Academy Weekend – My Octopus Teacher

ava-2679Zum Abschluss kommen wir zu eine Prämiere für diese Wochenenden. My Octopus Teacher hat den einen Oscar gewonnen, für den er nominiert war, nämliche Best Documentary Feature. Ganz genau, wir haben es hier nicht mit einem traditionellen Film, sondern zum ersten Mal mit einer Dokumentation zu tun.

Es ist ein Film von, mit und über Craig Foster. Ein Oktopus kommt auch vor.

Craig Foster filmt bereits seit 20 Jahren Dokumentationen. Und My Octopus Teacher startet damit, dass er Burnout hat. Oder ähnliches. Genau angesprochen worum es sich handelt, wird nie, doch Foster findet keine Freude mehr an seiner Arbeit, kann einfach nicht mehr, und das hat auch negative Auswirkungen auf die Bindung zu seiner Familie. Glück im Unglück ist Foster aber auch ziemlich privilegiert und kann einfach mal über ein Jahr Auszeit nehmen. Das Wochenendhaus der Familie steht zudem an der südafrikanischen Küste. Dort hat er bereits als Kind gern getaucht, und das entdeckt er nun für sich wieder.

Doch nicht nur das entdeckt er dort, sondern auch einen Oktopus. Dessen Verhalten findet er faszinierend, weswegen er ihn nun regelmäßig auf seinen Tauchgängen besucht. Das für Mollusken überaus intelligente Meerestier verliert nach und nach die Scheu zu Forest. Die beiden erforschen die Bucht zusammen. Forest ist da, wenn der Oktopus einen Tentakel an einen Haiangriff verliert und einen neuen wachsen lässt. Wenn er sich einen neuen Unterschlupf sucht. Und auch, wenn sie einen Sexualpartner zum Fortpflanzen findet – das Ende eines Oktopus-Lebens. Und das Ende der gut einjährigen Reise von Foster mit ihr.

Es ist natürlich überaus interessant, diese intimen Nahaufnahmen aus dem Leben des Meerestieres zu sehen. Foster verbringt immerhin fast deren kompletten Lebenszyklus in Ausschnitten mit dem Oktopus. Von daher bekommen wir als Zuschauer auch viele Einblicke darin.

Aber das alleine bringt einem keinen Oscar ein. Stattdessen, zurückkommend auf den Titel, kommentiert Foster, wie das Zusammensein mit dem Oktopus auch ihm in seinem Leben weiterhilft. Was er daraus lernt zu sehen, wie der Mollusk lebt und überlebt. Wie ihn das aus dem Tief in seinem eigenen Leben half. Wie er letztendlich sogar eine neue stärkere Bindung mit seinem Sohn aufbaut, weil der auch am Tauchen Interesse findet. Das macht die Dokumentation menschlicher und bringt sie einem, beziehungsweise einer Award-Jury, direkt näher.

Ich bin darüber manchmal geteilter Meinung. Denn ich bin hier wegen des Oktopus. Dementsprechend finde ich es manchmal etwas fehlplatziert, dass Forest quasi alles auf sich selbst zurückbringen muss. Wenn der Oktopus seinen Tentakel verliert, muss Foster anbringen, wie schlimm das führ ihn ist und wie nachdenklich ihn das macht. Das ist mir dann doch manchmal etwas zu Ich-bezogen. Witzig ist auch, dadurch, dass der Oktopus ein Weibchen ist, es manchmal fast so klingt, als habe Foster eine neue Frau gefunden. Es hilft nicht, dass seine wahre Frau nach einem kurzen Shot zu Beginn nie wieder in der Doku zu sehen ist oder nur erwähnt wird. Das Foster wieder eine bessere Bindung zu seiner Familie gewinnt wird komplett über seinen Sohn getragen. Ich hatte mich zum Ende echt gefragt, ob die beiden überhaupt noch verheiratet sind und uns die Doku nicht schlichtweg eine Scheidung verschweigt, weil es nicht ins Narrativ passt.

War jedenfalls eine interessante und gut gefilmte Doku. Für mich persönlich hätte aber eben ein bisschen weniger Egotrip mitschwingen können.

octopusteacher

Academy Weekend – Promising Young Woman

ava-2678Als ich durch die Liste der letztjährigen Gewinner gegangen bin, habe ich Promising Young Woman direkt wegen des Titels und des Poster rausgesucht, ohne wirklich zu wissen, worum es geht. Es sprach mich einfach direkt an. Der Film war übrigens für fünf Awards nominiert, letztendlich bekam er den für Best Original Screenplay für Schreiberin (und Regisseurin) Emerald Fennell.

Wir starten mit Cassie, einer hübschen Blondine, die total betrunken in einem Club fast vom Stuhl rutscht. Ein paar Typen machen sich lustig über sie und das sie es ja geradezu herausfordert. Nur einer aus der Gruppe meint, sie sollen nicht so sein, und hilft Cassie dabei ein Taxi zu rufen. Allerdings überlegt er es sich auf der Fahrt anders, nimmt sie doch mit zu sich nach Hause, wo er mit der total weggetretenen Frau Sex haben will. Bis Cassie im zeigt, dass sie überhaupt nicht betrunken ist, sondern er in ihre Falle ging.

Stellt sich heraus, Promising Young Woman ist ein Film der Sparte Rape-Revenge. Ein Subgenre, dass eigentlich mit den Exploitation Movies der 70er und 80er mehr oder weniger ausgestorben und nicht mehr wirklich zeitgemäß ist. Mit wenigen Ausnahmen wie das 2002er Irreversibel mal abgesehen, welchem es aber auch hauptsächlich auf Shock Value ankam.

Überraschend also, dass solch ein Film überhaupt noch gemacht wird, und vor allem es in die Oscar-Verleihung schafft. Nun, dies tat er, in dem er ein modernes Herantasten an die Thematik ist, geschrieben und unter Regie einer Frau entstanden.

Beispielsweise exploited der Film die Vergewaltigung nie. Es gibt keine große Szene, bei der voll draufgehalten wird. Cassie ist auch nicht das Opfer. Es ist ihre beste Freundin seit Kindheitstagen, die während des Colleges betrunken auf einer Party vergewaltigt wurde und sich anschließend das Leben nahm. Wir treffen das Opfer an sich also nicht, zumindest nicht das direkte Opfer, sondern folgen der Freundin, die zurückgeblieben ist. Später im Film, weil es für einen überraschenden Reveal nötig ist, hören wir kurze Ausschnitte aus einem Video – denn ein Typ hat das alles zum Spaß aufgenommen – aber erneut wird sie uns nicht visualisiert.

