J’ai besoin de toi, or Watching Love Bullet Yurikuma Arashi

ava-2097Und da sind wir schon wieder bei Kunihiko Ikuhata mit seinem neusten Werk aus 2015, das 12 Folgen einnehmende Yurikuma Arashi. Und die komplette Serie hat man da auch schon im Titel. Yuri bedeutet Lilie (und ist deswegen auch ein geläufiger Mädchenname), hält aber auch als das Wort fürs Subgenre an lesbischen Geschichten in japanischen Medien hin (weswegen Ikuhata zwei seiner prominentesten lesbischen Rollen in Utena und Penguindrum jenen Namen gab), Kuma bedeute Bär, und Arashi ist er Sturm. Lesbischer-Bären-Sturm also. Oder wenn man den ganzen Romaji-Titel nimmt Liebesgeschoss-Lesbischer-Bären-Sturm. Oh my~

Die Hintergrundgeschichte des Settings ist wie folgt: Eines Tages zerplatzte der Kumalia-Meteor und fiel in Sternschnuppen auf die Welt. Das mag sehr hübsch ausgesehen haben, führte aber dazu, dass alle Bären aus dem Gebüsch kamen, und Menschen zu fressen begannen. Also hat sich die Menschheit in ihre Städte zurückgezogen und die Mauer der Trennung errichtet, damit keine Bären in ihren Lebensraum eindringen können.

Kureha ist eine Schülerin, die im Hinterhof Lilien pflanzt, und dort Dates mit ihrer lesbischen Liebe, Mitschülerin Sumika begeht. Zumindest bis sie vom stillen Sturm erfasst werden, da Kureha ihren Freunden angeblich Unglück bringt, aber Sumika ist entschlossen nicht von ihrer Liebe zurückzutreten. Dummerweise sind die beiden neuen Mitschülerinnen, Ginko und Lulu, nur als Mädchen verkleidetet Bären, die es über die Mauer geschafft haben. Und ruckzuck endet Sumika gefressen, während Kureha, die bereits ihre Mutter an eine Bärenattacke verlor, untröstlich Rache schwört. Aber auch Anrufe bekommt, die sie nur Fragen, ob ihre Liebe wahrhaftig ist, und dann im surrealen Raum zwischen den Welten von Menschen und Bären das Trennungsgericht aufgeht, mit den einzig drei männlichen Charakteren der Serie, die über so Sachen entscheiden, ob Bären die Sünde der Menschenfresserei begehen dürfen, oder fragen ob man lieber Küsse oder die Liebe aufzugeben bereit ist.

Weil Ikuhara halt, da trifft man in jeder Serie gewisse Themen wieder, gewisse Symbolik in ähnlicher Form, und vor allem muss es immer einen Analog an seine Wurzeln im Magical Girl geben, auch wenn alle seine Serien nicht wirklich Magical Girl sind. Ob nun bei Utena der Duellplatz erklommen wird, um charakterliche Abgründe und Unsicherheiten per Fechten miteinander auszutragen; ob bei Penguindrum an einen Roboterbär gefesselt erneut der Auftrag den Titelgeber zu finden wiederholt wird; oder eben ob bei Yurikuma Arashi per Handy-Einladung aufs Schuldach gerufen wird, um sich mit den diversen heimlich unter den Mädchen befindlichen Bären auseinanderzusetzen, nur um in ebenfalls einer Paralleldimension einer Gerichtsverhandlung beizuwohnen, die eh immer die gleiche Entscheidung trifft.

