Academy Weekend – Les Misérables

ava-1521Auch dieses Jahr schaue ich zum Wochenende der Oscar-Verleihung hin drei Filme, die im letzten Jahr abgeräumt haben, zu denen ich bisher aber noch nicht gekommen bin. Nebenbei auch mal wieder die drei größten Gewinner, auch wenn ich sagen muss, dass in 2012 wohl eh keine ganz großen Nummern im Kino waren. Den Anfang macht Buch-wird-Musical-wird-Film Les Miserables, welches ich eigentlich schon lange sehen, aber immer vorher das bereits auf meinem Kindle befindliche Buche durchgehen wollte, wozu ich bisher aber dann doch nie motiviert war. Immerhin 3 Oscars gab es für den Film, allerdings kleinere wie Bestes Make-up und Bester Ton-Mix, jedoch immerhin auch den mittelgroßen für die beste Nebendarstellerin. Nominiert war er für 8, darunter auch zwei der großen in Film und Hauptdarsteller, die er aber nicht einsacken konnte.

Die Story sollte eigentlich grundlegend bekannt sein, selbst wenn man nie direkt das Original gelesen oder eine der dutzenden Verfilmungen gesehen hat, aber notfalls hier nochmal: Jean Valjean ist ins Gefängnis gekommen, weil er seinem hungernden Neffen einen Laib Brot gestohlen hat. Dort fällt er Polizist Javert besonders ins Auge, dessen Eltern Kriminelle waren, weswegen sein Gerechtigkeitssinn etwas extrem ist, er jedes Verbrechen gleich bestrafenswert ansieht, und meint Straftäter können sich auch nie ändern. Nach Jahren wird Valjean frei gelassen, da seine Papiere ihn aber als Ex-Sträfling führen, kann er nirgendwo Arbeit oder nur ein Zimmer zur Übernachtung finden, bis ein Priester ihn einlädt, den Valjean prompt bestiehlt, der ihn aber anschließend deckt, nachdem Valjean aufgegriffen wurde.

Also sagt Valjean seinem alten Leben ab, geht unter neuem Namen in Deckung, und baut sich ein rechtschaffenes Leben als Bürgermeister und Großindustrieller auf, in dessen Fabriken Menschen ausnahmsweise nicht wie Vieh behandelt werden. Dummerweise schmeißt sein Vorarbeiter die Angestellte Fantine raus, die sich um ihre bei den Thenardiers gelassene Tochter zu unterstützen auf Prostitution einlässt, später stirbt, just als Valjean sie findet, und sich raus kristallisiert, dass ihr Schicksal seine Schuld ist. Also schwört er ihre Tochter Cosette ein gutes Leben zu geben, wird aber genau dann von dem auf Jagd befindlichen Javert entdeckt, muss also mit Cosette nach Paris fliehen und erneut ein neues Leben beginnen.

In Paris derweil schwelt zehn Jahre später die Studentenrevolution an, nachdem DIE französische Revolution die Monarchie nur kurzzeitig abgeschafft hat, und es dem gemeinen Volk nun so scheiße geht, wie vorher. Marius ist einer jener Studenten, verliebt sich in Cosette, stirbt fast mit seinen Aufmüpfer-Freunden an der Barrikade, doch Valjean rettet ihn, wird dann aber von Javert aufgehalten, zerstört dessen „ein Mal ein Dieb, immer ein Dieb“-Weltbild, und bringt seine Tochter mit dem Geliebten zusammen, geht allerdings anschließen wieder alleine auf die Flucht, um sie vor seiner Vergangenheit zu schüzten.

So zumindest der Schnelldurchlauf, bekanntlich spannt Les Miserables mehrere Jahrzehnte, mindestens ein gutes Dutzend darin verwickelter Charaktere, weswegen der Original-Roman dick genug ist, um sieben Kinder auf einen Streich zu erschlagen. Das wurde ordentlich zurecht gekürzt natürlich, um in 3 Stunden Bühnen-Musical zu passen, und dann noch mal, um es in einen Film von 2 Stunden 40 zu haben.

Und das merkt man doch stark, denn Les Miserables lässt einem absolut keinen Raum zum Atmen. Trotz der vielen Charaktere und weiten Zeitspanne ist die Handlung an sich nicht sonderlich schwer nachvollziehbar. Es geht um elende Charaktere, die ein miserables Leben führen, rechtschaffen oder nicht unter der Dekadenz der Reichen zu leiden haben, häufig sich kaum darum scheren, ob sie leben oder nicht, sowieso fast alle sterben. Kurz: Das Leben ist scheiße, und dann stirbst du. Familie und Liebe können dort die einzigen Lichtblicke bilden, immerhin sind die einzig beiden Überlebenden der ganzen Angelegenheit das Liebespaar Cosette und Marius. Doch es ist dennoch manchmal schwer, dem Geschehen obenauf zu bleiben, weil der Film die Sachen so unglaublich schnell durch rasselt. Wenn nicht gerade eine „X Jahre später“ Card eingebunden werden muss, hat so gut wie keine Szene einen kleinen, paar Sekunden langen Kameraschwenk, um zwischen den beiden Handlungsorten umzuschwenken. Die Station eines Charakter ist fertig, und paff bumm!, schon sind wir mitten in der nächsten Szene eines neuen Charakters, der uns seine Seele entgegen singt. Das hat sicherlich seine Vor- wie Nachteile, zum einen können einige Momente nicht gut genug wirken, weil wir gleich in den nächsten geworfen werden, dann wiederum scheint mir das fast zur Atmosphäre zu passen, einer gnadenlosen Welt, die den Charaktere nie Frieden lässt, sondern beständig weiter auf sei einhämmert.

