Vampire Chronicles – Prince Lestat

ava-2072In 2003 hat Anne Rice mit Blood Canticle also ihren Ragequit der Vampirchroniken hingelegt, derer und dessen Fans längst überdrüssig geworden. Stattdessen ging sie ihrem wiederentdeckten christlichen Glauben in Büchern nach, zu denen der wohl besser passt. Sie schrieb endlich ihre Jesus-Trilogie, oder zumindest die ersten zwei Bücher davon. Dann zwei Bücher der Songs of Seraphim. Aber irgendwie schien das nicht so viel einzuspielen wie ihre Goth-Horror-Romane. Also zurück zum Übernatürlichen durch Werwölfe mit The Wolf Gift Chronicles, und dann hatte sie plötzlich doch unbedingt neuen Vampirstoff, den sei ja schon längst erzählen wollte. Nach Claudia’s Story, einem Comic der Interview with the Vampire aus Claudias Sicht nacherzählt, kam also 2014 mit Prince Lestat nach 11 Jahren das erste neue Buch der Vampirchronik raus, und ein weiteres Buch steht für Ende des Jahres in den Startlöchern.

Man kann dann immerhin dem Buch zu Gute halten, dass es sich diesmal auch tatsächlich so liest, als wollte Anne Rice es schreiben, ganz im Gegenteil zum vorigen Schlusskapitel, Hohelied des Blutes, das sich ziemlich dahingeschludert gelesen hat und ständig passiv-aggressiv bis einfach nur aggressiv sich über die Leserschaft der Vampirchroniken und ihre Erwartungshaltungen beschwert hat.

Was nicht wirklich bedeutet das Prince Lestat ein gutes Buch ist, nur weil es etwas besser geschrieben ist. Genau genommen liest sich das ganze Ding extrem nach Fanfiction. Inklusive der Eigenschaft, dass das Ding erst mal für gut die erste Dreiviertel Länge mehr oder minder vor sich hin mäandert, bis es dann überstürzt einen Klimax hervorzaubert. Ist zwar nicht so, dass jenes Finale jetzt komplett aus dem Nichts ohne jegliches Buildup käme, wie das bei Twilight der Fall gewesen war, aber so ein wenig Ereignislos wirkt der Groß des Buches schon, bis dann der etwas schnell über die Bühne gebrachte Payoff kommt.

Prince Lestat ist übrigens das erste Buch der Vampirchronik, welches nicht als fiktive Biographie geschrieben ist. Die Kapitel mit Lestat als Hauptcharakter sind immer noch aus dessen Perspektive geschrieben, die diversen Kapitel der anderen Charaktere aber eben nicht. Und hier kommen viele Charaktere vor, jedoch nicht unbedingt viele neue, gleichzeitig aber auch nicht viele bekannte. In bester Fanfiction-Manier wirft uns Prince Lestat nämlich lauter Nebenrollen aus den vorigen Büchern hin, die dort teilweise nicht mal eines Namens würdig waren, und spinnt sich was zu jenen zurecht. Außerdem werden die eigentlich keiner Erklärung bedurften Entstehungsgeschichte der Talamasca und der Wesensart des Geistes Amel, welcher damals mit Akasha verschmolz und die Vampirrasse hervorbrachte, gelüftet. Viel liest sich halt wirklich so, als hätte ein Fan der Reihe sich hingesetzt, und eine weitere Geschichte um Super-Lieblings-Vampir Lestat geschrieben, mit jede Menge „schau wie viel ich weiß“-Referenzen aus den vorigen Dutzend Büchern gespickt, deren Lücken und offenen Geheimnisse zusätzlich füllend.

Die Vampire sind dabei übrigens so Zahnlos wie aus den letzteren Büchern der Vampirchronik bekannt. Alle sind so Herzensgut, so rein, so liebend, sich gegenseitig toll findend und vertrauend, und Umarmungen und Bussi Bussi, und blergh. Dass die Alten, die Kinder der Millennien, mal sehr rar war, weil kaum einer in jenes hohe Alter überlebt, ohne sich selbst zu zerstören, oder das Vampire notorische Einzelgänger sind, weil man es nur so lange mit ein und derselben Person aushält, ist auch Schnee von Gestern. Da Buch hier führt Dutzende an Uralten vor. Und fast jeder scheint plötzlich seine eigene kleine Enklave mit seinen Lieblingen gegründet zu haben. Ja Anne Rice ändert das ganze Branding ihrer Vampire ohne Biss am Ende des Buches, in dem sie über ihre Blutschuld hinweg kommen. Kein Denken mehr, man wäre böse. Keine Schuld mehr, weil man sich von Menschen ernährt. Keine Komplexe, weil man Untot ist. Vampire sind die neuen Blumenkinder, von nun an organisiert zusammenlebend, sich liebend, sich nur von Verbrechern ernährend. Mit ihrem Prinz Lestat in der Mitte.

Denn letztendlich war das der ganze Sinn und Zweck des Buches. Alle Vampire zusammenführen. Ihre komplette Existenz dem Anpassen, worüber Anne Rice schon seit geraumer Zeit lieber schreibt. Über Liebe deines Nächsten gegenüber, nicht mehr über Blutrünstige ihrer eigenen Existenz überdrüssigen Monster. Und ihren Liebling Lestat endlich noch mehr ver-Mary-Sue-en als er das eh schon war. Konnte er doch eh schon alles, fanden ihn doch eh schon alle unwiderstehlich, mit Akashas Blut stärker und begabter als seine Lebensdauer das zulassen sollte. Hier nun übernimmt er den Geist Amel in sich, der jetzt auch ein eigenen Charakter und ein Selbst entwickelt hat, natürlich hauptsächlich um geliebt werden zu können. Damit wird er das Zentrum der Vampire, da er deren Urkern in sich trägt, und alle applaudieren und feiern und fügen sich jeder Entscheidung ihres neuen Monarchen, nicht einer stellt sich dagegen oder findet es zu gefährlich ihre Lebensquelle in einem für seine Unberechenbarkeit bekannten Kerl zu sehen. Weil Lestat eben einfach zu toll ist, um nicht sofort von jedem geliebt und akzeptiert und bewundert zu werden.

