I am the arm and I sound like this

Twin Peaks war hochgradig durch das Mysterium um Laura Palmers Tod angetrieben. Lynch musste jenen viel früher aufklären, als je geplant. Leute verloren das Interesse und Twin Peaks endete in der zweiten Staffel etwas unbefriedigend. Laura Palmer verabschiedete sich von Agent Cooper mit den Worten, dass man sich in 25 Jahren wiedersieht. 25 Jahre später lief Season 3 über die Bildschirme, ohne Kompromisse dort angesetzt und geanuso unbefriedigend endend, wie seine vorzeitig abgesetzten Vorgänger.

viel mehr haben sie aber nicht gemein.

oder haben sie das doch?

Beim Schauen von Season 3 verlor ich meinen Realitätsbezug. Ich meinte zunächst nach ganz eindeutig zu wissen, dass Twin Peaks nie so war. Die ersten beiden Staffeln hatten ihre schrägen Szenen und kryptischen Dialoge. Doch Twin Peaks war immer zum Großteil nachvollziehbar. Es war mehr quirky denn verquer. Oder war es das? Meinte ich das nur im Nachhinein? War Twin Peaks schon immer eine Aneinanderreihung merkwürdiger Ereignisse, unsinniger Traumsequenzen, irrelevanter Charaktere beim Small Talk? Der Atompilz Zweifel war in mir hochgegangen.

immerhin war twin peaks lange her.

Ich war spät zur Party Twin Peaks. Ich sah es nicht Anfang der 90er, als es einer der ersten Serien in der TV-Landschaft war, die mit Prestige daherkamen und gegen den Einheitsbreistrom schwammen. Der @ddprrt, auch bekannt als Stefan Baumgartner, zu der Zeit, als wir gemeinsam alleine gegen Drachen gequestet haben, riet mir stark zur Serie. Ich sah sie. Ich sah auch den Film. Der Film ist nicht ganz so gut. Ich fand ihn zumindest nicht ganz so gut. Das ist jetzt zehn Jahre her. Vielleicht mehr. Ich würde schnell ins alte Blog schauen, wann ich über Twin Peaks schrieb. Aber Myblog gibt Content-Warnungen. Also mache ich es nicht. Das lief von 2004 bis 2010, als ich nach WordPress migrierte. Hierher. In die aktuelle Realität die gerade schwarz auf weiß auf dem Bildschirm auftaucht. Es müsste aber zu dessen heißen Phase gewesen sein. Also so eher 2008-2010. @ddprrt riet mir damals auch zu Lost. Da war ich auch spät bei der Party. Aber früh genug, um alles für die finale Staffel nachzuholen. Wo wir gerade bei Mystery-Serien sind, die vielversprechend anfangen und enttäuschend enden.

Es ist also zehn Jahre her. Das ist eine Dekade. was weiß ich schon noch, wie die vorigen staffeln waren¿

Aber so wie The Return waren sie nicht. Oder? Das möchte ich zumindest glauben.

Vielleicht war mein zehn Jahre jüngeres Ich auch einfacher zu beeindrucken¿ Hat Sinnlosigkeit mit Kunst gleichgetan. Ich mochte auch 12 oz mouse. Zehn Jahre jüngeres Ich. Vergangenheits-Ich.

Ist Twin Peaks Kunst? Ist Twin Peaks Season 3: The Return Kunst?

alles ist kunst. ist es doch, oder¿

Ein Bild von einer Konservendose ist Kunst. Eine Toilette ist Kunst, sobald man sie in ein Museum stellt und gegen die funtkionale Nutzung absperrt. Die Höhlenmalerei einer kruden Nackten, die der Neanderthaler rein aus dem Zweck sich darauf einen von der Proto-Palme zu schütteln, drangeklatscht hat, ist vorzeitliche Kunst. Dadaismus, eine Bewegung, die gezielt als Anti-Kunst startete, ist heutzutage als künstlerische Expression bekannt. Man könnte sich auf eine Bühne setzen, die fröhliche Erkennungsmelodie der Biene Maya pfeifen, und dabei seine eigene Scheiße fressen, und es als Performance Art über Kapitalismus bezeichnen.

