The Witcher III: An Unpolished Polish Game

Endlich ist es soweit. Lange hat es gedauert. In mehrerer Hinsicht. The Witcher III: Whild Hunt ist bereits 2015 erschienen, die Game of the Year Edition mit beiden umfangreichen DLCs inkludiert in 2016. Ich selbst habe 2014 die ersten beiden Witchers gespielt und mich 2015/16 durch die Bücher gequält. Als ich 2018 meine PS4 bekommen habe, war das für 20€ zu habende Witcher III GotY ein früher Kauf. In vielerlei Hinsicht hätte man also meinen sollen, dass ich schon längst mal zu dem Spiel gekommen wäre. Aber es hat bis jetzt ins Jahr 2020 gedauert, bis die Aufgabe endlich erledigt war.

Wer meint, dass ich nur am Zeit schinden bin, um selbst beim endlichen Schreiben über Witcher III nicht wirklich über Witcher III schreiben zu müssen… ich teleportiere mich hinter und ermorde dich. Nichts Personelles, Kind, aber du weißt zu viel.

Ich habe mich in das Witcher-Universum nie so verlieben können, wie das scheinbar jedem anderen geschehen war. Ich habe nie so richtig in die Handlung und Lore hineingefunden, fand die Charaktere nie sonderlich interessant. Die Bücher sogar ziemlich ermüdend. Die beiden vorigen Spiele fand ich schon gut, so ist das nicht, aber den extremen Hype konnte ich nicht mitmachen. Liegt vielleicht auch am Alter, mit dem verschrumpelten Kohlestück inmitten der verwelkten Hülle eines Menschen, die mich ausmachen, sind starke Gefühle nicht mehr wirklich reproduzierbar.

Witcher III habe ich dann auch wohl wahrscheinlich eine ganze Ecke anders gespielt, als das normalerweise so ist und von den Machern intendiert war. Ich habe mir nicht weitergehende Beschreibungen in der umfangreichen Menübibliothek durchgelesen, um mehr Hintergründe zur Welt oder den Menschen herauszufinden. Mich hat die Haupthandlung kaum interessiert, zumal ich Yennefer und Ciri eh schon immer ziemlich nervtötend fand, die diesmal zentrale Rollen spielen. Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, Witcher III wäre Ciris Handlung, die man nur durch die Augen von Geralt miterlebt. Ich habe mich regelmäßig dabei ertappt, dass wenn mir NPCs eine Meinungsauswahl abverlangten, ich gar nicht so genau wusste, worauf ich jetzt überhaupt antworte, weil ich bestenfalls halb bis gar nicht richtig hingehört habe, sobald wieder jemand endlos zu reden beginnt. Besonders dann, wenn es eh nur um eine Questline ging und der ganze Flavor Text unwichtig erscheint, wenn mir doch die Questmarker eh knackig-kurz sagen, was ich wo umbringen muss.

Ich spielte tatsächlich Witcher III mehr wie ein The Elder Scrolls. Frei durch die Welt stiefeln, sich überall Sidequests abholen, und diese Einkaufsliste an zu erledigenden Dingen zur Lebenszeitverschwendung dann abarbeiten. Interessiert mich nicht wirklich, warum das kleine Mädchen ein Brot brauchte. Oder warum die Succubus die örtlichen Männer umbringt. Oder ob das alles gar nicht stimmt und bei genauerer Betrachtung das Mädchen eigentlich der Teufel ist, dem nur noch ein Brot zur Übernahme der Weltherrschaft fehlte, oder die Männer freiwillig Zerstreuung beim Sexdämonen suchten und deren Ehefrauen ihr die Schuld gaben. Was muss ich für dich holen oder umbringen, und was krieg ich dafür, ist alles, was ich wissen will, danke. Wäre sicherlich cool wenn ich so ein Joseph Anderson wäre, der auf jede Inkarnation des Witcher-Universums steil abgeht und begeisterte 24-stündige Videos pro Spiel raushauen kann. Bin ich aber nicht.

Realistisch betrachtet habe ich Wild Hunt wohl also falsch gespielt. Ich lüge lieber, und behaupte, ich bin es anders und individuell angegangen und das es doch sicherlich mal so richtig interessant ist, eine neue Herangehensweise an das Spiel zu dokumentieren.

So ganz abwegig ist Elder Scrolls als Vergleich übrigens nicht, wobei das wohl eher hauptsächlich dadurch kommt, dass Witcher III schlichtweg die gleichen Probleme wie alle Open-World-Spiele bzw. Spiele mit enorm großen und dynamischen Spielwelten hat, und die Bethesda-Spiele da einfach der Richtwert sind. Was ich damit meine ist, dass Witcher III unglaublich glitchy ist. Zugegebenermaßen allerdings wenig in ruinierenden sondern eher in erheiternden Arten. Wie häufig die Animationen für Charaktere plötzlich schräg sind, oder Gegnerleichen einfach magisch über den Boden gleiten, die Soundausgabe plötzlich ausfällt oder die falsche Stimme abgespielt wird. Witcher III ist voller kleiner „Ist halt ein großes und komplexes Spiel, da muss ja früher oder später was schieflaufen“ Stellen, die ich ganz unironisch sehr charmant fand.

