The Private Life of Plants

Ich bin ja schon in grauer Vorzeit geboren worden. Damals in den 80ern und 90ern, als wir noch in infantiler Ursuppe lebend dachten wir bekämen die Umweltverschmutzung in den Griff, weil uns die ganzen Kindermedien beigebracht haben die Wale zu retten, beim Zähneputzen den Wasserhahn zwischenzeitlich abzudrehen, oder die Kühlschranktüre währen des Brotschmierens zu schließen und so. Wer so astronomisch lange lebt, wie ich das bereits tat, dessen Interessen fluten und ebben natürlich auch. Der „Reading matters“ tag zeigt das beispielsweise ganz gut.

Damals habe ich aber nicht nur mehr Bücher gelesen und öfter Cherry Coke getrunken. Sondern auch mehr Dokumentationen geschaut. Vorm beziehungsweise zu den Frühzeiten des Internets wurden wir noch nicht damit abgelenkt, dass 300 Stunden Video täglich alleine auf Youtube erhältlich sind, mit dem man sich seine Lebenszeit vergeuden kann. Was im Fernsehen lief… schaut man heutzutage noch normales Fernsehen?… das war alles, was es gab. Und wer nicht immer den gleichen Quark schauen wollte, für den waren Dokus zwischendrin eine Oase. Das war sogar noch vor Phoenix und N24, die eh die ewig gleichen Weltkriegs- und Technikdokus wiederholen. Nein, damals kam auf regulären Senden noch Zeug, das mich thematisch abgeholt hat. Dinge über moderne Städteentwicklung/-architektur, um untergegangene Zivilisationen, und um die Flora und Fauna des Planetens.

Die BBC-Dokus mit und von David Attenborough waren da immer ein Highlight für letztere Thematik. Besonders die jeweils mehrere Folgen spannenden Einträge in die Life-Serie. Zwischen 1979 und 2008 sind zwar eigentlich „nur“ 9 davon rausgekommen, aber weitere Sachen wie Planet Earth oder The Blue Planet sind natürlich stark von ihnen inspiriert.

Mein absoluter Favorit, der mich auf die Attenborough-Dokus überhaupt erst aufmerksam machte, war irgendwann so Mitte der 90er The Private Life of Plants. Was hat mich die damals abgeholt. Komplette sechs fast einstündige Folgen über das Leben und Überleben in der Pflanzenwelt. Hochkarätig produziert und präsentiert. Da hab ich mir jetzt kürzlich gedacht, die mal wieder zu schauen würde sich doch bestimmt lohnen. Eigentlich ist mir  schon länger immer mal wieder die Idee gekeimt, aber nun lies ich die Saat endlich aufgehen und habe es vollzogen.

Travelling dreht sich natürlich ganz darum, wie die eigentlich so stationären Lebewesen es schaffen, sich räumlich auszubreiten. Sprich auf welche Arten sie ihre Samen auf die Reise schicken. Von Pilzen (eigentlich keine Pflanzen, sondern eine eigen Kategorie), die sie einfach in den Wind pusten. Zu Samen, die ausgeklügelter als Flugzeuge und Helikopter durch die Luft taumeln. Zu welchen wie die Seebohne, die sie im Wasser teils für Monate auf Reise schicken, bis sie wo stranden. Zu jenen, die sich darauf verlassen, von Tieren davon getragen zu werden, durch anreizenden Geschmack, Farben oder wie die Durian-Frucht ihrem Gestank. Ob nun sich im Tierfell verhakend, als vergessene Reserve vergraben werdend, oder mit dem Kot frisch gedünkt wieder ausgeschieden. Ja sogar auf Buschfeuer warten einige Pflanzen, um sich anschließend auf dem getilgten Boden frisch aussähen zu können.

Growing kommt als Nächstes, denn so ein Samen muss ja auch zu einer Pflanze wachsen. Dafür braucht es Luft, Licht und Nährstoffe. Für die allseits wichtige und als Unikat bei Pflanzen bestehende Photosynthese. Doch nicht alle haben es einfach. Manche wachsen in schattigen Wäldern und müssen sich Strategien ausdenken, ans Licht zu kommen oder aus dem wenigen das meiste rauszuholen. Wie rote Unterseiten an den Blättern, die er zurückstrahlen statt durchscheinen lassen. Blätter sind dadurch sehr wichtig, sorgen aber auch für viele Fressfeinde. Also Methoden wie Nesselgift oder Stacheln entwerfen, um Tiere abzuwehren. Die wiederum Zungen entwickeln, denen die Stacheln nichts machen. Manche Pflanzen drehen den Spieß um und fangen Insekten und kleine Nager in zersetzenden Kesseln, damit sie den Nährwert-armen Boden ausgleichen können. Am Ende geht es natürlich nach Nordamerika zu den langlebigsten und großwüchsigsten Bäumen der Welt.