Wenn alles Kunst ist, ist nichts nicht Kunst. Und somit ist auch Twin Peaks Kunst. Selbst The Return. Aber Twin Peaks ist auch ein Unterhaltungsmedium. Unterhält Twin Peaks also? Kunst muss nicht gefallen, aber eine TV-Serie schon. Fragezeichen¿? Wikipedia, die einzig wahre Quelle, die als solche verpönt ist, sagt dazu

Unterhaltung (Kultur), kulturelle Aktivitäten mit dem Ziel, einem Publikum Freude zu bereiten

Twin Peaks bereitete mir keine Freude. Aber ist die so wichtig? Ich stelle mich mal gegen das gottgegebene Wikipedia und behaupte, man kann auch unterhalten sein, ohne Freude zu haben. Ich mag aber auch Misery Porn wie Silent Hill 2, Die letzten Glühwürmchen und so Kram. Der Begriff „Freude“ ist nicht gerade assoziationswürdig mit jenen. Aber ich war unterhalten. Und sie resonieren mit vielen.

Ich habe ja mal behauptet, Zone of the Enders: The 2nd Runner wäre das beste PS2-Spiel von Konami. Was hat das die zarten Schneeflockengemüter ein paar weniger Gamer (TM) doch erhitzt, wenn Silent Hill 2 und Metal Gear Solid 3 existieren. Darauf habe ich geshitpostet, statt zu sagen, dass ich beide jene Spiele nie selbst gespielt habe, dass mir Silent Hill 2 zu viel Misery Porn ist (gelogen, wie gesagt geh ich voll drauf ab eigentlich) und man bei Kojima-Spielen eh nie sicher sein kann, ob er nur zufällig in den Geniestreich reingerutscht ist, beim Versuch zu trollen.

Twin Peaks The 3rd Season Returns fühlt sich an wie ein Shitpost. Als wäre ich von David Lynch getrollt worden. Für 18 Stunden am Stück. Aber David Lynch ist nicht Hideo Kojima. Lynch muss doch einen tieferen Sinn dahinter verborgen haben. Ihn nicht einfach als Kojima-esquen Troll beiseite schieben zu können, führt aber nur dazu, ƨʞɒǝꟼ niwT S3 nicht beiseite schieben zu können. So vehement wie vergeblich bei der Stange bleiben wollen, irgendeinen Sinn sehen zu wollen, irgendwas verstehen zu wollen, irgendwelche Zusammenhänge oder Themen entdecken zu wollen. Aber das geht nicht. Denn keiner steckt im Kopf von David Lynch, dem einzigen Raum, in dem Twin Peaks Revengeance Sinn macht. Vielleicht. Beantworten könnte diese Vermutung nur Lynch selbst. Und der spricht nicht mit mir.

Agent Cooper schlafwandelt fast die komplette Show über durch die Szenen, ohne eigenen Antrieb. Andere Leute stubsen ihn voran, sind freudig darauf aus, mit ihm zu reden und auf ihn einzugehen, obwohl Cooper immer nur die letzen beiden Worte an sie zurückpapageit. Ist das eine Hommage an Metal Gear Solid? Ist das ein Kommentar dazu, wie einfach es alte weiße Kerle in unserer Gesellschaft haben, selbst bei absoluter Ahnungslosigkeit die Karriereleiter hochzufallen? Dazu, wie man selbst, wenn man eindeutig nicht mehr funktionert, als Rädchen zum Weiterdrehen gezwungen wird? Vielleicht ist eines davon wahr. Vielleicht ist alles davon wahr. Vielelicht ist nichts davon wahr.

Was ist schon Wahrheit? Das, was wir erade wahrnehmen¿ Wer sagt, dass wir nicht alle in der Matrix stecken. Wer sagt, dass ich nich in einer besonders langweiligen Truman Show die Hauptattraktion bin? Wer sagt schon, ob die Verrückten nicht diejenigen sind, die wirklich hinter den Schleier geschaut haben, den unser Gehirn unter dem Vorwand der Vernunft nicht wahrhaben will?

