The Bloody Red Baron

Das 1995 von Kim Newman geschriebene The Bloody Red Baron ist der zweite Eintrag in dessen alternative Historie um Anno Dracula. Schon irgendwie ein Sequel zum der Serie gebenden ersten Buch, aber dennoch eine ganze Ecke davon entfernt, spielt es doch gut 30 Jahre später. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges, wie man sich ob des Titels sicherlich bereits denken konnte.

Um es noch mal kurz zu Rekapitulieren: Die Welt von Anno Dracula ist im Prinzip wie die von True Blood, nur nicht in der Moderne spielend. Sprich Vampire leben relativ normal in der menschlichen Gesellschaft. Der Vampirismus ist hier sogar recht en vogue, es beispielsweise chic in noblen Familien ihre Nachkommen in der Blüte ihrer Jugend zwischen 18-20 von einem Vampiralten wandeln zu lassen. Kim Newman ist es aber nicht satt, einfach Vampire in reale Geschichte einzubauen, sondern nimmt sich auch gern fiktiven und hab-fiktiven Charakteren an. Anno Dracula spielte beispielsweise in einem viktorianischen England, in dem die Ereignisse von Bram Stokers Dracula (welches als Roman weiterhin existiert) geschehen sind, allerdings mit dem Sieg Draculas ausgingen, der anschließend die Queen ehelichte und England regierte.

Am Ende des Buches war er besiegt und vertrieben. Jedoch eröffnet uns The Bloody Red Baron, dass er in den folgenden drei Jahrzehnten zunächst den Vampirismus in der russischen Zarenfamilie verbreitete, und letztendlich in Deutschland landete, wo er nun mit dem Kaiser den Ersten Weltkrieg angezettelt hat. Welcher durch die Kampfflieger ganz neue Züge annimmt. Zu denen auch der Rote Baron gehört, den es tatsächlich auch gab, um den tatsächlich in der deutschen Kriegspropaganda ein unglaublicher Heldenmythos aufgebaut wurde, und von dem es tatsächlich die Biographie Der Rote Kampfflieger gab.

In der Welt von Anno Dracula hat er diese allerdings nicht selbst verfasst, sondern sich die Deutschen den zum Vampir gewandelten und in den jüdischen Slums Prags dahin siechenden Edgar Poe – Allen hat er sich nach dem Wandel streichen lassen – geschnappt, der nun die Einsätze vom Jagdgeschwader 1 beobachten und Interviews mit Richthofen führen soll, um dessen Der Rote Kampfflieger für ihn zu verfassen.

Auf der Seite der Alliierten hingegen steht beispielsweise unser Hauptcharakter aus Anno Dracula, Beauregard, der nun nicht mehr mit seiner Vampirin aus jenem Buch zusammenlebt. Der überwacht allerdings nur die britischen Kampfvorbereitungen für den Diogenes Club. Tatsächlich folgen wir allerdings wesentlich häufiger seiner Freundin und selbst Vampirin Kate, und dem in die Militärhierarchie hineingeratenden Edwin, die beide stark verändert aus den Grauen des Krieges herauskommen werden.

Weiter munter eingebaut ist die verführerische Spionin Mata Hari, Churchill als Vampir, die beiden Doktoren Caligari und Moreau, und ein auch hier schwuler und schnell toter Friedrich Murnau, und so einige mehr. Es ist immer wieder interessant, wenn man über einen bekannten Namen stolpert, den es entweder wirklich gegeben hat oder aus bekannten Geschichten stammt, und wie Newman jene in seine Geschichten eingebunden hat.

Was mich bei den Büchern immer wieder einnimmt ist, wie dicht sie doch geschrieben sind. Denn eigentlich geschieht über weite Teile, bis es im Finale dann in der Kaiserschlacht passend Schlag auf Schlag geht, gar nicht ganz so viel. Stattdessen wird viel geredet, wobei uns vor allem die Welt und die involvierten Charaktere nahegebracht werden. Das ist aber doch so reichhaltig geschrieben, dass man dennoch vollkommen satt aus einem Kapitel heraus kommt. Abgesehen davon ist es natürlich sowieso vorteilhaft, einen Krieg aus Charakter-individueller Sicht zu schreiben, um die Hierarchien dahinter, die involvierten Ideologien, wie jene später angegriffen werden, und das allgemeine Chaos in der Schlacht, wiedezugeben. Das gibt The Bloody Red Baron, trotz der pulpigen Alternative History, in dem es spielt, sogar etwas mehr Klasse, als Anno Dracula hatte.

Anno Dracula

ava-1907Anno Dracula gehört zum Genre der Alternativen Geschichte, nämlich in dem es im Prinzip davon ausgeht, dass die Sachen, die Bram Stoker in seinem Dracula schrieb, tatsächlich der Wahrheit entsprechen, allerdings einen anderen Ausgang nahmen: Dracula hat gewonnen. Genau genommen war er nicht schlichtweg siegreich über die Gruppen um Van Helsing, die ihn aufhalten wollte, nein er hat Queen Viktoria bezirzt, zum Vampir gewandelt, und regiert nun durch sie über Großbritannien und dessen Protektorate.

Und das nicht aus dem Schatten heraus. Nein, Vampire sind nun an die Öffentlichkeit getreten und Teil der neuen britischen Bevölkerung. Im Prinzip ist Anno Dracula also ein wenig wie True Blood, nur im viktorianischen England spielend, und zehn Jahre früher zu Papier gebracht. Eigentlich ja sogar noch früher, wie die Kindle-Version, die auf dem 2011er Reprint basiert, in ihren vielen Bonusmaterialien gegen Ende des Romans zeigt, denn das gab es vorher schon mal als Kurzgeschichte unter anderem Namen, bevor Anno Dracula wirklich Anno Dracula und ein vollwertiger Roman wurde.