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Interessant übrigens auch eine weitere Eigenschaft der japanischen Sprache. So wie Yuri sowohl Lilie wie auch Lesbe heißen kann, und beides reichlich Anwendung hier in der Serie findet (das Opening besteht im Prinzip zu einem Drittel aus Lilien, einem Drittel aus Bären, und einem Drittel aus nackten Mädels, die sich spielerisch beißen), so kann auch „essen/verschlingen“ neben dessen offensichtlicher Bedeutung auch im sexuellen Sinne „jemanden verschlingen“ bedeuten (wo wir wieder bei den spielerisch aneinander rumbeißenden Mädels im Opening sind). Wenn das Gericht einen Bären fragt, warum sie den jeweiligen Menschen fressen wollen, dann kommt meist als Antwort, dass Bären nun mal Menschen fressen. Es ist ihre Natur. Born this way. Einer der Helme in der dramatischen Kriegsschlachtfeld-Versinnbildlichung wenn die Bären alle auf einmal gegen die Menschen ziehen, hat sogar „born to eat“ drauf stehen. Bären können so wenig aufhören Menschen zu fressen, wie eine Lesbe aufhören kann Sex mit Frauen zu haben, denn so sind sie nun mal geboren, und dagegen leben zu wollen nützt nichts. Hab ich schon erwähnt, dass alle Rollen in dieser Serie niedliche Mädchen sind, alle Bären aussehen wie Plüschtiere a la Card Captor Sakuras Kero-chan?

Die Sache mit Japan und Homosexualität ist sowieso so ein Ding. So sehr ein androgynes Aussehen als begehrenswert dasteht, Medien voller Pretty Boys sind, man als Teen durchaus mal von seinem Mitschüler gleichen Geschlechts schwärmen kann, ohne falsche Anschuldigungen wie im Westen, und so populär Boys/Girls Love Geschichten in Medien sind… so transferiert das nicht unbedingt in das reale Leben realer japanischer Schwuler und Lesben. Denn was Ikuhara auch gern eben in seinen Serien ankreidet ist die japanische Borg-Gesellschaft, in der jeder gleich sein soll, ja kein Aufheben um die eigene Person machen, bloß nicht aus der Masse herausstechen. Da wird Homosexualität gern mal als kleine Probierphase der Jugend gesehen, die einen nicht davon abhalten sollte, wie alle anderen auch, mit 25 Jahren verheiratet zu sein und 1.5 Kinder gezeugt zu haben. Übrigens sind die Settings der Schule und dem Haus von Kureha die einzigen in pink und rot eingefärbten Schauplätze, drumherum sind triste Silhouetten in kalten Blautönen angesagt. Die „Pass dich an“-Gesellschaft, in die man als Erwachsener einzugehen von einem Japaner erwartet wird.

Yurikuma Arashi zeigt dies aber auch mit der Herde und dem stillen Sturm ziemlich deutlich. Denn die Herde ist nichts anderes, als das Konglomerat der restlichen Schülerinnen aus der Klasse, die alle als eine anonyme Einheit agieren, und regelmäßig den stillen Sturm verursachen. Eine Sitzung aller, in der per Mehrheitswahl entschieden wird, wer der auffällige Böse ist, der nicht in die sozialen Gepflogenheiten der Gruppe sich einzuordnen bereit ist, und der per Mobbing dementsprechend an den Rand gedrückt gehört. Japaner haben es nicht so mit offener Anfeindung, das ist nicht höflich, stattdessen lästert und intrigiert man lieber hinterm Rücken und lässt es den Betroffen passiv-aggressiv merken, dass er oder sie raus ist aus der Gemeinschaft. Das betrifft natürlich alle Leute, die sich nicht anpassen, nicht nur diejenigen, deren Sexualität nicht die Norm ist. Aber Ikuhara hat es eben mehr mit Lesben.

Oder zumindest mehr mit Mädchen, die zugegeben natürlich von der japanischen Gesellschaft noch mehr eingeengt sind wie sie sich zu verhalten haben/sich verhalten dürfen, um ein gutes Mädchen zu sein. Zeigt Ikuhara eigentlich auch in allen seine Serien sehr gerne, die Kisten in die man laut Gesellschaft passen muss, aber sich auch zum Selbstschutz selber drin verkriecht. Die Särge in Utena, die Käfige in Penguindrum, und die tatsächlichen Schubladen in Yurikuma Arashi. Die im Raum der Schulleiterin sind, die eine Vergangenheit mit Kurehas Mutter hat. Die sie nicht so liebte, wie die Schulleiterin sie liebte. Sollte klar sein, dass wir gegen Ende herausfinden, dass sie auch ein Bär ist, die nun wirklich keine große Seltenheit sind unter den Mitschülerin – aber sie symbolisieren ja auch nur versteckte lesbische Neigungen, die man Menschen halt nicht einfach ansieht -, und das sie viel die Fäden im Hintergrund gezogen hat. Sie hat eine Wand voller Schubladen, in die sie Memoiren der gefressenen Mädchen unterbringt, und ist von Reinheit besessen. Ist halt einfacher ein Idealbild von jemandem sich mental zu Rahmen und in der geistigen Schublade abzusperren, als den wahren Menschen dahinter mit all seinen Fehlern kennenzulernen, und eventuell enttäuscht zu werden. Menschliche Nähe strahlen Wunschvorstellungen halt leider aber auch nicht aus.

