To Kill a Mockingbird

To Kill a Mockingbird ist ein Roman von Harper Lee, der in 1960 publiziert wurde und im amerikanischen Süden der 1930er angesiedelt ist. Das Ding nennt sich Bildungsroman, weil er bis Heute gerne gelesen wird, um Schülern die Thematik Rassismus näherzubringen. Immerhin spielt es zu einer Zeit, wo jener sogar noch overter war als jetzt.

Zusammenfassungen fokussieren sich dabei gern darauf, dass es im Buch um eine Gerichtsverhandlung gegen den Schwarzen Tom geht, der beschuldigt ist eine weiße Frau vergewaltigt zu haben, und dass der Vater der Protagonistin Scout ihn vertreten muss. Dies ist allerdings leicht irreführend. Denn eigentlich geht es wesentlich mehr darum, wie Scout aufwächst. Das Buch spielt während ihrerer ersten Jahre auf der Schule und fast der komplette Part I, der auf Seite 124 von 309 erst endet, beschäftigt sich mit ihrer Kindheit in der Südstaatenstadt und hat noch fast nichts mit dem Verbrechen bzw. der Verhandlung zu tun.

So richtig ihr Leben auf den Kopf gestellt wird natürlich, sobald ihr Vater als Verteidiger von Tom auftritt. Denn er spielt nicht nach den ungeschriebenen Gesetzen der Gesellschaft um ihn herum. Für ihn sind tatsächlich alle vor dem Gesetz gleich. Eigentlich wird von ihm erwartet, dass er sich nicht groß anstrengt und man somit schnell den Schwarzen verurteilen kann und gut ist. Atticus nimmt sein Mandat aber ernst. Und wie sowohl mit Tom aber auch teilweise der Familie von Atticus aufgrund dessen umgegangen wird, lässt Scout und ihren Bruder Jem als Kinder plötzlich merken, in was für einer Gesellschaft sie aufwachsen, was jene von Schwarzen hält, und von jenen, die mit ihnen symphatisieren. Nämlich eine inherent rassistische Umwelt, in der alles gegen die Rechte von People of Color gerichtet ist.

Während ich zunächst fast etwas ungeduldig mit dem langen ersten Teil war, eben weil es nicht zum „guten Teil“ bzw. Hauptpunkt der Geschichte, die ich erwartete, kam, finde ich die Herangehensweies mittlerweile besser. Ich dachte halt echt, dass die Gerichtsverhandlung den Hauptteil des Buches ausmachen würde, statt erst in Part II zu geschehen und eigentlich auch schon nach wenigen Kapiteln vorüber zu sein. Die ist natürlich immer noch wichtig, immerhin ist so so ein wenig der Nukleus, um den sich die Realisierung von Scout und ihrem Bruder dreht. Ohne sie hätten die beiden wahrscheinlich die Gesellschaft um sich herum nie zu hinterfragen begonnen. Immerhin ist es eine sehr starke Szene. Besonders dann, wenn Tom vor Gericht aussagt, dass er der Frau bei den Hausarbeiten half, weil er Mitleid damit hatte, dass ihr sonst keiner hilft. Wie nett von ihm. Aber die anwesenden Weißen im Gerichtssaal sind alle schockiert und erzürnt über so eine eigentlich harmlose Aussage. Weil ein Schwarzer sich erdreistet hat Empathie gegenüber einer Weißen zu zeigen, weil er sie damit in ihren Augen herabsetzt, weil ja eigentlich er derjenige ist, der rassisch unter ihr zu stehen hat.

Dass allerdings der Großteil des Buches mehr um das Drumherum und Aufwachsen in der Community geht, zeigt das größere Problem. Der Rassismus zeigt sich nun eben nicht nur insular in dieser einen Gerichtsverhandlung und betrifft nur die beteiligten Personen. Nein es ist ein Gesamtgesellschaftliches Problem der Zeit und des Ortes, in dem Scout aufwächst. Und zeigt auf, wie Kinder solche Attitüden auch verinnerlichen, wenn sie nicht rechtzeitig hinterfragt werden. Scout muss beispielsweise einen Freund von sich aus dem Gerichtssaal begleiten, weil der unfaire Umgang gegenüber Tom ihn so aufwühlt. Scout kann sich das gar nicht erklären und meint in etwa „Was ist das Problem, er ist doch nur ein N*“. Für Scout, die jünger als ihr Bruder und der Freund ist, ist das Verhalten Tom gegenüber bis hierhin noch ganz normal, weil sie in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, in der das der gewohnt Umgang mit Schwarzen ist.