Eine ausgewachsene Pflanze muss sich nun wieder drum kümmern, sich zu reproduzieren, wie wir in Flowering erfahren. Um den Pollen an andere Blüten zu bringen, werden diverse Methoden angewendet. Teils durch Farbe werden Vögel oder Insekten zu köstlichem Nektar eingeladen. Teils über Gerüche oder Mimikry von Sexpartnern Tiere angelockt. Häufig sind Blüten so konstruiert, dass sie nur von einer ganz speziellen Spezies befruchtet werden können, damit die Pollen auch ja auf anderen Blüten der gleichen Pflanzengattung landen, statt überall verteilt zu werden. Und letztendlich, zurück zu attraktivem Verwesungsgeruch kommend, landen wir auch bei dem größten Blütencluster des Pflanzenreiches.

The Social Struggle nimmt sich dem Sprichwörtlichen Kampf um einen Platz an der Sonne an. Wie Pflanzen darauf warten können und müssen, bis etablierte Baumriesen durch Alter, Sturm oder Feuer einen luftigen Sonnenplatz hergeben. Und dann möglichst schnell jener ergriffen werden muss. Wie Pflanzen sich parasitär oder nicht an Stämmen entlang ranken oder in Baumkronen einnisten, um an die Sonne zu kommen. Das ganze Landflächen im ständigen Kampf mal von Wiesen, dann Baumhainen und dann wieder Wiesen dominiert werden. Auch in dem sie sich für helfende Tiere schmackhaft machen, wie die weite Verbreitung von Kornfeldern zeigt.

Bei Living Together starten wir ausnahmsweise unter Wasser. An einem Korallenriff. Korallen sind keine Pflanzen, tragen aber Algen in sich, die Tagsüber für die Nahrungsbeschaffung sorgen. Andere Pflanzen hingegen wachsen so, dass sie Ameisenkolonien Nester bereitstellen können, die sie wiederum gegen Fressfeinde schützen. Orchideensamen fruchten gar nicht erst, wenn sie nicht mit dem richtigen Pilz in Berührung kommen, um die fürs Keimen nötigen Nährstoffe zu erlangen. Aber auch Pflanzen untereinander leben zusammen, wenn auch meist parasitär, da sie ja die gleiche Nahrung benötigen. Beispielsweise die Rafflesia, die komplett innerhalb ihres Wirtes lebt und nur ihre Blüten (die größten einzelstehenden der Pflanzenwelt) nach außen sichtbar macht.

In der finalen Episode, Surviving, kommen wir zu Pflanzen, die in Lebensunwirtlichen Gegenden wachsen. Dort wo es zu kalt ist, schützen sie sich mit Wärme haltenden pelzigen oder abgestorbenen Blättern. Dort wo es heiß ist, haben Kakteen gelernt Wasser in ihren Stämmen zu speichern. In Gebirgen mit wenig Nährstoffgebendem Boden gibt es erneut fleischfressende Pflanzen. Und selbst in den Weltmeeren leben überall Kleinstorganismen an Algen, welche den Grundstein des Lebens bilden. Ohne die ein Surviving auch von Tier und Mensch nicht möglich wäre.

Mich holt das tatsächlich immer noch absolut ab. Die ersten drei Folgen vielleicht etwas mehr als die zweite Hälfte, weil sich dann auch ein paar Dinge etwas wiederholen, da sie in mehrere der ausgewählten Themen passen, doch toll sind sie alle. Super interessant die Zeitraffer-Aufnahmen zu sehen, die zeigen, wie viel Leben doch tatsächlich in Pflanzen steckt, die einfach nur wesentlich langsamer funktionieren, als wir das gewohnt sind. Mit der richtigen Soundkulisse eingespielt, um auch so eine fleischfressende Pflanze bedrohlich wirken oder aufspringende Blüten wirklich poppen zu lassen. Alles wirkt so lebendig und dynamisch in dieser Aufmachung. Und dann natürlich die Infos im britischen Akzent eingesprochen, dem man eh alles glauben will, weil er so schön smart klingt. Wie up to date die Infos einer über 20 Jahre alten Doku-Reihe sind, sei dann mal dahingestellt. Aber um einen Überblick zu erhalten, und in vielen Details kann sich eben in 6 x 50 Minuten nicht ergangen werden, ist es allemal noch gehaltvoll.

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