Was macht schon irgendwas Sinn. Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es überhaupt einen? Ist es eventuell doch nur eine Aneinanderreihung von menschlichen Interaktionen, in dem jeder Mensch gleich Unwichtig gleich viel mit einem reden kann, ohne das dahinter ein Sinn stecken muss. Wie in ʇʍıu dǝɐʞs S3 mit seinen vielen Charakteren und vielen Dialogen und 99% davon sind bedeutungslos?

Ist unsere lineare Zeitwahrnehmung überhaupt real, oder nur ein Gefägnis wie unser biologischer Körper? Eine Folge Twin Peaks dauert um die 55 Minuten. So sagt das zumindest mein Wiedergabegerät. Mein Wiedergabegerät sagt mir auch gern, dass ich gerade mal 15 davon gesehen habe. Und dennoch, in der nicht nachvollziehbaren Subjektivität meiner Wahrnehmung scheine ich die Folge schon drei Tage am Stück zu schauen. Ich bin ausgelaugt. Ich höre die Uhr ticken. Im übertragenen Sinne. Wer hat schon noch tickende Uhren in 2019? Vielleicht ist es auch gar kein Ticken, sondern ein Tropfen. Mein Verstand fließt langsam aus meinem Hirn, tropft beständig aus beiden Ohren und lenkt mich davon ab, mich auf T҉ẁ̶į̡n̸͠ P̴e͘a͘k̡s̢ konzentrieren zu wollen. Jetzt schaue ich schon 30 Minuten, angeblich, laut Wiedergabegerät, wenn ich dem trauen will, und die verlorenen 15 Minuten seit dem letzten Schauen auf das lügende Wiedergabegerät kommen mir wie 5 Sekunden vor und ich habe nichts mitbekommen. Weil ich abgeschaltet hatte. Weil eh nichts Sinn ergibt. Weil nichts zusammenhängt. Weil nichts Bedeutung zu haben scheint.

ganz wie das leben.

Mehr als zwei Folgen am Stück gingen nicht. Zwei Stunden Twin Peaks hintereinander, wobei die Folgen sowieso direkt in sich fließen narrativ, soweit man eine narrative Struktur überhaupt hineinlügen will, damit sich das Gehirn am Verstand festhalten kann, an bekannte Strukturen, an Sinn in der Sinnlosigkeit, zwei Stunden Twin Peaks hintereinander waren Tortur. Weiterschauen war dennoch angesagt. Zumindest am nächsten Tag. Dabei regelmäßiges Schauen in die vorige Folge, ob man auch wirklich nicht versehentlich eine übersprungen hat. Ob die aktuelle Gegenwart des Schauenden und die Vergangenheit der Folge davor zusammengehören, damit sich die Zukunft der nächsten Folgen nicht noch sperriger gestaltet.

Ich habe Twin Peaks S3 überlebt. Ich bin 18 Folgen älter. Aber ich lebe noch. Bleibende Hirnschäden können so kurzfristig danach noch nicht ausgeschlossen werden. Kunst darf vieles. Kunst darf alles. Kunst soll vor allem Emotionen erregen. Twin Peaks war emotional. Ich war weniger unbeteiligt als viel mehr hoffnungslos. Das ist eine Emotion. Ich war enttäuscht. Das ist auch eine. Ich war ratlos, verwirrt, ja sogar verärgert.

David Lynch ist ein Künstler. Das sagt alles. Und das sagt nichts.

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3 Kommentare

  1. Hast du David Lynch mal auf Twitter gefragt? https://twitter.com/DAVID_LYNCH

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  2. Dieser Beitrag hat mich ziemlich erheitert, wobei ich so manches Mal das Gefühl hatte, als hättest du LSD genommen – zugegebenermaßen klingt es auch so, als hätte der werte Herr Lynch selbst welches bei der Erstellung der dritten Staffel genommen.

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