Beauty’s Kingdom

Man kann Anne Rice nicht nachsagen, sich nicht darüber zu informieren, was gerade in der Welt der Bibliophilen angesagt ist. Oder sich zumindest die Bestsellerliste der New York Times mal kurz anzuschauen. Vampir-Roman sind plötzlich wieder beliebt? Ach da ist dann doch eine neue Trilogie um Lestat, welche Frau eigentlich schon immer schreiben wollte. Im Fahrtwasser von 50 Shades fühlen sich Hausmütterchen Scharenweise Abenteuerlustig, weil sie erotische Romane mit BDSM-Einschlag verschlingen? Da hat man doch in den 80ern mal diese Sleeping Beauty Trilogie geschrieben, die man doch mal locker zu einer Tetralogie machen kann. Geboren war Beauty’s Kingdom.

Das spielt ebenfalls gut 20 Jahre nach dem Ende des letzten Buches, bei dem Beauty und ihr Laurent dem Schicksals als nackte Vergnügungssklaven entkommen sind, und ihr eigenes Königreich zu regieren begonnen haben. Nur ist es so, dass die Königin des BDSM-Reiches nicht nur die Lust an der erotischen Strafe zusehends verloren hatte, sondern auch auf einer Reise tödlich verunglückt ist, weswegen die maroden Grundpfeiler zu fallen drohen. Doch: Die Königin ist tot, lang lebe die Königin. Die ebenfalls ihres langweiligen Normie-Lebens überdrüssig gewordenen Beauty und Laurent lassen sich dazu überreden, die neuen Herrscher des Landes der gestriegelten Pobacken zu werden, und mit viel Innovation die Zügel wieder zu straffen. Da sie selbst mal Sklaven statt wie die Nobilität des Reiches immer nur Meister waren, haben sie natürlich auch einen ganz anderen Blick für die Dinge.

Ich persönlich bin ja höchst fasziniert, wenn ich schlechte Reviews zu irgendeinem der Beauty-Bücher lese, die von durch 50 Shades angefixten Mädels stammen, welche natürlich auch andere BDSM-Erotica in ihren Vorschlaglisten finden, und dadurch auf diese Bücher gestoßen sind. Da findet man von diesen Abenteurerinnen der schlüpfrigen Literatur nämlich plötzlich Schock und Fassungslosigkeit wieder, dass es in diesen tatsächlich hauptsächlich um Sex und um dominant-submissive Beziehungen geht, statt eine glorifizierte Groschenroman-Romanze zu sein, bei der alle hundert Seiten mal die Plüschhandschellen rausgeholt werden. Ein Aufstöhnen wegen der ganz falschen Gründe.

Dabei sind die Beautys auch noch im Rahmen der Zahmheit angesiedelt. Immerhin ging es hier um royale Lehnsgaben von Prinzen und Prinzessinnen, die zu den Kurzzeitsklaven wurden, weswegen es natürlich strickte Regeln gibt. Keine echten Verletzungen, also kein Branding oder Piercings, Schläge nur bis die Pobacken rosig-rötlich vor Wärme leuchten, kein Fisting, keine Erniedrigungen in Form von Watersports oder Fäkalspielen. In Beauty’s Kingdom ist es dann noch eine Form netter, denn die Reformation des Königreiches führt dazu, dass nur noch diejenigen als Sklaven genommen werden, die dies auch wollen, und man sich daraus auch wieder entlassen kann. Teenager sind vorsichtshalber auch keine mehr dabei. Das Buch wird es nicht müde aus der Sicht der Meister zu sagen, wie sehr sie doch ihre Subjekte lieben, aus Sicht der Sklaven wie sehr sie es genießen sich in die absolute Selbstaufgabe zu ergeben.

Doch ein wenig ans Eingemachte geht es halt dennoch. Ein Sklave in diesen Büchern wird mehr als Lustobjekt und menschliches Haustier behandelt. Mund nur aufmachen, wenn man die Erlaubnis dazu erhält. Keine Privatsphäre, sondern von Hausdienern gewaschen und gestriegelt. Regelmäßige Haue, damit die Bäckchen das perfekte Rouge zeigen. Als in Zaumzeug gefasstes und mit Analplugschwanz versehenes Pony den Wagen der Königin durch die Straßen ziehen. In aller Öffentlichkeit als Statue oder anderweitige Deko herhalten dürfen. Dem Buch fehlt es definitiv an Romantik und Intimität, egal zu wie vielen zärtlichen und weniger zärtlichen Intimitäten es kommt, egal wie sehr die Bindung zwischen Dom und Sub zunimmt. Beauty’s Kingdom ist und bleibt zuvorderst Porn und bietet wenig mehr.

