Boogiepop and Others

Boogiepop hat so eine seltsame Verbindung mit mir. Kennt ihr das, wenn man irgendwann irgendwo mal von was gelesen hat, es dann aber dennoch nie selbst konsumierte, es einem aber alle paar Jahre durch irgendwas wieder ins Auge fällt? Und dann denkt man sich so „Ach ja, da hatte ich mal was drüber glesen“ und vergisst es wieder. Früher, als ich noch jung war und mehr Anime konsumierte, als das gut für einen ist, laß ich nämlich mal in einer AnimaniA von Boogipop Phantom. Einem Anime, welches wirr klang, und bei dem ich gar nicht mehr weiß, ob der Reviewer es gut oder schlecht fand, auf jeden Fall fand er oder sie es anstrengend. Glaube ich. Seit den letzten 15 bis 20 Jahren fällt mir also immer mal wieder sehr unsporadisch dieser Artikel über dieses mysteriöse Import-Anime ein. Anfang der 2000er hatten Medien, die nicht im eigenen Land erschienen waren, irgendwie automatisch diesen interessant-gemeinen Hauch, besonders wenn es wie im Falle von Boogiepop Phantom dann tatsächlich auch etwas aus der Reihe fällt.

Boogiepep Phantom ist aber nur ein einzelner Auswuchs eines wesentlich größeren Multimedia-Aufgebotes und ein Seitenprodukt eines ganz anderen medialen Grundsteins. Das ursprüngliche Boogiepop ist nämlich eine Reihe an Light Novels. Das sind besonders dünne Bücher, einfach zu lesen und häufig hübsch illustriert, die sich an ein jüngeres Publikum richten. Boogiepop ist nicht das erste davon, wird aber immer wieder als eine der ersten Serien genannt, die den Light-Novel-Boom der 2000er mitverantworten müssen. Seither sind fast zwei Dutzend Light Novels erschienen, gibt es Sidestories, Manga-Adaptionen, einen Live Action Film und nebst Boogiepop Phantom mittlerweile auch eine zweite Anime-Serie.

Das erste Buch, Boogiepop and Others, ist noch sehr kurz gehalten. Oft ziehen sich Story Arcs in Light Novels über mehrere Bände, wird auch später hier der Fall sein, doch das erste Volumen ist noch in sich abgeschlossen und dementsprechend eher simpel. Zumindest von der groben Handlung, die darin wiedergegeben wird, her. Keiji ist ein Teenager und wartet gerade auf seine Freundin Touko. Als ein merkwürdiger Kerl auf der Straße zusammenbricht. Alle ignorieren das, bis ein Junge im komischen Aufzug und mit dem Gesicht von Touko sich einmischt. Keiji ist perplex, da nämlich Touko nie aufgetaucht ist und später gar nichts von ihrer Verabredung gewusst haben will.

Das erklärt ihm der seltsame Junge auch, als sie sich das nächste Mal treffen. Er ist Boogiepop und übernimmt, wenn Not am Mann ist, den Körper von Touko. Aktuell geht an der Schule ein Menschenfressender Manticore um, und Boogiepop ist erwacht, um ihn zur Strecke zu bringen. Aus Selbstschutz vergisst Touko die Anwesenheit von Boogiepop und alles, was dem im Wege stehen könnte, also auch wenn sie deswegen Keiji versetzt.

Keiji findet Boogiepop interessant und über weitere Treffen sind sich die beiden eindeutig sympathisch. Bis Boogiepop deklariert, dass der Manticore ausgeschaltet ist, jemand anderes hat sich drum gekümmert, und das er deswegen nun wieder verschwinden wird. Das ist allerdings nur das Ende des ersten Kapitels.

So simpel die Handlung ist, so kann dies definitiv nicht auch von der Struktur des Buches gesagt werden. Jedes Kapitel trägt nämlich den Namen eines anderen Charakters. Und erzählt dann auch nur dessen Involvenz mit den aktuellen Ereignissen und Boogiepop nach. Alles, was geschieht, wenn der Charakter nicht dabei ist, hinterlässt Lücken. Die dann in einem anderen Kapitel von einem Charakter gefüllt werden, der vor Ort war. Die Boogiepop-Bücher sind also nicht chronologisch und nicht von einem allwissenden Über-Ich erzählt, sondern bestehen aus diversen Puzzle-Fragmenten, die sich nach und nach zu einem gesammten Bild zusammenfügen. Keiji findet nur die Grundlagen über Boogiepop heraus. Ein anderer Charakter erfährt Dinge über den Manticore. Ein weiterer hängt mit der anderen Figur zusammen, die den Manticore jagt. Und erst im letzten Kapitel finden wir heraus, wie jener ausgeschaltet wird, wenn ein wieder anderer Charakter im Prinzip zufällig in den Entscheidungskampf hineingezogen wird.

Es ist auch einfach zu sehen, warum es bei Teens damals so gut angekommen ist. Die Struktur ist interessant und lässt die Geschichte mysteriöser wirken, als der Standard-Plot eigentlich hergibt. Boogiepop ist eine vage und geheimnisvolle Figur. Alle Charaktere sind Schüler und reflektieren so auch den allgemeinen Unmut der Altersgruppe. Das die Lehrer mehr mit dem Ansehen der Schule beschäftigt sind, als dass man auf ihre Hilfe zählen könnte. Der Prüfungsstress vorm Abgehen. Die Rebellion gegen zu strickte Regeln. Und natürlich der Hook, dass auch dir ganz normalem Durchschnittschüler was Besonderes geschehen könnte!

Ich persönlich fand das Buch hingegen eher langweilig. Weil echt einfach nicht viel dran ist, wenn man die besondere Struktur mal außer Acht lässt. Die eigentliche Geschichte ist kurz und simpel und genau genommen geschieht gar nicht viel. Sie ist auch nicht sonderlich spannend erzählt, sondern zählt komplett darauf, dass die achronologische Erzählstruktur mit den dadurch aufkommenden Puzzle-Lücken beim Leser bereits genug Interesse aufbringen, um wissen zu wollen, was als nächstes passiert bzw. was bereits geschehen aber noch nicht erzählt ist.

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