Stattdessen folgen wir Cassie, die nie über die Sache hinweggekommen ist. Dass sie nicht da war, um es zu verhindern. Das sie den Selbstmord nicht aufhalten konnte. Jahre sind vergangen, aber es hat sie nicht losgelassen. Als eine Art Rache mimt sie nun am Wochenende in Clubs das einfache Opfer, um die Kerle dann zu erschrecken, wenn sie versuchen Vorteil aus ihre zu ziehen. Bis sie herausfindet, dass der Vergewaltiger ihrer Freundin, der ins Ausland ging, zurück ist und heiraten wird. Ein wunderbares, uneingeschränktes, privilegiertes Leben führt. Was sie daran erinnert, dass es doch viel Sinnvoller ist, sich an den Schuldigen zu rächen. Dem Vergewaltiger. Seinen Kumpels, die zugesehen und ihn angefeuert haben. All diejenigen, die wegschauten und Entschuldigungen hervorbrachten. Diejenigen, welche die Sache unter den Teppich kehrten und dem Kerl aus der Bredouille halfen.

Es geht Cassie dabei aber nicht rein um Rache an sich. Sondern auch um Sühne. Sie setzt sich mit einigen dieser Leute zusammen, konfrontiert sie direkt mit dem, was geschehen ist. Um zu checken, wie sie mittlerweile dazu stehen. Jetzt, wo sie reifer sind und Abstand hatten über alles nachzudenken. Cassie ist durchaus bereit zu verzeihen. Wie wir sehen, wenn sie den Anwalt konfrontiert, der den Kerl rausgeboxt hat. Er bereut, er ist bereit, von ihr seine Strafe zu erhalten. Das wirft Cassie aus dem Gleichgewicht und letztendlich vergibt sie ihm. Alle anderen hingegen bringen die üblichen Entschuldigungen hervor. Niemand sieht sich selbst als der Böse, und so ist alles, was sie können, sich rechtzufertigen. Warum hat die Freundin so viel getrunken? Die Kerle waren doch auch betrunken und wussten gar nicht so recht, was sie da taten. Auf solchen Partys passiert doch ständig was, das war doch ganz normal. Abwiegeln und Victim Blaming rundum.

Bestechend vor allem auch, was die Rektorin der Uni sagt. Es würden nämlich ständig ähnliche Anschuldigungen gegen Studenten hervorgebracht, man kann das doch nicht alles ernst nehmen. Unschuldig bis die Schuld bewiesen, um so einem hoffnungsvollen jungen Mann nicht die Zukunft zu verbauen. Zum einen ist bestechend, dass sie überhaupt nicht hinterfragt, dass es häufig zu solchen Anschuldigungen kommt. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, dass dies auf ein systematisches Problem an College-Kampusen hinweist. Sobald Cassie vorgibt, deren Teenager-Tochter bei einer Bruderschafts-Feier abgesetzt zu haben, ist die Rektorin dann auch direkt nicht mehr so davon überzeugt, dass bei solchen Partys selten schlimmes geschieht. Wie Cassie selbst so schön sagt: „Die Situation ist gleich eine ganz andere, wenn es um jemanden geht, der einem nahesteht, nicht wahr?“. Aber die Szenen ist auch interessant, weil der Titel fällt. Fast zumindest. Denn „Promising Young Men“ ist etwas, was von der Verteidigung in Vergewaltigungsfällen häufig als Phrase benutzt wird. Junge Männer mit so viel Zukunft vor sich, die man doch nicht verbauen kann. Wonach nie jemand fragt sind all die „Promising Young Women“, die wegen sexueller Übergriffe ihre Ausbildung und Karriere aufgeben.

Der Film macht es einem dabei bewusst nicht einfach. Es sind keine schmierigen Kerle, die vergewaltigen. Sondern zum Großteil die „Nice Guys“, die durchaus nett rüberkommen, und dann doch die Situation ausnutzen. Es sind auch nicht nur Kerle schuldig, wir bekommen auch zwei Frauen gezeigt, die weggeschaut haben, als die Anschuldigungen aufkamen. Und es war auch keine Vergewaltigung, bei der die Freundin schön brav beständig Nein geschrien hat. Sie war total betrunken und gar nicht mehr dazu in der Lage. In vielerlei Köpfe herrscht immer noch die Vorstellung, dass sich „angemessen“ gewehrt werden muss, damit es sich um eine handelt.

Und auch, soviel wie man Cassie auf ihrem kleinen Supergirl Feldzug anfeuern will, und wie cool berechnend er daherkommt… der Film macht es dennoch klar, dass dies auch ein ungesundes und selbstzerstörerisches Verhalten ist, welches Cassies Psyche nicht gut tut.

Was für ein Film. Er kam wirklich total aus dem nichts für mich und hat mich hart überfahren. Doch ich bin sehr froh darüber, dass ich ihn herausgepickt hatte.

promisingwoman

Academy Weekend – Soul

ava-2677Es ist mal wieder Oscar-Wochenende, was ich wie jedes Jahr dazu nutze, mir mal drei ausgewählte Filme der letztjährigen Gewinner anzusehen. Horizonterweiterung und so. Wie jedes Jahr haben wir dabei auch den Animationsfilmgewinner dabei, welches mal wieder an Pixar ging. Und diesmal blieb er nicht auf jene Kategorie beschränkt, sondern war auch für Best Sound und Best Original Score nominiert, von dem er letzteren sogar obendrein mitnehmen durfte.

Ich wusste hineingehend nichts vom Film, kannte nur das Poster. Von daher ging ich davon aus, dass es um einen Mann mittleren Alters geht, der eben Soul-Musik für sich entdeckt, beziehungsweise endlich zu seiner Karriere macht. Und so fängt der Film auch an. Joe ist ein Musiklehrer an einer Schule und bekommt endlich eine Festanstellung mit all den Boni, die das so mit sich bringt. Er sollte also froh darüber sein, dass sein Leben endlich finanziell stabil ist. Dem ist aber nicht so, denn Joes Traum war es immer „richtige“ Musik zu machen. Und hey, da ist ihm doch jemand Hold und er bekommt seine Chance den frei gewordenen Slot in einer jeden Abend in Clubs auftretenden Band zu füllen.

Prompt stirbt Joe, da er in einen offenen Gullideckel fällt.

Ab hier geht der Film dann für mich überraschende Wege. Wird quirliger und bunter. Welche Kids wollen schon einem Kerl in seiner Midlife Crisis zusehen, von dahin muss da mehr Humor rein kommen. Joe, nun als Seele, ist gar nicht bereit ins Jenseits einzugehen, jetzt wo er endlich seine große Chance hatte. Also versucht er einen Weg zurück zur Erde zu finden. Und trifft dabei auf das Areal, wo frische Seelen darauf vorbereitet werden, zum ersten Mal geboren zu werden. Er wird Mentor für 22, eine Seele, die sich bisher dagegen sträubte, weil sie das Menschsein für zu dämlich hält.

Nun wird es Joes Auftrag 22 dabei zu helfen einen „Funken“ zu finden. Das besondere etwas, was denjenigen als Menschen antreiben würde – wie die Musik für ihn zum Beispiel. Was unter anderem auch dazu führt, dass 22 in seinem Körper landet und Joe in der einer Katze.

Ich mochte den Film schon sehr. Die Beziehung zwischen Joe und 22 hat beispielsweise eine echte angenehme Dynamik. Quirlig und humorig, aber die beiden verstehen sich auch auf einem gewissen Level. Letztendlich ist die Suche nach 22s Funken auch natürlich Joes Reise die Welt in einem neuen Licht zu sehen.