Weswegen es mich auch ausnahmsweise Mal nicht gestört hat, dass die Modern-Rice-ige Problematik auch hier zu finden ist: Alle Leute sind so unglaublich nett. Es kommt zu keinen wirklichen Problematiken und Auseinandersetzungen, weil dafür sich alle zu sehr mögen und zu viel Respekt voreinander haben. Die einzigen Friktionen, zu denen es im Buch kommt, sind nicht narrativ, sondern nur die von Fesseln auf nackter Haut oder die von Körper ineinander. Das passt soweit, als man das Buch als einzelne lose zusammenhängende Episoden mit Einblick in diese Welt sehen will, die von Erotik und Sex dominiert ist. Ein Lustgarten von einem Königreich, fern ab der Realität, auch wenn die hiesige Welt ein etwas seltsames Gemisch aus Dornröschen-Fantasie und dann doch Referenzen zu realen Ländern ist.

Die Tatsache, dass jedes Kapitel aus dem Blickpunkt eines anderen Charakters geschrieben ist, hilft dann auch der Abwechslung weiter, statt wie die vorige Trilogie sich stark auf einen oder wenige zu fokussieren. Das hat für mich das vierte Buch kurzweiliger gemacht als die Vorgänger, was ihm gut bekommt, als kurzes Ab- und zeitiges wieder Auftauchen in die Welt der fiktiven Körperflüssigkeiten.

Sleeping Beauty Trilogy

ava-1158Zu meinem Kindle-Post habe ich geschrieben, dass mein erstes Buch, welches ich darauf angefangen zu lesen habe, der erste Teil einer Trilogie an erotischen Romanen über eine S&M-Beziehung, mit der femininen Komponente als die submissive, war. Wer jetzt an die 50 Shades Trilogie gedacht hat, was natürlich meine irreführende Intention war, lag falsch. Stattdessen ging es um die Sleeping Beauty Trilogie von Anne Rice, die zu Beginn ihrer Karriere gern unter einem Pseudonym (hier als A. N. Roquelaure) auch mal erotische Literatur geschrieben hat – nicht das Sex nicht in vielen ihrer Bücher eine Komponente spielen würde.

Als ich so um 2001, durch die Vampirchroniken angefixt, auf einem Anne-Rice-Trip war, hab ich mir damals alle in Deutschland erhältlichen Bücher von ihr geschnappt und gelesen. Die Dornröschens waren damals nicht dabei, da komplett out of print, was sich aber seither geändert hat, sowohl im englisch- wie deutschsprachigen Raum. Wahrscheinlich auch, weil erotische Literatur dank dem enormen Erfolg von Shades of Boredom wieder gefragt sind.

Hierbei hat dann im Prinzip nur das erste Kapitel von The Claiming of Sleeping Beauty wirklich was mit dem Märchen zu tun. Tatsächlich gibt es eine Prinzessin in einem Rosenumrankten Schloss, die seit hundert Jahren mit dem ihr umgebenden Königreich in Schlaf dahindämmert. Diverse Prinzen haben versucht sie zu erwecken, um als dekorative Leiche in den Ranken zu enden. Bis jetzt, wo sich doch einer durchgeschlagen bekommt und die schlafende Schönheit mit einer deftigen Entjungferung vom Schlaffluch befreit. Als Prinz des dominanten Königreiches der Region, dem alle anderen Reiche Tribut zu zollen haben, nimmt er Beauty eben als genau solchigen mit sich, damit sie – wie so viele andere Prinzen und Prinzessinnen der angehörigen Reiche – dort einige Lehrjahre als Sexsklavin des Hofstaates verbringt.

Jepp, dies scheint hier Gang und Gäbe zu sein und jeder akzeptiert das einfach so, dass sie ihre Söhne und Töchter – Attraktivität natürlich vorausgesetzt – mal so für zwei bis fünf Jahre als Sklaven vorbeischicken müssen. Man sollte sich wohl nicht zu viel über die Logik den Kopf zerbrechen in einer Porno-Welt, in der ein ganzer Hofstaat keine Kosten und Mühen scheut und auch keine Regierungsgeschäfte zu haben scheint, um sich 24/7 darum kümmern zu können, dass die hunderten nackter, königlichen Sexsklaven auch beschäftigt bleiben. Ja, es wird sogar als positiv betrachtet, wachsen doch angeblich die verwöhnten Gören am Erlebnis der Selbstaufgabe. Das hat in der Trilogie diverse Komponenten, denn es gibt definitiv jene, die es lieben, den Sklaven zu geben. Andersherum wiederum, auch wenn man es nicht tut, ist es nicht so, dass man fein raus ist, sondern man wird halt durch die Bestrafungen mental gebrochen, bis man es mitmacht. Ist halt eine feine Linie zwischen „ich mach dich Sachen lassen, die du ganz geheim ja eigentlich doch willst“ und „ich zwinge dich zu Dingen, die du nicht willst“ (und die eine oder andere Szene deswegen auch mehr unkomfortabel denn erotisch), wobei Anne Rice zumindest die Einsicht hat, es eine Vergewaltigung zu nennen, wenn es gegen den Willen passiert – geheime Freude daran gegeben oder nicht.

