Lestat the Musical

Und noch mal Vampire, dank Anne Rices Vampire Chronicles. Adaptionen der ersten drei Bücher gibt es ja einige. Neben den beiden Filmen auch Comics, Manga, und demnächst anscheinend eine TV-Serie. Jedoch ebenfalls ins neue Jahrtausend, nachdem Rice mit der Serie eigentlich in Hohelied des Blutes abgeschlossen hatte, fällt eine weitere: Ein Musical basierend auf dem zweiten Buch, Fürst der Finsternis (bzw. The Vampire Lestat).

In Produktion seit 2003, also kurz nach der Film-Variante Queen of the Damned, startete es Dezember 2005 für knapp einen Monat in San Francisco. Mitte 2006 materialisierte das Musical nach Änderungen in New York am Broadway. Wo es schlechte Kritiken erntete und knappe zwei Monate später wieder abgesetzt wurde. Die Aufzeichnung des Stückes wurde sukzessive nie auf den Heimvideo-Markt gebracht. Im modernen Zeitalter von Kameras und Internet geht aber bekanntlich nichts verloren, und so lassen sich auf Youtube sowohl wackelige Aufzeichnungen der Broadway-Version wie der ursprünglichen San-Francisco-Variante finden.

Neben der Veränderung einiger Songs und Dialoge, sowie des Bühnenbildes, streicht Lestat am Broadway wohl hauptsächlich jegliche Referenzen auf den Ursprung der Vampire um Akasha und Enkil. Meiner Meinung nach eine gute Entscheidung, weil dies sowieso erst für Königin der Verdammten wichtig wird, und hier nur unnötiges Beiwerk wäre, welches noch zu nichts führt. Besonders wenn man genauso schlau das eigentliche Buchende herauslässt, welches ein direkter ins dritte Buch führender Cliffhanger ist. Hat schon dem Film nicht gutgetan, beide Bücher von je ca. 600 Seiten nacherzählen zu versuchen, da ist es besser, wenn sich das Musical auf das erste zu beschränken weiß.

Mehr oder weniger zumindest, denn ein zweites Buch muss sich in Lestat dennoch wiederfinden: Das erste, Interview mit einem Vampir. Immerhin ist die Zeit mit Louis und Claudia eine sehr wichtige in der Biographie von Lestat, und kann im zweiten Buch als kurz angerissen abgehandelt werden, weil es eben bereits im ersten ausführlicher behandelt wurde. Im Musical nimmt es einen wesentlich größeren Platz ein, weil eben kein Vorwissen vorausgesetzt werden sollte.

Führt auf der anderen Seite allerdings zum Problem, dass Lestat bei einem Großteil der Ereignisse eigentlich nicht dabei ist, da das erste Buch aus der Sicht von Louis geschrieben ist. Nachdem Claudia also Lestat „umbringt“, verschwindet der aus dem Rest der Geschichte, Claudia sieht er nie wieder, Louis trifft ihn erst auf den finalen Seiten in der Moderne kurz erneut. Das ist dann natürlich etwas, welches im Musical umgeschrieben werden musste, und tatsächlich die größte Abwendung davon, wie die Ereignisse in den Büchern geschehen. Lestat ist im Musical also bei der Hinrichtung von Claudia anwesend, und Armand, der im Musical mehr oder weniger als Bösewicht herhalten muss, der Richter über sie.

Währenddessen ist es hart sich dem Gefühl zu entziehen, dass Interview das bessere Subjekt für ein Musical gewesen wäre. Das Buch ist kürzer, sowohl in Anzahl an Seiten als auch an interner Zeitspanne (besonders wenn man wie hier die weniger wichtigen Präsenz-Teile auslassen und kurz nach Claudias Tod enden würde). Der Cast an Charakteren ist überschaubarer und die Geschichte intimer. Es könnte einfach eine schlüssigere und besser ausgearbeitete Erzählung draus gemacht werden. Es ist auch so, dass Lestat das Musical hauptsächlich in diesem Teil zu glänzen weiß.

Was davor geschieht, also die eigentliche Lestat-Biographie, wirkt zerstückelt und gehetzt. Sein Leben als Mensch ist extrem kurzgehalten. Welches für die Vampirchroniken meist eine wichtige Zeitspanne ist, da die Art und Weise, wie sie gelebt haben, maßgeblich ihre Persönlichkeit und Weltsicht prägt. Eines der größten Probleme ihrer Spezies ist doch immerhin, dass sie sich schlecht neuen Zeiten anpassen können, weil sie in jener feststecken, in der sie als Mensch gelebt hatten. Die meisten Vampire begehen Selbstmord nach wenigen hundert Jahren, weil sie nicht mehr in der Welt zurechtkommen und dem ewigen Stillstand überdrüssig sind. Das Musical startet bereits mit einem erwachsenen Lestat, der die Wölfe umgebracht hat, Drängen seiner Mutter nach Paris zu entfliehen, und kurz darauf ist er bereits ein Vampir. Schnell ein wenig Hadern mit dem neuen Dasein, Mutter und besten Freund wandeln, Armands indoktriniert-mittelalterlichen Vampirglauben zerstören, und irgendwie ist schon über eine Stunde und damit die Hälfte des Musicals rum, wenn er Freund und Mutter verliert, und Marius dramatisch auftaucht. Während noch gar nicht viel geschehen schien.

Marius als Charakter leidet dabei am Meisten darunter, dass jegliche Referenzen zu Königin der Verdammten gelöscht wurden. Wenn der Vorhang sich nach der Pause wieder öffnet, merkt er Lestat über nämlich nur an ihm noch nicht in die Geheimnisse einweihen zu können, und verschwindet auch schon bis zum Finale wieder. Sein dramatischer Auftritt wirkt dementsprechend deplatziert.

Die Schauspielerin von Lestats Mutter Gabrielle, ist übrigens eine der herausragenden Leistungen im Cast. Ihre Rolle ist es auch ein wenig, die letztendlich die erste Hälfte zusammenhält und fürs frühe Finale einen gewissen Abschluss zu bieten weiß, während sie in den Büchern irgendwie schnell in Vergessenheit gerät – nachdem der Freigeist in die Wildnis verschwand sieht Lestat sie dort nur kurz wieder. Jedoch ändert auch dies nichts daran, dass die erste Hälfte des Musicals definitiv schwächelt und für Leute, welche die Bücher nicht kennen, keine richtige Resonanz bieten wird.

Die von Elton John geschriebene Musik hat ebenfalls ihre Höhen und Tiefen. Gabrielles „My Beautiful Boy“ ist beispielsweise ziemlich schwach, Lestats „Sail Me Away“ nicht viel besser, die Duette „Crimson Kiss“ und „Embrace It“ hingegen anständig.

Sich für das Musical wirklich begeistern zu können fällt also etwas schwer, wenn weder Handlung noch Musik wirklich herausragend waren. Es ist auch nicht unbedingt ein markantes Qualitätsmerkmal, dass der beste Teil, wenn das Musical doch endlich an Leben gewinnt, mehr ein Hinweis darauf ist, dass ein anderes Buch die bessere Wahl gewesen wäre.

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