GameBoy Obscurities: Tanbi Musō Meine Liebe

Storytime! Auch ich war einmal jung. Damals vor 15-20 Jahren der frühen 2000er. Und wie jeder gelangweilte Jugendlicher zu jener Zeit führte das zwangsläufig dazu, dass ich eine eigene private Hobby-Homepage eröffnete. Mit Besucherzähler und blinkenden Gifs und so. Das Internet damals hatte halt einfach mehr Persönlichkeit und war viel anstrengender zu browsen. Zur damaligen Zeit habe ich noch nicht so viele Spiele gezockt, sondern die mehr nebenher, mein Herz gehörte zehn Jahre Anime und Manga. Das auch dann Thema der Homepage, mit Schreinen zu Lieblingsserien/Zeichnern und Reviews zu allem anders konsumierten.

Das war auch die Zeit als Angel Sanctuary nach Deutschland kam. Und sofort einen Schrein bekam. Später gesellte sich dann Kaori Yuki allgemein zu den Zeichner-Portraits mit Kurzbeschreibung aller ihrer Werke. Besonderes Schmankerl war da natürlich immer das japanische Netz zu durchstöbern auf die Sachen, die weniger bekannt sind, weil sie nicht ins Ausland lizenziert waren. Damit hatte man was voraus. Es gab noch nicht zu jedem Furz einen Wiki-Artikel, bei dem man das komfortabler nachlesen konnte. So Infos mussten sich auf Fanpages zu Fanpages zusammengeklaubt und gehofft werden, dass der Schreiber auch halbwegs Ahnung hatte.

Ein solches Schmankerl in meinen Schrein zu Kaori Yuki war Tanbi Musō Meine Liebe: Ein Dating Sim für Mädchen, zu welchem sie Charakterdesigns beisteuerte. Das war noch bevor es einen Visual-Novel-Nachfolger auf PS2, Manga-Adaption und zwei TV-Anime bekam. In der kurzen Zeit, in dem es scheinbar in Japan halbwegs beliebt war. Von so einem GBA-Spiel war die ROM selbst im damaligen weniger transparenten Internet gefunden und trotz damaliger langsamer Leitungen heruntergeladen gewesen. Ich versuchte mich also daran. Für die Screenshots und um auch was drüber zu schreiben zu haben. Ich versagte hoffnungslos und bekam demotivierend das Forever Alone Ende.

Man könnte also sagen, ich hatte mit Meine Liebe noch eine alte Rechnung offen.

Im Dating-Sim-Month des Community Game Alongs zu Anfang des Jahres habe ich mich dann wieder an das Spiel erinnert. Kurz reingeschaut wurde mir schnell klar, dass es schlichtweg ein Otome Tokimeki Memorial ist, ein Jahr bevor das erste Tokimeki Memorial Girl’s Side auf den Markt kam. Ist ja auch von Konami, da macht es Sinn, dass beim „verkaufen sich Dating Sims überhaupt an Mädels?“-Versuch keine großen Sprünge gemacht werden, sondern bewährtes Gameplay einfach kopiert wird. Ich dachte mir also das jetzt meine Zeit gekommen war die Rechnung zu begleichen. Ich habe TokiMemos gespielt. Ich weiß, wie die funktionieren. Und in den alten, defunkten Tiefen von Livejournals fand ich sogar Charakterguides, die einem sagen, was genau die notwendigen Trigger für jeden von den fünf Jungs plus einem Geheimcharakter sind. Ich kam also vorbereitet und voll ausgerüstet ins Gefecht, so dass Meine Liebes Niederlage eigentlich vorprogrammiert war.

Ich hatte die hinterhältige Art von Meine Liebe in meinem selbstüberschätzenden Pomp absolut unterschätzt.

Zunächst schien mein Angriffsplan genau aufzugehen. Meine Liebe mag im fiktiven europäischen Land Kuchen der 1930er Jahre spielen, in dem das ganze faschistische Aufleben des Kontinents keine Rolle spielt. Aber letztendlich war alles doch absolut TokiMemo. Statt drei Jahre ging man hier nur zwei zur Schule. Aber jede Woche wurde festgelegt, welcher Aktion nachgegangen werden soll, um die Statuswerte zu erhöhen. Sonntags dürfen Leute auf Dates eingeladen oder jene Dates begangen werden. Wessen Aufmerksamkeit vernachlässigt wird, der droht eine Gerüchte-Bombe über einen zu streuen, was negativ für die Zuneigung aller ist. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort ein Date zu haben führt zu Event-CGs. Meine Liebe ist sogar so nett, via aufploppenden Herzen oder Schweißtropfen zu zeigen, wann eine Antwort auf einem Date besonders gut oder schlecht ankommt. Was für mich bei einem Spiel ohne Voice Acting die Sache echt erleichtert.