Doch natürlich geht es in der Geschichte um Leute, die es toll finden. Allen voran natürlich Mustersklavin Beauty. Und die ganzen BDSM-Spielereien sind durchaus mal ganz interessant zu lesen. Wobei noch viel interessanter die psychologische Dynamik in der Beziehung von Sklave und Meister ist, wie ich fand. Die Bestrafung gleichzeitig zu hassen, doch auch zu lieben. Der Schmerz und die Lust vermischen sich. Die schon fast Sockholm-Syndrom-esque Liebe, die sich zum harten Meister aufbaut. Sowohl die Degradierung des eigenen Selbst und die Scham dessen, was man alles machen muss, zu verabscheuen, aber gleichzeitig auch diese stark regulierte, für einen entschiedene Lebensweise zu begehren. Wenn Bestrafung nicht mehr schlimm ist ob des Schmerzes oder der Erniedrigung, sondern weil man sein Herrchen enttäuscht hat. Allerdings, dies muss man schon sagen, ist die Sleeping Beauty Trilogy weitestgehend noch zahm, was BDSM angeht – denke ich. So richtig heftige Spielereien scheint es nicht zu geben, sondern viele Haue, viel Geschimpfe und halt mentale Degradierung. Niemand wird ernsthaft verletzt, gepierct, es käme zu Water Sports etc. pp. (ich war doch sehr überrascht, als es im dritten Buch tatsächlich kurz zu einem Fisting kam – es ist also doch nicht „Mommy Porn“ für jene, die schon schamvoll erröten, wenn es zu *gasp* einem Blowjob kommt). Da überrascht es etwas, dass die Bücher in den USA mal so umstritten und in Deutschland sogar verboten waren (wobei Rice auch den Fehler macht, das Alter auf Beauty auf gerade mal 15 festzulegen). Genau genommen verliert der ganze Sex, denn um viel mehr geht es nun Mal nicht, so bei der Halbwertszeit des zweiten Romanes auch an was. Man kann halt nur so häufig lesen, wie die Pobacken zum Springen gebracht werden und dies sowohl die Tränen in die Augen treibt, wie auch die Geschlechtsteile zum freudigen schwelen bringt. Wenn dann der Sklave zum knien gebracht und die Gerte rausgeholt wird, weiß man irgendwann, was da jetzt als nächstes geschrieben kommt. Alexi selbst sagt es so schön gegen Ende des von Claiming:

Each new thing seems terrible because it is new, because it is a variation. But at the heart it is all the same ultimately. The paddle, the strap, the exposure, the bending of the will. Only they infinitely vary it.

Die Spielereien werden sehr samey, Variationen hin oder her. Und Anne Rice hat eine gute Fantasie, weiß wie es zu variieren gilt. So geht es letztendlich hier nicht nur um Beauty, gerade in den zwei folgenden Büchern, Beauty’s Punishment und Beauty’s Release, tritt sie immer häufiger auch in den Hintergrund und mehrere Kapitel drehen sich um die männlichen Sklaven Tristan und Laurent. Die bringen natürlich eine neue Sichtweise mit und neue Körperteile, mit denen anders umgegangen werden kann. Interessanterweise bleibt Beauty von Dildos oder Analverkehr beispielsweise fast komplett verschont – dies dürfen die Männer übernehmen. So ist dann auch sozusagen für jeden was geboten, sowohl Hetero- wie Homoverkehr, wie auch wildes Durcheinander. Auch die Lokalität ändert sich, so findet Claiming am Königshof statt, Punishment geht dann zu den raueren Vorgehensweisen im Dorf und in Release zu den besonders raffinierten im Sultanspalast. Gerade Laurent in Release bringt frischen Wind rein, weil er eben nicht wie alle vorigen Charaktere so wahnsinnig submissiv ist, die zwar alle bei sich denken mögen, die nächste Aufgabe vor Scham nicht machen zu können, sie sei ein Unding – es dann aber doch ohne jegliches Murren sofort tun, sobald der Befehl und dazugehörige Klaps kommt (es ist schon ironisch, wie Beauty zu Beginn von Punishment noch meint, es läge kein Sinn mehr darin, hörig zu sein, wenn man sowieso schon als böser Sklave bekannt und ins Dorf abgeschoben ist– nur um dann dort sofort ohne jeglichen Kampf ihrer neuen Mistress zu gehorchen). Laurent ist rebellischer und wechselt sogar zwischen Sklave und Meister hin und her, was dem Leser auch mal die andere Seite nähgerbringt.

Und wer hätte es gedacht, wie es zu einem richtigen Märchen gehört, gibt es sogar ein Happy End und letztendlich wollten doch alle Sklaven nur die wahre Liebe finden, nicht das temporäre Anhimmeln eines strengen Meisters, wie ein gut trainierter Hund sein Herrchen lieben würde.