Denn der Film tut hier etwas interessantes. An einem Punkt schafft es Joe endlich in der Band vor Leuten aufzutreten. Und es ist ein fantastisches Gefühl. Zumindest während des Auftritts. Danach ebbt die Euphorie ab und Joe wundert sich darüber, warum er sich immer noch wie vorher fühlt. Warum seinen Traum zu leben ihn nicht plötzlich rundum erfüllt. Was auch auf den „Funken“ zurückkommt. Denn Joe ist davon überzeugt, dass jener das Lebensziel einer Seelen werden soll. Bis er darüber aufgeklärt ist, dass dies nur ein Teil ihrer Persönlichkeit ist, eine Inspiration, aber eben nicht denjenigen als Menschen komplett ausmacht.

Denn Soul sagt uns, dass es Ok ist, wenn man seine Aspiration lieber als Hobby hat. Oder wenn man es schafft, jenen Lebenstraum nicht zu erfüllen. Denn Soul sagt uns, dass es so viel mehr im Leben gibt. Joe muss lernen, dass Leben an sich wieder lieben zu können. Egal ob er nun in der Band spielt oder nicht. Denn die Musik ist nicht alles im Leben und nicht die einzige Komponente die ihn ausmacht und ihn erfüllen kann. Und ich finde das ist eine nette Message statt jemandem schlicht fürs Gutsein damit zu belohnen, dass dessen größter Traum erfüllt wird, und das war es, Happy End fürs Rest vom Leben.

soulmovie

Academy Weekend – Toy Story 4

Es ist mal wieder Zeit die Oscars unter die Leute zu bringen. Also schau ich mal wieder was von den Gewinnern des letzten Jahres, die bisher an mir vorbeigegangen sind. Dieses Jahr allerdings nur einen Vertreter, da im Jahr unserer Pandemie zwar viel Freizeit herrscht, mir aber kein Sinn nach Produktivität in jener steht. Da ist das Ereignis etwas an mich herangeschlichen und am Ende hatte ich eh keinen Bock drei Filme zu schauen. Somit fallen Joker und JoJo Rabbit unter den Tisch, es bleibt nur der Animations-Oscar-Gewinner Toy Story 4 übrig.

Der vierte Film setzt zwar eigentlich kurz nach Toy Story 3 an, beginnt aber zunächst mit einem Flashback in noch frühere Zeit. Nämlich als Andys Schwester einige ihrer Spielzeuge abgegeben hat, derer sie entwachsen ist. Darunter auch Woodys Love Interest Bo, die Schäferin. Dann springen wir ans Ende von Toy Story 3, wenn Andy, nun bereit fürs College und ebenfalls lang über seine Kinderspielzeugtage hinaus, seine Spielsachen an das kleine Mädchen Bonnie weitergibt.

Und da setzen wir jetzt an, im Kinderzimmer von Bonnie, die viel mit ihnen spielt. Nur mit Woody nicht so. Aus Andys liebstem Spielzeug ist ein Ladenhüter geworden. Dennoch tut er sein Bestes, um sein neues Kind glücklich zu sehen. Sich beispielsweise mit ihr zum ersten Tag in den Kindergarten zu schleichen, damit sie dort nicht so alleine ist. Im Bastelunterricht stellt Bonnie allerdings aus einem Spork (das sind diese Gabel-Löffel-Mischdinger) mit Forky einen neuen Spielkammeraden her. Der ihr ein und alles wird, das aktuell wichtigste Spielzeug. Und da Forky nun ein Spielzeug ist, ist er nun auch lebendig, versteht aber noch nicht ganz, dass er nicht mehr Müll ist und will sich deswegen ständig entsorgen.

Woody macht es sich also zur Aufgabe ein Auge auf Forky zu haben, damit er Bonnie nicht abhandenkommen kann. Was sich besonders beim Familientripp im Wohnwagen als schwierig herausstellt. Und so landen die beiden über Komplikationen in einem Antikladen. Wo die Puppe Gabby alles fest in ihrem Griff hat. Und die nichts mehr will, als Woodys Sprachbox ebenfalls in den Griff zu bekommen, um ihre eigene kaputte zu reparieren. Ob vielleicht die mittlerweile zum verlorenen Spielzeug gewordene Bo, in die sie rennen, ihm aus der Patsche helfen kann?

Pixar hat es also mal wieder geschafft und den Oscar abgeräumt. Wie stark die Konkurrenz war, kann ich allerdings sowieso nicht beurteilen, weil mir die anderen nominierten Filme alle nichts sagen. Wird schon verdient sein, mittlerweile geht der ja nicht mehr automatisch ans Studio wie das früher noch der Fall war.

Mir hat der Film auf jeden Fall gefallen, ja definitiv, auch wenn die emotionale Resonanz nicht ganz so stark war wie beim fantastischen Toy Story 3. Das liegt allerdings glaube ich auch daran, dass die hier anders ausgeformt ist. Immerhin waren es erneut fast 10 Jahre seit dem letzten Film. Da spielt Toy Story 4 natürlich auch viel auf die Nostalgie derer an, die währen der ersten Filme Kinder waren und sich einfach freuen ihre liebsten Charaktere wieder auf der großen Leinwand zu sehen. Da ich jemand bin, dem Toy Story nie so viel bedeutete, und dem die ersten beiden Filme eh etwas egal sind, zieht diese Komponente persönlich gesehen natürlich weniger. Es ist nicht so, dass es nicht unterhaltsam ist, den Figuren bei ihrem Schabernack zuzusehen, aber es ist bei mir eben nicht dieses Gefühl wieder mit vermissten alten Freunden abzuhängen.

Was mir aber gut gefallen hat, ist, dass der Film sich tatsächlich nicht nur darauf stützt mit Nostalgie zu punkten und sich sonst nicht sonderlich anstrengen würde. Der emotionale Kern der Franchise ware schon immer die Bindung von Spielzeug zu Kindern und was die füreinander bedeuten. Das kommt auch in Toy Story 4 wieder zum Tragen. Besonders in den Rollen von Woody und Gabby.

Denn Antagonistin Gabby ist kein Bösewicht, die halt fies ist. Sie ist eigentlich sogar sehr nett und empathisch anderen gegenüber. Aber sie hat halt auch einen Traum. Nämlich endlich selbst das geliebte Spielzeug zu sein, das wunderschöne Erinnerungen mit Kindern teilt. Das blieb ihr bisher versagt, da sie nie an ein solches verkauft wurde und somit seit 60 Jahren einsam geblieben ist. Sobald sie Woody offen ihr Leid klagt, zeigt der auch durchaus Verständnis für Gabby. Denn es ist auch der Film, in dem Woody lernen muss loslassen zu können. Die schönen Erinnerungen mit Andy zu genießen aber sich eingestehen zu können, dass die Zeit mit ihm rum ist und nicht wiederkommen wird, und das er nicht für Bonnie die gleiche Stellung einnehmen kann. Mit einem wirklich schönen und passenden Abschluss für ihn am Ende, der es fraglich macht, ob es jemals ein Toy Story 5 geben wird.