So sehr also die spezifischen Kritikpunkte an Hohelied des Blutes für Prince Lestat aus dem Weg geräumt sind, so bestehen die zu den unmittelbar davor gekommenen Büchern also leider weiterhin. Den Vampirchroniken wäre wenig genommen gewesen, wenn sie nach Königin der Verdammten aufgehört hätten, und daran ändert auch Prince Lestat im Endeffekt nichts.

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Sleeping Beauty Trilogy

ava-1158Zu meinem Kindle-Post habe ich geschrieben, dass mein erstes Buch, welches ich darauf angefangen zu lesen habe, der erste Teil einer Trilogie an erotischen Romanen über eine S&M-Beziehung, mit der femininen Komponente als die submissive, war. Wer jetzt an die 50 Shades Trilogie gedacht hat, was natürlich meine irreführende Intention war, lag falsch. Stattdessen ging es um die Sleeping Beauty Trilogie von Anne Rice, die zu Beginn ihrer Karriere gern unter einem Pseudonym (hier als A. N. Roquelaure) auch mal erotische Literatur geschrieben hat – nicht das Sex nicht in vielen ihrer Bücher eine Komponente spielen würde.

Als ich so um 2001, durch die Vampirchroniken angefixt, auf einem Anne-Rice-Trip war, hab ich mir damals alle in Deutschland erhältlichen Bücher von ihr geschnappt und gelesen. Die Dornröschens waren damals nicht dabei, da komplett out of print, was sich aber seither geändert hat, sowohl im englisch- wie deutschsprachigen Raum. Wahrscheinlich auch, weil erotische Literatur dank dem enormen Erfolg von Shades of Boredom wieder gefragt sind.

Hierbei hat dann im Prinzip nur das erste Kapitel von The Claiming of Sleeping Beauty wirklich was mit dem Märchen zu tun. Tatsächlich gibt es eine Prinzessin in einem Rosenumrankten Schloss, die seit hundert Jahren mit dem ihr umgebenden Königreich in Schlaf dahindämmert. Diverse Prinzen haben versucht sie zu erwecken, um als dekorative Leiche in den Ranken zu enden. Bis jetzt, wo sich doch einer durchgeschlagen bekommt und die schlafende Schönheit mit einer deftigen Entjungferung vom Schlaffluch befreit. Als Prinz des dominanten Königreiches der Region, dem alle anderen Reiche Tribut zu zollen haben, nimmt er Beauty eben als genau solchigen mit sich, damit sie – wie so viele andere Prinzen und Prinzessinnen der angehörigen Reiche – dort einige Lehrjahre als Sexsklavin des Hofstaates verbringt.

Jepp, dies scheint hier Gang und Gäbe zu sein und jeder akzeptiert das einfach so, dass sie ihre Söhne und Töchter – Attraktivität natürlich vorausgesetzt – mal so für zwei bis fünf Jahre als Sklaven vorbeischicken müssen. Man sollte sich wohl nicht zu viel über die Logik den Kopf zerbrechen in einer Porno-Welt, in der ein ganzer Hofstaat keine Kosten und Mühen scheut und auch keine Regierungsgeschäfte zu haben scheint, um sich 24/7 darum kümmern zu können, dass die hunderten nackter, königlichen Sexsklaven auch beschäftigt bleiben. Ja, es wird sogar als positiv betrachtet, wachsen doch angeblich die verwöhnten Gören am Erlebnis der Selbstaufgabe. Das hat in der Trilogie diverse Komponenten, denn es gibt definitiv jene, die es lieben, den Sklaven zu geben. Andersherum wiederum, auch wenn man es nicht tut, ist es nicht so, dass man fein raus ist, sondern man wird halt durch die Bestrafungen mental gebrochen, bis man es mitmacht. Ist halt eine feine Linie zwischen „ich mach dich Sachen lassen, die du ganz geheim ja eigentlich doch willst“ und „ich zwinge dich zu Dingen, die du nicht willst“ (und die eine oder andere Szene deswegen auch mehr unkomfortabel denn erotisch), wobei Anne Rice zumindest die Einsicht hat, es eine Vergewaltigung zu nennen, wenn es gegen den Willen passiert – geheime Freude daran gegeben oder nicht.