In jenen Materialien nennt Kim Newman sein Buch übrigens einen „Vampirroman im direkten Sinne“, da er selbst zugibt, jede Menge Figuren frei aus anderen Literatur geklaut zu haben. Natürlich haben wir den direkten Bezug zu Bram Stokers Dracula und dessen Figuren (die Newman nicht so zu leiden scheint, zumindest ist aus den unreflektiert puren Figuren eines Stokers eine Bande Irrer und Arschlöscher geworden), aber da hört es tatsächlich nicht auf. Dr. Jekyll ist ein Charakter, Vampirin Camilla findet Erwähnung, selbst Graf Orlock gibt es hier, der Hauptvampir aus dem deutschen Stummfilmklassiker Nosferatu, der ursprünglich ja Dracula war, aber weil man die Rechte an der Buchverfilmung nicht hatte, umbenannt wurde. Sogar Bram Stoker selbst ist eine Figur hier, gut er lebte ja auch wirklich, aber eben auch als Schreiber seines Propaganda-Buches. Selbst Jack the Ripper finden wir hier vor, denn das ist eigentlich die Handlung des Buches: Jack the Ripper tötet Vampir-Prostituierte, denn er ist einer der wenigen Überlebenden der Van-Helsing-Entourage und hat den Tod von Lucy nie überwunden und versucht nun halt das neue Übel in der Gesellschaft auszurotten. Ein „warmer“ (so die Bezeichnung für Menschen hier) Detektiv im Auftrag der Königin und eine uralte Vampirin machen sich nun auf, ihm auf die Schliche kommen zu wollen.

Allerdings ist jene Handlung schon fast nebensächlich, denn Anno Dracula bzw. dessen Schreiber Newman scheint wesentlich interessierter am World Building zu sein, die Ripper-Sache wirkt manchmal fast mehr wie ein Alibi, da er merkte, dass er ja auch irgendwas in jener Welt stattfinden lassen muss, eine Geschichte zu erzählen haben muss, um sie überhaupt nutzen zu können. Jedenfalls gibt es viel mehr Charaktere und wird viel mehr über das Andersgeschichtliche England erzählt und erklärt, als für die doch relativ simple Handlung letztendlich nötig wäre. Das meine ich noch nicht mal negativ, denn die Geschichte ist dennoch ganz gut, und die Welt wirklich interessant und eben reichlich ausgearbeitet, aber ich hatte halt wirklich so ein wenig das Gefühl, dass Newman mehr an der Welt interessiert ist denn an der Ripper-Sache. Bestätigt wird das auch ein wenig in bereits erwähnten Bonusmaterialien, in denen er auch die Entstehungsgeschichte des Buches wiedergibt. Noch bevor Anno Dracula Anno Dracula war, noch bevor Anno Dracula eine anders benannte Kurzgeschichte war, war Anno Dracula eine Idee, und in ihrer ersten Form nicht ein Krimi über die Ripper-Morde, sondern eine Geschichte darüber, wie Dracula eben siegreich über Van Helsing ist, wie er sich die Macht über England aneignet, und wie seine Vampirpolitik das Land verändert. Also war die ursprüngliche Idee genau das zu erzählen, was im endgültigen Anno Dracula eben die bereits geschehene Hintergrundgeschichte der Welt, in der es spielt, ist.

Die Vampire, oder wie sie funktionieren, sind auch tatsächlich relativ interessant. Denn im Prinzip ist es so, dass die Vampire von Newman alles beinhalten können, was je über Vampire geschrieben wurde. Da die „Familien“, sozusagen die Klans, die auf verschiedene Urquellen zurückgehen, unterschiedliche Merkmale haben. Manche Vampire, wie diejenigen, die auf Dracula zurückgehen, können sich in Tiere und Nebel verwandeln, andere eben nicht, sind dafür aber eventuelle telepathisch veranlagt. Einige kommen aus jener Verwandlung irgendwann nicht mehr richtig raus, was erklärt, warum einige Vampire wie normale Menschen wirken, ein Graf Orlock aber beispielsweise jene „rattigen“ Gesichtszüge eines halben Monsters hat. Religiöse Symbole – egal welcher Art – wirken manchmal oder nicht, weil der Glaube dahinter wichtig ist, nicht das Ding an sich. Die Schwäche gegenüber Silber findet auch Erwähnung, bzw. ist sogar sehr wichtig, anderweitig aus Vampirliteratur aber stark verschwunden, weil es mittlerweile eher eine Werwolf-Sache ist (fun fact: Werwölfe und Vampire waren mythologisch ursprünglich ein und dasselbe Monster).

Anno Dracula hat halt schon auch ein wenig etwas pulpig-trashiges an sich, eben wegen der verqueren Alternativen Geschichte, wegen des freien Zusammenwerfens von echten historischen sowie anderen literarischen Figuren. Anno Dracula ist sich dessen aber natürlich auch voll bewusst, bei einer so gut ausgearbeiteten Welt ist das kein unfreiwilliger Nebeneffekt. Aber deswegen unterhält Anno Dracula halt auch sehr gut, hat seine eigenen coolen Vibes, umso mehr, wenn man sich für sein World Building interessieren kann.