Adventure Week: Blood Drive

Da sind wir also nun beim dritten Spiel in der Corpse Party Franchise. Ursprünglich mal als RPG Maker Indie begonnen und zum Überraschungshit geworden, hat sich darum ja eine richtige Multimedia-Franchise gebildet. Wer gern was zu lachen haben will, dem sei beispielsweise der Live Action Film angeraten.

Ich erinnere mich nur noch vage an die beiden Vorgänger. Der erste Teil ist mir sogar besser in Erinnerung geblieben, hauptsächlich durch seine negativen Aspekte. Die Atmosphäre konnte in dem schon geil sein, aber öfter wurde sie mit überzogenem Anime-Quatsch auch wieder zerstört. Und dann gab es da das kleine Mädchen, das unbedingt pissen musste, aber nicht konnte, bis es jemand wortwörtlich aus ihr rausgeprügelt hat. Was in seiner Umsetzung unangenehm fetischistisch rüberkam. Ach und die von den RPG-Maker-Ursprüngen übriggebliebene manuelle Bewegung durch die meist ereignislos-langweiligen Schulkorride war nicht so geil. Ich hatte damals gehofft, dass kommerzielle Nachfolger diese Punkte ausbügeln. Da ich mich eigentlich an Nichts mehr aus Book of Shadows so richtig erinnere, muss das wohl der Fall gewesen sein.

Blood Drive derweil macht eine 180-Grad-Kehrtwende, läuft zum Erstling zurück, klatscht es ab, und übertrumpft dann alle dessen Negativleistungen um Meilen.

So wahnsinnig viel dran war an der Handlung des Corpse-Party-Universums eh noch nie. Der Grundkern war schon immer reichlich edgy und hauptsächlich darum bemüht süß designte Schüler grausam hinzumeucheln und in Extremsituationen Fäkalsprache anwenden zu lassen. Die brutale Realität des Geschehens diente als starker Konstrastpunkt zur zunächst oberflächlich niedlichen Optik. Das ist an sich ein alter Hut in Anime, aber funktioniert natürlich dennoch immer ein Stück weit. Wer sich damit allerdings etwas auskannte, dem war dadurch auch schnell klar, wer der wahre Mörder im ersten Teil ist, gemessen daran, was am meisten Schock-Value mitbringen würde.

Auch Blood Drive funktioniert letztendlich nicht anders. Die 10 Kapitel erfinden neue Gründe, warum die Überlebenden der vorigen Teile zurück in die verfluchte Schule kommen, und warum die dort erneut durch den Fleischwolf geschreddert werden. Mit mehreren Bad Ends pro Kapitel, die meist in ihrer Beschreibung brutaler sind als die eigentlich überraschend zurückhaltende Optik – trotz aller matschigen Blut-und-Fleisch-Deko an den Schulwänden. Liegt vielleicht diesmal auch an der sehr rudimentär-unspektakulären 3D-Optik mit Charakterfiguren, die schlecht animiert sind und nur 2 Standard-Gesichtsausdrücke draufhaben. Wenn eins davon steif umfällt und sich ein Blutlachen-PNG unter ihr formt, dann wirkt das einfach nicht sonderlich.

Neu hinzugefügte Charaktere hingegen sehen vom Design her eh alle so aus, als wären sie direkt aus BlazBlue für Arme. Sie stechen optisch extrem aus dem alten Cast in ihren normalen Schuluniformen heraus und schauen mehr wie Cosplayer drein. Sie sind auch diejenigen, die hauptsächlich fürs sinnlos esotherische Geschwurbel verantwortlich sind, um die Handlung kommplexer wirken zu lassen, als sie ist. Dazu kommen dann noch jede Menge schlecht geschriebener Dialoge, in denen die Charaktere nicht wie Menschen sondern Aliens wirken und keiner normal auf was zu reagieren scheint. Statt weniger Anime-Bullshit bietet Blood Drive so viel wie noch nie.

