Dallos

Bei Dallos handelt es sich um die erste OVA-Produktion überhaupt. Durch die weite Verbreitung von VCRs in den 80ern gab es dort nämlich in der Anime-Landschaft für gut zwei Dekaden einen richtigen Boom an Direct-to-Video Produktionen. Das hatte mehrere Gründe. Ein nicht unbeachtlicher davon war einfach auch, weil diesen Produktionen so gut wie keine Zwänge auferlegt waren. Was im Fernsehen gezeigt werden kann war sehr restriktiv, zudem waren TV- und Kinoproduktion stark davon abhängig, ein entsprechend großes Publikum anzulocken. OVAs hingegen konnten so gut wie alles zeigen, und durch die Produktion auf einer Folge-zu-Folge-Basis konnten auch Nischen angesprochen werden – verkaufte sich eine rausgebrachte Folge nicht, produzierte man halt keine weiteren. Dafür allerdings war die Laufzeitig entsprechend gestreckt, da zwischen Folgen Monate lagen, wodurch die Serien entsprechend kürzer und knapper gerieten. Mittlerweile kann im TV mehr gezeigt werden und sind auch kurze Serien dort ganz normal, so dass die goldene Zeit der Direct-to-Heimvideo Produktionen abgeklungen ist.

Zudem war Dallos eine frühe Regiearbeit von Mamoru Oshii. Der begann sein Schaffen Ende der 70er an diversen TV-Serien, wobei er vor allem einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung von Urusei Yatsura leistete. Zu jener Serie steuerte er auch 1983 den ersten Kinofilm bei, noch im gleichen Jahr sollte Dallos starten, mit der vierten Folge im darauffolgenden Jahr, als er auch mit Urusei Yatsura 2: Beautiful Dreamer stark gegen den Strom zu schwimmen begann, beendet werden.

Dallos spielt in einer nahen Zukunft, in der die Zivilisation auf der Erde in arge Probleme auf Grund von Überbevölkerung und Ressourcenmangel geriet. Also wurden Siedler geschickt den Mond zu kolonisieren, um dort Rohstoffe abzubauen, die der Erde wieder auf die Beine helfen können. Mittlerweile lebt allerdings bereits die dritte Generation an Siedlern auf den Mondkolonien und ist das zu einem ziemlichen Polizeistaat mutiert. Siedler haben Ringe am Kopf, über die sie nur als Arbeiternummer identifiziert werden. Jegliches Vergehen wird sofort geahndet. Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das harsche und ungedankte Leben auf dem Mond zur Rebellion führt.

Insgesamt muss ich sagen, dass Mamoru Oshii die relative Freiheit einer OVA noch nicht ganz ausnutzt, sondern weitestgehend herkömmliche Kost anbietet. Ganz besonders in den ersten zwei Folgen, Remember Bartholomew und The Order to Destroy Dallos, die erst Mal damit beschäftig sind die Konflikte und Hauptpersonen einzuführen und zu erklären, wobei es natürlich auch hier schon zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommt. Höchstens an den doch sehr cineastischen Kamerawinkeln erkennt man ihn – am teilweise absolut unpassenden Soundtrack zumindest nicht.

Ach ja, erklären was Dallos überhaupt ist, sollte ich vielleicht auch mal. Und zwar handelt es sich dabei einfach um eine alte Ruine auf der dunklen Seite des Mondes, die wie ein Gesicht aussieht, und von vielen der Kolonisten mittlerweile als Schutzgottheit angesehen wird. Wobei auch hier Oshii überraschend wenig seiner Spiritualität einbringt, und Dallos weitestgehend nicht so wichtig für die Handlung direkt ist, sondern als Motivation und Sinnbild der darin involvierten Charaktere.

In der zweiten Hälfte der Geschichte, Raising in the Sea of Nostalgia Act I und Act II, kommt letztendlich aber doch etwas Oshii rausgeblickt. Denn hier geht die OVA doch etwas stärker auf die Politik hinter den Ereignissen und dem Hinterfragen des Krieges ein. Beispielsweise die innere Unruhe und Hinterhältigkeiten bei den Fraktionen der Mondpolitik. Gerade wenn es um Alex geht, der als Gouverneur von der Erde geschickt ist und hier sozusagen nur ein paar Jahre seinen Dienst verrichten muss, bevor er wieder zurück kann, also ganz anders vorgehen kann als diejenigen, die mit den Kolonisten weiterhin auf dem Mond leben müssen. Aber auch wird erwähnt wie einfach es ist, einen Kampf zu starten, aber wie schwer es sein kann, diesen aufrecht zu erhalten, und dann natürlich immer noch die Frage, was danach kommt. Wie man wieder zu Frieden finden kann. Wann man soweit geht, dass sich die Kluft nicht mehr schließen lässt. Wie Gewalt eigentlich nur mehr Gewalt hervorbringt. Aber Dallos macht es sich nicht einfach, bringt keine einfachen Antworten auf den Tisch. Denn auch wenn Gewalt nur zu mehr Gewalt führen kann… ist es nicht dennoch nötig irgendwann auch diese in Betracht zu ziehen, wenn friedliche Mittel nicht ausreichen?

Sehr interessant ist hierbei auch die unterschiedliche Einstellung der drei Generationen an Mond-Kolonisten. Die alte Generation, die noch von der Erde stammt, ist wesentlich Bereitwilliger wenn es darum geht, ein hartes Leben auf sich zu nehmen. Denn sie wissen, wofür sie dies tun, nämlich damit die Ökonomie auf dem blauen Planeten wieder aufgebaut werden kann, damit dessen Schönheit erhalten bleibt. Erde ist deren ursprüngliches Heimatland. Die dritte Generation hingegen sind die jungen Leute, die auf dem Mond geboren und aufgewachsen sind. Für jene ist der Mond die Heimat, sie haben die Erde nie gesehen. Sprichwörtlich, denn die Kolonie ist auf der Erdabgewandten Seite des Mondes, sie sehen die blaue Kugel also nicht mal am Himmel stehen. Die Erde hat für sie keine Bedeutung, ihnen geht es um ein gutes Leben auf dem Mond.

Das Ende bleibt dabei dann auch offen. Die aktuellen Auseinandersetzungen sind beendet. Hauptcharakter Shun hat über die Ereignisse beide Seiten des Konfliktes kennengelernt, sich ein eigenes Bild machen können, und sich für diejenige entschieden, von der er hofft, dass dies die richtige ist. Aber er kann sich nicht sicher sein. Und andere Charaktere bereiten schon die nächste Rebellion vor. Während Dallos ominös über die Ending-Credits zu leuchten beginnt.

War also insgesamt schon ein interessantes Werk von 2 Stunden. Wenn auch etwas mehr drin gewesen wäre. Aber eben auch die herkömmlichen ersten zwei Folgen bieten insgesamt noch eine unterhaltsame SciFi-Story, die Tiefe wird halt erst in der zweiten Hälfte und eigentlich auch dort nur angekratzt. Für die damalige Zeit und die Laufzeitkürze allerdings durchaus ein gutes Werk.

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