Mardock Scramble – First Compression

Mardock Scramble hat einen gewissen Weg hinter sich gelegt. Ursprünglich 2003 als dreitiliger Roman von Tow Ubukata (Heroic Age, Le Chevalier D’Eon) erschienen, dann ab 2009 in sieben Bände Manga gefasst, sollte nach der 2006 gecancelten OVA doch noch eine Anime-Version erscheinen: Ab 2010 jährlich ein Roman zu einem Film einer knappen Stunde zusammengefasst.

Unsere Hauptakteurin hatte bisher kein sonderlich einfaches Leben, dabei ist sie immer noch ein Teenager. Rune Balot ist mit einer Drogenabhängigen Mutter und einem Vater, der sie ab dem 12. Lebensjahr sexuell missbraucht hat, aufgewachsen. Als der Bruder das mitbekam, und den Vater erschoss, wurde er weggesperrt. Rune Balot rutschte in die Mädchenprostitution ab und wurde letztendlich von Shell aufgenommen, der diverse Unternehmen am Rande der Legalität leitet, unter dem Versprechen, er wäre endlich jemand, der Rune Balot lieben wird.

Ist aber nicht wirklich so gekommen, denn der erste Film startet damit, dass Shell in seiner Limousine Sex mit Rune Balot hat, welche die ganze Aktion ziemlich teilnahmslos über sich ergehen lässt, und dann das Mädchen ins Auto einsperrt und explodieren lässt. Denn er macht gerne junge Dinge von sich abhängig, ermordert sie, nachdem er ihnen überdrüssig ist, und stellt aus deren Asche blaue Edelsteine her.

Allerdings wurden Shell und Rune Balot bei ihrem letzten Schäferstündchen überwacht. Easter, seines Zeichens Wissenschaflter und Scramble 09 Agent, sowie die künstliche Intelligenz und transformierbare Waffe Oeufcoque an seiner Seite, investigieren Shell schon eine Weile, und nutzen die Gelegenheit, um Rune Balot aus den Flammen zu retten. Ihr wird der Körper wiederhergestellt, was allerdings mit dem Verlust ihrer Stimme einhergeht, nachdem Rune Balots Unterbewusstsein den Tod abgelehnt und sich für Scramble 09 bereiterklärt hat.

Scramble 09 ist eine Spezialaktion der Justiz, um experimentelle Methoden zur Überhand nehmenden Verbrechensbekämpfung einzusetzen. Beispielsweise einem 15-jährigen Mädchen einen künstlichen Körper zu geben und Oeufcoque als Waffe zur Seite zu stellen. Zumal Rune Balot auch vor Gericht gegen Shell aussagen soll. Wobei sich die erste Verhandlung auf Befragung ob ihres Familienlebens beschränkt, um sie zu diskreditieren.

Doch Rune Balot macht eine gute Figur, und Shell lässt seinen Handlanger Boiled zum Zuge kommen, der ehemals Partner von Oeufcoque war und seine Waffe sowieso zurückholen will. Als Unterstützung holt der sich vier Auftragsmörder, welche die Körperteile ihrer Opfer sammeln, die aber von der erstarkten Rune Balot mit Leichtigkeit zur Strecke gebracht werden. Auf diesem Machthoch dreht das misshandelte Mädchen jedoch ab, wiedersetzt sich Oeufcoques Richtlinien, was eine Abstoßungsreaktion von ihm verursacht und Boiled einfaches Spiel lässt. Wir enden auf dem Cliffhanger, nachddem es so aussieht, als würde Boiled Rune Balot erschießen.

Mardock Scramble erinnerte mich ein wenig an zwei etwas ältere Anime, und auch generell mehr wie eines, welches ich zeitlich mehr wie ein Produkt Mitte der 90er bis 2000 eingeschätzt hätte. Kann natürlich daran liegen, dass dies die Anime sind, mit denen ich am meisten Berührungspunkte habe. Aber das die Originalgeschichte von 2003 stammt überrascht mich zumindest nicht.

Zunächst einmal hätten wir da Ghost in the Shell. Das Sci-Fi-Cyberpunk Anime schlechthin. Nur mutet Mardock Scramble mehr an wie ein Ghost in the Shell, welches eben nicht durch den verkopften Mamoru Oshii unter intelligenter Linse neu interpretiert wurde und das Bild, welches wir von der Franchise ab da an hatten, maßgeblich geprägt hat. Sondern mehr, als ob ein weniger ambitionierter Regisseur den pulpigeren Manga originalgetreuer umgesetzt hatte.

Und gleichzeitig erinnerte mich viel von der Geschichte auch an Yasuomi Umetsus Kite, mit dem misshandelten Mädchen, das zur Killermaschine ausgebildet wird. Nur eben weniger Porn. Wobei Mardock Scramble mit nackten Tatsachen und aufs Finale Burtalität auch nicht wirklich zurückhält.

Allgemein wirkt dies hier wie ein Film, der denkt intelligent zu sein, aber es so richtig nicht hinbekommt. Dystopische Megastädte im Neonlicht des Cyberpunks gehen da natürlich immer, genau wie viel der Hintergründe lange im Dunkeln zu lassen und erst nach und nach aufzudecken. Um die Sache komplexer wirken zu lassen, als dies die relative Standardhandlung zumindest des ersten Filmes der Trilogie eigentlich ist. Charaktertiefe, philosophische Zukunftsfragen, oder soziale Gesellschaftskritk wird man in Mardock Scramble: The First Compression zumindest noch nicht finden.

Dafür viel Edgyness, welche so ein wenig das wiederspiegelt, was ein 12-Jähriger für mal so richtig cool und krank ansehen würde. Rune Balot ist häufiger (halb)nackt denn angezogen im Film, immer durchaus aus sinnigem Grund in der Theorie, aber natürlich schon auch voll den Effekt fürs Publikum auskostend. Dazu natürlich noch die großzügig aufgepflasterte Familiengeschichte von Rune Balot. Und das Design der Auftragskillertruppe, die tasächlich die von ihren Opfern genommen Körperteile sich selbst einpflanzen – einer hat lauter blinkede Augen am Oberkörper, einer dutzende Titten vom Blähbauch hängen, und ihr Anführer setzt sich doch tatsächlich seine aktuell präferierte Vagina in die rechte Hand. Ich musste da dann doch etwas lachen, weil spätestens hier war das Edgy so tryhard, dass es für mich leicht ins Lächerliche kippte.

Was allerdings immer geht, ist der Look. Viele der Szenen in Mardock Scramble sind atmosphärisch und Genresicher in kühlen Blau- und Grüntönen gehalten, mit Akzenten aus Gelb. Da kommt doch das dystopische Cyberpunkfeeling zwischen den Glasfassaden der Wolkenkratzer auf. Leider sind die Animationen nicht immer so sauber und stechen die CG-Autos unangenehm heraus, aber darüber kann ich hinwegsehen.

Style ist also auf jeden Fall gegeben, woran es im ersten Film noch etwas hapert ist dahingehend auch die Substance. Bei gerade Mal einer Stunde sind wir aber auch noch nicht weit ins Geschehen gekommen, wodurch sich hier durchaus noch Besserung in den beiden Nachfolgern einstellen kann. Bisherig vorläufiges Verdikt ist allerdings noch mehr gen Mittelmaß strebend.