Ach ja und derjenigen bei Team GrisGris, der den Piss-Fetisch hat, durfte sich voll ausleben. Es ist ein wenig wie der Simpsons Joke. Wenn in einem Kapitel sich keiner direkt einschifft, dann muss zumindest ein Charakter über seine volle Blase reden.

Es ist einfach so, dass sich Blood Drive allgemein liest wie die erste Fanfiction eines 12-jährigen Goth-Edgelords. Creepypasta-Niveau und all das. Und wisst ihr was? Das hat absolut einen Unterhaltungsfaktor. Ganz wie der Live Action Film ist Corpse Party: Blood Drive die meiste Zeit ziemlich unfreiwillig komisch. Nie atmosphärisch. Nie erschreckend. Immer ziemlich doof. Und oft halt einfach saukomisch, wenn man sich auf den Blödsinn einlässt.

Dafür muss man es natürlich zunächst durch die zwischenzeitlichen Gameplay-Segmente durch zurück in die endlosen Dialoge schaffen. Denn Blood Drive bringt auch das manuelle Erforschen des ersten Teiles zurück statt wie Book of Shadows weiterhin komplett als Visual Novel präsentiert zu sein. Das beinhaltet erneut abwechselnd mit den voneinander getrennten Gruppen die gleichen Flure der Schule auf und ab zu laufen, um die nötigen Storytrigger zu setzen.

Damit das nicht so langweilig wie im Erstling wird, gibt es diesmal allerdings wesentlich mehr Gefahren im Gebäude. Etwas was in Corpse Party nur sporadisch geschah aber in Blood Drive allgegenwärtig ist, ist beispielsweise von Phantomen und Stalkern gejagt zu werden. Außerdem muss auf Fallen geachtet werden, die hauptsächlich mit der Taschenlampe besser sichtbar sind. Welche allerdings über Batterien betrieben ist und der somit der Saft ausgehen kann. Genau wie die Charaktere nur eine Weile rennen können, bevor ihnen die Stamina ausgeht.

Problem bei der Sache ist, dass das Sichtfeld unglaublich nah rangezoomt ist, wahrscheinlich dem Handheld-Screen des Vita-Ursprungs zu verdanken, und Phantome mit enormer Geschwindigkeit auf einen zu preschen. Häufig bevor man richtig reagieren kann. Sie sind netterweise kein Instadeath und hat man einen Talisman gefunden, können sie sogar komplett ausgeschaltet werden. Was ich persönlich häufig nötig fand, weil die so lange und so schnell hinter einem herjagen, dass ich selten in einen sicheren Bereich gelangen konnte oder ein Versteck ungesichtet betreten habe. Noch schlimmer, wenn sie einen Gänge voller noch nicht entschärfter Fallen herunter treiben. Ich fand die Fluchtmechanik jedenfalls nie furchteinflößend sondern durch die Bank weg super nervig. Darauf kommt dann noch die merkwürdige Designentscheidung, dass je mehr mit Dingen interagiert wird, was ja bei einem Adventure ziemlich wichtig ist, sich die Seele der Charaktere verdunkelt oder was weiß ich was, welches ebenfalls zu einem vorzeitigen Ende führen kann.

Joa, Corpse Party: Blood Drive ist halt ziemlich schlecht. Spielt sich scheiße und ist richtig unterirdisch geschrieben. Eine unfreiwillige Komik möchte ich dem Spiel wie gesagt nicht absprechen. Aber „so schlecht, dass es gut ist“ kann man sich auch aus diversen Filmen, inklusive dem zu Corpse Party selbst, ziehen, und muss dafür nicht durch „so schlecht, dass es schlecht ist“ Gameplay waten.

