Rumic World II: Laughing Target & Mermaids

Rumiko Takahashi ist mehr für ihre Romanzen und Komödien bekannt. Einen gewissen Touch beider Dinge scheint zumindest allen ihren bekannten Geschichten innezuwohnen. Doch die Frau kann auch Horror, wie sie beispielsweise in der Kurzgeschichte Laughing Target zeigte, oder auch in ihrem dreibändigen Mermaid Saga.

Yuzuru ist ein bei den Mädels an seiner Schule nicht ganz unbeliebter Teenager, hat aber bereits eine Freundin in Satomi, mit der er zusammen im Bogenschießklub ist. Die ist wohlweislich nicht so begeistert, als Yuzuru nebenbei erwähnt, dass von nun an seine Verlobte bei ihm wohnen wird, von der sie noch nie was gehört hat. Ist nämlich so, dass Yuzuru und seine Cousine Azusa sich als kleine Kinder versprochen wurden, weil die Mutter von Azusa und Oberhaupt der Familie darauf bestand. Das ist so viele Jahre her, dass sich Yuzuru nicht vorstellen kann, Azusa würde das noch für voll nehmen. Tut die aber ungemein.

Das Setup von Laughing Target klingt zugegeben auch absolut danach, als hätten wir es mit einer typischen Verwechslungkomödie von Takahashi zu tun, diese Charakterkonstellation könnte so auch aus Ranma 1/2 stammen.

Stattdessen ist das hier aber eine Horror-Geschichte. Sehen wir schon direkt am Anfang, denn eigentlich startet die OVA mit einem Stimmungsvollen Rückblick, in dem Azusas Mutter panisch das Haus durchsucht, während wir Azusa als Kleinkind auf ein Geisterumwobenes Grabmal zukommen sehen, endend in einer Vision der Mutter einer dämonenbesessenen Azusa, die sich dann doch in das lachend-spielende Kind wandelt. Übrigens die einzige Szene im Anime mit dem Titel Laughing Target, in dem Azusa lachen wird.

Die restliche Zeit, sobald Azusa wieder im Leben von Yuzuru angekommen ist, besteht daraus, dass Satomi etwas grantig ist, weil er keine Klarheit schafft, während Azusa eindeutig eifersüchtig ist und mit zunehmenden warnenden Attacken Satomi langsam in die Verzweiflung treibt. Dazu kommt noch der eine oder andere Rückblick, wie das Azusa als Kind beinahe von einem Jungen vergewaltigt worden wäre, ihn jedoch mit einem Stein erschlug und dämonische Verbündete die Leiche fraßen, oder wie sie ihre Mutter beseitigte, als diese sie erwürgen wollte, nachdem der klar wurde, dass Azusa besessen ist. Das soll wohl etwas Sympathie für Azusa wecken, die zu Beginn der OVA auch immer mal wieder versucht sich gegenüber Satomi zu zügeln. Aber teilweise verwirren sie ein wenig die Timeline, wann und warum Azusa jetzt wirklich besessen wurde und wie diese Inbesitznahme sich nun genau gestaltet.

Die OVA bewegt sich auch mal wieder sehr langsam. Es ist eben schon stark merklich, dass die in Rumic World zusammengefassten Storys nur One-Shots von einem einzelnen Kapitel sind. Ein paar Dutzend Seiten Manga füllt nicht gut satte 50 Minuten in der animierten Rumic World von Studio Pierrot aus. Laughing Target kommt hierbei gegenüber Fire Tripper und Maris the Chojo noch am stringentesten rüber, so als langsam schleichender Horror, doch hätte ähnlich anmutende Szenen auch durchaus gern ein bisschen weniger häufig wiederholen können.

Besonders gut für die Atmosphäre ist aber definitiv die ambitionierte Präsentation, welche die sehr gewöhnliche und simple Handlung etwas aufwertet. Die vorigen beiden OVAs hatten schon ein paar sehr gute Szenenkompositionen, und Laughing Target dreht hier noch mal auf. Vor allem natürlich auch in den alptraumhaften Rückblicken oder den Attacken von Azusa. Aber auch das ein Großteil der Szenen in Blautönen gehalten ist, bringt dann das aufblitzen von rotem Blut beispielsweise gut zur Geltung. Auch zwei sehr gute Insert Songs sind wieder mit von der Partie, besonders der unheimliche Liebessong wenn Azusa bei Yuzuru auftaucht.