War also gut der Film. Zunächst nett unterhaltsam quirlig und bunt und rasant und dann gegen Ende kommen doch auch die besonnenen und nachdenklichen Momente. Gute Mischung.

Academy Weekend: Into the Spider-Verse

Wenig überraschend kommen wir auch dieses Jahr bei einem der Oscar-Gewinner zu der Kategorie Animationsfilm. Den hat im letzten Jahr Spider-Man: Into the Spider-Verse abgeräumt. Was durchaus nicht einfach war, lief doch sowohl ein Pixar- wie ein Disney-Film in Konkurrenz, an welche die Trophäe häufig scheinbar schon rein pro forma geht. Wir ignorieren mal, dass theoretisch alle drei Filme eigentlich Disney sind, da zu denen sowohl Pixar wie Marvel gehört. Immerhin verdiente an Spider-Verse auch noch Sony mit, da die ja die Filmrechte am Superhelden halten.

Comics sind ein altes Medium, und Spider-Man ist ein alter Superheld. Das bedeutet natürlich, dass es dutzende an Geschichten gibt. Wann immer der alte Ballast zu viel wird oder man eine neue Kundschaft ansprechen will, gibt es halt einen Reboot oder ein Spinoff, welches die Sache modern neu von vorn erzählt. Der tituläre Superheld mag mal Nazis kloppen, mal schwarz oder weiblich sein, mal einen Packt mit dem Teufel eingehen. Theoretisch ist alles möglich. Selbst die Filmfranchise ist damit geschlagen, haben wir in den letzten 20 Jahren doch rein auf die Live-Action-Franchise bezogen drei verschiedene Spinnenmänner zu sehen bekommen. Spider-Verse nutzt dies geschickt für seine Storyline: Was wäre nämlich, wenn all diese Spider-Menschen in parallelen Universen existieren?

Was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch so schon zwei Spider-Men in einer Welt geben könnte. Dies nämlich hier im Film. Peter Parker ist Spider-Man, er rettet die Stadt nun schon seit 10 Jahren, macht es immer noch gern und mit einem flotten Spruch auf den Lippen. Aber als hübscher, blonder Kerl, der mit seiner Mary Jane verheiratet ist, könnte es ihm auch nicht besser gehen.

Miles lebt auch in New York und hat aktuell das Problem, dass er die Schule wechseln muss. Von einer öffentlichen zu einer privaten, weil sein Genie dort besser gefördert werden kann. Dadurch wird er seine Freunde weniger häufig sehen, und außerdem wirkt die Eliteschule zunächst elitär und kalt auf ihn. Zuflucht sucht er beispielsweise bei seinem coolen Onkel, mit dem er seiner künstlerischen Graffiti-Ader freien Lauf lassen kann, ganz im Gegensatz zum Polizisten-Vater. Währenddessen beißt ihn aber auch eine radioaktive Spinne. Miles macht nun die üblichen Spider-Man-Erwachens-Probleme mit, weil die neu entwickelnden Kräfte zunächst unkontrollierbar sind.

Hilfe erhofft er sich vom Parker-Spider-Man, immerhin lebt der bereits eine Dekade mit den Kräften. Bei der Suche nach ihm platzt Miles allerdings mitten in einen Kampf Spider-Man gegen Handlanger des Kingpin, der mit einer Maschine seine tote Familie aus einem Paralleluniversum ziehen will. Der Plan kann zunächst vereitelt werden, doch Spider-Man stirbt an seinen Verletzungen. Durch den Kontakt mit der Maschine sind allerdings bereits ganz andere Spider-Men, -Women und –Pigs auf dem Weg.

Einen etablierten Charakter umzubringen ist in Comics und der Animationsfilm-Peripherie solcher Superhelden-Franchises nicht unbedingt neu. Es sind nur die Live-Action-Filme, die immer die möglichst sicherste Route fahren und dies wegen ihrer wiedereinzuspielenden Budget eventuell auch einfach so tun müssen. Ganz so lang hält sich Spider-Verse am Tod von Peter Parker eh nicht auf. Immerhin ist der so gesehen kein etablierter Charakter, zumindest in dieser hiesigen Version sehen wir ihn ja zum ersten Mal.

Direkt darauf trifft Miles nämlich auf Peter B. Parker, einen der Parallel-Spider-Men, und zwar einer, der im Prinzip die gescheiterte Version des hiesigen Peter Parkers ist, älter, einsam, und allgemein nicht mehr ganz auf der Höhe. Der wird letztendlich unfreiwillig zu Miles Mentor und zusammen mit Spider-Gwen eine der drei Hauptfiguren des Filmes. Es gibt noch einen coolen Noire Spider-Man, ein Anime-Girl mit Spider-Mech und ein WB-Cartooniges Spider-Pig (Simpsons-Referenz!), aber die sind eher blass und mehr als Gag dazu, wie anders und schräg die Spider-Wesen werden können.

Außerdem bringen sie wesentlich mehr optische Abwechslung, ein Punkt, in dem Into the Spider-Verse sowieso sehr gut ist. Das Schöne an Animation ist ja, dass viel mehr dargestellt werden kann als mit Live Action. Dinge, die sonst unmöglich oder unglaublich kostspielig wären natürlich. Aber auch einfach, weil Animation von Natur aus nicht realistisch ist, und das Publikum somit auch mehr Suspension of Disbelief mitbringt. Peter Porker und Peni Parker kommen in einem anderen Zeichenstil daher und sind anders animiert, um die Influenz von WB-Cartoons respektive Anime widerzuspiegeln. Der Film stilisiert immer wieder mit einem Comicbuch-Look, wenn der Bildschirm wie Comic-Panels designt wird, Gedankengänge in Denkblasen eingeblendet werden, wenn der Spidersense mit Wellenlinien visualisiert wird und allgemein alles sehr bunt und farbenfroh gestaltet ist. Die Animation ist mal weniger flüssig und abgehackter, um coole Posen einzufangen oder zu zeigen, dass Miles seine Kräfte noch nicht kontrollieren kann. Spider-Verse schöpft, besonders für eine amerikanische Produktion, enorm viel visuelle Kreativität des Animationsmediums aus.

Und ganz allgemein ist es einfach ein sehr spritziger und weitestgehend leichtherziger Film. Die Charaktere sind spaßig, agieren gut miteinander, es gibt reichlich Sprücheklopferei und einfach eine allgemeine Atmosphäre von Schwung und Leichtigkeit. Das macht den Film insgesamt zu einem super kurzweiligen und unterhaltsamen Genuss.

Academy Weekend: BlacKkKlansman

Blackkklansman ist ein Film von Spike Lee, basierend auf dem Buch, welches eine reale Begebenheit nacherzählt. Der Film war für sechs Oscars nominiert, mit Best Picture und Best Director sogar zwei der großen, bekam dann aber nur den kleinen Best Adapted Screenplay zugesprochen. Spike Lee mag ein bekannter Regisseur Hollywoods sein, der sich vor allem durch Filme mit sozialem Kommentar auszeichnet, doch ich hatte hiervor tatsächlich noch nicht einen davon gesehen.

