Shenmue III

Man muss Shenmue nicht gut finden. Man muss auch Segas suizidale Business-Entscheidungen in der zweiten Hälfte der 90er nicht verstehen. Aber man kann Sega nicht aberkennen, dass sie echt Chuzpe hatten. Nach dem marktschwachen Saturn war das Dreamcast der letzte Versuch alles rumzureißen. Und was ist als Killer App dafür rausgesucht? Ein Spiel, welches eine japanische Kleinstadt naturgetreu wiedergibt. Im der ohne wirkliche Handlung oder Charatere abgehangen werden kann, ohne wirklich was von Wichtigkeit zu erledigen. Dann wird in die Produktion auch noch mehr Geld gesteckt, als je wieder eingenommen hätte werden können.

Hat es auch nicht. Auch dank Shenmue ist der Traum Segakonsole geplatzt. Lange getrauert musste jedoch eigentlich nicht werden. Immerhin stand bereits 2005 Yakuza in den Startlöchern. Das Shenmue-Konzept wiedererweckt, aber diesmal mit Handlung, Spannungsbogen und sympathischen Charakteren. Schon klappte das mit dem Erfolg.

Fans der alten Riege vermissten dennoch die richtige Shenmue-Erfahrung. Das ziellose Mäandern von einem Reiseort zum nächsten. Eine Fortführung der offengebliebenen Schein-Handlung schien allerdings mit jedem Jahr unmöglicher. Shenmue war abgeschrieben. Bis zur E3 2015, zu der Sony eine Konferenz hinlegte, die seines Gleichen suchte. Zuerst tauchte die PS3-Hoffnung des Ico-Teams, The Last Guardian, aus der Versenkung wieder auf. Allgemeiner Hype folgte. Kurz darauf wurde vorgestellt, dass RPG-Meilenstein Final Fantasy VII ein komplettes Remake erhalten würde. Man wusste gar nicht mehr, was man mit sich anfangen sollte. Ist das überhaupt noch real? Dann erklangen die Klänge des Shenmue-Themes über die Bühne und ‎Yū Suzuki‎ enthüllte eine Kickstarter-Kampagnie für Shenmue III. Das Unmögliche war möglich geworden. Innerhalb von Stunden waren die Goals der Kampagne erreicht und 2019, 18 Jahre nach dem zweiten Teil, ging Ryos Reise offiziel weiter.

Ryo ist also im Dorf Bailu angekommen. Dort wo die beiden Jadespiegel produziert wurden, die seinem Vater zum Verhängnis wurden und Ryo auf seien Reise schickten, Rache an dessen Mörder Lan Di zu nehmen. Aber erst mal wird Holz gehackt, Kräuter gesammelt, mit Kindern verstecken gespielt, und was sonst in einem beschaulichen Dorf so gemacht werden kann. Bis die Brotkrumenspur dann weiter führt in die Stadt Niaowu. Wo neue und alte Bekannte getroffen, die Martial Arts trainiert werden. Und es am Ende des Spieles sogar zu einer Konfrontation mit Lan Di kommen darf.

Ich meine, die Haupthandlung von Shenmue war schon immer schwachbrüstig und generisch. Diente nur als Ausrede, um Ryo von einer Lokalität zur nächsten zu führen. Den japanischen Alltag in Kleinstadt Yokosuka zu erleben. Den Trubel in Shanghai. Das gesetzlose Kowloon. Mit Bailu ein beschauliches Dorf und Niaowu wieder eine belebtere chinesische Stadt. Shenmue geht es weniger um die Verfolgung der Handlung an sich, und stattdessen den Spieler in einer lebendig wirkenden Welt abtauchen zu lassen. Nichts beweißt das besser, als die Tatsache, dass beide vorigen Spiele zu Beginn von Shenmue III in 10 Minuten oder weniger nacherzählt werden, und nichts von Relevanz gekürzt ist.

Aber das Pacing von Ryos Reise ist schon echt verdammt merkwürdig. Das erste Spiel hat ja irgendwie gar keine Klimax, sondern ist ein 15-stündiger Prolog zur Reise und hört dann auf, wenn es eigentlich erst losgeht. In Shenmue II spitzt sich die Lage hingegen schon zu. Nachdem Shanghai wieder etwas „leb dein Leben“-mäßig anfängt, exkaliert die Situation in Kowloon zusehends und es gibt sogar einen größeren Bossfight und kurzes Auftauchen und wieder Verschwinden von Lan Di. Das Problem dabei? Das ist nicht das Ende von Shenmue II, stattdessen wird noch 2 Stunden durch die Pampa gelaufen auf dem Weg nach Bailu. Das wäre ein wesentlich besserer Prolog für ein drittes Spiel gewesen. Das liegt aber alles wahrscheinlich auch daran, dass das erste Spiel nicht so früh enden sollte und man aus Zeitdruck nach Yokosuka aufhörte. Frühe Trailer zeigen alles bis Kowloon. Yokosuka > Shanghai > Kowloon hätten auch definitiv ein runderes Spielerlebnis hergemacht, um dann im zweiten Teil Bergpfad > Bailu > Niaowu zu gehen.

