Code Vein

Vor drei Jahren habe ich Monster Hunter für mich entdeckt und nicht nur jede Menge Spiele aus der Franchise nachgeholt, sondern auch locker fröhlich „Klone“ des Spielprinzips gekauft. Vor zwei Jahren habe ich mit Dark Souls Remastered mein erste Soulsborne gespielt und mich von jenem Zug mitreißen lassen. Innerhalb des nächsten halben Jahres landeten alle vier PS4-Einträge im meiner Spielebibliothek. Soulsborne-likes gibt es auch jede Menge, überraschenderweise hat es mich bei jener Franchise aber nie sonderlich dazu gejuckt, jene ähnliche Spiele anderere Hersteller anzupacken.

Die rühmliche Ausnahme darunter besteht durch Bandai Namcos Code Vein. Ich weiß selbst nicht genau, warum das der Fall ist. Den Großteil der beständig verzögerten Entwicklungszeit brachte ich dem Spiel hauptsächlich Unwissenheit bis Apathie entgegen, gespickt mit einigen „Ach ist das immer noch nicht raus?“-Gedanken wann immer schon wieder ein neues verschobenes Release-Datum genannt wurde. Und dann kam es raus und plötzlich hatte ich irgendwie Bock drauf.

Vampire Souls ist dabei vom Team, das vorher für God Eater verantwortlich war. Tatsächlich lässt sich hier auch eine grobe Parallele herstellen. Denn Code Vein ist zu Dark Souls, was God Eater zu Monster Hunter ist. Die Inspiration ist eindeutig da und nicht zu bestreiten, doch es gibt genug Alleinstellungsmerkmale. Dazu bringt das Spiel gegenüber dem „Original“ eine richtige Handlung mit massenhaft Cutsenes mit sich, eine Edgelord-Anime-Design und spielt sich generell etwas schneller und einfacher. Anime Souls lite wurde uns sozusagen aufgetischt.

Was ja als Ästhetik, auch wenn sie zunächst etwas generisch anmuten mag, nicht nachteilig sein muss. Der sehr stark ausgearbeitete Character Creator lässt einen zumindest die Waifu oder den Husbando der Träume verwirklichen. Mit wahlweise einem Dutzend Accessoires, dass selbst eine K-Pop-Band das etwas übertrieben finden würde. Auch NPCs sind sehr ansehnlich. Wobei ich grundsätzlich allerdings das Design der männlichen Charaktere etwas besser fand. Nicht nur weil ich auf Kerle stehe. Sondern weil denen es erlaubt ist einige echt geile Outfit von casual cool bis hin zu aristokratisch ausgefeilt zu tragen. Die Frauen hingegen haben zu 75% XXL-Titten und müssen in zerrissenen Kleidern, Bikini-Tops oder Strapshaltern rumlaufen. Etwas schade, dass man denen nicht ein paar interessantere Looks gönnt. Das Modern Vampire Design des Spieles gäbe jedenfalls wesentlich mehr her, wenn man denn mehr wollte. Code Vein möchte lieber weniger, vor allem weniger Stoff. Wodurch die Damenabteilung leider mit einem wesentlich schlechterem Kostümdesign gesegnet ist als die Männerabteilung.

Etwas mehr optische Abwechslung hätten sicherlich auch die Gebiete haben können. Nun gibt es einen guten Grund, warum viel von Code Vein in zerstörten Stadtruinen spielt. Nämlich einfach der, dass dies hier nur eine kleine, künstlich abgeschottete Blase ist, in der die Revenants eingesperrt sind. Als Vorläufer der God Eater, Superwaffen gegen die Aragami, haben sie sich als zu instabil herausgestellt. Sie verlieren ihre Menschlichkeit im Überlebenskampf um das Blut von Menschen. Also wurde das Gebiet aufgegeben und abgeschottet. Damit erklärt sich auch, warum das Weltendesign so stark an God Eater erinnert, denn es ist die gleiche Welt. Ursprünglich mag man denken, das Team hätte einfach nur keine große kreative Vision was Spielewelten angeht oder ein besonderes Lieblingsdesign. Aber letztendlich geht ja auch beides, womit erklärt wäre, dass Freedom Wars und Scarlet Nexus genauso aussehen, obwohl sie meines Wissens nach nicht in der God Eater Welt angesiedelt sind.

