ein paar weitere nackte Tatsachen werden ebenfalls den Bildschirm zieren, jedoch ist der Film weitestgehend ruhig und gelassen rübergebracht, und es wird mehr geredet denn explodiert oder gekämpft werden.

Die Haupthandlung an sich wird dabei schon fast zum unwichtigen Hintergrund, ist teilweise unnötig kompliziert dargestellt, und kommt nicht unbedingt zum befrindigendsten Ende, welches man sich vorstellen kann. Außenministerium, Sektion 9, und Sektion 6 spielen also ein Verwirrspiel darum, was wirklich hinter dem Drahtzieher der aktuellen Welle an Cybercrime, genannt der Puppet Master, steckt. Jeder will ihn, aber warum genau? Letztendlich läuft er zur Sektion 9, weil er ein Date mit Motoko ausmachen will, aber warum sie genau so wichtig für ihn ist, ist auch nicht unbedingt aufgeklärt. Jedoch reicht dies vollkommen aus, um dem Film eine Struktur zu verleihen, und als Bühne für die Gedankenspiele zu dienen, die Mamoru Oshii wirklich interessieren.

Denn Ghost in the Shell spielt in einer Welt, in der die Augmentation der Menschheit weit fortgeschritten ist. Wer es sich leisten kann, hat diverse Funktionen seines Körpers technologisch verbessert, gerade auch wenn es natürlich um Agenten des Staates wie hier geht. Motoko selbst ist eigentlich ein kompletter Cyborg, deren einzige menschliche Zellen im Gehirn übrig bleiben. Das macht einen natürlich allerdings auch sehr von Checkups abhängig. Der Film spricht direkt an, dass jeder freiwillig aus dem Dienst der Sektion austreten kann – wenn er jene freien Checkups bzw. sogar die Cyborg-Augmenation an sich aufgeben will. Aber wenn man stärker, schneller, schlauer und immer mit dem Cyberspace verbunden zu leben gelernt hat, wer will das schon aufgeben? Gleichzeitig wirft das ganz neue Sicherheitslücken auf. Denn der Puppet Master nutzt seine Bauern, in dem er sich in ihr Hirn einklinkt, und ihnen Infos von komplett falschen Vergangenheiten einspeist, die für jene zur Realität werden. Man kann seinem eigenen Gedächtnis nicht mehr trauen, wenn was schlicht von einem Virus überschrieben oder gelöscht werden kann.

Ganz zu schweigen vom Verwischen der Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine. Wie viel organische, menschliche Zellen, muss jemand noch haben, um als Mensch zu gelten? Ist Motoko noch ein Mensch, auch wenn sie zu 99% aus Technik besteht, und nur durch das Verhalten anderer ihr Gegenüber sich selbst als Person sieht? Was ist mit einer reinen Maschine, deren KI zu Eigenwahrnehmung erwacht – ist die ein Lebewesen? Der Film beantwortet diese Fragen freilich nicht.

Was bleibt ist ein ziemlich cooler, aber auch verkopfter Film. In unterkühlten aber stylischen Szenen reden und schießen unterkühlte Leute in der Gegend rum, das ganze zu einem coolen aber ebenfalls eher meditativen Soundtrack (selbst während der Action-Szenen), der dennoch immer mal wieder von etwas kurzer aber brachialer Action aufgelockert wird. Ghost in the Shell ist ruhig und langsamer, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber gerade das Gesamtpaket an sich macht ihn zu so einer speziellen und interessanten Erfahrung, die tatsächlich komplett begründet zu einem Klassiker der Anime-Geschichte wurde.

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