Eine Besonderheit hat Meine Liebe dann aber doch. Neben den fünf männlichen Charakteren, deren Liebe am Ende gewonnen werden kann, gibt es noch 3 weibliche Charaktere. Die bieten sich direkt zu Spielbeginn als beste neue Freundinnen an und fügen die Spielerin sofort in ihre Clique ein. Ich würde echt gerne wissen, ob die Designer hinter dem Spiel ganz wie bei Koeis Otome-Urgestein Angelique hauptsächlich weiblich waren oder nicht. Denn wer auch immer Meine Liebe entworfen hat, scheint nicht sonderlich viel von (anderen) Frauen zu halten. Scheinbar dachte man sich schon allein im Grundkonzept, dass es keinen Sinn macht, dass vernachlässigte Männer Gerüchte streuen. Aus genau jenem Grunde gibt es nämlich gleich drei beste Freundinnen, sie übernehmen die Bomben-Pflicht, wenn man nicht regelmäßig mit ihnen abhängt statt nur Männer zu daten. Während sie also beim Sommerpicknick oder Neujahresfest einen freudig anstrahlen, zerstören die miesen Schlangen einem gleichzeitig hinterm Rücken die Reputation. Das sind echt lächerliche Geschlechtervorurteile. Noch viel schlimmer ist, dass eine von den Dreien scheinbar immer versucht, den Kerl zu erobern, hinter dem man selbst her ist. Wer den also aus welchem Grund auch immer nicht bekommt, darf auch noch zusehen, wie er in den Armen von einem Bestie von einem landet.

Deswegen hatte ich mich für Naoji entschieden. Er kümmert sich nämlich so gut wie gar nicht um die anderen weiblichen Charaktere. Die Gesamtfreundschaft aller männlichen und weiblichen Charaktere muss für ihn im Gegensatz zu den anderen Kerlen nicht ausgeglichen sein. Und wenn eine Bombe platzt, dann kostet das ihn auch nur eine Stufe an Zuneigung statt gleich komplett in den Keller zu rutschen. Und die ist über ein paar Dates schnell zurückgewonnen. Ich habe die hinterfotzigen Weiber also ignoriert. Am Ende waren dann die Statuswerte meines Charakters alle auf Maximum. Naoji hatte die maximale Zuneigung. Sein Charakterportrait war am leuchten wie eine Diskokugel. Ich hatte fast alle Events von ihm gesehen und auf jden Fall das, was für sein Ende nötig war. Alles schien auf ein mit Leichtigkeit errungenes positives Ende hinzudeuten. Ich hatte eine Strategie ausgearbeitet, ich hatte sie ohne Fehler umgesetzt. Fehlte nur noch die überwältigende Niederlage von Meine Liebe zu genießen und anschließend den Boden zu salzen, auf dem es einmal lebte.

Ich kam. Ich sah. Ich verlor.

Naoji hätte mich nicht mehr mögen können. Ich hätte keinen besseren Fang darstellen können. Ich hatte alles erfüllt, was der Charakterguide zu ihm vorsah. Und darüber hinaus. Dennoch musste ich mitansehen, wie er auf dem Abschlussball mit einer meiner angeblich besten Freundinnen (zugegeben, zu dem Zeitpunkt waren wir von der Affinität her eher Todfeinde) tanzte. Mein Charakter ging am Boden zerschlagen alleine in die kalte Nacht. Was nützt es schon eine Intelligenzbestie mit künstlerischer Begabung, sportlichen Höchstleistungen und der Attraktivität eines Models geworden zu sein, wenn einem ein Mann dennoch die kalte Schulter gibt?

Halt, stop, wartet. So einfach geben wir uns nicht geschlagen. Kampf Ich vs Meine Liebe: Das Rematch!

Es gibt doch auch einen Geheimcharakter im Spiel. Isaac, ein älterer etwas ungepflegt wirkender Kerl, mit dem man einen Sommer verbringt, und der dann aus dem Spiel verschwindet. Wie man Geheimcharaktere in Dating Sims gewinnt ist oft obtus, wenn man die Methodik weiß jedoch absolut simpel, weil sie außerhalb des eigentlichen Gameplays laufen. So auch Isaac. Nachdem man ihn am Ende des ersten Jahres getroffen hat und zurück im Schulalltag ist, muss man ihm nur regelmäßig Sonntags einen Brief schreiben, seine Antworten lesen, eventuell ein Geschenk mitschicken. Sonst nichts. Er kennt ja die anderen drei Mädels nicht mal, was soll da schon schiefgehen. Also schnell durchs letzte Jahr mit fast-forward und nur Briefverkehr gespielt. Isaac benutzte irgendwann meinen Vor- statt Nachnahmen in seinen Antworten. Ein monumentaler Erfolg in japanischen Spielen und positives Zeichen.

Am Ende tanzte auch er mit einer meiner weiblichen Freundin-zu-Nemesis. Wie auch immer die herausgefunden hat, dass ich ihn mag, um ihn mir wegzuschnappen.

Und jetzt weiß ich auch nicht. Ich habe ganz ehrlich gesagt keinen blassen Schimmer, was ich falsch gemacht habe. Weder beim Easy Road Isaac noch beim eigentlich vollwertigen Hauptspiel mit Naoji. Alle Voraussetzungen laut Guide waren erfüllt. Und dennoch schnappte sich eine Andere sie weg. Ich dachte ich wäre vorbereitet und wüsste, wie das Spiel besiegt werden kann. Doch scheinbar steckt doch etwas mehr, etwas fieseres, etwas durchtriebenes unter der scheinbar simplen „TokiMemo für Mädels“ Hülle. Und wofür die ganze Anstrengung? Es bleibt lediglich die Erinnerung an auf dem GBA-Screen nicht besonders hübsche, pixelige Event-Momentaufnahmen der Dates einer ultimativ erfolglosen Männerschau.

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: