Devilman Crybaby

Es muss schon deprimierend sein, wenn man ein Hardcore-Anime-Fan ist. 2018 hat gerade mal begonnen, und am 5. Januar ist das beste Anime des ganzen Jahres, an das sonst nichts mehr heranreichen können wird, gelaufen gewesen. Und dann noch auf Netflix! Letztes Jahr haben die sich noch zum Gespött aller gemacht, in dem sie einen lächerlich fehlgeleiteten Live-Action-Film zu Deathnote produziert haben, und dieses Jahr tauchen in den Netflix Originals plötzlich vielversprechende Anime-Serien wie Junji Ito Collection oder Devilman Crybaby auf!

Mit Devilman kenne ich mich sogar etwas aus. Immerhin sind mir viele der anderen Inkarnationen über die Jahre hinweg nicht unbekannt geblieben. So hatte ich vor gut zehn Jahren in kurzer Folge sowohl den Original-Manga von Go Nagai aus den 70ern gelesen, die auf den ersten beiden Bänden basierenden zwei OVA-Folgen aus den späten 80ern geschaut, und selbst den gar nicht mal so schlechten japanischen Live-Action-Film gesichtet. Gefolgt sind zudem die ersten beiden Bände plus die eher lose darauf basierende TV-Serie zum Spinoff Devil(man) Lady, und der komplette Manga der komplett wirren Neuinterpretation Darkside of Devilman, auf dem basiert im Schnelldurchlauf die Amon Devilman Apocalypse OVA noch weniger Sinn macht.

Von daher kann ich schon mal getrost offenbaren, dass Devilman Crybaby auf dem Original-Manga basiert, eine weitere der vielen Interpretationen der ursprünglichen Geschichte darstellend. Die erste der zehn an einem Stück rausgehauenen Folgen ist sogar ziemlich identisch zum ersten Band respektive der ersten OVA. Akira ist ein etwas weichlicher Schüler, der bei der Familie seiner besten Freundin Miki lebt, bekommt aus dem Nichts Besuch von seinem Kindheitsfreund Ryo. Der erzählt ihm was davon, dass Teufel wirklich existieren und in Orgien aus Sex und Blut gerne menschliche Körper übernehmen. Um ihre Existenz zu beweisen nimmt Ryo mit Kamera bewaffnet einfach den willigen Akira mit auf eine Party voll Sex und Drogen, geht für das nötige Blut mit einer abgebrochenen Flasche auf die weggetretenen Feiernden los. Und die Teufel kommen, verwandeln Leute, reißen ihre Beute. Nur Akira nicht, der wird nämlich zwar auch vom besonders starken Amon besessen, der jedoch kurzerhand Kleinholz aus den anderen Teufeln macht, um Ryo zu schützen, da Akira an seiner Menschlichkeit festhalten und die dominante Persönlichkeit in seinem Körper bleiben kann.

Der Rest der Serie mag mit so einigen Modernisierungen aufwarten, weil es nun mal 40 Jahre nach dem Original spielt, wegen der Laufzeit auch einige neue Nebencharaktere und Subplots parat halten. Doch das allgemeine Gerüst bleibt das Gleiche. Das Teufelsblut macht Akira stärker und sexyer. Er beginnt gegen andere Teufel zu kämpfen. Besonderen Augenmerk wird dabei auf die geflügelte Silene gelegt, die Amon zu ihrem Partner machen will. Inklusive verschmelzen mit Kaim und gewinnen, nur um im entscheidenden Augenblick zu sterben. Als der Anstoß dafür genommen, dass Akira zu hinterfragen beginnt, ob nicht auch Dämonen lieben können. Und auch hier geht alles den Bach runter, sobald die Bevölkerung davon erfährt, dass jeder heimlich einen Teufel in sich tragen könnte, und im gegenseitigen Misstrauen die Apokalypse hervorruft. Bis Satan das für seine finale Konfrontation mit Amon so richtig besiegelt, inklusive bittersüßem Ende mit Geheul.

Die Sache ist die, dass Go Nagai nicht unbedingt für tiefsinnige Manga bekannt ist. In Devilman und noch mehr Devilman Lady kommt er zwar gern mit langatmiger Pseudowissenschaft daher, und wie gesagt wirft er kurz die Frage auf, was Menschlichkeit überhaupt bedeutet, wenn die sich gegen Ende so bereitwillig gegenseitig abschlachten und es bei den Teufeln zu Bindungen kommen kann. Doch sonderlich smart sind seine Geschichten nicht, sondern zeichnen sich besonders durch abgedrehte Charaktere in Extremsituationen, viel Gore und nackte Haut aus. Trash vom Feinsten. Immerhin reden wir hier von einem Mann, der eine Comedy über eine Superheldin gezeichnet hat, die abgesehen von ihrer Maske komplett nackt ist, und Übeltäter mir aus ihrer Vagina schießenden Babygranaten unschädlich macht. Viel mehr als eine wahnsinniger und unterhaltsamer Ritt durch Blut und Nacktheit hat also wahrscheinlich niemand bei Devilman Crybaby erwartet.

Und tatsächlich kann ich beteuern, dass sich die Serie nicht vor jenem Ruf scheut, sondern den Irrsinn des Originals komplett zelebriert, in dem es das alles sogar noch mehr auf die Spitze treibt. Hier wird geschnetzel und gemetzelt. Hier geht es über die nackten Tatsachen zum (natürlich nie die bösen Details zeigendem) Sex. Die Charaktere scheinen manchmal geradezu vom Wahn gepackt zu werden, und die Handlung stürzt zusehends in chaotischere Abgründe. Das ganze animiert in einem ähnlichen Stil wie Studio 4°, wobei die Thematik der Monsterverwandlungen besonders Madhouses Kemonozume heraufbeschwört, in denen eine sehr flüssige Animation über allem steht, während die Charaktere eher minimalistisch designt sind und gerne mal extrem verschoben und quer gezeichnet wirken. Dazu noch ein absolut rockender Soundtrack, und schon ist die wilde und absolute Achterbahnfahrt komplett. Devilman Crybaby löst alles ein, was das Ursprungsmaterial hergibt, und macht eine wahnsinnige Gaudi draus.

Aber dann kommt die Überraschung. Denn Devilman Crybaby ist plötzlich doch viel mehr als das Original. Nach der ersten Folge schleichen sich zusehends mehr und mehr ruhigere Momente ein. In denen die Charaktere miteinander interagieren. In denen es Flashbacks in die Jugend von Akira und Ryo gibt, um deren starkes Band zueinander glaubhafter zu machen. Das von Akira zu Miki und deren Familie wird genauer beleuchtet, damit das Drama der späteren Episoden um jene besser zieht. Neue Nebencharaktere dürfen ihre eigene Arc haben. Die komplett neu definierte Miko und Schulkameradin von Miki ist beispielsweise nicht einfach nur dazu da, um als Gag zu dienen, weil sie sich von Akiras neu-dämonischen Aussehen so scharf gemacht fühlt, dass sie an ihn denkend masturbiert während die Serie die Laute eines Esels statt Stöhnen einspielt. Nein sie hat ihre eigene kleine Charakterhandlung vom Neid gegenüber Miki, dem werden zu einem Devilman-Hybriden, und dem sich letztendlich eingestehen, dass ihre Gefühle komplexer waren und sie Miki gleichzeitig geliebt hat. Der das bewusst ist. Ja, auch die homoerotischen Untertöne des Originals greift Crybaby auf und liefert gleich eine Vielzahl an queeren Charakteren. Komplett ohne Wertung, schlicht als Menschen, die existieren dürfen.

Und das ist es letztendlich, was Devilman Crybaby zum jetzt schon besten Anime des Jahres macht. Das Gesamtpaket aus allem, den dynamischen Animationen, dem wuchtenden Soundtrack, der Irrsinnigen Fahrt durch Sex and Violence, den ruhigen Charaktermomente, dem legitim berührendem menschlichen Drama, dem allumfassenden der Story inhärenten Nihilismus. Was eine Serie, was seine Perle.

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2 Kommentare

  1. Da ich mich nicht so mit Anime und Manga wie du auskenne, habe ich erst vor einer Weile von Devilman gehört. Nun habe ich auch Netflix und Devilman Crybaby war eines der ersten Serien, die ich verschlungen habe.^^

    Mir hat er ebenfalls ziemlich gefallen, obschon der Zeichenstil anfangs ziemlich gewöhnungsbedürftig gewesen ist und mir nicht alle Motivationen der Charaktere erklärlich waren. Nichtsdestotrotz muss auch ich zugeben, dass möglichst viel aus der eigentlich trashigen Prämisse rausgeholt wurde. Ich kann nur hoffen, dass in der Zukunft weitere ähnliche gute Anime auf Netflix erscheinen werden.

    Antwort
    • Bin da auch mal gespannt, was Netflix noch so bringen wird. Junji Ito Collection soll angeblich bereits schon nicht mehr so gut sein, habe ich aber auch noch nicht selbst gesichtet.

      Antwort

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