Rassismus ist allerdings nicht das einzige Thema im Buch, sondern die übergeordnette Thematik der Vorurteile zieht sich allgemein hier hindurch. Wer nicht den sozialen Normen entspricht, wird bestenfalls komisch angeschaut. Beispielsweise haben die Kinder einen Nachbarn, der nie das Haus verlässt. Und dadurch zur Spukgestalt für sie wird, der nachts durch die Gegend streicht und Gottweißwas macht. Dabei ist der introvertierte Kerl ein ganz netter, wie sie gegen Ende herausfinden und neben Tom ein zweiter Charakter, auf den sich der Titel des Buches beziehen lässt. Gender-Vorurteile kommen auch verstärkt vor. Zum einen, weil Scouts Vater oft als Schwächling angesehen wird, nur weil er nicht die typischen Dad-Sachen macht wie mit Knarren um sich zu schießen. Und Scout selbst bekommt immer wieder Ärger von ihrer Tante Alexandra, weil sie nicht Ladylike genug ist. Schon fast ironisch, dass Scout so schnell selbst Vorurteile entwickelt, obwohl sie selbst unter ihnen zu leben hat.

Etwas schade, wenn auch nachvollziehbar, ist, dass keine schwarzen Stimmen vorkommen. Überhaupt sind Afroamerikanische Rollen dünn besetzt. Wir haben halt mal wieder ein Buch über Rassismus von einer und durch die Augen einer Weißen. Dazu kommt noch dieser biographische Einschub und der Perspektive der ersten Person eines kleinen weißen Mädchens. Hierdurch gestaltet sich viel vom direkt wahrgenommenen Rassismus dadurch, wie die Nachbarn die Familie von Scout behandeln. Es gibt also viel Wehklagen darüber, dass schlecht über diese arme weiße Familie geredet wird, weil sie einen Schwarzen verteidigen. Die wenigen weißen Rollen, die wie mit Tom umgegangen wird schlecht finden, klopfen sich selbst auf die Schulter, weil sie besser sind. Derweilen hat kein schwarzer Charakter je direkt irgendwas über Rassismus zu sagen.

Das ist im hiesigen Fall natürlich etwas unfair zu bemängeln. Welches Buch eines Schwarzen und dann auch noch über Rassismus wäre schon in 1960 publiziert worden? Und das ein weißes Mädchen im Süden der 1930er wenig mit Schwarzen zu tun bekommt und die sich ihr gegenüber sicherlich nicht über das Thema öffnen würden, ist ja auch irgendwo klar. Beim Lesen kann die „White Saviour“-Trope halt manchmal schlecht aus dem Hinterkopf zu verdrängt werden.

Letztendlich ist es halt gut ersichtlich, warum To Kill a Mockingbird so gern als Bidlungsroman herangezogen wird. Zum einen ist es natürlich eine gute Zeitkapsel in eine Region und Zeit, die hochgradig rassistisch war, obwohl zumindest die Sklaverei offiziell bereits abgeschafft war. Aber auch zur Realisierung, dass dies gar nicht mal so lange her ist. Und man kann halt hierauf aufbauend gern die eigene Gesellschaft hinterfragen, in der man aufgewachsen ist, und ob es dort nicht auch intrinsischen Rassismus gibt, den man so nur teils noch nicht wahrgenommen hat. Darauf einen Schokokuss, meine Lieben.

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2 Kommentare

  1. Man merkt richtig, wie gut du diesen Roman fandest und wie nuanciert du dich mit dessen Inhalt auseinander gesetzt hast. Dementsprechend liest sich dieser Beitrag auch richtig gut und gäbe es eine Rankingshow mit mir in der Jury, würde ich diesen Beitrag als einer meiner persönlichen Lieblinge deiner diesjährigen Beiträge nominieren. Das wollte ich einfach nur mal gesagt haben und stoße daher mit dir auf einen Schokokuss an.

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