Aber wie gesagt, dass scheint einfach der präferierte Style des Teams zu sein. Und es gibt einen guten Grund, warum fast jedes Gebiet in zerstörter Stadtlandschaft spielt. Das macht es aber nicht immer interessanter, durch sie hindurchzugehen. Vor allem wenn sie in sich auch noch sehr generisch sind. Eines der optischen Highlight-Gebiete ist beispielsweise die Kathedrale. Schon einfach weil es keine halbzerstörten modernen Stadtstraßen sind, sondern man sich über leuchtendweiße Wege und Gerüste eines Kathedralenbaus schlägt. Das erste Betreten des Gebietes ist beeindruckend. Und wenn man für den Bosskampf und den Successor-Raum ins Gebäudeinnere kommt auch wieder. Dazwischen wird sich aber über ewig gleiche Giebel und Hängewege bewegt, so dass das Gebiet fast wie aus einem Baukasten zusammengeschustert wirkt. Und dies gibt es eben zu sehr in allen Gebieten. Ob nun im unterirdischen See. Oder auf den noch in Flammen stehenden Straßen der Stadt. Beim Begehen von versandeten Hinterhöfen. Oder dem Erklimmen eines gigantischen Turmes. Die Wege und Räume sehen innerhalb eines Gebietes unglaublich gleich aus mit wenig optischer Abwechslung. Das hat mich beim Begehen der Gebiete nicht mal sonderlich gestört, weil man damit beschäftigt ist nicht zu sterben, aber es führt halt nie zu Aha- oder Wow-Effekten, weil besonders coole Landmarken oder schöne Details ins Bild kommen, die einzelne Plätze unikat machen. Gebiete in Code Vein wirken gamiger, wenn das Sinn macht.

Immerhin wird einem die Orientierung durch eine Karte erleichtert. Eine Sache, die einem die Soulsbornes nicht an die Hand geben. Wobei man hier anführen kann, dass die eben durch ihr weniger gleiches Gebietsdesign es eh vereinfachen sich an den Weg zu erinnern und die konfusen Gebiete, in denen man sich leicht verläuft, genau diese Orientierung per Design verschlechtern sollen. So oder so fand ich das definitiv eine nette Addition in Code Vein, dass jederzeit eine Auto Map angezeigt wird. Die nicht nur, sobald man eine Mistle (Bonfire) gefunden hat, das umliegende Teilgebiet aufdeckt, sondern auch jederzeit schön zeigt, welche Teile man schon abgegrast hat und ob man nicht gerade an einem der schlecht sichtbaren rumliegenden Gegenstände vorbeigelaufen ist. Hat das Durchkämmen der Gebiete sehr angenehm gestaltet. Zusammen mit der Tatsache, dass zwei Mistles selten sehr weit voneinander entfernt sind und auch meistens der Weg zum Boss von der letzten aus wenig obstruktiv gestaltet ist. Gibt nichts nervigeres, als nach einem gescheiterten Bossversuch Minuten zur Arena zurücklaufen und auch noch normale Gegner im Weg aus jenen räumen zu müssen.

Eine weitere echt nette Idee in Edgelord Souls ist übrigens der Onsen im Hauptquartier gewesen. In jener gemischten Außensauna, in der man je nach Glück jeden NPC unabhängig von Geschlecht antreffen kann, um sie sich nur im Badetuch anschauen zu können, gibt es nämlich zwei wesentliche Funktionen. Zum einen können sich die nett umgesetzten, für die relativ unwichtige Wegwerf-Story designten Cutscenes erneut angeschaut werden. Viel besser hingegen ist aber auch die Option sich die Hälfte der verlorenen Seelen-Pendanten zurückzuholen. Wer kennt das nicht in einem Soulsborne? Man stirbt irgendwo in einer Sackgasse weit ab vom Hauptweg nach dem Einsammeln der dortigen Gegenstände und hat echt keinen Bock bis dorthin zurücklaufen zu müssen. Oder fällt einer Falle mit einem Übermaß an toughen Gegnern zum Opfer, die man wirklich nicht erneut bekämpfen will, nur um die Seelen zurückzubekommen. Oder der Boss killt einen und man weiß, dass der nächste Versuch höchstwahrscheinlich auch noch nicht erfolgreich sein wird und man somit alle Blood Echoes verliert, mit denen man in der Bossarena angekommen war. In Code Vein kann man sich jetzt zumindest die Hälfte davon ganz gefahrlos zurückholen, gibt dafür aber die andere Hälfte entgültig auf. Ganz so häufig hab ich die Option nicht mal benutzt, fand sie aber wenn dann super praktisch zu haben.

Eine weitere Idee, welche Code Vein unkomplizierter als ein Vorbild gestaltet, ist diejenige, dass beim Level Up keine Statuswerte selbst verteilt werden. Stattdessen rüstet man sich einen von mehreren Dutzend Blood Codes aus, die automatisch basierend auf dem Level die Statuswerte bestimmen. Es ist also ein wenig wie ein Jobsystem, bei dem die Klasse ständig geändert werden kann. Etwas komplizierter wird das nur dadurch, dass Blood Codes einen vom Tragen gewisser Ausrüstung abhalten können und es etwas arg unübersichtlich viele Skills im Spiel durch sie gibt. Sind die Fähigkeiten erst mal gelernt, können sie nämlich auch mit anderen Blood Codes verwenden werden. So sehr es also in Code Vein nicht geschehen kann, dass man durch unwiederrufliche Statuswerteverteilung nur noch einen validen Build hat, statt viel experimentieren zu dürfen, so ist letztendlich durch die vielen Optionen es immer noch ziemlich komplex zu einem End-Build zu gelangen. Oder man ist so wie ich mal wieder, schnappt sich einen Tank Blood Code und vermöbelt alles mit wenigen Schlagen eines brachialen Zweihänders. Anders habe ich nie zu Soulsbornen gelernt.