Wobei der dritte Teil auch immer noch nicht gelernt hat, was eine richtige Klimax ist. Von der Reise-Eskalation her kommt es schon hin. Bailu ist der langweilige Anfang, in dem nichts passiert. In Niaowu kommt das Spiel langsam ins Rollen und es gibt wesentlich mehr Auseinandersetzungen. Als Klimax hält dann die Stürmung vom Old Castle hin. Wo sich durch eine ganze Bande gekämpft wird und am Ende sogar Ryo ein Sparring mit Lan Di hat, bevor die beiden vom Schicksal wieder getrennt werden. Auf dem Papier ist ein Shenmue wahrscheinlich noch nie nähergekommen so etwas wie einen richtigen Spannungsbogen zu haben. Zu dumm das Lan Di mit Leichtigkeit alle Schläge von Ryo blockt, sich kaum zur Wehr setzt, und nach kurzem eine Cutscene übernimmt. Warum überhaupt einen Kampf gegen ihn einbauen, wenn es dann so eine lasche Nummer wird? Da geh ich ja lieber 2 Stunden einen Bergpfad lang, als mich so verarschen zu lassen. Es ist echt bemerkenswert, wie häufig Shenmue genau vor „jetzt könnte es spannend werden!“ halt macht und sich nicht den finalen Schritt wagt.

So gesehen kann ich allen Fans der Reihe sagen, dass sich Shenmue treu geblieben ist. Es passiert immer noch nicht wirklich viel. Stattdessen kann sich in viel Sidecontent ergossen werden. Holzklotz-Persönlichkeit Ryo macht es nichts, seinen Rachefeldzug für Wochen oder Monate auf Eis zu legen, um stattdessen Arcade zu spielen. Oder seine Martial Arts aufzuleveln. Kräuter zu sammeln und Holz zu hacken. Neue Klamotten zu kaufen. Capsule Toys aus den Automaten zu ziehen. Ryos Lebenszeit und in Verlängerung auch die eigene zu verschwenden ist in Shenmue III einfacher als jeh zuvor. Mein persönliches Highlight war das Angeln, welches mich sehr angesprochen hat. Allerdings nicht zu viel auf einmal nachgegangen werden kann, wenn man sich über das ständige Rotieren des rechten Analogsticks nicht die Hand bis auf die Knochen wundreiben will. Das alle Aktivitäten, selbst diejenigen, die ich mag, auf irgendeine Art und Weise einen unterschwelligen Nerv-Faktor mitbringen müssen, ist aber auch mal total Shenmue.

Mir persönlich gefiel es aber auf jeden Fall, dass nun Schwierigkeitsgrade direkt eingestellt werden können. Vorige Teile waren hier ja adaptiv, sprich je häufiger man im Kampfsystem verloren hatte, umso einfacher wurde die Schlägerei im Hintergrund gemacht. Jetzt kann ich gleich auf Easy wechseln. Gruppenprügeleien sind dennoch nicht weniger nervig unausgewogen dadurch, die Mano-a-Manos waren in Shenmue schon immer besser.

Die ganze herrliche Schrägheit ist übrigens auch zurück. Ryo hat nicht nur eine Persönlichkeit wie ein Stein, er spricht auch weiterhin mit der Emotion eines solchens. Auch auf Japanisch. Die Dialoge sind weiterhin absolut barebones, ohne jegliches Flair geschrieben und seltsam abgehackt vorgetragen. Die Kamera weiß immer noch nicht, was während jener interessante Winkel sind, sondern schwebt lustlos durch den Raum. Ich liebe es.

Was es für mich allerdings nicht gebraucht hätte, ist das Stamina-System. Ryo verliert über den Tag hinweg nun durchgängig an Energie, welche mit Essen aufgefrischt werden kann. Das macht das Spiel aber nicht realistischer in dem Sinne das nun ein oder zwei Mahlzeiten pro Tag zu sich genommen werden müssen. Es bremst das Spiel stattdessen nur aus. Besonders dadruch, dass die Stamina-Leiste in den Kämpfen auch die HP-Leiste ist. Also Ryo immer, wenn man einen vermutet, erst mal zehn Äpfel und fünf Zwiebeln schlucken lassen, um wieder voll zu sein. Als ob der Spielverlauf nicht langsam genug wäre ohne Geld für weitere Lebensmittel verdienen zu müssen. Die ersten beiden Spiele waren auch nicht Ereignisreich oder flott, allerdings konnte in ihnen schon recht geradlinig der Haupthandlung gefolgt werden. Shenmue III zwingt die Spieler durch die Stamina nun allerdings dazu, sich auszubremsen. Dass sich in einem neuen Gebiet oftmals nicht frei bewegt werden kann, sondern Ryo schlicht verweigert Teile davon zu betreten, weil er dies oder jenes noch vorher machen will, ist auch eine sehr unorganische Art und Weise, um jene hinter Storyfortschritt zu verschließen. Und tatsächlich sehr un-Shenmue, die vorigen Teile hatten sich bessere Gründe ausgedacht oder einen gleich Gebiete großräumig ablaufen lassen.

Insgesamt kann ich Shenmue III auf jeden Fall attestieren, dass es sehr Shenmue ist. Ein Nachfolger fast auf ganzer Linie zu den Vorgängern. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, ist natürlich eine andere Frage. Ich bin jedenfalls kein Fan der Reihe gewesen oder geworden. Wobei Shenmue II schon Ok war. Der dritte Teil ist wieder etwas ärmlicher, aber nicht so dröge wie der erste war. Eine gewisse Faszination kann ich der Franchise jedoch nicht absprechen. Interessant finde ich jedenfalls all die Fans der beiden Dreamcast-Episoden, die meinen III wäre so viel schlimmer. Da kann ich nur mit der Schulter drüber zucken. Ich habe Shenmue schon immer so wahrgenommen, wie sich auch III darbietet.

Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: