Anders als die Anderen

ava-1629Homosexualität war schon immer ein heikles Thema und im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit, jedoch gab es auch immer wieder kulturell-aufgeschlossene Zeiten, in denen es akzeptierter war, als in anderen. Eine davon ist (oder besser war zumindest auf dem Weg dorthin) die Zeit der Weimarer Republik. Nachdem im davor herrschenden Deutschen Kaiserreich das Ausleben jener Neigung per §175 als Straftat festgelegt wurde, kam jener in der Weimarer Republik wiederholt unter Beschuss, wurde weniger häufig wirklich geahndet, und in großen Städten wie Berlin gab es schwule Magazine und Clubs. Und auch einen Film gab es in 1919, Anders als die Anderen (§175), frühes Schwulenkino welches in den 30ern als The Third Sex und den 50ern als Anders als du und ich erneut erzählt werden sollte (immerhin war damals durch das Erstarken der Schwulenfeindlichkeit im Nazi-Regime der §175 immer noch bestehend – offiziell abgeschafft wurde er erst in den 90ern).

Natürlich war der Film dennoch in seiner Zeit ein kritisierter Skandalfilm. Und nachdem er in der NS-Zeit dann verboten und Kopien vernichtet wurden, liegt er heutzutage auch nicht mehr komplett vor, sondern in einer restaurierten Fassung von knappen 50 Minuten (immerhin gelten so einige Filme aus jener Frühzeit als [teilweise] verschollen, ohne das sie direkt großflächig geahndet wurden). Und jene hat einige Standbilder zu bieten plus mehr Texttafeln als Stummfilme üblich haben, da ganze verlustig gegangene Szenen quasi erklärt werden.

Conrad Veidt spielt Paul Körner, einen angesehenen Violinisten, der mit sich ziemlich im Reinen ist, denn als seine Eltern ihm eine Verlobte unterjubeln wollen, schickt er die auch schon mal prompt zum Sexualforscher, der ihnen die Sache mit der Homosexualität ihres Sohnes erklären soll. Kurt Sivers derweil ist einer von Pauls größten Fans und wird zu dessen Protege und Liebhaber. Zumindest solange, bis ein Erpresser es auf die beiden abgesehen hat, Kurt sich davon macht, während Conrad die Erpressung zur Anklage bringt, aber andersrum deswegen auch wegen Verstoß gegen §175 selbst verurteilt wird.

Das wohl Interessanteste am Film ist, abgesehen von seiner progressiven Botschaft und filmhistorischen Wertes als erster Film über Homosexualität, sind dann tatsächlich die „Szenen“ mit dem Sexualforscher (die hier nur noch als erklärende Texttafeln vorliegen). In denen nämlich tatsächlich schon 1919 ganz unvoreingenommen erklärt wird, dass wenn es auch nicht die Norm ist, so Homosexualität ein absolut natürliches Vorkommen in einer Spezies ist und es alle Bevölkerungsschichten „treffen“ kann, Heilung keine Option darstellt, da es keine Krankheit ist. Etwas überholt ist lediglich die Annahme, dass Schwule solche sind, weil sie einen Überschuss an weiblichen Hormonen haben, der Film also davon ausgeht, dass die Norm bei Homosexuellen tatsächlich unmännlich-weibisches Verhalten ist – so souverän Veidt dann auch den Körner spielt, so mimt er auch prompt die Gestik einer Queen. Abgesehen davon ist der Film, wenn auch etwas dramatisch dick aufgetragen, ein Appell an Toleranz in der Gesellschaft und Abschaffung des §175, wogegen man wohl kaum etwas haben kann. Zumindest heutzutage, wo dies kein progressives Denken mehr erfordert, sondern lediglich Denken.

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