Corpse Party (2015)

Zufällig lief neulich der 2015er Live Action zu Corpse Party bei uns im kleinen Nischenkino, da er wohl bald seine Deutschlandveröffentlichung hat, und da geht man doch ruhig mal hin. Vom Regisseur, der uns auch Hitori Kakurenbo beschert hat, was jetzt nicht unbedingt eine Auszeichnung ist. Doch zu Corpse Party kann ich aber ruhigen Gewissens sagen: Es ist ein ziemlich schlechter Film, und jeder sollte ihn sehen.

Grundsätzlich geht der Film die gleiche Handlung ab, nur natürlich viel schneller. Eine Gruppe Teens macht ein dämliches Ritual, bei dem Sachiko angerufen wird, weil man sich dann angeblich niemals trennen wird. Stimmt so gesehen auch, denn es versetzt die Schüler in die Grundschule, in der drei Kinder umgebracht wurden, und aus der es kein Entrinnen gibt, bevor nicht der Geist von Sachiko beschwichtigt wird. Die große Wendung am Ende, wer der wahre Kindsmörder ist, welche im Spiel ziemlich offensichtlich war, und im Film etwas weniger so ist da er so viel schneller voranschreitet, weniger Aufbau bietet, mit inbegriffen.

Was der Film sogar fast etwas besser hervorbringt als das Spiel, dem geschuldet das er sich nicht wie das Visual Novel mehrere Pfade und Bad Ends basierend auf die Multiple-Choice-Möglichkeiten leisten kann, sondern alles in eine straffe Narration packen muss, ist das die Extremsituation nicht gerade das Beste aus diesen Kids herauszulocken vermag.

Die kleine Schwester, der nervigste Charakter, der bitter aus der Riege im Spiel hervorgestochen ist, ist übrigens immer noch mit dabei, auch wenn ihre Route eine ist, die zum Großteil verändert wurde. Es ist ihr mit dem Film-Casting definitiv nicht geholfen worden, denn die Schauspielerin schaut genauso alt aus wie der Rest der Truppe, verhält sich aber weiterhin wie eine unterbelichtete 6-Jährige. Aber wenigstens gibt es jetzt weniger Zeit mir ihr. Einschiffen darf sie sich dennoch auch hier, für diejenigen, dessen Fetisch das war.

Allgemein hilft es einem in den Grundzügen so simplen und vorhersehbaren Horror-Plot wie in Corpse Party natürlich wenig, wenn man ihn in einen kurzen, geradlinigen Film stecken muss, dem sowohl die Interaktion des Spielers mit dem Geschehen abgeht, als auch die interessante Kapitelstruktur mit den verschiedenen Endmöglichkeiten. Außerdem ist das Ding billig gemacht, die Schauspieler bieten alle eher unterirdische Leistungen, und die deutsche Synchro ist auch nicht unbedingt hochwertig.

Das ist aber alles absolut irrelevant. Schaut den Film dennoch unbedingt, und das auf jeden Fall in einer Riege an Freunden, oder Leuten, die ihr zu solchen machen wollt. Denn Corpse Party (Live Action) ist die witzigste Komödie unseres Jahrhunderts.

Der Film ist einfach so absolut chaotisch und unbegreiflich, es grenzt an vielen Punkte stark an Parodie. Wenn die Charaktere dann schlecht geschauspielert in absolute hysterisch-witzige Emotionen verfallen, oder diese absolut dämlichen hormonellen Entscheidungen treffen, die sie sicher umbringen werden, und das Ganze nur übertrieben und aus dem Nichts kommend wirkt. Wenn der Gore ebenfalls so absolut überdramatisiert wie gleichzeitig nonchalant präsentiert wird. Als die Lehrerin zu Beginn die Türe aufmacht und ohne jegliches Trara den Schädel eingehämmert bekommt, oder die eine Schülerin von den beiden kleinen Kindern so fest gegen die Mauer geworfen wird, dass ihr Körper explodiert. Wenn der eine Kerl fasziniert vor dieser Pfütze, die mal seine Mitschülerin war, steht, und einen Anruf von ihrem Geist bekommt, er solle ihr nicht auf die Organe starren. Ich habe mich weggeschmissen vor Lachen während des Filmes.