Es sind die 70er-Jahre. Die Civil Right Movements, in denen sich Schwarze gleiche Rechte erkämpften, sind also noch nicht lange her. Ron Stallworth glaubt daran, dass eine neue Ära angebrochen ist. Der Sohn eines Militärs bewirbt sich als erster schwarzer Cop bei der Colorado Springs Polizei. Und wird dort auch genommen. Wo er prompt als Undercover-Polizist bei einem Meeting einer Veranstaltung einer Civil-Rights-Bewegung eingesetzt wird, weil man Verbindungen zu den Black Panthern vermutet. Ron hält die Studenten allerdings für ungefährlich und mogelt sich telefonisch stattdessen beim Ku-Klux-Klan unter. Wo er natürlich kaum physisch auftauchen kann, was sein jüdischer Kollege übernehmen muss.

Amerika und auch die Academy mögen ganz besonders eine Art von Film über Rassismus. Nämlich jene über isolierte Fälle. Die bestätigen das Rassismus natürlich mal eine schlimme Sache war, aber eigentlich rum ist. Natürlich nicht zwangsläufig komplett, Rassisten wird es immer geben, aber man ist ja über Sklaverei und Segregation hinweg und eigentlich damit systematischer Rassismus kein Teil des Landes mehr. Einzelfälle sind differenzierter zu betrachten und die individuellen Hintergründe zu bleuchten und können gelöst werden. Wenn bei den Oscars 2019 endlich vermehrt Schwarze nominiert werden, zeigt das doch, wie weit wir gekommen sind. Wenn prompt in sozialen Netzwerken das Echo erfolgt, dass dies doch irgendwie merkwürdig und bestimmt eine forcierte Minderheitenquote ist, dann ist das niemals nicht echter Rassismus, sondern nur das legitime Hinterfragen von Fakten.

Tatsächlich scheint Blackkklansman zunächst genau so einen Film zu liefern. Immerhin spielt er Jahrzehnte vom Hier und Jetzt entfernt, wo man zugeben können darf, dass damals Rassismus vielleicht noch ein größeres Problem war. Und natürlich sind die KKK extreme Einzelfälle einer ansonsten sicherlich akzeptierenden Gesellschaft. Immerhin gibt es auch im Police Department scheinbar nur einen rassistischen Kollegen, während alle anderen Ron ganz normal behandeln und teilweise gute Freunde sind. Ron als der gute Schwarze, der an Recht und Gesetz glaubt und die Polizei von innen verbessern will, statt offene Rebellion gutzuheißen. Die Leute beim Klan werden geschickt ausgetrickst, mit ihren dummen Vorurteilen gespielt, schaden sich am Ende in ihrer eigenen Dummheit selbst. Und auch der rassistische Kollege wird überführt. Ende gut, alles gut.

Doch damit endet Blackkklansman nicht. Der aktuelle Fall mag abgeschlossen sein, zu einem guten Ende geführt haben, alle zufrieden und glücklich. Doch eine weitere Investigation in den Klan wird untersagt, die Unterlagen gehören vernichtet, da hat eindeutig jemand im Hintergrund an den Fäden gezogen. Vorm Haus von Ron und seiner Freundin wird ein brennendes Kreuz aufgestellt. Rassismus verpufft eben nicht einfach in der Luft, weil ein paar Einzelpersonen überführt sind. Schon gar nicht in einem Land, in dem es so lange inhärent war. Nicht umsonst startet der Film mit einem Ausschnitt aus Vom Winde verweht (13 Oscar-Nominierungen, davon 8 Gewinne), einem der absoluten beliebten Filmklassiker, welcher den Kampf der Südstaaten für die Sklaverei romantisiert. Und nach dem Abschluss von Rons Geschichte gibt es Ausschnitte in die Gegenwart. Zu rechten Aufmärschen wie in Charlottesville, zu einem Präsidenten, der das mit „auf beiden Seiten gibt es Gute und Schlechte“ relativiert, ist dem Gedenken an die tote Heather Heyer gewidmet.

Nachdem der Film in einem schon fast zu kitschig-sauberen Hollywood-Ende also genau das geliefert hat, was das breite Publikum erwartet, reißt er die Wunde wieder auf. Rassismus ist immer noch aktuell und am Erstarken. Der Klan im Film mag untereinander schon fast cartoonig chargierend, aber die Rhetorik den sie bereits in den 70ern nach außen filtern ist eine wohlbekannte. Man darf gar nichts mehr gegen Minderheiten sagen. Man darf nicht mal mehr sagen man wäre stolz darauf ein Weißer zu sein. Oder stolz auf sein Land. Ist das nicht der wahre Rassismus? Linke Terrorbewegungen wie die Black Panther sind doch eigentlich viel schlimmer. Wir sind nur um unser Land besorgte Bürger. Und eigentlich stimmt da doch jeder rational Denkende ein, es wird sich nur nicht getraut, dem offiziel zuzustimmen. Spike Lee zeigt, dass all dies Teil des Problems ist. Ja, wenn getwitter wird, dass du es irgendwie komisch ist, dass es so viele schwarze Oscarnominierungen gab, dann ist das Teil des Problems.

Spike Lee nutzt die lang zurückliegende Geschichte also dafür um zu zeigen, dass sich so viel eventuell gar nicht geändert hat und es sich eben nicht so schön einfach abcanceln und verpacken lassen kann, wie der Film zunächst vorgegeben hat. Wie es Hollywood-Filme über Rassismus häufig so gerne tun. Das ist ehrlich gesagt auch was ganz anderes, als ich zunächst vom Film erwartete. Ich hatte mehr mit einer schwarzen Komödie gerechnet, aber so witzig ist Blackkklansman gar nicht. Gerade die erste Stunde ist sogar ziemlich bedächtig. Die chilligen Vibes des Hauptcharakters und die dazu passende Musik lassen das nur kurzweiliger wirken als es ist. Weitere Mittel der Blendung und Täuschung von Lee, um sein Publikum in einen Film mit mehr Gravitas als es zunächst erscheint zu tricksen.

Academy Weekend: The Favourite

Es ist Oscar-Wochenende und wie jedes Jahr nutze ich es dafür, drei Gewinner der letztjährigen Academy Awards zu schauen. Weil das immer eine gute Ausrede ist, um Filme auf der To-Watch-Liste nach oben zu schieben, die interessant aussehen, zu denen ich aber realistisch gesehen wahrscheinlich dann doch nie oder erst spät gekommen wäre. Den Anfang macht The Favourite, welcher mit 10 Nominationen gut dabei war, auch wenn im Endeffekt nur eine Auszeichnugn rumkam. Dafür immerhin mit Best Actress für Olivia Colman eine der großen Auszeichnungen.

Die spielt die britische Queen Anne. Eine Monarchin, die im Film oft als leicht einfältig und kindisch dargestellt wird, und absolut unter der Fuchtel ihrer Geliebten Lady Sarah steht, welche für sie die meisten Staatsgeschäfte übernimmt. Immerhin haben die beiden eine Bindung seit ihrer Jugend. Aktuell ist beispielsweise der Krieg mit Frankreich aktiv, und währed die Kron-treue Party im Parlament ihn weiterführen will, möchte die Opposition ihn mögilchst schnell beenden, da er nicht weiter finanziert werden kann und nach einem ersten Sieg Brittaniens Frankreich zu Friedensgesprächen bereit ist. Queen Anne sieht durchaus die Not der Bevölkerung unter einem weiterzufinanzierenden Krieg, während Lady Sarah darauf pocht, dass Frankreich komplett zu schlagen letztendlich besser ist und alles tut, um dies durchzusetzen.

