Nostalgic Anime Week: Angel’s Egg

Zurück in die Frühzeiten der von mir geschauten Anime, diesmal mit einem der ersten, die ich über Fantsubs gesichtet habe, da der limitiert releaste Indie-Film anders nicht verständlich zu bekommen war, nachdem diverse Quellen ihn mir schmackhaft gemacht hatten.

Bei Angel’s Egg handelt es sich um eine OVA von unserem Anime-Auteur Mamoru Oshii, und eines seiner frühesten Werke. Nachdem er über die Adaption von der Romcom Urusei Yatsurei ins Business einstieg, dort den konventionellen ersten und alles andere als konventionellen zweiten Film Beautiful Dreamer ablieferte, erschuf er mit Dallos die allererste OVA. Um kurz darauf zusammen mit Charakterdesigner Yoshitaka Amano das leider alles andere als erfolgreiche aber zu einem Arthouse-Klassiker avancierende Angel’s Egg zu gebären. An allen Ecken und Enden voller Symbolismus, geprägt von einer Glaubenskrise des japanischen Christen Oshii, ein Film der wenigen Worte und noch weniger Charaktere. Ein audiovisuelles Erlebnis, von dem selbst Mamoru Oshii in Interviews behauptet, nicht vollkommen zu wissen, was er bedeuten soll.

Wir beginnen mit der Großaufnahme von Kinderhänden, die gut durchanimiert gestikulieren, plötzlich zu denen eines Erwachsenen werden, der die Faust zusammendrückt, begleitet vom Geräusch etwas Zerplatzenden.

Szenenwechsel. Ein junger Mann steht in einer postapokalyptisch anmutenden Szenerie, mit einem riesigen Ei, durch dessen Transparenz ein Vogelembyro zu sehen ist, auf einer Baumkrone. Eine Kugel, die wie ein mechanischer Augapfel erscheint, schwebt aus den Wolken herab. Bei Nahaufnahme sehen wir, dass es mit Statuen von Betenden bestückt ist.

Erneuter Szenenwechsel, diesmal beginnen wir wirklich den narrativen Fanden, soweit man das bei diesem Film behaupten kann. Ein Mädchen erwacht. Neben einem Ei. Und macht sich auf die Reise mit jenem. Diese wird sie nach einem Marsch durch die Natur auch in eine Altstadt führen, die verlassen scheint. Manchmal rennen aber Schwadrone von schattenhaften Figuren mit Speeren durch die Straßen, vor denen sie sich versteckt. Einer Prozession an Panzern entsteigt der junge Mann vom Beginn und schließt sich ihr an. Fasziniert ist er mit der Frage, was in dem Ei ist, welches das Mädchen so behütet, die ihm darauf allerdings keine Antwort gibt.

Zumindest nicht, bis nicht gegen Ende der Reise der beiden der junge Mann ihr die biblische Geschichte der Sintflut erzählt. Allerdings mit einem anderen Ausgang. Denn der Vogel kehrte nie zur Arche zurück. Deswegen wurde auf ihr verweilt, bis die Existenz des Vogels oder einer Außenwelt vergessen war, ja die Überlebenden nicht mehr wussten, wer sie überhaupt selbst sind. Daraufhin meint das Mädchen den Vogel gefunden zu haben, zeigt ihm das Fossil eines Engels, und meint einen neuen aus dem Ei auszubrüten.

Der junge Mann zerbricht das Ei, das Mädchen schreit, wirft sich ins Wasser, wächst zu einer jungen Frau, und die Welt ist plötzlich von Eiern übersäht, während neben den Statuen der Betenden auf dem mechanischen Auge auch eine des Ei-behütenden Mädchens erscheint. Beim langsamen Zoom in den Himmel sehen wir, dass all dies auf einer kleinen Insel im weiten Ozean stattfand.