Das ist es einfach. Die Momente, die im Spiel grausam sind, die im Spiel leichte unheimliche Atmosphäre aufbauen, die Charaktermomente zeigen, einfach die überraschen oder erschrecken oder mitfühlend machen sollen… sind alle im Film absolut lächerlich und das auf die beste unfreiwillige Art und Weise, die man sich nur wünschen könnte. Hut ab Corpse Party, ich habe selten so gelacht, Unterhaltungswert 10/10.

Adventure Week #18: Book of Shadows

Bereits das Jahr nachdem Corpse Party: Blood Covered, welches wir nur ohne Untertitel kennen, auf der PSP aufschlug, erschien mit Book of Shadows ein Nachfolger. Und zwar im Sinne eines zweiten Spieles, welches in Release-Order nachfolgte, nicht wirklich eines, welches die dortigen Ereignisse fortspinnt… oder zumindest fast nicht.

Denn Book of Shadows ist ein Midquel oder Interquel, da die sieben Kapitel zeitgleich zu den Ereignissen des ersten Teiles spielen. Jedes nimmt sich dem Schicksal von einem der weniger wichtigen Charaktere aus dem ausgeweiteten Ensemble des Remakes an, die dort vergleichsweise schnell dahinscheiden durften. Hier schickt Sachiko sie in einer Zeitschleife erneut in die unheimlichen Gänge der Heavenly Host Schule, auf dass sie ein noch tragischeres Ende finden dürfen.

Das zumindest mit zwei Ausnahmen. Ein Kapitel findet stattdessen in der Vergangenheit statt, nämlich zur Highschool-Zeit der Lehrerin, und ist damit ohne zu Spoilern auch die Ausnahme, dass es nicht mit dem Tode des Protagonisten enden kann, da es ja sonst keine Lehrerin im ersten Teil gäbe. Auch schaltet sich nach Abschluss aller anderen ein achtes Kapitel frei, welches mit Blood Drive den gleichen Namen wie das wahre Sequel zum ersten Teil, weil wirklich anschließend spielend, trägt. Und das nicht grundlos, denn es ist die zweite Ausnahme an Ereignissen, die nicht während diesem angesiedelt sind, sondern zwei Überlebende eine Weile danach zeigt, wie sie das Anwesen in dem Sachiko aufgewachsen ist aufsuchen, und dort das betiltende Book of Shadows finden. Eigentlich mehr als Anheizer für den nächsten Teil gedacht.

Da dieser Teil komplett von Grunde auf erstellt wurde, statt auf einem RPG-Maker-Original zu basieren, bedeutet das auch, dass nun spielerisch endlich einiges runder ist, der ganze RPG-Maker-Mist, der dem Horror-Game eh nur abträglich war, rausgeschmissen werden konnte. Book of Shadows ist weiterhin zum Großteil ein Visual Novel, in einigen Kapiteln mehr als in anderen, denn weiterhin füllen sich gut 75-95% einer jeden Geschichte damit, für gut ein bis zwei Stunden Text zu lesen. Nur eher sporadisch, und von der Häufigkeit stark vom Kapitel abhängig, darf sich dazwischen auch mal von selbst durch die dunklen Gänge bewegt und mit der Umgebung interagiert werden, um den nächsten Textschwall zu starten.

Aber Book of Shadows kommt endlich mit feinen VN-Standard-Funktionen daher, die dem Vorgänger noch komplett abgegangen sind. Beispielsweise kann der Text nun schnell bis zu den Multiple-Choice-Antworten durchgespult und das Spiel jederzeit manuell gespeichert werden. Das macht es um so einfacher die verschiedenen Wrong Ends neben dem True End zu bekommen oder nach einem solchen wieder ins Spielgeschehen einzusteigen. Und wer keinen Spielstand vom Vorgänger zu Beginn von Book of Shadows lädt, der muss alle Wrong Ends sehen, um das finale Kapitel freigeschaltet zu bekommen – beim geladenen Spielstand hingegen reicht wie beim Rest einfach das True End des vorigen zu sehen. Und so wirklich wahnsinnig viel fügen die Wrong Ends dem Spiel erneut nicht hinzu, sondern häufig glorifizierte Game Overs. Ich meine gestorben wird sowieso immer, nur sind jene Arten in den Wrong Ends eher abrupt und nur selten mit einem neuen CG oder so geschmückt.