Neu am Königshofe ist die junge Abigail, eine Cousine von Sarah, die ursprünglich auch mal eine Lady von Ansehen war, bis ihr Vater das ganze Vermögen und sie selbst beim Glücksspiel verloren hatte. Sie ist also weit gefallen, hatte nicht das beste Leben seither, und hofft nun um Anstellung als Dienstmagd. Über einen Dienst an der kranken Königin hebt Sarah sie allerdings zu ihrer Zofe an. Und Abigail merkt schnell durch ihre Verwandte, dass sich mit dem richtigen Kalkül am Hofe bewegt werden muss, wenn man Macht haben will. Besonders als Frau ohne Stand, die ihr ehemals angenehmes Leben zurückhaben will. Im Zweifelsfalle auch gegen ihre Gönnerin Sarah, wenn Abigail so zur neuen Favoritin der Königin werden kann.

Der Film klingt jetzt natürlich wie ein Historiendrama. Wird aber nicht umsonst als schwarze Komödie bezeichnet. Denn er ist extrem überspitzt geschrieben und geschauspielert. Mit viel zynischem Humor, mit fiesen Sprüchen der Ränkeschmiede gegeneinander. Sich nicht zu schade den Hof als dekadentes Dreckloch und den Hochadel als verzogene Kindsköpfe darzustellen. Der trockene Humor trieft geradezu aus vielen der Szenen, und das häufig durch die Art der Dialoge und wie sie geschauspielert sind.

Was nicht bedeutet, dass The Favourite ausschließlich Klamauk ist. Es gibt auch viel Drama und ehrliche Momente. Gerne im Kontrast zueinander. In einer Szene beispielsweise proklamiert Queen Anne, die bisher ausschließlich kindisch dargestellt wurde, es sei der Tag eines ihrer Hasen und das sie deswegen jetzt mit ihren spielen wird. Abigail lässt die Haustiere aus ihren Käfigen mit dem verschmitzten Kommentar, dass das ganz schön viele sind. 17 Stück an der Zahl, benannt nach den 17 Kindern, die Queen Anne entweder direkt als Totgeburt oder kurz danach verloren hat. Bam, ein ernster Charaktermoment hat sich angeschlichen und einem eiskalt in die Rippen gehauen.

Die ganze Situation an sich entbehrt natürlich einer gewissen Tragik. Die traurige Königin ohne Selbstwertgefühl, deren einzige Liebe Sarah ist. Die Anne scheinbar auch wirklich wahrhaftig liebt, aber oft etwas arg schroff mit ihr ist, und ihr Land noch mehr liebt, so dass sie auch häufig keine Zeit hat. Abigail, die durchaus gewitzt ist, aber anfänglich noch etwas blauäugig scheint, bis sie merkt wie der Hase läuft und je mächtiger sie wird immer mehr korrumpiert. Männer spielen in The Favourite nur eine untergeordnete Rolle. Der Film verstärkt sich komplett auf das Zusammenspiel, Miteinander und Gegeneinander dieser drei Frauen. Die sich mal foppen, mal miteinander lachen und gegen Ende erbitterten Psychokrieg führen.

The Favourite war ein bisschen „der andere“ Film bei meiner diesjährigen Wahl. Ich war mir schnell bei zweien sicher, dass ich sie schauen will, während der dritte Slot eine Weile offen war, bis ich spontan diesen hier gewählt habe ohne groß was zu wissen. Und was für eine angenehme Überraschung mich erwartete. Gar kein staubiger Kostümfilm, sondern locker flockig. Mit komischen Momenten, mit dramatischen Momente, mit starken gut geschauspielerten Frauen, und einem bitteren Ende. Genau meine Art von Film.

Academy Weekend – The Shape of Water

Del Toros The Shape of Water ist der Film mit den meisten Nominationen (13 von 24) und auch den meisten Gewinnen (4) der letztjährigen Verleihungen, darunter auch die beiden großen Oscars als Best Picture und Best Director. Nicht schlecht für einen Film, der von Fox Searchlight ein eher kleines Budget zugewiesen bekam, und zunächst auf Filmfestspielen und im Limited Release startete, bevor er flächenweit in die Kinos gebracht wurde.

The Shape of Water dreht sich um Elisa Esposito. Sie ist eigentlich eine sehr unspektakuläre Frau, weder optisch ist sie herausragend, noch lebt sie ein besonders interessantes oder tolles Leben. In einem Apartment über einem heruntergekommenen Filmtheater ist sie angesiedelt, wo sie hauptsächlich mit ihrem schwulen, vom Alter und Misserfolgen gezeichneten Nachbarn lebt. Täglich gibt es ein Ei zum Frühstück, eine schnelle Masturbation in der Wanne, und dann ist es auf zur Arbeit, wo sie in einem vom Militär geleiteten Versuchslabor mit ihrer guten Freundin Zelda die Räumlichkeiten putzt. Besonders an Elisa ist lediglich, dass sie stumm ist, wobei diese Einschränkung ähnlich der Homosexualität ihres Nachbarn oder die schwarze Hautfarbe von Zelda ihr im sozialen Gefüge des Amerikas der 60er eher im Wege steht denn sonstwas.

Doch eines Tages wird ein neues Versuchsobjekt angeliefert, nämlich ein in Südamerika aus dem Amazonas gezogener Fischmensch, der wohl lange Zeit dort als Gott verehrt wurde, und dessen Fähigkeiten eventuell gegen Russland helfen werden. Elisa freundet sich mit jenem Fischmann an, kommuniziert über Zeichensprache mit ihm. Und als das Experiment terminiert werden soll, ist ihr klar, dass sie ihn dort rausholen muss.

Worin The Shape of Water definitiv punktet ist, dass es Herz in seinem Kern hat. Elisa mag kein besonderes Leben führen, aber sie erfreut sich doch an den kleinen Dingen. Und doch, sobald sie ihren Fischboyfriend findet, merkt man ein wenig, dass sie auch gelitten hat. Endlich gibt es jemanden besonderen in ihrem Leben, jemandem dem es egal sein kann, dass sie stumm ist, weil er eh nicht mit Sprache kommunizieren kann. Ihre Freunde sind unglaublich hilfsbereit, wahrscheinlich weil sie selbst auch zu Minderheiten gehören und mehr soziale Empathie mitbringen, sowie ihre Beziehung zum Lagunenmonster sich harmonisch entfaltend. Der Konflikt an sich kommt komplett durch die Militärs ins Spiel, die nicht verstehen wollen oder können, wie besonders ihr Versuchsobjekt ist. Und die im Gegensatz zu unserem Cast an Underdogs scheinbar trotz fehlender Kompetenz rein deswegen, weil sie weiße, uneingeschränkte Hetero-Männer mit genügend Ego, um durch die Welt zu laufen, als gehöre sie ihnen, tatsächlich auch fast automatisch die Karriereleiter hochgefallen zu sein scheinen.