So hatte ich auch fast immer keine allzu schlimme Zeit mit dem Spiel. Ich würde schon unterschreiben, dass Code Vein ein Soulsborne light ist, da es insgesamt wesentlich einfacher ist, durchzukommen. Mit ein paar horrenden Balancing-Issues wohlgemerkt. Diese großen Seeigel, die wild zu rotieren beginnen und dann auf einen zupreschen waren beispielsweise nie eine Freude zu bekämpfen. Die Boreal Brutes – ebenfalls ganz normale Gegner – sind auch wesentlich tougher als so mancher Boss und das Spiel hat tatsächlich die Chuzpe, einem in den (zugegeben optionalen) Depths-Gebieten zwei davon gleichzeitig in einen Miniboss-Raum zu stellen. Der Mid-Boss in der Cathedral of Sacred Blood ist ebenfalls viel zu fies für das beengte Kampffeld und ist ausgerechnet einer derjenigen, bei denen man von der letzten Mistle einen längeren Weg mit Gegneraufkommen hinter sich bringen muss. Und dann ist das der Endboss Virgin Born. Code Vein hat drei Enden zu bieten. Auf dem Bad End gibt es nur einen Endboss. Beim Normal oder Good End, und es ist im normalen Spielen wesentlich einfacher bei jenen zu landen, kommt danach noch der Virgin Born. Ein Bosskampf den ich gehasst habe und echt gehofft hätte, man könne noch etwas machen, um den Endpfad zu ändern. Ich hätte mit Handkuss das Bad End genommen, wenn ich dadurch den Virgin Born nicht mehr hätte bekämpfen müssen. Umso lachhafter dann im Internet nach Hilfe zu suchen und zu lesen zu bekommen, wie einfach der Boss ist, gefolgt von nem dutzend Kommentare, dass er mittlerweile durch einen Patch erschwert wurde. Danke für Nichts Bandai Namco. Das hat einen leider ziemlich säuerlichen Nachgeschmack gerade zum Ende eines Spieles hinterlassen, welches ich eigentlich bisher fast immer gut fand.

Dabei muss ich übrigens erwähnen, dass ich immer mit einem NPC-Partner gekämpft habe. Online mit anderen Spielern ging wegen eines Mangels an PS+ mal wieder nicht. Allerdings funktionieren die NPCs hier anders als in den Soulsbornes, denn sie sind nicht nur für einen Teil eines Gebietes oder einen Bosskampf zu beschwören, sondern folgen einem das ganze Spiel über. Bis man sie für einen anderen NPC austauscht. Aber auch wahlweise ganz alleine losziehen kann, wenn die Challenge größer sein soll. Dazu kommet, dass ich mich in Beefcake Yakumo verguckt hatte, was wohl eh mit der hilfreichste Mitstreiter ist, den man sich mitnehmen kann. Die wirkliche Hilfe ist allerdings leicht RNG-abhängig. Denn mal hat Yakumo ordentlich draufgedroschen und sich immer rechtzeitig geheilt, so dass er Bosse fast alleine hätte erledigen können. Und mal ist er ständig nur um sie herumgerollt ohne anzugreifen und hat sich von Angriffen eine Minute in den Kampf hinein totschlagen lassen. Meistens helfen die NPCs allerdings schon sehr.

Zuguterletzt will ich noch mal auf die Story zurückkommen. Davon gibt es nämlich mehrere im Spiel. Wohlweislich fand ich die übergeordnette des Spieles mal wieder nicht allzu packend aber passabel genug, um der Klopperei einen Rahmen zu geben und die Cutscenes nie allzu störend zu empfinden. Dabei will ich erneut betonen, dass ich in Spielen wie Monster Hunter und Soulsborne eh keine Story brauche, sondern mich lieber dem Gameplay hingebe. Neben jener passablen Rahmenhandlung hat Code Vein allerdings auch jede Menge Flashbacks zu den unterschiedlichen Charakteren im Spiel. Revenants erinnern sich nämlich nur bruchstückhaft an ihr früheres Leben, bevor sie zu Vampiren wurden. Durchs Finden von Vestiges kann man jene nun nach und nach nacherleben. Und diese Vestige-Szenen, in kühlen blautönen gehalten, mit rudimentär-stilisierten Schauplätzen und sombrer Musik, haben einen unglaublich gutes Staging und viel Atmosphäre. Storytechnisch definitiv das Higlight im Spiel.

Willkommen am Ende. Was lässt sich beendigend zu Code Vein sagen? Das Spiel hat seine Ecken und Kanten, seine Kinderkrankheiten, was die Soulsbornes allerdings auch haben. Am besten als ein Soulsborne light betrachten. Ein Anime Souls, das ein wenig generischer daherkommt, aber durchaus auch gut unterhaltsam ist und sich vor allem simpler und einfacher spielen lässt. Ich habe es tatsächlich gezockt, als mir nach einem Soulsborne war, mir Bloodborne aber zu hoch eine Einstiegshürde hatte. Und in diese Nische passt es wirklich gut.