Wie gesagt überlässt einem das Spiel fast unfreiwillig dennoch immer mal wieder selbst die Kontrolle. Aber auch das Bewegen durch die Schule geht nun eine Ecke flüssiger. Es wird nämlich nun auf der Karte schlicht der Raum ausgewählt, zu dem man will, und der Charakter bewegt sich automatisch Raum-Bildschirm für Raum-Bildschirm dorthin, hält nur an wenn es zu einem besonderen Ereignis auf dem Weg dorthin kommt. Und ist im Raum eine Interaktionsmöglichkeit zu finden, ändert sich die Cursor-Farbe. Im Gegenzug gibt es jetzt allerdings eine dunkle Aura, die mit jeder Inspektion der Szenerie langsam zunimmt, und bei 100% ein vorzeitiges Game Over bedeutet.

Ansonsten ist Corpse Party weitestgehend Corpse Party geblieben. Es ist wie die meisten japanischen Videospiele, gerade wenn es um Visual Novels geht, etwas arg in seine eigenen Schriftstellerischen Ergüsse verliebt. Sprich immer ganz so viel Text wäre eventuell nicht nötig gewesen, aber letztendlich kann man zu viel Prosa einem visuellen Buch kaum ankreiden. Die Obsession mit Mädels, die sich einschiffen ist auch noch hier, genau wie ein wenig unnötiger Fanservice, allerdings beides gegenüber dem Original so reduziert, dass es nicht mehr sofort jegliche aufgebaute Atmosphäre zerstört. Dafür ist jene Atmo von Grund auf ein wenig niedriger angesetzt. Vielleicht liegt es doch am neuen Bewegungsstil, vielleicht daran das die Kapitel diesmal nicht aufeinander aufbauen. Oder daran, dass wir wissen das jeder von der ersten Sekunde an todgeweiht ist und wir im Snuff Visual Novel letztendlich nur nachzulesen bekommen werden, wie grausig jenes Ende sein wird.

Von daher würde ich Book of Shadows sowohl als ein Schritt nach vorn und einen Schritt wieder zurück bezeichnen. Auf der einen Seite haben wir mehr Feinschliff im Gameplay, welches die Ecken und Kanten entfernt, oder zumindest den Großteil davon. Gleichzeitig ist allerdings die Handlung und Atmosphäre leicht schwächer, da narrativ nicht zusammenhängend. Unterm Strich also ungefähr gleich auf.

Adventure Week #17: Corpse Party

ava-2076Corpse Party ist eine RPG Maker Erfolgsgeschichte. Kennt man den RPG Maker heutzutage noch? Ich mein existieren tut das Ding noch, aber interessiert sich noch jemand dafür? Um die Jahrtausendwende herum hingegen war RPG Maker total beliebt, das frühe Internet durchflutet von schlechten Fanspielen. Ein paar wenige waren allerdings nicht übel, und ein paar wenige sogar sehr erfolgreich, gerade Japan sah so einige Underground-Hits, die ironischerweise so gut wie alle keine RPGs waren.