Doch natürlich geht es in der Geschichte um Leute, die es toll finden. Allen voran natürlich Mustersklavin Beauty. Und die ganzen BDSM-Spielereien sind durchaus mal ganz interessant zu lesen. Wobei noch viel interessanter die psychologische Dynamik in der Beziehung von Sklave und Meister ist, wie ich fand. Die Bestrafung gleichzeitig zu hassen, doch auch zu lieben. Der Schmerz und die Lust vermischen sich. Die schon fast Sockholm-Syndrom-esque Liebe, die sich zum harten Meister aufbaut. Sowohl die Degradierung des eigenen Selbst und die Scham dessen, was man alles machen muss, zu verabscheuen, aber gleichzeitig auch diese stark regulierte, für einen entschiedene Lebensweise zu begehren. Wenn Bestrafung nicht mehr schlimm ist ob des Schmerzes oder der Erniedrigung, sondern weil man sein Herrchen enttäuscht hat. Allerdings, dies muss man schon sagen, ist die Sleeping Beauty Trilogy weitestgehend noch zahm, was BDSM angeht – denke ich. So richtig heftige Spielereien scheint es nicht zu geben, sondern viele Haue, viel Geschimpfe und halt mentale Degradierung. Niemand wird ernsthaft verletzt, gepierct, es käme zu Water Sports etc. pp. (ich war doch sehr überrascht, als es im dritten Buch tatsächlich kurz zu einem Fisting kam – es ist also doch nicht „Mommy Porn“ für jene, die schon schamvoll erröten, wenn es zu *gasp* einem Blowjob kommt). Da überrascht es etwas, dass die Bücher in den USA mal so umstritten und in Deutschland sogar verboten waren (wobei Rice auch den Fehler macht, das Alter auf Beauty auf gerade mal 15 festzulegen). Genau genommen verliert der ganze Sex, denn um viel mehr geht es nun Mal nicht, so bei der Halbwertszeit des zweiten Romanes auch an was. Man kann halt nur so häufig lesen, wie die Pobacken zum Springen gebracht werden und dies sowohl die Tränen in die Augen treibt, wie auch die Geschlechtsteile zum freudigen schwelen bringt. Wenn dann der Sklave zum knien gebracht und die Gerte rausgeholt wird, weiß man irgendwann, was da jetzt als nächstes geschrieben kommt. Alexi selbst sagt es so schön gegen Ende des von Claiming:

Each new thing seems terrible because it is new, because it is a variation. But at the heart it is all the same ultimately. The paddle, the strap, the exposure, the bending of the will. Only they infinitely vary it.

Die Spielereien werden sehr samey, Variationen hin oder her. Und Anne Rice hat eine gute Fantasie, weiß wie es zu variieren gilt. So geht es letztendlich hier nicht nur um Beauty, gerade in den zwei folgenden Büchern, Beauty’s Punishment und Beauty’s Release, tritt sie immer häufiger auch in den Hintergrund und mehrere Kapitel drehen sich um die männlichen Sklaven Tristan und Laurent. Die bringen natürlich eine neue Sichtweise mit und neue Körperteile, mit denen anders umgegangen werden kann. Interessanterweise bleibt Beauty von Dildos oder Analverkehr beispielsweise fast komplett verschont – dies dürfen die Männer übernehmen. So ist dann auch sozusagen für jeden was geboten, sowohl Hetero- wie Homoverkehr, wie auch wildes Durcheinander. Auch die Lokalität ändert sich, so findet Claiming am Königshof statt, Punishment geht dann zu den raueren Vorgehensweisen im Dorf und in Release zu den besonders raffinierten im Sultanspalast. Gerade Laurent in Release bringt frischen Wind rein, weil er eben nicht wie alle vorigen Charaktere so wahnsinnig submissiv ist, die zwar alle bei sich denken mögen, die nächste Aufgabe vor Scham nicht machen zu können, sie sei ein Unding – es dann aber doch ohne jegliches Murren sofort tun, sobald der Befehl und dazugehörige Klaps kommt (es ist schon ironisch, wie Beauty zu Beginn von Punishment noch meint, es läge kein Sinn mehr darin, hörig zu sein, wenn man sowieso schon als böser Sklave bekannt und ins Dorf abgeschoben ist– nur um dann dort sofort ohne jeglichen Kampf ihrer neuen Mistress zu gehorchen). Laurent ist rebellischer und wechselt sogar zwischen Sklave und Meister hin und her, was dem Leser auch mal die andere Seite nähgerbringt.

Und wer hätte es gedacht, wie es zu einem richtigen Märchen gehört, gibt es sogar ein Happy End und letztendlich wollten doch alle Sklaven nur die wahre Liebe finden, nicht das temporäre Anhimmeln eines strengen Meisters, wie ein gut trainierter Hund sein Herrchen lieben würde.

Vampire Chronicles – Blood Canticle

Sind wir also angelangt, beim letzten Buch der Vampirchroniken. Nachdem man in den letzten Büchern schon so das Gefühl bekam, dass Anne Rice die Serie langsam leid wird, kann man sich sicher sein, dass sie es bei Hohelied des Blutes definitiv war und lieber ihre Jesus-Lebensgeschichte endlich anfangen wollte, aber die Fans wollten ja unbedingt ein definitives Abschlusskapitel. Also hat sie das hier raus gerotzt, 400ish Seiten später dann unterzeichnet, zum ersten Mal nicht als der fiktive vampirische Schreiber des Romans, sondern als Anne Rice selbst. Schluss, aus, Ende.

Ein Schlussstein ist es dann auch, nicht für die Vampirchroniken, sondern für die Hexenromane. Lestat hat Mona zur Vampirin gemacht, eine wichtige Persönlichkeit des Hauptzweigs des Mayfair-Clans, also müssen sich nun mit der Familie auseinander setzen. Und dann den Verbleib der Taltos ausfindig machen. Was die Vampire angeht, so richtig ein definitiver Schluss ist es nicht. Weltenbummler Lestat hat am Ende wohl dann endlich mal seine Ruhe gefunden, von daher haut es schon irgendwie hin, nehm ich mal an. Aber mit einem großen Gong geht er nicht, sondern als laues Fürzchen.

