Ghibli Sunday – Earthsea

Ursula K. Le Guin sträubte sich lange Zeit gegen eine Verfilmung ihrer mehrbändigen Erdsee-Sage. Kurz nach der Jahrtausendwende gab sie dann jedoch grünes Licht für gleich zwei davon, zum einen eine TV-Miniserie und dem wiederholt nachfragenden Studio Ghibli für das nächstes Projekt nach der Verfilmung von Howl’s Moving Castle. Beides Entscheidungen, die sie nach der Sichtung der Resultate wohl nicht mehr so pralle fand. Hayao Miyazaki wollte immer Erdsee verfilmen, da er allerdings noch in Das wandelnde Schloss feststeckte, entschied man sich es zum Debüt seines Sohnes Goro Miyazaki zu machen, ein Miyazaki als Ersatz für DEN Miyazaki, wenn der dann mal richtig in Rente geht. Hayao hingegen fand, jener wäre dafür noch nicht bereit. Die Chroniken von Erdsee ist dann auch der Ghibli, der es schaffte sowohl einer der erfolgreichsten Kinofilme des Jahres zu sein (was bei Ghibli-Filmen ja eh abzusehen ist) und gleichzeitig die japanische Version der Goldenen Himbeere für schlechtesten Film und schlechteste Regie einzustecken.

Es geht seltsames vor im Land. Dürren vernichten die Ernten, die Tiere werden krank, die Magie schwindet und die eigentlich von der Menschheit getrennt lebenden (aber ehemals koexistierenden) Drachen sind wieder aufgetaucht. Das klingt wichtig, gell? Für den Film wird all dies allerdings nie relevant. Ich spoiler übrigens extremst rum, also eventuell die nächsten drei Absätze überspringen.

Stattdessen dreht er sich um Prinz Arren, der seinen Vater umbringt, um an dessen Schwert zu gelangen, und dann flieht, dem Magier Sperber in die Arme läuft (einer der wenigen, die tatsächlich noch Magie wirken können) und mit jenem auf Reise geht. Wie sich herausstellt flieht Arren vor seinem eigenen Schatten, sprichwörtlich, und wird immer wieder von seiner grausamen Seite übernommen. Wenn nicht, ist er ein weinerliches Wrack, immer den nächsten Bösartigkeitsanfall erwartend.

Und dann machen die beiden erst mal Rast bei einer Freundin von Sperber auf ihrem Hof und verrichten Feldarbeit. Warum? Keine Ahnung. So wirklich eilig haben sie es auf jeden Fall nicht damit, irgendwas von Wichtigkeit zu tun. Dort lebt auch das Mädchen Theru, das Arren während eines Anfalls vor Fieslingen gerettet hat, die ihre Dankbarkeit aber durch unsympathische Zickigkeit beweist. Die Bauernidylle wird erst gestört, als der Magier Cob, der eine Vergangenheit mit Sperber hat, sich einmischt und aus irgendwelchen Gründen auch an Arren Gefallen findet. Warum Arren – oder sein Schwert – wichtig sind, erklärt der Film aber auch nie so wirklich.

Cob ist am ewigen Leben interessiert und Sperber will ihn davon abhalten, weil das das natürliche Gleichgewicht sowieso noch mehr durcheinander bringt, als eh und der ganze Kram. Doch Arren kann Cob besiegen, in einem Finale, dass den ihm im Rest des Filmes des Platz als Hauptprotagonist fast streitig machenden Sperber so absoluter Untätigkeit verbannt. Ach und Theru verwandelt sich in einen Drachen. Weil halt. Und Arrens Schatten, vor dem er den ganzen Film weggelaufen ist, war eigentlich gut.

Wat? Ich habe bisher nur bei Flüstern des Meeres dazu geschrieben, dass es ein Ghibli wäre, der getrost in der Sammlung fehlen darf, weil ich durchaus finde, dass alle anderen Filme des Studios – mit unterschiedlich hoher Priorität – ruhig früher oder später in einer solchen Platz finden dürfen. Die Chroniken von Erdsee ist der zweite Film, der bedenkenlos übersprungen werden kann. Goldene Himbeere ist vielleicht dann doch ein wenig übertrieben und eher als ein Statement zu sehen, wie weit vom eigentlichen hohen Ghibli-Standard der Film entfernt ist, aber ein guter ist’s nun wirklich nicht.

Genau genommen macht er fast alles falsch, wenn ich mal drüber nachdenke. Die Charaktere sind unsympathisch, zumindest Theru und Arren, mit denen ich beiden nix anfangen konnte, die eine ist eine Zicke, der andere ein Emo, der sich lange durch Passivität auszeichnet. Bis beide dann plötzlich beschließen, jetzt mögen sie sich doch. Die Handlung ist ein Durcheinander, das lange Zeit irgendwie Ziellos vor sich hin dümpelt, einfach kein zentrales Thema zu fassen bekommt, auch nicht so recht weiß, ob sie nun lieber Arren oder Sperber folgen will und dann schlussendlich doch ein ziemlich simples Ding war, das ohne das verworrene Geflecht der gehinteten Themen zu Filmbeginn ausgekommen wäre, weil es sie eh nie wieder aufgreift. Warum stirbt die Welt? Warum tauchen die Drachen wieder auf? Warum ist Arren so wichtig? Warum sein Schwert? Und wenn es so wichtig ist, warum versucht er nie aktiv es wiederzuerlangen, nachdem er es verloren hat? Warum war Cob noch mal so an einer Ergreifung Sperbers interessiert? Häufig ist der Film sogar bestechend langweilig, gerade im viel zu langen Mittelteil auf dem Hof. Selbst das Design des Filmes ist nicht auf dem gleichen Niveau, wie viele andere Ghiblis. Gerade die Charaktere würde man in einer Gruppenszene aus den unwichtigen Randfiguren nicht rausfiltern können.

Tja, vielleicht hätte der gute Goro Miyazaki doch mal Landschaftsgärtner bleiben sollen.