Corpse Party war ein solches Spiel, das 1996 auf PC98 herausgekommen genug Wellen schlug, um es später auf Windows neu zu interpretieren. Wo das Original noch relativ kurz und vor allem selbst für RPG Maker hässlich war, eine dürftige Story bot, aber spielerisch interessant seine fünf Charakter auf zwei individuell spielbare Teams aufteilte, sogar einige Charaktere sterben konnten ohne das Spiel vorzeitig zu beenden, ging Corpse Party: Blood Covered noch mal bei Null los. Gleiches Setting, ähnliche Hintergrundgeschichte, aber jetzt mit 9 Charakteren, mit der Handlung stark ausgebaut und zentraler, und in fünf Kapiteln erzählt, die das Spiel ordentlich verlängerten, sowie Augen-freundlicherer SNES-Grafik. Jene Version war es dann, die es auf PSP, 3DS und iOS brachte, 2 Sequels, 2 Spinoffs, und Adaptionen zu Manga, Anime und sogar einen Live Action Film schaffte.

Alles beginnt nachts in der Schule, ein paar Freunde sind noch dort und erzählen sich Geistergeschichten. Zur Sprache kommt auch das Gerücht, dass man ewig Freunde bleibt, wenn man eine Papierfigur zerreißt, sich dabei auf den Geist von Sachiko beruft, und den Schnipsel nicht verliert. Führt in diesem Fall dazu, dass es zu einem Stromausfall kommt, ein Erdbeben die Schule erschüttert, und die Truppe plötzlich lediglich in Zweiergruppen in einer Grundschule erwachen. Und zwar nicht in irgendeiner, sondern der aus der Sachiko-Legende, in der angeblich ein Wahnsinniger vier Kinder brutal umgebracht hat.

Was nun folgt sind zunächst vier Kapitel, die jeweils ungefähr eine Stunde lang sind, und in der ein neues Duo an Charakteren durch die zerfallene, von Geistern heimgesuchte, Schule gelotst wird. Dabei hoffentlich die entsprechenden Gegenstände und Events findend, die dazu führen, dass man das Ende erreicht und das nächste Kapitel freigeschaltet wird, statt in einem vorzeiten Ende zu sterben. Kapitel 5 bringt dann nach der großen aber vorhersehbaren Offenbaren am Ende von Kapitel 4 alle Überlebenden zusammen, auf das sie eine Möglichkeit finden, wie der Geist von Sachiko beruhigt und ein Weg aus dem Alptraum gefunden werden kann. Hier sogar mit den verschiedenen spielbaren Gruppen wie im Original.

Corpse Party ist dabei tatsächlich zentral auf seine Handlung bedacht. Das Gameplay besteht hauptsächlich daraus durch ein paar Gänge der Schule zu geistern, bis man ein nötiges Event gesehen oder einen Gegenstand gefunden hat, der einen neuen Gang öffnet, selten dabei wahnsinnig viel Ahnung habend, wo man jetzt genug wofür hin soll, abgesehen davon, dass alle anderen Wege entweder verschlossen sind oder zu einem vorzeitigen Ende führen. Hier und dort wird man auch mal von einem Geist gejagt. Aber den Großteil der Spielzeit macht tatsächlich aus, den Konversationen der Charaktere zu folgen. Wie sie mit dieser Extremsituation fertig werden oder eben auch nicht, da die Fassade nämlich verständlicherweise zusehends zu bröckeln beginnt. Und natürlich langsam aber beständig und später in langen Textblöcken die Hintergrundgeschichte zum Geschehen an den Tag zu befördern.

Das Spiel erlaubt sich einige Schnitzer, die sicherlich auf seine Ursprünge zurückzuführen sind, aber im Remake des Remake wirklich nicht mehr sein müssten. Beispielsweise kann man abgesehen vom Opening eines jeden Kapitels keine andere Szene überspringen oder auch nur vorspulen. Visual Novels, die ebenfalls darauf ausgelegt sind, gewisse Parts wieder und wieder zu spielen, haben aus gutem Grund seit 20 Jahren eine fast forward Option für bekannten Text. Corpse Party will das man die Kapitel mehrmals spielt, eben um zu sehen, wie es alternativ hätte ausgehen können. Ganz zu schweigen davon, dies eh machen zu müssen, wenn man wegen einem obskuren Trigger irgendwann zu Beginn des Kapitels eben nicht die Möglichkeit auf das Ende mehr hatte, welches das nächste Kapitel freischaltet. Da ist es eher nervig, dass man die extrem textreichen aber schon bekannten Cutscenes erneut durchklicken muss. Zumal letztendlich nur wenige alternative Enden wirklich eine coole Bereicherung darstellen, viele sind ein glorifiziertes Game Over.