Das Buch liest sich seltsam. Trocken und ungeschliffen, direkt und ohne lange Beschreibungen und blumige Ausschmückungen. Keine schwüle Erotik, keine grausamen Horrorelemente. Ist das Anne Rice? Ja sicher, die Anne Rice der 2000er, leider. Diejenige, die nicht mehr interessant zu schreiben weiß. Vielleicht ist Stephenie Meyer ja in Wirklichkeit ihr neuestes Pseudonym?

Das Buch fängt schon schrecklich an. Wie immer die Einleitung unsres fiktiven Schreibers, erneut Lestat. Er beschwert sich, und durch ihn natürlich Anne Rice. Darüber, dass seine Fans ihn nicht zu würdigen wissen, seine neuen Romane nicht mögen, seine „gewachsene“ Persönlichkeit nicht mögen, sondern den alten Stil bevorzugen. Kritik an den Kritikern verüben, ganz direkt wenn auch unter dem Deckmantel der fiktiven erschaffenen Figur. Unfein, Frau Rice, ganz unfein.

Und dann, im Buch, wie immer alle so handzahm. Anne Rice ist nun gläubige Christin. Das ist schön für die Dame, aufs Alter noch einen Glauben für sich entdecken zu können. Aber warum sind es dadurch jetzt auch alle ihre Charaktere? Warum sind alles solche Gutmenschen, immer ums wohl ihrer Mitmenschen bedacht, möglichst allen Konflikten aus dem Weg gehend? So wohl erzogen, so brav, so langweilig. Oh sicher, Mona macht kurz Terror, so weit bleibt sie jener Figur treu, aber danach erst mal wieder Seitenlang wie sie und Lestat sich gegenseitig beieinander dafür entschuldigen, so ein aufbrausendes Temperament zu haben. Dem Mayfair-Clan ein Mitglied geraubt, zur Untoten gemacht – und über einen kurzen Plausch beim Kaffekränzchen mit jenen ist alles in Ordnung, keine Bange, war schon richtig so. Quinn mag nicht mehr der Hausherr von Blackwood Farm sein, aber alle sind von ihm abhängig – doch da findet sich auch schon der perfekte Ersatz, der die ganze Zeit unter seiner Nase war. Konflikte? Auseinandersetzung? Nicht in Hohelied des Blutes.

Und dann das Anbandeln Lestats mit Rowan? Ich habe keine Worte dafür, wie blöd das ist. Das letzte Kapitel, die finalen 10 oder 15 Seiten im Besonderen, die ein sowieso nicht gutes und vor allem gar nicht gut geschriebenes Buch noch um einige erhebliche Nuancen verschlechtern. Dabei hätte es ein Kapitel vorher geendet, wäre es ein netter Ausklang gewesen, aber Anne Rice kann es mal wieder nicht lassen, aufs Finale was zu veranstalten. Selbst beim Schlusskapitel der Saga nicht.

Und was ist eigentlich mit Lestat, dem Flegelprinz, dem Dandy, dem Rebell? Er ist ein Heiliger hier. Zumindest versichert er uns jede ungerade Seite, dass er gerne einer wäre, nur um jede gerade doch wieder zu sagen, dass es für so einen Unhold wie ihn ja gar nicht möglich ist. Dabei ist er ein Samariter. Klar, Blut muss er noch trinken, tut er ja sowieso nur vom menschlichen Abschaum. Philosophische „Was ist ein Leben wert“-Fragen lassen wir jetzt mal raus, er muss ja auch irgendwie Überleben und tut es auf die „moralisch“ beste Weise, die ihm bleibt. Er tut niemandem was, setzt sich mit niemandem auseinander, es sei denn sein Ego wird zu sehr angekratzt und dann tut ihm sein Aufbrausen eh sofort unsterblich leid. Er tötet ein Vampirpaar, weil sie sich Grausamkeiten hingeben, die er genau so früher auch veranstaltet hat, weil er in ihnen angeblich keine Besserungsmöglichkeit sieht. Ein Heuchler sind wir nun also auch? Er durfte „moralisch“ Reifen, anderen wird das verwehrt, die müssen ausgelöscht werden. Und er darf sich anmaßen, jene Gerichtbarkeit zu sein. Ja, er darf danach sogar noch romantisch vor sich hin leiden, freilich nicht aus Mitleid ihnen gegenüber, sondern weil sie ihn an sein früheres Ich erinnert haben. Ein Egomane war er ja schon immer, wohl der einzige Charakterzug, der ihm erhalten geblieben ist.

Er glaubt an Gott. Er unterbricht die Geschichte mitten drin um uns ein Kapitel lang zu erzählen, dass irgendwo jemand vom Papst zum Heiligen gesprochen wurde. Relevanz der Sache? Nicht vorhanden. Er lässt sich drüber aus, wie scheiße es ist, dass in allen Presseartikeln dazu aufgeworfen wird, dass es Zweifler gibt, ob besagte Person überhaupt existierte oder nur erfunden ist – weil das die Unfehlbarkeit des Papstes anzweifelt. Ja, journalistische Freiheit ist schon scheiße, besonders wenn sie berechtige Zweifel aufbringt. Immerhin geht es hier um den Papst. Wirklich, Lestat? Er ist kein Rebell mehr, er hat keinen Witz und Charme mehr, er erschüttert die Welt nicht mehr. Lestat ist ein weichgespülter Langweiler. Und damit endet seine Geschichte, sein moralisches Wachstum als Charakter, wie es Anne Rice zu schreiben pflegt, als Niemand. Niemand von Interesse zumindest.

