Mother to Mother

Mother to Mother ist ein Buchd er südafrikanischen Schriftstellerin und zweitweise UN-Mitarbeiterin Sindiwe Magona. Es behandelt eine fiktionale Geschichte stark inspiriert vom Amy-Biehl-Mord kurz vorm Ende der Apartheid. Und mit einem besonderen Twist.

Amy Bhiel war eine weiße Aktivistin, die im Township Guguletu von einem Mob Schwarzer umgebracht wurde. Das ist also auch der Aufhänger von Mother to Mother. Allerdings ist es nicht eine Geschichte, die aus dem Blickwinkel des Opfers erzählt wird. Auch nicht aus dem Blickwinkel des Täters. Sondern es ist die Täter-Mutter Mandisa, die der Mutter Amys schreibt. Sie beteuert keine Unschuld ihres Sohnes, sie bittet nicht wirklich um Vergebung, sondern sie möchte darauf aufmerksam machen, wie es zu dem tragischen Vorfall kommen konnte. Wie das Apartheid-System mit seinen strengen Segregations-Gesetzen sowohl die schwarze Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg niedergedrückt als auch die Flammen der Revolte gerade bei den Jüngeren entfacht hat. Dass Amy ein Symbol war. Nachdem die weiße Regierung den Schwarzen schon alle Rechte genommen hat und ihnen nur das Leben in den Dreckslöchern von Townships gewährt, wie schnell dann eben die Situation eskaliren kann. Wenn eine Weiße die „Dreistigkeit“ hat, selbst noch in diesen letzten Bereich der Schwarzen einzudringen. Dass es dann egal ist, dass sie unschuldig ist. Das sie helfen will. Amy ist nicht mehr Amy, sondern Amy ist das Symbol der Unterdrücker.

Mandisa als die Erzählerstimme zu nutzen hat natürlich enorme Vorteile. Denn letztendlich ist der Mord nach dem Beginn nicht mehr der zentrale Fokus des Buches. Es geht um das Apartheid-System, und das gibt es immerhin nicht erst seit 1993 wenn der Mord geschieht, sondern existiert da schon fast ein halbes Jahrhundert. Mandisa kann also viel mehr davon erzählen, viel weiter zurückgreifen. Wie die Schwarzen aus ihren Nachbarschaften, die sie sich erbaut haben und in der sie eine Community waren, die sie Heimat nannten, in die Townships zwangsumgesiedelt wurden. Dahin, wie eine versehentliche Teenager-Schwangerschaft ihre schulischen Zukunftsaussichten zerstörte. Wie ihr Sohn in Guguletu zwischen Apathie und Gewalt aufwuchs.

Sindiwe Magona geht es dabei auch eindeutig mehr darum, ein möglichst komplettes Bild zu formen, auch wenn das mit narrativen Regeln bricht. Das Buch ist in erster Person von Mandisa geschrieben. Dadurch wirkt das Geschehen natürlich direkter und persönlicher, und es funktioniert gut damit, dass dies eine direkte Ansprache an eine andere Person, Amys Mutter, ist. Gleichzeitig würde das streng genommen allerdings alle Szenen exkludieren, bei denen Mandisa nicht dabei war. Wie beispielsweise der Mord an Amy. Mit der Regel wird allerdings einfach gebrochen und Mandisa impliziert manchmal schlicht, was sie denkt wie ein Ereignis gelaufen ist was sich Leute gedacht haben, wenn sie selbst die Infos eigentlich nicht haben düfte.

Wobei für mich der Anfang etwas schwerlich war. Das erste Kapitel ist „Mandisa’s Lament“ und trägt diesen Titel nicht umsonst. Es ist der Beginn des Rahmens, der Brief von Mandisa an die andere Mutter, bevor der richtige Hauptteil der Geschichte anfängt. Und bevor wir noch richtig was über Mandisa wissen, bezeichnet sie bereits ihren Sohn als denjenigen, der ihr Leben durch seine blose Existenz zerstört hat. Und betreibt Victim Blaming gegenüber Amy, weil sie es hätte besser wissen sollen, statt als Weiße im Township aufzutauchen. Und das auch noch im Narrativ als direkt an die Mutter der Toten gerichtet! Mandisa hatte nach so einem Start ordentlich damit zu kämpfen, mir noch sympathisch werden zu wollen.

Gewonnen hat sie den Kampf. Weil das Buch eben hauptsächlich über eben in der Apartheid ist. Wie das System sie von Kindheit an im Stich gelassen hat und gegen sie gerichtet ist. Und auch wie lange sie bereits in ihm lben musste, immerhin ist sie bereits eine erwachsene Frau mit drei Kindern. Bereits zu ihrer Kindheit gab es Proteste gegen die schlecht ausgestatteten Schulen für Schwarze, und die sind Jahrzehnte später immer noch am Laufen. Weil sich nichts geändert hat. Weil sich keiner darum schert die Situation der Schwarzen zu verbessern, etwas gegen Apartheid zu tun. Zumindest niemand, der wirklich die Macht hat was zu ändern. Nachdem sie in ihre Townships weggesperrt wurden, nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“.

Zu To Kill a Mockingbird hatte ich geschrieben, dass ich es etwas schade fand, ein Buch aus der Sicht eines weißen Mädchens über Rassismus zu lesen. Dass dort keine schwarzen Stimmen echter Betroffener zu Wort kamen. Nun, ich habe meinen Wunsch in Mother to Mother bekommen. Ein Buch aus der Sicht einer schwarzen Frau, die von den Jahrzehnten des Apartheid-Systems gebrochen wurde. Eine schwarze Stimme zum Thema. Und es ist ziemlich schrecklich und deprimierend. Kein netter Lesestoff, kein Buch das man lesen „mag“. Und wahrscheinlich am besten wirklich für diejenigen, die sich bereits fürs Thema interessieren, statt als allgemeine Leseempfehlung zu dienen.

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