Die Mermaid Saga gehört als Manga nicht in die Rumic World, immerhin ist es kein One-Shot, sondern füllt ganze drei Bände. Konzeptionell ist es allerdings nicht unähnlich, da auch hier in jedem Kapitel eine eigene Episode erzählt wird, die Thematik nur zwischen ihnen konstant ist und die beiden Hauptcharakter gleich bleiben. Einem solchen Kapitel, Mermaid Forest, wurde sich dann von Studio Pierrot in den üblichen 50 Minuten angegangen, weswegen die OVA-Variante dann doch zu deren Rumic World Line-Up zählt. Die zwei Jahre später umgesetzte OVA Mermaid Scar hingegen stammt von Studio Madhouse, ist also nicht mal als Anime eine Rumic World Geschichte. Passt hier aber trotzdem, also sprechen wir auch darüber.

Dabei geht dies hier auf die japanische Mythologie um Ningyo zurück, die häufig nicht wie die verführerischen Sirenen der westlichen Literatur dargestellt wurden, sondern einen monströsen Oberkörpfer oder gar nur Kopf mit einem Fischschwanz verbanden. Rumiko Takahashi kulminiert das ein wenig darin, dass die für uns traditionellen hübschen Meerjungfrauen sich eben auch in ein Monster verwandeln können. Und behandelt vor allem die japanische Legende, dass ihr Fleisch zu essen unsterblich macht.

Deswegen werden sie natürlich gern gejagt und getötet, um endlich die Unsterblichkeit erlangen zu können, bzw. sogar lebendgelassen eingesperrt, um es nach Belieben aus ihnen herausschneiden zu können. Was den Meerjungfrauen eine tragische Komponente geben würde, wenn sie jemals eine Figur in diesen Geschichten wären, doch Mermaid Forest und Mermaid’s Scar präsentieren sie mehr wie die nicht greifbaren mythologischen Wesen und erzählen stattdessen lieber Geschichten von menschlichen Drama, die durch sie verursacht werden.

Hier ist auch wichtig zu wissen, dass das Fleisch einer Meerjungfrau giftig ist. Nur wenige Menschen überstehen dessen Konsum unbeschadet, die meisten sterben entweder oder werden zu Monstern. Yuta beispielsweise hat Jahrhunderte einsam die Erde bewandert, bis er endlich mit Mana eine ander Unsterbliche traf. Die beiden sind dann auch, zusammen mit der Unsterblichkeitslegende, das Bindeglied der Kapitel in Mermaid Saga. Denn nachdem Yuta so lange niemand anderen angetroffen hat, scheinen die beiden plötzlich nirgendwo mehr hinreißen zu können, ohne auf Leute zu treffen, die Meerjungfrauenfleisch gekostet haben.

In Mermaid Forest wäre da beispielsweise Towa, deren Zwillingsschwester Sawa der Todkranken in der Jugend Meerjungfrauenblut zu trinken gab. Über die letzten Jahrzehnte ist Towa auch tatsächlich nicht gealtert, bekam aber eine Monsterklaue gewachsen, die sie regelmäßig mit den Händen verstorbener Mädchen auswechselt. Sie ist besessen davon, die Meerjungfrau zu finden, der Sawa das Blut entnahm, die möchte das Familiengeheimnis aber nicht teilen. Bis Towa versucht ihren Kopf auf den Körper von Mana verpflanzen zu lassen, und Sawa doch Skrupel davor hat, ein lebendiges Mädchen umzubringen (auch Unsterbliche überleben eine Köpfung nicht). Doch Towa möchte das Meerjungfrauenfleisch gar nicht für sich, sie wollte nie unsterblich sein und war mit ihrem Leben zufrieden. Nein, sie möchte das Sawa davon isst, damit sie zur Strafe zu einem Monster wird, denn Sawa gab ihr damals nur das Blut, um zu testen, ob die Unsterblichkeit wirklich bei den Zwillingen funktionieren kann.

In Mermaid’s Scar treffen Yuta und Mana stattdessen auf den kleinen Jungen Masato, der frisch zu seiner Mutter in ein abgelegenes Anwesen zieht. Was zunächst so aussieht, als würde er von ihr misshandelt werden, hat aber ganz andere Gründe. Masato ist unsterblich, da sich als Kind aber schlecht alleine durch die Gesellschaft manövriert werden kann, bietet er regelmäßig Frauen das Meerjungfrauenfleisch an, um sich Kompagnons zu züchten. Die sterben aber häufig nach einigen Jahrzehnten bereits und Masato zieht weiter. In Mana meint er jetzt eine permanentere Lösung gefunden zu haben.

Die ruhige und gemächliche Vorgehensweise funktioniert hier für mich erneut eindeutig besser, denn es geht eben mehr um das menschliche Drama statt um den Horror in den Geschichten. Wobei es eindeutig tonal Unterschiede zwischen den beiden OVAs gibt, denn Mermaid’s Scar geht zügiger voran, bietet mehr Action als das langsam entfaltende Familiendrama von Mermaid Forest, welches in der ersten Hälfte wieder viel dahin mäandert. Scar sieht auch schicker aus, wobei Madhouse auch gar nicht sonderlich versucht hat, das Original-Charakterdesign einzufangen.

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