Hustler White

Hustler White beginnt wie jedes romantische Epos: Mit einer Leiche im Pool. Aber dann, im darauffolgenden Rückblick haben wir es: Liebe auf den ersten Blick. Jürgen Anger, der gerade aus Europa angereist ist, um sich Inspiration für ein Buch über Stricher und Pornodarsteller zu holen, läuft Bald-Poolleiche Monti über den Weg, der gerade einem Freier den Geldbeutel gestohlen hat und bei der Diebesflucht zum Fahrerflüchtigen wurde, nachdem er einen anderen Stricher über den Haufen gefahren hat. Monti bekommt Jürgen (noch) nicht in die Finger, aber das blutverschmierte weiße Hemd um den Mannesschweiß zu inhalieren ist auch schon was wert.

Tatsächlich wird Jürgen noch einige Male auf Monti treffen, ohne ihn direkt in sein Auto komplimentiert zu bekommen. Beispielsweise wenn Jürgen Backstage beim Dreh eines Schwulenpornos dabei ist und Monti dort als Fluffer arbeitet, der schwindende Manneskräfte mit Handauflegen wieder zu neuem Stehvermögen verhilft. Irgendwann hat er ihn dann aber, tausend Dollar Gage für einen Nachmittag als Möchtegern-Fremdenführer haben wohlweislich geholfen, und Monti erzählt Jürgen alles, was es über Hollywood zu berichten gibt. Nicht übers reiche Beverly Hills, nicht über die Filmtraumfabrik, nicht über den berühmten Sunset Boulevard. Nein, über den dazwischen gelegenen Santa Monica Boulevard, wo sich die Stricher ihr Geld verdienen.

Hustler White ist ein Film von und mit Bruce LaBruce, der sich für einige kontroverse Randproduktionen auszeichnet, sowie unter dem für seinen Charakter hier verwendeten Namen Jürgen Anger auch direkt Schwulenpornos gedreht hat. Mit dem weniger glamourösen Bereich des Filmemachens kennt er sich aus, genau wie in der Schwulenszene an sich.

Der Film hat dann auch eine interessante Herangehensweise an seine Geschichte der sexuellen Perversionen, für die sich hübsche Jungs von Nebenan so bezahlen lassen, um über die Runden zu kommen. Denn so viel hier auch gezeigt wird, welches definitiv auch auf Shock Value aus ist, so blasé ist der Film im Zeigen dessen. Sich beim Sex fürs höhere High die Luft abzudrücken? Warum nicht. Totengräber, die als Drag Queen verkleidet die Freudenjungs wie eine Mumie in Folie wickeln, um sich dran zu reiben? Geht klar. Ein Amputations-Fetischist, der vom Stricher anal mit dem Fußstumpf penetriert wird? Aha. Beim Pornoshoot extra rausgezoomt, damit man die ganze gelangweilt drumherumstehende Crew sehen kann, während Monti beim Palmeschütteln des erschlafften Hauptdarstellers weiterhin getrost sein Buch liest. Die Aussage dahinter: All dies ist irgendwo geradezu alltäglich, auch wenn es weit von unserem Normie-Dasein entfernt sein mag.

Sex und nackte Haut sind allgegenwärtig im Film, aber es ist alles strickt Business. Ein Verkauf von körperlichem Intimsein, ohne jegliche Intimität zwischen den Beteiligten. Bewusst unsexy, und bewusst gern auch mal ein wenig schräg dargestellt. Denn nicht alles schockt. Wenn ein Bordsteinspecht direkt auf die Offenbarung, dass er verheiratet war und eine Tochter hatte, dann eine Station im Militär hinter sich brachte, bevor er mit entblößten Arschbacken auf den Gehwegen des Boulevards endete, von seinem Freier im eigentlichen Sinne des Wortes gesattelt und geritten wird, weil der Cowboy spielen will. Wenn der alte Masochist, der sich auch schon mal mit Rasierklingen schneiden lässt, felsenfest behauptet berühmter Schauspieler und Model zu sein, obwohl keiner ihn kennt und er dafür auch gar nicht das Aussehen mitbringt.

Ein wenig Introspektion darf also doch sein, statt das Jürgen einfach grundlos prätentiöser Schreiber vor sich hin philosophiert. Monti beispielsweise macht, was er macht, weil seine Freundin ihn mit einem kleinen Jungen sitzengelassen hat. Ob es sein Kind ist weiß er nicht mal, ist ihm aber auch nicht wichtig. Auf die Frage, warum so viele Stricher das Titelgebende Weiß tragen, kommt sofort die Antwort „Reinheit“. Dies sind allerdings die Ausnahmen in einem mehr als schrägen Film über die unreinen Seiten der Großstadt.

Hustler White ist halt dennoch häufig eher eine schwarze Komödie denn sonst was. Bewusst trashig, bewusst schlecht, bewusst anstoßend. Aber auf jeden Fall nie langweilig oder vorhersehbar konventionell. Ein wenig Andy Warhol „ist das jetzt Kunst, oder kann das in den Müll?“, jedoch allemal ziemlich kultig.

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