Rumic World III: Rumic Theatre

Ein knappes Jahr nach den ersten beiden Einträgen sehen wir uns also wieder. Immerhin ist Rumiko Takahashi seit über 40 Jahren aktiv im Manga-Business, da kommt so einiges zusammen. Geradezu vorbildhaft ist ihre unermüdliche Zeichenfeder. Viele andere Mangaka zeichnen noch einer oder zwei großen und langjährigen Hitserien dank Burnout keine Großprojekte mehr und ergehen sich eher in kleineren Unterfangen und leben von den Royalties jener endlos beliebten Hitserien. Der Beruf Mangaka ist einer, der zerschleißt.

Das Takahashi seit über 40 Jahren eine lange Hitserie nach der anderen aneinanderreiht ist erstaunlich. Und dann findet sie noch Zeit, um sich von jener Formelhaftigkeit abzulenken und mal was anderes zeichnen zu können, diverse kurze One Shots zu zeichnen. Die wurden nicht nur in den Rumic World Bänden zusammengefasst, sondern auch in welchen, die als Rumic Theatre (teilweise auch Rumiko Takahashi Anthology) betitelt sind. In Japan sind jene World und Theatre Bände sogar bei Reprints teilweise umbenannt worden, um sich ähnlicher anzuhören.

In 2003 nahm sich TMS dem Projekt an, sie ins japanische Fernsehen zu bringen. 13 Episoden sollten das Jahr über laufen, gefolgt von 13 Episoden der Neuadaption von Mermaid Saga. Das Konzept ist klar: Eine Folge pro Kapitel, sprich jede Episode ist eine in sich geschlossene Storyline.

Die haben mich etwas an Clamps Tokyo Babylon erinnert. Weniger den Anime, der ja nur zwei OVAs hat, sondern mehr dem Manga an sich. In soweit, als dass sich der Manga nicht nur Einzelschicksalen widmet, sondern auch einem seltsamen Ereignis im Leben eines relativ gewöhnlichen Japaners. Nur halt ohne wiederkehrend eingreifende Charaktere, welche die Fälle aneinanderbinden und am Ende für eine größere Tragödie herhalten müssen. Vergesst es, so wahnsinnig wie Tokyo Babylon ist Rumic Theatre gar nicht.

Wobei hier schon etwas mehr Tragik drin ist, als man das eventuell erwarten würde. Ich dachte zumindest, immerhin ist es ja von Takahashi, dass dies hier wieder ziemlich in die Richtung von überdrehten Komödien geht. Dabei könnte ich es besser wissen. Klar, Romantic Comedy ist deren Markenzeichen und ein Bestandteil aller ihrer langjährigen Hitserien. Doch sollte mir mittlerweile durch Mermaid Saga und die Rumic Worlds zur Genüge klar sein, dass die Frau gerade bei ihren One Offs eben auch mal dem Historiendrama oder Horror-Genre frönt.

Dennoch bleibt festzustellen, dass Rumic Theatre thematisch sich wesentlich ähnlicher ist als die Rumic Worlds. Hier geht Takahashi eben nicht einfach mal gerade das Genre an, auf das sie momentan Bock hat. Sondern die Folgen sind schon kohärenter, auch wenn sie nichts miteinander zu tun haben. Aber in der gleichen Welt spielen, man wird so einige Charaktere aus anderen Folgen immer mal wieder durch die Hintergründe von aktuellen huschen sehen. Das zusammenhängende Thema der Geschichten ist dann tatsächlich, dass es hauptsächlich um ganz normale japanische Menschen in ihrem Alltag geht, denen eine merkwürdige oder zumindest besondere Eskapade mit humorigem Einschlag geschieht. Das muss nicht immer einen übernatürlichen oder fantastischen Part haben, kann es aber.

So geht es in einer Folge nur darum, dass eine Familie vom Boss des Vaters dazu beauftragt wird, für eine Woche auf dessen Haustier aufzupassen. Dabei leben die in einem Apartmentkomplex, in dem Tiere streng verboten sind. Und dann ist es auch noch ein Pinguin, auf den alle Nachbarskinder steil gehen. Wie soll das nur ein Geheimnis bleiben können? In einer anderen geht ein Angestellter mittleren Alters zu seinem Klassentreffen und die rosaroten Erinnerungen an seine erste Liebe drohen an der gealterten Realität zu scheitern. Doch dann haben wir auch wieder Episoden, in denen sich ein Mann plötzlich in der Situation wiederfindet, dass er nun mit dem Geist seiner verstorbenen Frau zusammenlebt. Es kann also auch zu übernatürlichen Komponenten kommen.

Die Situationen, wenn das oben vom ganz kurzen Abriss auch eventuell nicht rüberkommt, sind durchaus mit einem witzigen Touch versehen. Es gibt Takahashis übliche übertriebenen Gesichtsausdrücke und Wutanfälle. Missverständnisse und auch trockener Humor. Doch das alles wirkt in Theatre wesentlich bodenständiger. Wahrscheinlich weil sie stärker an das Alltagsleben dieser Figuren gebunden sind. Weil sie nach 20 Minuten rum sind, statt immer weiter eskalieren und immer übertriebener werden zu müssen. Aber auch, weil es häufig einen besinnenden und erdenden Unterton gibt.

Der Kerl beim Klassentreffen zum Beispiel? Der Lernt am Ende der Episode seine erste Liebe und seine beschönigten Jugenderinnerungen aufzugeben. Das hat etwas bittersüßes. Zum einen lernt er dadurch seine existente Familie wieder etwas mehr zu schätzen. Aber er kommt halt auch zur Realisation, dass die unbeschwerte Jugend eben rum ist und nie wiederkommen wird. Die Episode mit der Pinguin-Versteckspielerei? Wir finden am Ende heraus, dass die Vorsitzende, die so streng die Regeln befolgt, selbst unter Tränen ihren Hund aufgeben musste, als sie in den Apartmentkomplex gezogen ist. Sie versteht wie schwer das ist, sie mag Tiere selbst. Aber im Leben muss man sich halt manchmal entscheiden und wer eine dieser tollen Wohnungen haben will, hat halt die dafür festgelegten und vorher gewussten Regeln zu befolgen.

Hierdurch bekommen die einzelnen Geschichten mehr Nuancen und vor allem einen emotionalen Kern, der ihnen komplett abgegangen wäre, wenn sie wirklich nur „Das eine total verrückte Ereignis in meinem Leben“ geblieben wären. Die Punchline zu einigen davon, besonders die mit dem Geist der verstorbenen Frau, die ihren Mann noch im Nachleben zu nerven scheint, hat mich ernsthaft tief getroffen. Klar sind manche Geschichten selbst auf 20 Minuten etwas überstrapaziert. Und gerade weil sie so geerdet sind und nicht total die Witze-Explosion zünden keines der absolut herausragenden Takahashi-Werke. Via Konzeption schon nicht, denn es handelt sich hier um sporadisch erschienene Nebenprojekte. Als solche kleine nebenbei geschaute Episoden halten sie aber wirklich gut hin.

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