Interessant anzusehen ist natürlich auch mal wieder del Toros übliches Weltdesign. Die Filme von ihm wirken immer irgendwie ein wenig alt. In dem Sinne das er sie gerne in frühere Zeiten steckt, wenn möglich, aber auch moderne einen gewissen Anstrich von Verlebtheit haben. Und seine Filme spielen zwar meist in der realen Welt, doch wirken sie immer ein wenig davon distanziert, ein wenig mehr urbane Fantasy. The Shape of Water scheint so ein wenig in der Welt von Fallout vor der Apokalypse angesiedelt, wo die 60er nie endeten, die aber auch nie komplett wie die realen 60er wirkt, sondern etwas ikonisiert dargestellt erscheint. Und mit einem ordentlichen Anstrich der verlorenen Glorie, mit jede Menge Lokalitäten, die sicherlich in den 30er-Jahren mal neu waren, denen man ihre ehemalige Pracht noch erahnen kann, die aber einfach etwas verlebt und heruntergekommen sind. So auch die vielen Medien, die wir wahrnehmen, von alten Plattenaufnahmen, zu Schwarz-Weiß-Filmen im Fernsehen, aber auch die leicht krisseligen Farbfilme im fast leeren Kinosaal unter ihnen. Fast alles hier wirkt, als hätte es schon seine beste Zeit hinter sich.

Um ganz ehrlich zu sein kann ich gar nicht viel zu The Shape of Water sagen. Ich mochte den Film. Die Atmosphäre, den anderen Hauptcharakter, die besondere Romanze. Kein wirklicher Punkt sprang mir allerdings als besonders nennenswert heraus, sondern es ist mehr das geschnürte Gesamtpacket, welches ich mochte.

Academy Weekend – Call Me By Your Name

Call Me By Your Name kommt zu uns durch den italienischen Regisseur Luca Guadagnino, der unter anderem auch für das Suspiria-Remake verantwortlich ist, und dessen Film kurzfristig von Sony Pictures aufgegriffen und zunächst wie ein Arthouse-Film in Sundance und späterem Limited Release zu sehen war, bevor es die Großdistribution erlangte und bei den Oscars landete. Dort war er für vier Auszeichnungen nominiert, darunter auch zwei große in Best Picture und Best Actor, sowie stritt er sich mit Coco um Best Original Song, sollte letztendlich allerdings nur mit Best Adapted Screenplay nach Hause gehen.

Ich glaube, ich habe es bereits irgendwann erwähnt, wiederhole es jedoch gerne erneut: Als Teenager habe ich ziemlich viele Filme gesehen, die in der hiesigen Rubrik „Gay Cinema“ auftauchen könnten, mich aber auch ziemlich schnell an ihnen sattgesehen gehabt, weswegen besagter Tag nicht sonderlich viel Anwendung findet. Meist sind es genau die gleichen Coming of Age Dramen, die mit den gleichen Charakterstereotypen durch die gleichen Handlungs-Beats gehen, und ehrlich gesagt gern auch mal ein wenig langweilig. Nachdem mir schon das viel gelobte Brokeback Mountain nicht zusagte, musste Call Me By Your Name sich also ordentlich Bergaufwärts kämpfen.

Ich kann direkt mal sagen, dass Call Me By Your Name netterweise nicht durch die gleichen, abgenutzten Stufen einer solchen Geschichte geht. Der 17-jährige Elio verbringt mit seiner Familie die Sommer auf einem Landhaus in Frankreich, und während der Vater im Gebiet archäologischen Tätigkeiten nachgeht, langweilt sich der Teenager natürlich ein Stück weit, trotz Abhängen mit Gleichaltrigen. Immerhin findet all dies in 1983 statt, wo man noch nicht ständig vernetzt war. Jedes Jahr kommt, um mit dem Vater zu arbeiten, auch eine studentische Hilfskraft vorbei, in diesem Sommer ist das der attraktive Oliver. Der ist ziemlich von sich überzeugt, weswegen Elio ihn zunächst nicht leiden kann, und sich auch nicht sicher ist, ob Oliver ihn überhaupt mag. Doch da die beiden viel zusammen abhängen und Oliver einen guten Bezug zum intellektuellen und artistischen Teen findet, kommt es letztendlich doch zu mehr zwischen den beiden, und sie können einen unbeschwerten Sommer der Liebe verbringen.

Unbeschwert ist hierbei das Stichwort. Es kommt nicht zu den üblichen Beats, dass der Teenager extrem lange braucht, um sich seine Sexualität einzugestehen. Der ältere Part hadert nicht lange, sich auf jemand so junges einzulassen. Es gibt kein Elternteil, welches das schwule Kind verstoßen will. Keine Gleichaltrigen, die einen Gay Bash veranstalten. Keinen besten Freund, der sich zunächst distanziert. All die üblichen Probleme, die schwules Coming of Age Kino fast wie eine abzuhakende Liste normalerweise auffährt, gibt es in Call Me By Your Name nicht oder wird stark heruntergespielt. Stattdessen geht es um die Unbeschwerte Leichtigkeit des Seins, dem klassischen joie de vivre, ein unbeschwerter Sommer mit der ersten richtigen Liebe, die so mehr oder weniger jedem Pärchen widerfahren hätte können. So ziemlich jedem Charakter scheint es schnell klar, was zwischen Elio und Oliver geschieht, und obwohl es niemand direkt adressiert, ist auch jeder ziemlich Ok damit. Die gebildete multi-kulti Familie von ihm sowieso. Und auch die offenherzigen Französinnen. Selbst diejenigen, die Elio vorher mehr oder weniger wie eine (non-platonische) Freundin behandelte, mit der er sogar schläft, und die er anschließend nie wieder anruft oder trifft (was schon ein ziemlich arschiges Verhalten ist), scheint ziemlich schnell über ihn hinwegzukommen.

Hierfür ist es glaube ich auch durchaus sehr wichtig, dass der Film im Jahre 1983 angesiedelt ist. Nicht nur, weil wegen dem Wegfallen diverser Technik und Medien dadurch Elio sich viel einfacher auf Oliver einlassen kann, weil der Teen in den langen Sommerwochen sich viel langweilt und wenig andere Abwechslung in der Kleinstadt findet. Sondern weil man sich eben auch einfach auf diesen unbeschwerten Sommer einlassen kann, wenn man abseits seines normalen Wohnortes, seiner Social Group ist, weil man nicht ständig übers Internet und Smartphone in Verbindung bleiben kann. Auch Oliver kann sich einfach viel besser fallenlassen, alles geht sozusagen diesen einen Sommer lang, weil die gewohnten Verpflichtungen und Erwartungen für ein paar Wochen nicht mehr auf ihm lasten.

