Psycho

Das 1960er Psycho, basierend auf einem im Vorjahr erschienenen Buch, ist ein Wegstein des Horrorkinos. Von den über 50 Filmen, die der Meister des Suspens und Thrillers Alfred Hitchcock dirigierte, ist er wohl so ziemlich sein bekanntestes Werk, und das, obwohl ursprünglich niemand an den Film glaubte und Hitchcock extrem darum kämpfen musste, ihn drehen zu dürfen. Nicht zuletzt gilt Psycho auch als der Grundstein des Slasher-Genres.

Den Heutzutage zu schauen ist natürlich eine ganz eigene Sache. Immerhin wird der Film nächstes Jahr 60 Jahre alt. Und er ist einfach so sehr ins popkulturelle Unterbewusstsein eingegangen, dass man den Film eigentlich schon kennt, selbst wenn man ihn nie gesehen hat. Allen voran natürlich die zwei großen Überraschungen, die den größten Attraktionspunkt des Filmes ausmachen, um die sich alles dreht, und bei denen Hitchcock damals sein Möglichstes tat, um sie so lange wie möglich geheimhalten zu können.

Allen voran haben wir da natürlich die Sache, dass Janet Leighs Rolle als Marion als der Hauptcharakter der Geschichte verbucht wurde. Sie war überall im Promo-Material zu sehen. Und dann geschieht mit ihrer Rolle etwas, was sich strukturell selbst heutzutage die meisten Filme nicht trauen würden. Sie stirbt. Aber nicht erst ganz am Ende. Auch nicht wie eine Drew Barrymore im ersten Scream im Opener und dann gehen wir zum eigentlichen Hauptcharakter. Nein, wir folgen ihr erst Mal fast eine Stunde durch den Film. Sie ist die unmoralische Frau, die in ihrer Mittagspause mit ihrem Kerl in Hotelzimmern rummacht, und sich dazu entschließt, die 40.000 Dollar ihres Chefs nicht auf die Bank zu bringen, sondern damit unterzutauchen. Sie muss im Bates Motel absteigen, hat eine unkomfortable Unterhaltung mit Norman, und wird genau dann, wenn sie sich entschließt doch ein gutes Mädchen zu sein und zurückzufahren, statt den Diebstahl durchzuziehen, unter der Dusche erstochen. In welchem Film folgt man schon die halbe Spielzeit einem Charakter und dann wird der einfach abgemurkst, die Handlung geht aber fast noch eine Stunde weiter?

Die andere Sache ist natürlich diejenige, dass Norman sie umgebracht hat. Heutzutage wäre selbst ohne das Vorwissen von Psycho ein Publikum direkt auf dem Trichter, dass etwas nicht stimmt, wenn wir seine Mutter immer nur hören und beim Mord nur Schattenhaft sehen. Ein Publikum in 1960 hinterfragte noch nicht, dass eindeutig die verrückte Alte die jungen Dinger umbringt, weil sie meint, sie wollten ihren unschuldigen Jungen verführen. Umso schockierender ist es dann eben, am Ende herauszufinden, dass sie schon lange Tod ist, Norman mit der Leiche lebt, und immer wieder in die Rolle der überfordernden Mutter schlüpft.

Was heutzutage natürlich ebenfalls nicht mehr so offensichtlich ist, ist die Tatsache, dass Hitchcock in Psycho auch sehr weit in der Darstellung dessen ging, was erlaubt war. Das Abstechen unter der Dusche war damals ein schockierender Brutalitätsmoment. Und vor allem war der Film für 1960 extrem sexy. Leigh ist in mehreren Szenen in ihrem BH zu sehen und auch beim Mord unter der Dusche wird in schnellen Cuts mal der Bauchnabel und mal etwas Sideboob gezeigt.

Obwohl sich aber gerade deswegen merklich macht, weil reingehend schon klar ist, welche Überraschungen auf einen warten werden, ist, wie gut Psycho geschrieben ist. Die besten Filme, die maßgeblich auf Wendungen aufgebaut sind, verlieren nämlich eben nicht vollkommen ihren Reiz, wenn jene schon bekannt ist. Und haben vor allem Dialoge zu bieten, bei denen man im Nachhinein sieht, wie viel schon gehintet war, ohne dabei das Forshadowing so arg zu übertreiben, dass man die Wendungen erraten kann. Psycho ist ein solcher Film. Gerade im Gespräch zwischen Marion und Norman in seinem Büro lässt Norman nämlich nicht nur in seine Psyche blicken, sondern sind einige Anspielungen untergebracht, die man erst entdeckt, wenn man sich bewusst ist, wohin die Reise geht. Wenn er beispielsweise erwähnt, dass seine Mutter eigentlich genauso harmlos ist, wie die ausgestopften Tiere im Raum. Denkt man sich nicht viel bei, bis man weiß, dass sie nur noch eine mumifizierte Leiche ist.

Den tatsächlichen Hauptpunkt, warum Psycho so gut ist, ist natürlich das extrem gute Schauspiel von Athony Perkins. Der schon vorher in Film und Theater zu sehen gewesene und ausgezeichnete Schauspieler sollte hier seine Paraderolle meistern, die ihn für den Rest seiner Karriere nicht vollkommen losgelassen hat. Er ist einfach perfekt als der jugendlich-sympathische aber auch irgendwie verschrobene Norman Bates, der scheinbar unter der Fuchtel seiner Mutter leidet, nur um dann als der wahre Psycho zum Filmende hervorzukommen. Gerade eben auch wegen der riskanten Entscheidung, Leigh halb durch den Film umzubringen. Anschließend folgen wir dann nämlich zunächst einem Privatdetektiv und dann Leighs Lover und ihrer Schwester, die sich beim Motel umschauen. Der Film hätte also genauso gut an Struktur verlieren können, wenn Perkins ihn in der zweiten Hälfte nicht so gut über Wasser halten würde.

Natürlich gibt es noch mehr zu mögen an Psycho. Hitchcock weiß durch gute Kameraführung, durch den richtigen Schnitt, die richtige Perspektive, die richtige Szenenausstattung genau die Atmosphäre hervorzurufen, die dem Suspens des Filmes zugutekommt. Die selbst scheinbar harmlose Szenen in ein ominöses Licht werfen. Und dann ist da natürlich der ikonische Soundtrack. Viel davon hat selbstverständlich wie bereits erwähnt den Nachteil, dass 60 Jahre später all dies altbekannt ist, einem dies nicht mehr so bewusst gewahr wird, wenn man nicht genau darauf achtet. Aber das der Film eben trotz allem überhaupt noch funktioniert, ist das größte Attest dessen, wie gut er gemacht ist.

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