Zum Großteil zumindest, ein paar Dinge gehen schon auf den Keks, wenn sie geschehen. Wenn das Spiel mal wieder bei einem normalen Kampf unerfindlicherweise Geralt nicht sein Schwert ziehen lässt, sondern in den Fauskampfmodus geht und man plötzlich mit dem baren Handrücken gegen fünf Kerle mit Schwert kämpft. Wie häufig das Pferd, obwohl sie zu reiten Geralt eigentlich schneller wohinbringen sollten, an allen möglichen Ecken und Kanten hängenbleibt. Wann immer eine Lichtquelle nah an einem anderen Interaktionspunkt ist und scheinbar so programmiert ist, dass Geralt via Taschenspielertrick die Flamme anzünden/erlöschen zu lassen scheinbar höhere Priorität hat, als die Blutlache zu investigieren oder einen Schrank zu öffnen. So manchmal geht einem der Clunk im Spiel auch auf den Geist, klar.

Was ich persönlich auch nicht so geil fand, ist sicherlich auch wieder etwas, was erst durch die GotY-Edition hineingebracht ist. Wie gesagt sind die einzelnen Karten von Witcher III ziemlich groß und man darf sich eigentlich sofort überall hinbewegen. An allen Ecken und Enden auf der Karte sieht man Ausrufezeichen, die Quests markieren, oder ein halbes Dutzend andere Points of Interest Marker, die von versteckten Schätzen über Monsternester und Machtquellen alles Mögliche angeben. Nervig ist, wenn man wie ich das alles schon direkt abgrasen will. Und dann entdeckt, dass das Spiel kein Problem damit hat, neben einem solchen Einsatzort, bei dem einen Level 5 Banditen gegenüberstehen, einen nahegelegenen Marker von einem Level 30 Drachen bewachen zu lassen. Hier hätte ich mir etwas mehr Konsistenz gewünscht. Das ich mich drauf verlassen kann, wenn ich in einem Gebiet Nebensachen abgrase, die auch alle ungefähr auf gleichem Niveau sind. Ich gehe einfach mal davon aus, dass dies im ursprünglichen Basisspiel auch so war, und die übertrieben hochleveligen Sachen durch den ersten DLC kamen. Während der zweite DLC, Blood and Wine, nämlich mit einem komplett neuen Gebiet daherkam, ist der erste DLC, Hearts of Stone, in der schon existenten Karte des Hauptspieles eingewoben. Und mit ihm kamen wahrscheinlich auch diese hochrangigen optionalen Dinge, die ebenfalls in die bestehende Welt verstreut wurden.

Eine weitere Sache, bei denen ich mit West-RPGs wohl ebenfalls nie konform gehen werde, sind maximale Tragegewichte. Besonders, wenn Ladenbesitzer nicht nur feste Öffnungszeiten haben, sondern auch noch ein maximales Kapital, das aufgebraucht werden kann. Beim Spielen von The Witcher III fühlte ich mich wieder wie ein Teenager: Konstant übergewichtig. Alle paar optionalen Aufgaben, nach jeder längeren Schatzsuche, am Ende eines jeden Dungeons, konnte ich mir fast sicher sein, dass das aktuelle Tragegewicht von Geralt überschritten war und ich nur noch im Schneckentempo weitermachen durfte. Also in eine Stadt gewarpt, hoffend das die Läden noch auf haben. Im Notfall können ungenügende Nachtzeiten ja auch schnell wegmeditiert werden. Aber dann jeden einzelnen Laden der Stadt ablaufen, jedem Ladenbesitzer seine kompletten Sparanlagen durchs Verkaufen von Rüstung und Schätzen aufbrauchen, und am Ende nicht mal die Hälfte vom Loot losgeworden zu sein, nervt schon. Manche Leute werden jetzt behaupten, dies ist dazu da, damit man eben nicht jeden Scheiß einsteckt. Aber als jemand, der ein Final Fantasy mit einem Rucksack an 99 Elixieren, Phönixfedern, Ethern und jeder Form von Potion beim Endboss ankommt und sich immer noch überlegt, ob deren Einsatz wirklich lohnt, kann ich nicht einfach so an Loot vorbeigehen. Klingt sehr nach einem Ich-Problem? Ist es auch, jedoch geht es hier ja auch darum, was ich an dem Spiel gut fand und nicht.