Wie gesagt ist es nötig, sich einige Dinge um die Erschaffung dieses Werkes in Erinnerung zu rufen. Die viele christliche Symbolik kommt nicht von irgendwo, denn Oshii war gläubiger Christ und zur damaligen Zeit in einer spirituellen Krise, die er verarbeiten wollte. Seine Kenntnisse reichen also über das übliche „Ich hab mal irgendwann Paradise Lost gelesen“ hinaus. Und da er den Film zusammen mit Amano alleinig ausarbeitete, redete ihm niemand rein. Aber nicht zuletzt auch wichtig ist einfach, dass er wiederholt zu seinem Schaffungsprozess die Prioritätenliste wie folgt angab: Zuerst das Visuelle, Handlung zweitrangig, Charaktere an hinterster Stelle.

So kommt dann auch ein Film wie Angel’s Egg zustande. In dem die Charaktere die meiste Zeit schweigen, keinerlei Gefühlsregung zeigen, bei denen aber doch so viel impliziert zu sein scheint. Der junge Mann erzählt die Sintflutgeschichte genauso unterkühlt wie alles, dennoch schwingt dort eine große Hoffnungslosigkeit mit, die das Mädchen scheinbar mit dem Aufzeigen neuer Hoffnung im Ei aushebeln will, was seine Obsession jedoch nur zu vergrößern scheint und der letzte Push ist, dass Ei zu zerbrechen. Ein Film, bei dem jedes einzelne Bild voller Symbolik zu sein scheint, von denen man aber nie weiß, was sie genau aussagen will. Das Mädchen trägt das Ei unter ihrem Kleid wie einen Schwangerschaftsbauch, wann immer wir es aus der Sicht vom jungen Mann sehen, dem sie zunächst nicht traut, scheint sie merkwürdig sinnlich, und nachdem er das Ei zerstört, wird aus ihr eine junge Frau. Wasser ist ein wichtiges Element im Film, nicht nur am Ende mit der biblischen Geschichte, sondern wir sehen das Mädchen auch wiederholt Flaschen in den Ruinen suchen, damit sie die an Wasserquellen auffüllen und daraus trinken kann, gegen Ende gibt es eine schier endlose Wendeltreppe, die mit halb getrunken Flaschen gesäumt ist. Die grauen Gestalten in der Stadt gehen auf Fischjagd, obwohl es keine Fische gibt, stattdessen die immateriellen Schatten von Quastenflossern über die Häuserwände ziehen. Wenn das mechanische Auge zu Beginn aus der Wolkendecke bricht, weist ein schrägstehender Turn auf es, als wäre dies eine Flinte, wenn das „Auge“ am Ende dem Wasser entsteigt, wirkt dies, al würde es weinen. Der junge Mann trägt ebenfalls eine überdekorierte Waffe mit sich, die es so aussehen lässt, als habe er ein Kreuz geschultert.

Ich bin ja nicht immer der Fan von artsy fartsy Indiefilmen, wenn sie mir zu prätentiös und selbstverliebt daherkommen, oder einfach stinkend langweilen. Auf Angel’s Egg kann ich mich aber voll und ganz einlassen. Es hilft hier sicherlich, dass der Film tatsächlich maßgeblich einem Verarbeitungszweck zu dienen scheint, Oshii aber selbst die Hände in die Luft wirft, wenn es darum geht, ihm einen kompletten Sinn entnehmen zu wollen. Es kann viel interpretiert werden, denn der Film lässt einfach mal alles offen, was an sich schon interessant ist, und sicherlich bei unterschiedlichen Personen aber auch bei den gleichen an verschiedenen Sichtungen, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Aber man muss ihn nicht mal verkopfen, man kann sich eben einfach auch absolut auf die Reise einlassen und schlicht beschallten lassen. Die ruhige und melancholische Atmosphäre der düsteren und detaillierten Szenarien auf sich wirken lassen. Interessanterweise hatte ich Angel’s Egg als Kurzfilm von nur so 30-40 Minuten in Erinnerung, weil eigentlich nicht viel geschieht, musste jetzt beim erneuten Schauen allerdings feststellen, dass er doch volle 70 Minuten einnimmt. Auf eine gemächliche und meditative Herangehensweise an die vielleicht oder auch nicht vorhandene Materie sollte sich also sowieso eingestellt werden.

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