Das Ding ist nur, ein wesentlich spannenderer Film ist das natürlich auch nicht, zwei Kerlen bei ihrem unbeschwerten, privilegierten Leben für 2 satte Stunden zuzusehen. Gerade weil es so einfach keine Reibungspunkte gibt. Dies ist sicherlich beabsichtigt, um eine gewisse Atmosphäre und eben ein gewisses Lebensgefühl zu vermitteln, aber mir war es ein wenig zu lahm. Und auf die letzten 15 Minuten kommt dann eh Mysery Porn aus dem Nichts, was durchaus zu erwarten war, denn wenn es gut für die beiden ausgegangen wäre, wäre der Film kaum für Oscars nominiert gewesen. Dass Oliver mit Elio telefonisch (und das auch noch kurz vor den Feiertagen!) bricht, weil er sich verlobt hat und nun doch das von ihm erwartete Normie-Leben führen wird, war ja fast klar.

Was ich hier interessant fand, war allerdings die Ansprache von Elios Vater. Wenn er seinen Sohn zur Seite nimmt und erklärt, dass es wichtig war zu fühlen und sein Herz nicht zu verschließen. Dass auch verletzt zu werden zum Leben gehört. Und das er dies voll ausleben soll, solange er noch jung ist, denn zu schnell wird man alt und bereut, was man alles nicht getan hat, meint seine Jugend vergeudet zu haben, und was man für ein abgeklärter Zyniker geworden ist. Ich denke diese Rede an sich funktioniert halt auch bei vielen im Publikum, denn egal was man in der Jugend gemacht hat, ab einem gewissen Alter denkt man glaube ich automatisch zumindest hin und wieder, dass man sie hätte besser nutzen können. Wenn man sich seiner eigenen Sterblichkeit stärker bewusst ist und von mehr Verpflichtungen im Leben zurückgehalten wird, meint man die Narrenfreiheit und Stamina des jungen Körpers besser ausgenutzt haben zu wollen. Rappel dich wieder auf und lebe deine Jugend, denn sie ist irgendwann rum, führt das zunächst scheinbar unpassend dramatische Ende doch wieder zurück zum unbeschwerten Rest des Filmes.

Academy Weekend – Coco

Oscar-Wochenende, und damit mal wieder eine gute Ausrede, um sich ein paar Filme reinzuziehen, die letztes Jahr gewonnen haben, die mich interessieren, die man aber dennoch bisher noch nicht geschaut hat. Pixars Coco ist natürlich immer ein ziemlich sicherer Kandidat gewesen, und hat letztendlich beide seiner Nominationen einstecken können. Über viel mehr als Best Animated Feature und Best Original Song dürfen sich Animationsfilme sowieso nicht freuen, sind sie doch von den anderen Kategorien ziemlich ausgeschlossen. Coco hat also so viel abgeräumt, wie maximal möglich war.

Miguel ist ein Junge, dem Musik wichtig ist, und dies zu seiner Profession machen möchte. Dummerweise ist es allerdings so, dass die Rivera-Familie nicht nur traditionell seit Generation alle Schuhmacher werden, sondern auch Musik hassen, weil der Gründerin der Schuhmacher-Dynastie der Ehemann kurz nach der Geburt ihrer Tochter Coco abgehauen ist, um sich als Musikant durchzuschlagen. Ausgerechnet am viel gefeierten Tag der Toten kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Rest der Familie, die dazu führt, dass Miguel ausreist, um an einem Talentwettbewerb mitzumachen.

Über ein paar unglückliche Ereignisse hat Miguel bald allerdings ganz andere Probleme: Er kann nämlich die ihre Familie an jenem Tag besuchenden Toten sehen. Und nicht nur das, auch in ihre Welt überwandern. Mit dem unglücklichen Nebeneffekt, dass er von den Lebenden nicht mehr wahrgenommen wird und sollte er nicht bis zum Sonnenaufgang wieder in deren Welt übersetzen, ist ihm die Rückkehr für immer verwehrt. Das Ritual, ihn zu den Lebenden zurückzuführen, ist eigentlich gar kein schweres, benötigt aber die Mitarbeit eines toten Familienmitglieds von Miguel, und die Matriarchin der Familie stellt dies unter die Bedingung, dass Miguel der Musik entsagen soll. Der lehnt ab und sucht stattdessen lieber den Ur-Ur-Großvater, der damals abgehauen ist, da jener ihn schon verstehen wird.

Was ich an Coco sehr interessant fand, ist, dass es sich für mich ein wenig wie ein Echo auf Up anfühlte. Wo es nämlich in Up hauptsächlich um einen verschrobenen alten Kerl ging, so ist das zentrale und Namensgebende emotionale Kernelement von Coco nämlich die Urgroßmutter von Miguel und ihre Beziehung zum davongelaufenen Vater. Das ist das wahre Herz des Filmes. Statt jene allerdings auf eine Reise zu schicken, wird sie lange Zeit über zum Hintergrundelement der bunten Reise von Miguel und seinem derpigen Köter ins Reich der Toten, damit nämlich die eigentliche Zielgruppe von Pixar, Kinder, ein rasantes Abenteuer mit einer Identifikationsfigur geboten bekommen. Macht Coco viel attraktiver und leichter zu vermarkten, als das ein Up war.

Was nicht bedeuten soll, dass in Miguels Teil nicht auch Herz steckt. Dies wäre schon etwas arg dämlich, folgen wir ihm doch die meiste Zeit des Filmes über. Ein wichtiger Punkt hier ist einfach die Familie, deren Zusammenhalt, als emotionales Auffangbecken, welche einen so akzeptieren sollte, wie man ist. Und die Riveras sind eine sehr nette und stark zusammenhaltende Familienbande. Nur können sie halt Miguels Musik-Leidenschaft zunächst nicht akzeptieren, was zum ursprünglichen Konflikt führt. Hier können die Zuschauer natürlich sich selbst auch divers reininterpretieren. Ob man nun zum LGBTQ-Spektrum gehört, oder ein Furry ist, oder tatsächlich einfach eine unbeliebte Karriere anstreben möchte – jeder, für den irgendwann mal etwas wichtig war, welches die Familie nicht akzeptieren wollte, oder bei dem man zumindest Angst hatte, sie würde es eventuell nicht, kann sich natürlich in die Situation von Miguel hineinversetzen.

Und das Abenteuer durch den Tag der Toten ist einfach ein sehr buntes und rasantes Unterfangen, voller witziger Momente und charmanter Charaktere, aber eben auch mit seinen ruhigen Inseln. Beispielsweise verbleibt man nicht ewig in dieser fröhlichen Welt aus beleuchteten Häuserburgen und bunten Wesen, sobald der letzte Lebende einen vergisst, geht man auch hier verloren, und keiner kann sagen, ob es danach noch ein weiteres Leben nach dem Tode oder einfach nur das endlose Nichts gibt. Wahrhaftig das Herz geht einem aber wie gesagt hauptsächlich bei Coco auf, bei der Szene mit ihre als kleines Kind wenn sich der Vater verabschiedet, oder ihre Freude als alte Lady wenn Miguel ihr das Lied des Vaters vorspielt, da ist man zumindest als Erwachsener voll dabei, der durchaus das vorhersehbare Miguel-Abenteuer auch genießen konnte, aber hier einfach den emotionalen Kern findet.