Auch nicht gebraucht hätte ich den Anime-Romcom-Einschlag. Dass Corpse Party so Anime aussieht, damit habe ich kein Problem. Dass sich die Synchronsprecher auch mehr wie Anime-Stereotypen anhören, statt eine realistischere Performance zu geben, geht auch noch. Aber das Spiel hat ein paar Momente im Script, bei denen ich nur die Augen verdrehen konnte. Wenn eines der Mädels mitten im Überlebenskampf ein anderes, das in der Truppe mit ihrem Schwarm ist, ermahnt jenem bloß nicht zu nahe zu kommen. Wenn eine ganze deplatzierte Kurzgeschichte daraus besteht, dass ein kleines Mädchen unbedingt aufs Klo muss, aber kein passendes findet, und sich vehement weigert einfach in eine Flurecke des zerstören Gebäudes zu pissen. Darin resultierend, dass wenn ein Antagonist sie in den Bauch boxt, sie sich einnässt, und des Spiel uns anschließend mehrmals drauf aufmerksam machen muss, dass sie nun keine Unterwäsche mehr trägt, weil sie den nassen Lappen ausgezogen hat. Wenn die schockenden Todes-CGs einiger Mädels sicher gehen, dass man dennoch unter ihren Rock schauen kann. Es kommt zu zwei Instanzen, in denen ein Kerl versehentlich einem Mädel an die Brust fasst. Bin ich hier in einer schlechten Light Novel Romcom, oder ist das hier ein Horror-Spiel? Es sind definitiv die Ausnahmen, aber jedes Mal ist das tonal so absolut deplatziert, so full on retard Anime, dass Corpse Party seine ansonsten echt gut aufgebaute Atmosphäre mit einem Schlag kaputt gemacht hat.

Ist echt schade, denn ansonsten ist das Spiel echt stimmig. Clock Tower auf dem SNES hat mir bereits bewiesen, dass auch 16bit 2D-Grafik durchaus unheimlich sein kann, und auch wenn ich Corpse Party nie ganz so freakig fand, so bereitet es doch ein sehr atmosphärisches Spielgeschehen, was bei einem Horror-Spiel ach das A und O ist. Die Grafik ist gerade detailliert genug, als dass das erste Auffinden eines Skeletts oder einer Blutverschmierten Wand doch Eindruck hinterlässt. Die Texte sind gut geschrieben, bieten zusätzliche grausame Details, und schaffen es häufig, weitestgehend realistisches Verhalten von Leuten in einer solch aussichtslosen Extremsituation widerzuspiegeln. Dazu noch echt glasklarer Sound, mit unheimlichen Hintergrundgeräuschen und packender Musik. Bei allem kruden Schluckauf hier und dort ist Corpse Party dennoch ein Spiel, welches sein Ziel vor Augen behält, und unter Strich ein gutes Horror-Feeling bereitet.

Atmosphäre ist und bleibt einfach der wichtigste Aspekt in einem Horror-Spiel. Eben der Aspekt, den Corpse Party wirklich gut hinbekommt. Und das Gameplay ist immerhin keine Katastrophe, sondern schlichtweg hier und dort etwas ungeschliffen, letztendlich ist Corpse Party gerade für die ersten vier Kapitel eh nahe einem Visual Novel, das einem hier und dort mal einen Gang runterlaufen lässt. Von daher sind die Nervfaktoren der Erfahrung wegen zu verschmerzen, ich hoffe nur das die Sequels doch etwas Feinschliff bekommen haben.