Fand ich denn irgendwas überhaupt gut, mag der eine oder andere sich jetzt vielleicht fragen. Berechtigt. Aber ja, ich fand auch Sachen an Witcher III gut. Grundsätzlich hab ich es schlichtweg immer nur einfacher, aufzuzählen, was mich gestört hat, und zu implizieren, dass alles andere Ok war. Und am Ende dann zu schreiben „Trotz all meiner Meckerei fand ichs unterm Strich dennoch ein gutes Spiel“. Ein weiteres Ich-Problem, die fehlende Positivität.

Eine Sache, die ich zum Beispiel besonders gut fand, ist, dass man mit Yennefer Schluss machen kann. Nachdem die Alte mich durch die ganze Buchreihe hindurch genervt hat und in Wild Hunt ebenfalls nicht besser ist, ist es einfach befriedigend, das ständige nervige Hin und Her zwischen ihr und Geralt beenden zu können. Bin ich nicht charmant, wenn ich positiv bin?

Aber eine weitere Sache, die ich echt gut fand, ist die Optik des Spieles. Ja die Animationen der Charaktere sind immer noch etwas merkwürdig, und das rasche Downscaling sobald man Distanz zu seiner Umgebung hinlegt etwas krass. Doch die Landschaft an sich in Witcher III ist einfach wunderschön anzusehen. Ich bin ja schon alleine froh, wenn ein West-RPG tatsächlich sowas wie Farben zulässt, statt zu meinen, eine ernste Geschichte muss in Brauntönen erzählt werden. Der Sonnenuntergang badet die Landschaft in grelle Orangetöne, Weizen- und Sonnenblumenfelder erstrahlen golden in der Ferne. Greife haben strahlend blaues Federkleid getüncht in weinrotes Blut von Geralts Schwertstreichen. Nachts kommt der übernatürlich große Mond hervor und badet alles in seichtes Licht. Witcher III ist ein Spiel, dem ein Photomodus gut zu Gesicht gestanden hätte. All das war bereits, bevor ich nach Beendigen der Haupstoryline ins zweite DLC Blood and Wine ging. Das spielt in einer Grafschaft, die von der Toskana inspiriert ist. Im Direktvergleich zu den poppenden Farben der Lavendelfelder und mediteranen Häuser wirken die Gebiete des Hauptspieles plötzlich als wären sie nur Brauntönig gewesen.

Die DLCs sind übrigens ein Hightlight an sich gewesen. Hier habe ich mich sogar ein wenig für die individuellen Handlungen interessieren können. Vielleicht lag es daran, dass sie besser geschrieben waren. Vielleicht, weil sie einfach kleinere losgelöste Handlungen waren, die sich nicht in die Hauptgeschichte eines 100-Stunden-Spieles fügen mussten, sondern nur für 10-20 Stunden über Wasser halten durften. Vielleicht war es auch einfach mal schön, dass sich fast komplett von dem für mich langweiligen Witcher-Mythos gelöst werden konnte. Man stelle sich mal ein Witcher-Spiel vor, welches zwar grob in der Welt der Bücher spielt, aber bei dem es um einen komplett neu erzeugten Witcher auf seinen Abenteuern geht, ohne sich durch existente Charaktere und Handlungen des Orginaltexts ketten lassen zu müssen. Da wäre ich sofort dabei. Nach fast 100 Stunden Witcher III (Hearts of Stone eingeschlossen) war ich fast etwas ausgewitchered. Dass ich dann dennoch direkt bis Stunde 120 weitergemacht habe, statt ruhen zu können, spricht definitiv für die Qualität vom DLC Blood and Wine.

Ja es hat mich 120 Stunden gebraucht, um durch Witcher III und seine zwei DLCs zu kommen. Natürlich hat mir das Spiel gefallen. Ich mag mich durchaus durch Spiele zwingen, die ich nicht so geil finde, aber sicherlich nicht für über 100 Stunden. Gut, ich habe es als eher generisches West-RPG gespielt, nach dem mir zu Anfang des Jahres mal wieder der Sinn stand: Welt erkunden und Quests abarbeiten. Dass einem das Witcher-Universum wesentlich mehr bieten kann, ist schon klar, darauf hatte ich allerdings keinen Appetit. Für das, was ich gesucht habe, war das Spiel mit einigen kleinen Nervpassagen, die bei einem Unterfangen dieser Länge ganz selbstverständlich sind, aber auf jeden Fall gut. Und so lasse ich die Witcher-Trilogie hinter mir, als Spiele die ich nicht so lieben mag wie die meisten, die ich aber allemal gut finde.

Aber hey, „Das Spiel ist auch noch gut, wenn man es falsch spielt“ ist doch mal ein Kompliment.

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