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Allgemein können Gefühle der Zuneigung und Liebe natürlich sehr widersprüchliche Formen annehmen, was Ikuhara auch nie in seinen Shows verneint. So sehr die Liebe der beiden Hauptcharaktere am Ende häufig die Erlösung bringt, sie in eine bessere Welt eingehen lässt, die alte hinter sich lassend, so ist Liebe alleine nicht immer und für jeden die Lösung. Die Schulleiterin hat in ihrer eigenen Schublade die begangenen Sünde aus Eifersucht nicht erwiderte Liebe gesperrt. Ginko darf sich mehrmals vom Gericht anhören, ob es wirklich gut ist, die Mädels, die Kureha bedrohen, aus dem Weg zu räumen. Immerhin bestärkt das die Gerüchte darum, dass sie Unglück bringt, und bestätigte die Herde darin, sie mit dem stillen Sturm zu bestrafen. Ginko ist bewusst, dass ihre Liebe, ihr Verlangen Kureha zu monopolisieren, durchaus auch egoistisch ist. Ihre beste Freundin Lulu, die mit ihre mitgegangen ist, weil sie Ginkos Liebe erfüllt sehen will, verrät sie sogar später, aus eigener nicht erwiderter Liebe, und lernt das zu bereuen. So sehr die Herde sich in ihrer oberflächlichen Freundschaft zu allen wohl fühlt, und ja nicht der Ausgestoßene sein will, so sehr ist da dennoch ein heimlicher Drang danach besonders zu sein, sich aus der Masse abzusetzen, sonst hätten es die Bären nicht so einfach, einige der Mädels rumzukriegen. „Wir haben euch von Anfang an gehasst und geliebt“ ist ein Satz, der wie ein Mantra wiederholt wird, sowohl von Bären wie von Menschen.

Selbstlose Liebe ist es dann auch, die das Finale der Serie einläutet. Ginko ist bereit ihre Liebe zum Wohle von Kureha aufzugeben, Kureha erinnert sich an ihren egoistischen Kinderwunsch das Ginko ein Mädchen sein soll, da sie von Erwachsenen gelehrt bekam, dass Menschen und Bären nicht Freunde sein können (früh muss man der nächsten Generation die eigenen Vorurteile weitergeben), und ändert es in den opferbereiten Wunsch um, dass sie doch auch für Ginko ein Bär werden kann. Und beide lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Fragezeichen? Denn tatsächlich schafft es ähnlich dem Ende von Utena ihre Liebe nicht, die Welt zu ändern, die Herde und der stille Sturm bestehen weiterhin, die beiden haben nur das soziale Konstrukt dieser engstirnigen Welt für ihre eigene verlassen.

Und so hat Ikuhara mal wieder seine Allegorien um das Besondersein, die Rebellion gegen gesellschaftlichen Normen, Homosexualität, reine lesbisch Liebe, Selbstfindung und Selbstbestimmung, und wahrscheinlich je nach Zuschauer noch viel mehr verpackt. In eine Serie über Teddybären, die zu Mädchen werden. Über Mädchen, die Mädchen und Teddybären in Mädchenform lieben. Über Bilderbücher der Rassentrennung, Flashbacks zu Kriegsschauplätzen, Paralleldimensionen mit richtenden Glitzerjungen, und pinken Schulgebäuden mit Lilienbeeten. Was ein Ritt er einem doch immer wieder zu liefern bereit ist.

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