Vampire Chronicles – Blackwood Farm

Das vorletzte Buch, bald bin ich fertig. Diesen Monat hät ich es schon beinahe vergessen, aber gerade noch so die Kurve gekriegt. Also ja, Blackwood Farm, ein weiteres Buch aus Anne Rices Vampirchronik, wenn auch kaum ein Vampirchronik-Buch.

Oh ja, es startet mit einem Vampir. Natürlich mal wieder einem neuen, Quinn Blackwood. Der sucht Hilfe bei Rices Lieblings-Supertyp Lestat, da der Geist Goblin, mit dem er aufgewachsen ist, ihn seit der Verwandlung heim sucht und nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen ist.

Doch 90% des Buches geht es nicht darum, sie bestehen aus der Lebensgeschichte Quinns und auch der Blackwood-Vorfahren. Das ganze liest sich wie der kleine Bruder der Mayfair-Familienchronik aus Hexenstunde, und letztendlich hängen die Familien ja auch zusammen. Es ist tatsächlich eher ein Hexenroman, einer über einen Nebenzweig der Famlilie. Das Leben vom Vampir Quinn ist uninteressant, verwandelt wird er erst auf die finalen 100 Seiten, was von Interesse hat er seither auch nicht geleistet. Dabei wäre es vielleicht ganz interessant zu sehen, wie sich sein Leben so entwickelt, als unsterblicher, nicht alternder Vampir, der immer noch im Herzen seiner Familie wohnt, was ja wohl nicht wirklich auf Dauer gut gehen kann.

Es hilft nicht, dass die hiesige Familienchronik im Vergleich zu ihrem großen Bruder auch nicht annähernd so interssant ist. Dafür ist sie zu sehr auf Quinn fixiert, der wie alle neueren Rice-Charaktere schwer erträglich ist. Was sind sie alle so lieb und brav. Quinn denkt gut zehn mal daran, wie wunderschön Lestat ist und wie verliebt er in ihn ist, bevor er seine Geschichte überhaupt beginnt. Sagt ihm das natürlich auch und bekommt nichts als Liebe und Attraktivitätsbekenntnisse zurück. Man ist es leid, dass ihre Charaktere alle perfekte Mary Sues sind, wunderschön, gebildet, reich, aus gutem Hause und noch nicht mal als Neu-Vampire mehr schwach, da sie sofort das starke Blut der ganz alten Bekommen.

Und was ist Quinn im Besonderen so nervig. Er soll jemand sein, der sehr behütet aufgewachsen ist, der eine erfrischende Naivität an den Tag legt und jeden erst mal traut. Er wirkt ziemlich dumm, egal wie oft Rice uns auch beteuert, was für ein intelligenter Feingeist er doch ist. Ständig bricht er in Tränen aus, er schläft bis zum 18. Lebensjahr von einem Omchen behütet in einem Bett, vor seinem sexuellen Erwachen mit 17 denkt er noch nicht mal an Masturbation, er setzt sich an einen Tisch mit der wildfremden Mona Mayfair und hält sofort um ihre Hand an, er lügt nie egal wie verrückt es ihn in der Situation erscheinen lässt. Quinn ist der absolute Fremdschäm-Charakter. Und das alles soll sympathisch sein? Mir nicht.

Gegen Ende wird’s spannender und wie üblich passieren Dinge, von denen man denken würde, sie müssten Wellen schlagen, sie würden auf was Großes im nächsten Buch hindeuten… und dann war da nie was. Am Ende von Merrick hat die Talamasca eine Kriegserklärung an Lestat gerichtet. Hier nicht mehr von Belang. Er hat Louis wieder gehabt, der hier nicht mal erwähnt wird. Merrick zum Vampir gemacht, die hier schon wieder das Zeitliche segnet. Und nun wird hier am Ende Mona, eine Mayfair-Hexe, DIE Mayfiar-Hexe der aktuellen Generation, zu einer Vampirin gemacht. Und Ende. Wird’s je wichtig? Soweit ich mich ans zehnte Buch erinnere nicht, wozu auch. Es ist nicht unbedingt klug von einer Frau Rice, uns interessante Bücher anzudeuten, die sie dann nie schreibt, sondern lieber schwache, brave Märchen wie Blackwood Farm auftischt.

Vampire Chronicles – Blood & Gold

Nach Merrick richtet sich Blut und Gold wieder vollkommen der Vampirchronik, statt die Mayfair-Hexen einzuweben – das letzte Buch, in dem das so ist. Und es ist eine weitere Biographie eines schon längst bekannten Charakters.

Doch beginnen tut das Buch mit dem Erwachen von Thorne, einem alten Vampir, der sich als Einsiedler zurück gezogen hat, von niemand anderem als Mahareth zum Vampir gemacht, und dem nach der modernen Welt dürstet. Aber nein, Blut und Gold erzählt nicht seine Geschichte, Thorne ist einfach erneut ein Vampir, den sich Anne Rice aus dem Arsch zieht, damit er vom eigentlichen Hauptcharakter die Lebensgeschichte erfahren kann und dann anschließend nie wieder Erwähnung findet. Warum Marius nicht einfach schon einem bekannten Vampir seine Leidensgeschichte offenbaren kann… wer weiß.

Zumal er das ja auch schon hat. In Pandora haben wir durch sie erfahren, wie Marius zum Vampir wird und zweihundert Jahre zur Zeit der römischen Antike mit ihr verbrachte, in Armand die Zeit mit jenem im Venedig der Renaissance, durch Lestat im Fürst der Finsternis und Königin der Verdammten dann den kurzen Exkurs mit ihm und die Bürde das uralte Elternpaar zu hüten. Gibt es da überhaupt noch was über Marius zu erfahren? Anne Rice findet schon.

