Wo ein Wille ist…

Wo ein Wille ist ist ein Roman von Anne Saalean, die am Ende des Buches zwar dazu auffordert, eine Rezession bei Amazon zu hinterlassen – ganz egal ob positiv oder negativ -, welches kurioserweise aber gar nicht mehr auf Amazon zu finden ist. Eine 15-Sekunden-Suche via Google hält auch tatsächlich so gut wie nichts über Autorin oder Buch parat, und schon mal gar nichts, was neuer als 2013 zu sein scheint. Einem Blogger-Interview ist immerhin zu entnehmen, dass dies wohl ein exklusiv digital erhältliches Experiment in Selbstpublikation war.

Protagonistin des Buches ist Vera, die schon in die Jahre gekommen ist und bisher nicht unbedingt das Glück im Leben hatte. Lange Jahre musste sie sich um die exzentrische Mutter kümmern, weswegen ihr Sozialleben eingebrochen ist, so dass sie nach deren aktuellen Tod eigentlich ganz froh ist, die Bürde vom Buckel zu haben. Wenn die Beerdigung doch nicht so teuer wäre, und ihre nach Berlin weggezogene Schwester, die ihr ihren Jugendschwarm ausgespannt hat und mit jenem nun Doktor verheiratet eigentlich auch nicht finanziell schlecht dasteht, da auch gar nicht auf die Idee käme, etwas beizusteuern. Auf die hübsche Schwester war sie eh ihr Leben lang neidisch, da sie als Mauerblümchen eh kaum von Männern wahrgenommen wurde. Abgesehen von dem einen, der sie sogar heiraten und mit ihr nach Irland ziehen wollte, aber vom Zug überfahren wurde, der ihn an den Flughafen hätte bringen sollen.

Auf der Beerdigung der Mutter taucht die verhasste Schwester allerdings tatsächlich auf und ihr Ehemann und Veras Jugendschwarm Simon, der immer noch verdammt gut aussieht, lädt sie zu seinem 50. Geburtstag ein. Da sie ihren langjährigen Job bei der Buchhandlung am Markt verloren hat, gibt es auch nichts, was einem ausgedehnten Trip nach Berlin im Wege stünde, und so taucht Vera eines Abends bei der Villa der beiden auf. Natürlich nicht unangekündigt, obwohl dennoch alles dunkel im Haus ist. Gerade als sie im Garten durchs Verandafenster schaut, kommt das Ehepaar nach Hause und hat einen üblen Streit – was Vera heimlich freudig stimmt. Doch als sie sich dann endlich mit penetrantem Klingeln Zugang verschafft hat, liegt ihre Schwester tot am Fuße der Treppe und Simon ist ganz aufgelöst. Es wäre ein Unfall gewesen und er müsse nun in den Knast.

Das sieht Vera aber überhaupt nicht so. Um die gehässige Schwester ist es eh kein Verlust. Und sie kann Simon doch einfach bei der Polizei ein Alibi verschaffen, er hätte ihr gerade die Türe geöffnet, als ihr Schwesterherz betrunken von selbst die Treppe herabstürzte. So macht man sich beim attraktiven Doktor gleich unentbehrlich, vielleicht folgt darauf ja die Heirat und das unbeschwerte Villa-Leben? Wenn es da nicht zu weiteren Komplikationen kommen würde, wie versehentlich jemanden zu erschießen, Leichen nicht richtig zu entsorgen, Affären über Affären seitens des gar nicht wie gedacht ritterlichen Simons, und ein bedenklich wackelndes Kartenhaus an sich anhäufenden Lügen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass einige Leser ein ganz gezieltes Problem mit dem Buch haben: Es gibt keine wirkliche Identifikationsfigur, keinen wirklich sympathischen Charakter. Zunächst mag Vera noch so erscheinen, immerhin hat sie ein echt bescheidenes Leben gehabt. Doch schnell ist klar, dass wir das Buch ja aus ihrem Blickwinkel erfahren, von daher natürlich ihre Erinnerungen von ihr gefärbt sind. Und bald wissen wir auch, dass sie ein sehr missgünstiges Weib ist, welches wenig Mitgefühl für andere Menschen übrig hat, gerade dann nicht, wenn sie nicht ihren moralischen Idealbildern entsprechen. Über das Buch hinweg wird sie sowieso immer verschlagener und intriganter – weil es nämlich auch alle anderen Charaktere sind, auf die sie trifft. So ziemlich jeder hat nur seinen eigenen Vorteil im Sinn und schmiedet Pläne, wie die anderen zu deren Zwecken ausgespielt werden können.

Mir hat es allerdings außerordentlich gut gefallen. Das Ganze ist natürlich extrem dramatisch und viel zu unlogisch viel geschieht zu schnell. Ein wenig wie in einer Soap, wo eh alle intrigieren und nur auf sich selbst schauen, und ständig irgendwas die Pläne doch wieder über den Haufen wirft, man nie weiß wer jetzt wirklich am Ende als Sieger aus den Mind Games herausgehen wird, oder ob es vielleicht sogar nur Verlierer geben wird. Nur mit einer ordentlichen Portion Selbsterkenntnis, denn es gibt viel schwarzen Humor im Buch und im Porträtieren der Ereignisse oder Veras pragmatischen Gedankengängen. Das Buch ist sich halt voll bewusst, dass dies alles ziemlich extrem ist und nimmt es mit einem trocken-zynischen Augenzwinkern. Dann ist die ganze Sache noch leicht von der Leber weg an einem oder zwei Nachmittagen gelesen, wodurch es definitiv seine Zeit nicht überstrapaziert, sondern gut der Kurzweil gefrönt wird.

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