Denn das ist das, was wohl viele auch beim Film etwas aus der Bahn geworfen hat: Er versucht schonungslos realistisch zu sein. Alles ist dreckig und verranzt, die Charaktere sind ungewaschen und schwitzig, die Kanalisation stinkt, die Straßen sind verschmutzt – alles sieht aus, wie in Das Parfum. Doch das ist es eben: Les Miserables (2012) ist ein Musical, und es deswegen etwas befremdlich, wenn in einer solchen Welt plötzlich kein normaler, harter Dialog herrscht, sondern alle Charaktere uns ihr Elend, ihre zerstörten Träume und Hoffnungen, ihre kurzen Lichtblicke, die Ungerechtigkeit des Seins, in blumigen Worten entgegen singen (drei oder vier kurze „normale“ Sätze gibt es dann doch, die aber aufgesetzt wirken und besser rausgelassen wären, da sie nichts aussagen, was von der Szene an sich nicht klar wäre).

Mich persönlich hat das nie gestört, aber ich bringe sowieso Musicals wohl mehr Suspension of Disbelief entgegen, vergebe ihnen mehr, als so manch anderer. Zumal die Gesangseinlagen tatsächlich irgendwie passen, was wohl ein weiterer Crux für viele war: Das Gesungene hier ist nicht schön. Dies ist nichts, was man sich als Soundtrack kauft und out of context zum Film wiederholt anhört. Die Charaktere sind am Heulen, sie schluchzen, die Stimme bricht beim Singen. Der Gesang ist also so ehrlich und dreckig wie das Bühnenbild, statt schön und melodisch wie man das von Musicals erwarten würde. Der andere Crux am Gesang ist natürlich: Kann denn überhaupt jeder singen? Denn trotz des „Schauspiel > Gesang“ des Filmes braucht es natürlich einer gewissen Leistung, den un-schönen Gesang dennoch sich gut anhören zu lassen. Und Reinfälle gibt es tatsächlich nur zwei, nein sogar nur ein und ein halber: Russel Crowe, als Javert einer der zwei Figuren mit der meisten Screentime, kann absolut nicht singen; und der Kerl, der Marius verkörpert, klingt an ein oder zwei Stellen wie Kermit der Frosch (der Film ist aber eh schlau genug, ihm, Cosette, und ihrer Romanze nur das Minimum an nötiger Zeit zu geben, denn gewohnt sind sie der langweiligste Part der Geschichte). Der Rest ist gut oder sogar sehr gut. Die Show stiehlt tatsächlich Anne Hathaway als Fantine, mit dem ikonischen Song über zerstörte Träume, für den sie zu Recht einen Oscar bekam. Und Hugh Jackmann… ist halt Hugh Jackmann. Der Mann gibt jeder Rolle sein Alles, egal wie blöd der Film und wie doof der Charakter ist. Und da er von einem Bühnen-Background nach Hollywood gekommen ist, ist die Hauptrolle in so was wie ein Les Miserables natürlich etwas, wo er um so mehr gibt.

Ich muss sagen, ich hatte keine hohen Erwartungen an den Film, da ich zwar Musicals mag, er aber doch viele Unkenrufe sich eingefangen hat. Und er ist wirklich nicht perfekt. Er ist viel zu schnell und hektisch – Les Miserables ist wahrscheinlich doch eher geeignet für eine Mini-Serie oder Trilogie denn Einzelfilm – und dadurch nicht nur manchmal anstrengend zu folgen, sondern manche Szenen unfreiwillig komisch, weil sich Charaktere aus dem Nichts mögen, hassen oder allgemein die Schiere Aneinanderreihungen an Zufällen, die geschehen müssen, damit all dies hier so dramatisch ausgeklügelt ablaufen kann. Charakterzeichnungen sind deswegen entsprechend teilweise etwas eindimensionaler gehalten, als das epische Setup suggerieren mag (Valjean bringt mit seinem unreflektierten Gutmenschtum mehr Ärger über sich und andere, als nötig ist). Die Szenen mit den Thenardiers sind super spaßig, wirken aber fast deplaziert in einem ansonsten so grim-darken Film. Russel Crowe kann nicht singen, tut es aber ständig. Aber ich war dennoch tatsächlich gefesselt, was ich mal schlichtweg dem starken Grundgerüst aus dem Original attestiere, welches im Film etwas wackeln mag, aber dennoch steht. Sobald ich mich drauf eingelassen hatte, war ich doch ziemlich mitgerissen, so dass mich selbst eine krächzende Krähe nicht hat richtig aus dem Momentum werfen können.

lesmiserables2012