Immerhin muss man ihr zu Gute halten, dass nicht sonderlich viel Redundanz aufkommt. Die Zeit mit Pandora wird fast gar nicht erwähnt, die Zeiten mit Armand und Lestat kurz überflogen, der Gros des Buches ist tatsächlich Neues. Und als solches nicht uninteressant, was ich aber mal ganz frech der Tatsache attestiere, dass Marius schon so lange in der Vampirchronik ist, noch aus einer Zeit stammt, als die von Anne Rice entworfenen Vampire wesentlich interessanter sind, als die später ausgedachten. Sie kann Inspiration aus den vorigen Büchern, die ihn breit behandelt haben, schöpfen und muss nur noch die Lücken im ähnlichen Stil füllen.

Denn ganz die Größe der ersten Bücher kommt auch hier mal wieder nicht auf. Nein, die Charaktere und Ereignisse sind nicht ganz so weich gespült, es kommt zu regelmäßigen Auseinandersetzungen und Enttäuschungen, weil dies ja schon in den alten Büchern so ist und dementsprechend so bleiben muss. Die Dekandenz ist auch da, was aber fehlt ist das Grausige und die Erotik. Das Buch ist lesenswert, aber doch verglichen mit den früheren spröde.

Vampire Chronicles – Merrick

Merrick ist das erste Crossover-Buch, das zwar offiziell zur Vampir-Hauptchronik gezählt wird, aber auch ordentlich die Mayfair-Hexen mit einbezieht. Allerdings nicht diejenigen, die wir aus der Hexentrilogie kennen, sondern die schwarzen Abkömmlinge der Familie, die mit der Hauptfamilie nicht viel zu tun haben.

Merrick ist also ein Hexe und das ehemalige Talamasca-Oberhaupt David, der ja durch Lestat nun ein Vampir ist, erzählt uns ihre Geschichte. Warum überhaupt? Weil sie für Louis den Geist Claudias rufen soll, was dann auch passiert und nicht gerade glücklich endet. Doch der Hauptteil des Buches ist Merricks Biographie.

Lestat ist übrigens wieder weitestgehend komatös, direkt nach dem Erwachen im letzten Buch scheint er wieder entschlummert zu sein. Wird langsam auch fast lächerlich, den Status Quo ständig oben zu halten, am Ende eines jeden Buches zu hinten, dass nun große Dinge passieren werden und dann herrscht letztendlich zu Beginn des nächsten doch weiterhin der gewohnte Stillstand.

Und es passiert letztendlich auch immer das gleiche. Auch hier. Lestat ist aus dem Rennen, wir bekommen die Lebensgeschichte eines weiteren übersinnlich veranlagten Menschens, die Restvampire verlieben sich in sie und machen sie letztendlich zum Neuvampir, der in der weiteren Handlung nie wichtig werden wird. Selbst Lestat darf mal wieder aufs Ende erwachen, um Louis zu retten, der endlich, nachdem er keine Antworten auf seine ständigen Fragen ums Vampirdasein gefunden hat, sich umbringt. Aber keine Sorge, Lestats Supermann-Blut rettet ihn und der Stillstand herrscht wieder vor. Was ein Glück, es hätte ja mal wirklich was Neues passieren können. Und natürlich wieder das Hinten auf Größeres im nächsten Buch: Die Talamasca erklärt Lestat den Krieg. Wird daraus je wirklich was werden? Nein.

Das Problem mit Merrick ist noch nicht mal, dass es so unglaublich schlecht oder wirklich richtig langweilig wäre. Aber es ist halt auch nicht gut und super spannend, sondern einfach mittelmäßig. Die Charaktere einer Anne Rice sind nicht mehr so faszinierend wie früher, der Handlungsverlauf bietet nichts Großes und Herausragendes mehr. Und viel zu nett sind alle. Gott, was sind all die Charaktere so unglaublich verliebt ineinander, ständig bedacht darum, die anderen nicht versehentlich zu verletzen, keine Konflikte aufkommen zu lassen. Selbst nachdem all die geheimen Pläne von Merrick raus kommen, und wie sie die Situation manipuliert hat, mögen sie weiterhin alle noch.

Die Luft ist irgendwie schon langsam ganz schön raus aus den Vampirchroniken.

Vampire Chronicles – Vittorio

Italien scheint es Anne Rice angetan haben, wenn ihr Buch nicht gerade in New Orleans spielt, dann hier. Nach Armand verlassen wir das Land somit noch nicht gleich, sondern schwelgen mit Vittorio etwas länger in der Renaissance, nur diesmal um Florenz statt in Venedig. Wobei, so sehr wie üblich darin schwelgen tut sie gar nicht. Vittorio ist zudem nach Pandora der zweite und bereits letzte Eintrag in ihre Nebenchronik. Hier macht diese Kategorisierung sogar einen Stück weit Sinn, ist Vittorios Geschichte doch tatsächlich komplett von den zusammengehörigen Ereignissen der Hauptchronik losgelöst und kommt nicht mit auch nur einem daraus bekannten Charakter in Berührung. Auch wenn es die gute Frau Rice mal wieder nicht lassen kann, die Möglichkeit zu erwähnen, er könne später in der Hauptgeschichte erneut auftreten, woraus dann wie üblich nie was wurde.

Um ehrlich zu sein, macht Vittorio wohl keinen guten Ersteindruck. Wie alle Vampire von Anne Rice ist dies hier eine fiktive Audiobiographie und beginnt somit mit einem klärenden kleinen Vorwort, bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Und in jenem breitet sich Vittorio erst mal darüber aus, wie toll, begabt, reich und schön er doch ist. Natürlich gleich revidierend, dass dies nun mal Tatsache und keine Selbstverliebtheit wäre und der einzige Grund, der sein Überleben als Untoter gesichert hat. Immerhin werden bei Anne Rice nur Leute zu Vampiren gemacht, die jene faszinieren. Sicherlich verständlich, warum sollten langweilige Otto-Normal-Leute schon unsterblich gemacht werden? Von denen trinkt man und das war’s, jemand muss schon was besonderes an sich haben, wenn man sich in der Ewigkeit nicht von ihm trennen will. Das sehe ich ein, dennoch ist es kein guter Anfang, bereits in den ersten Absätzen eines Buches zu lesen, dass der hiesige Hauptcharakter praktisch ohne jeden Makel ist. Perfekte Protagonisten sind nämlich genauso langweilig.

Und dann heult er auch noch rum, was ein Fluch es doch ist, Vampir zu sein. Unsterblich, übermenschlich kräftig und für immer jung und schön zu sein muss schon verdammt schlimm sein. All dies taten Anne Rices Vampire schon immer, doch langsam wird es penetrant und nicht mehr so geschickt eingewoben. Müssen sie wirklich ausnahmslos alle reiche, hochbegabte Supermodels sein, die ihre Unsterblichkeit als größte Tragik ansehen? Anne Rice Vampire bekommen langsam das Problem zu Schablonenhaft zu sein, sich zumindest in den Grundlegenden Dingen zu sehr zu ähneln.

Doch wenn die Geschichte dann endlich ins Rollen kommt, legt sich der anfängliche Unmut etwas, wird der saure Geschmack schnell ausgespült. Vittorios Geschichte vom Massaker an seinem Familienhof durch Vampire und seine darauf resultierende Vendetta ist durchaus nicht ganz uninteressant, sondern weiß schon zu unterhalten. Viel mehr aber auch nicht. Zum einen ist es sehr erfrischend, dass die hiesige Geschichte sehr stramm und bündig ist, nicht sonderlich ausschweift und auch die blumige Wortwahl zurückschraubt, doch gleichzeitig fehlt es ihr eben ein wenig an Eleganz, Atmosphäre, einfach den richtig beklemmend-bedrückenden Schreibstil der anderen. Nicht jeder mag die endlosen Verstrickungen in unwichtige Detailbeschreibung mit einhergehend schwülstiger Wortwahl so manch anderen Romans von Anne Rice mögen, doch wenn es so richtig schön ins Chaos und in den Wahnsinn ging, ja das konnte sie verdammt gut beschreiben. All das fehlt hier. Es ist eine durchschnittliche Geschichte. Kurz und knapp, wird nicht langweilig, aber so ganz zu packen weiß sie auch nicht.

Seltsam, und durchaus eine Sache vieler der späteren Vampirromane ist, dass hier auch wenig Vampir drin steckt. Die meiste Zeit der Geschichte ist Vittorio ein Mensch, erst auf die letzten 50 Seiten oder so wird er zum Vampir. In früheren Romanen war das noch andersrum, das Menschenleben recht kurz und der Gros der Romane dann die interessanten Eskapaden mit den neu erwachten Vampirkräften über die Jahrhunderte hinweg. Dafür, dass Vittorio seit 500 Jahren lebt, hat er erstaunlicherweise zu 480 davon nix zu sagen, seine Geschichte endet, wenn er zum Vampir wird. Er möchte keiner sein und hat zu seinem Dasein als solcher fast nichts zu berichten. Seltsam. Vielleicht zeigt dies aber auch nur, dass Anne Rice langsam ihr Händchen für die Serie zu verlieren beginnt oder sie selbst überdrüssig wird. Und die Engels-Erscheinungen? Schön für die liebe Frau Rice, wenn sie nach Jahrzehnten als Atheistin zum christlichen Glauben gefunden hat und damit zufrieden ist (bzw. mittlerweile schon wieder „war“), aber muss deswegen in jedem ihrer Romane – dann noch in einer Serie, die sich zu Beginn besonders durch ihre Irreligiosität auszeichnete – dies einzufließen beginnen? Ein weiterer Grund, warum sie immer ähnlicher wirken.

Vampire Chronicles – Armand

So, Lestat liegt nach den Ereignissen in Memnoch also im Koma und Armand hat sich ins Feuer begeben. Doch wie wir hier erfahren, all dies überlebt, er kommt geleutert wieder in die Welt und erzählt uns erstmal seine Lebensgeschichte, wie üblich also.

Der christliche russische Fanatiker, der an ein Bordell verkauft und dann von Urgesteinvampir Marius ins dekadente Leben zur Zeit der Republik Venedig gebracht und erzogen wird. Beim ersten Lesen fand ich das Buch ehrlich gesagt etwas langweilig, diesmal hat es mir ein ganzes Stück besser gefallen. Es ist nicht Anne Rices bestes Buch, aber eines der besseren der 90er. Das ausschweifende Leben der Renaissance, die schwüle Atmosphäre, die sexuellen Experimente, prachtvolle Kleidung. Anne Rice ist hier zu Hause. Grausige Szenen gibt es nicht ganz so viele, nur hier und da mal, dafür ist es das sexieste Buch der Reihe. Schwülstig-intensiv schreiben kann die gute Frau ja, wenn man einem solchen Schreibstil denn was abgewinnen kann. Netterweise hält sich das Buch auch in den Stellen schön kurz, die schon bekannt sind. Also das Leben nach Marius, im Orden in Paris – kennen wir schon dank Lestat und Louis. Der Vollständigkeithalber ist’s drin, damit neue Leser nicht im Regen stehen müssen, doch ausgebreitet wird es nicht mehr großartig. Das ist ja immer das Problem, wenn man so spät erst die Biographie eines Charakters schreibt, der schon in so vielen früheren Geschichten dabei war: Redundanz.

Allerdings merkt man mittlerweile hier und da die Probleme, die zumindest ich mit den neueren Vampirchroniken habe: Anne Rice liebt die großen Paukenschläge. Gegen Ende passiert immer was superdramatisches, das dann in späteren Büchern revidiert wird. Und es gibt Hints für weitere Plots, die dann nie kommen. Armand ist also wiedergeboren und bereit für neue Taten, doch wir werden ihn in den nächsten Büchern nicht mehr erleben. Zwei neue Vampire sind geschaffen, von denen wir nie wieder was lesen werden. Es gibt Hinweise, dass es noch mehrere interessante Uralte gibt, deren Leben mal erzählt werden könnte, die dann aber nie geschrieben wurden. Am Ende von Memnoch bringt Lestat das Schweißtuch der Veronika mit und alles fällt in religiöse Hysterie, doch hier ist das alles schon nicht mehr relevant, der Vatikan hält es unter Verschluss und alle sind wieder normal.

Vampire Chronicles – Pandora

Nach Memnoch der Teufel hat Anne Rice erst mal ihre Geschichte um Lestat abgeschlossen, der nach all den Ereignissen nun komatös in der Gegend rum liegt. Stattdessen beschäftigt sie sich nun mit ein paar anderen ihrer Vampire und lässt jene eine eigene Biographie schreiben.

Den Anfang macht Pandora. Seltsamerweise als New Vampire Chronicles bezeichnet, also ein Spinoff statt Hauptreihe. Was seltsam ist, da nun wirklich kein Unterschied besteht. Ein Vampir, der sehr wohl in der Haupthandlung bereits vor kam, schreibt seine Lebens- und Leidensgeschichte. Kein Unterschied zu Interview, Fürst oder Armand. Lediglich, dass Anne Rice hier mal aus der sicht einer Frau schreibt, ist anders.

Das Problem dabei ist, dass das Buch gar nicht so super spannend ist. 90% nimmt sowieso nicht die Geschichte des Vampires Pandora ein, sondern des Menschens. Früher war das immer andersrum und die Eskapaden im neuen Vampirtum scheinen doch den interessanteren Stoff herzugeben, statt das schnöde menschliche Leben, selbst wenn es einer Aristokratin zur römischen Antike ist.

Vielleicht ist es auch der enorme Output, den Anne Rice in den 90ern hingelegt hatte, viele dieser Bücher sind zwar immer noch ganz gut, aber eben nicht herausragende Bestseller. Lesbar ist Pandora nämlich auch, nur fehlt das gewisse Etwas. Selbst später die alte-Ehepaar-Beziehung, die sie mit Marius hat, mag so richtig clever und witzig nicht sein, stattdessen ergeht sich Anne Rice in pseudo-intellektuelle Streitgespräche zwischen den beiden, die weitestgehend eben nicht interessieren.

Schon etwas schade, denn Pandora ist einer der Vampire, die in der Hauptgeschichte eben noch nicht zu tote behandelt wurden, anscheinend aus dem Grund, weil Anne Rice einfach nicht viel zu ihr zu sagen hat, wie das Buch nun beweist.

Vampire Chronicles – Memnoch

Was ist denn das neueste Abenteuer des Supervampirs Lestat? Na Himmel und Hölle. Memnoch, der gefallene Engel, der den gleichgültigen Gott aus Liebe zur leidenden Menschheit anklagte, will Lestat als seinen neuen Verwalter. Also erzählt Memnoch ihm erst Mal seine kleine Geschichte und zeigt ihm sowohl den Himmel und die Hölle. Er schafft es sogar fast Lestat auf seine Seite zu ziehen, doch beim Anblick der Hölle flieht der dann wieder. Sogar Gott trifft er, trinkt von seinem Blut, schleppt das Schweißtuch der Veronika mit in die reale Welt, nur um eine christliche Hysterie auszulösen und selbst komplett gebrochen aus den Ereignissen hervorzugehen.

Anne Rice schreibt nun also ihr Paradise Lost. Himmel, Hölle, Gott, der Teufel. Das hat alles mit Vampiren eigentlich nicht mehr viel zu tun, außer das Lestat halt drin beteiligt ist. Aber es ist eine erneute Biographie eines übernatürlichen Wesens, nur halt diesmal Memnoch. Diese zu schreiben ist sie ja eigentlich ziemlich gut. Zudem noch der Sinnestaumel beim Anblick von Himmel und Hölle, solche Visionen und Fieberträume beklemmend desorientierend zu beschreiben, kann Anne Rice eigentlich auch. Und dennoch will Memnoch der Teufel bei mir nicht hundertprozentig zünden. Wohl einfach, weil die ganze Angelegenheit mit dem gleichgültigen Gott und dem gefallenen Leuchteengel ja nun mal einfach ein klein wenig ausgelutscht ist. Erzählt Anne Rice es schlechter, als der Groß? Nein, aber auch nicht viel besser. Gegen Ende hat alles eine schöne Endgültigkeit und Fatalismus, doch davor gibt es auch immer mal wieder Durchhänger. Gutes Buch, aber auch nicht mehr als „gut“. Interessant auch, dass das Ding sich gegen Ende schon so liest, als ob es das finale Abenteuer von Lestat hätte werden sollen.