Adventure Week #17: Corpse Party

ava-2076Corpse Party ist eine RPG Maker Erfolgsgeschichte. Kennt man den RPG Maker heutzutage noch? Ich mein existieren tut das Ding noch, aber interessiert sich noch jemand dafür? Um die Jahrtausendwende herum hingegen war RPG Maker total beliebt, das frühe Internet durchflutet von schlechten Fanspielen. Ein paar wenige waren allerdings nicht übel, und ein paar wenige sogar sehr erfolgreich, gerade Japan sah so einige Underground-Hits, die ironischerweise so gut wie alle keine RPGs waren.

Corpse Party war ein solches Spiel, das 1996 auf PC98 herausgekommen genug Wellen schlug, um es später auf Windows neu zu interpretieren. Wo das Original noch relativ kurz und vor allem selbst für RPG Maker hässlich war, eine dürftige Story bot, aber spielerisch interessant seine fünf Charakter auf zwei individuell spielbare Teams aufteilte, sogar einige Charaktere sterben konnten ohne das Spiel vorzeitig zu beenden, ging Corpse Party: Blood Covered noch mal bei Null los. Gleiches Setting, ähnliche Hintergrundgeschichte, aber jetzt mit 9 Charakteren, mit der Handlung stark ausgebaut und zentraler, und in fünf Kapiteln erzählt, die das Spiel ordentlich verlängerten, sowie Augen-freundlicherer SNES-Grafik. Jene Version war es dann, die es auf PSP, 3DS und iOS brachte, 2 Sequels, 2 Spinoffs, und Adaptionen zu Manga, Anime und sogar einen Live Action Film schaffte.

Alles beginnt nachts in der Schule, ein paar Freunde sind noch dort und erzählen sich Geistergeschichten. Zur Sprache kommt auch das Gerücht, dass man ewig Freunde bleibt, wenn man eine Papierfigur zerreißt, sich dabei auf den Geist von Sachiko beruft, und den Schnipsel nicht verliert. Führt in diesem Fall dazu, dass es zu einem Stromausfall kommt, ein Erdbeben die Schule erschüttert, und die Truppe plötzlich lediglich in Zweiergruppen in einer Grundschule erwachen. Und zwar nicht in irgendeiner, sondern der aus der Sachiko-Legende, in der angeblich ein Wahnsinniger vier Kinder brutal umgebracht hat.

Was nun folgt sind zunächst vier Kapitel, die jeweils ungefähr eine Stunde lang sind, und in der ein neues Duo an Charakteren durch die zerfallene, von Geistern heimgesuchte, Schule gelotst wird. Dabei hoffentlich die entsprechenden Gegenstände und Events findend, die dazu führen, dass man das Ende erreicht und das nächste Kapitel freigeschaltet wird, statt in einem vorzeiten Ende zu sterben. Kapitel 5 bringt dann nach der großen aber vorhersehbaren Offenbaren am Ende von Kapitel 4 alle Überlebenden zusammen, auf das sie eine Möglichkeit finden, wie der Geist von Sachiko beruhigt und ein Weg aus dem Alptraum gefunden werden kann. Hier sogar mit den verschiedenen spielbaren Gruppen wie im Original.

Corpse Party ist dabei tatsächlich zentral auf seine Handlung bedacht. Das Gameplay besteht hauptsächlich daraus durch ein paar Gänge der Schule zu geistern, bis man ein nötiges Event gesehen oder einen Gegenstand gefunden hat, der einen neuen Gang öffnet, selten dabei wahnsinnig viel Ahnung habend, wo man jetzt genug wofür hin soll, abgesehen davon, dass alle anderen Wege entweder verschlossen sind oder zu einem vorzeitigen Ende führen. Hier und dort wird man auch mal von einem Geist gejagt. Aber den Großteil der Spielzeit macht tatsächlich aus, den Konversationen der Charaktere zu folgen. Wie sie mit dieser Extremsituation fertig werden oder eben auch nicht, da die Fassade nämlich verständlicherweise zusehends zu bröckeln beginnt. Und natürlich langsam aber beständig und später in langen Textblöcken die Hintergrundgeschichte zum Geschehen an den Tag zu befördern.

Das Spiel erlaubt sich einige Schnitzer, die sicherlich auf seine Ursprünge zurückzuführen sind, aber im Remake des Remake wirklich nicht mehr sein müssten. Beispielsweise kann man abgesehen vom Opening eines jeden Kapitels keine andere Szene überspringen oder auch nur vorspulen. Visual Novels, die ebenfalls darauf ausgelegt sind, gewisse Parts wieder und wieder zu spielen, haben aus gutem Grund seit 20 Jahren eine fast forward Option für bekannten Text. Corpse Party will das man die Kapitel mehrmals spielt, eben um zu sehen, wie es alternativ hätte ausgehen können. Ganz zu schweigen davon, dies eh machen zu müssen, wenn man wegen einem obskuren Trigger irgendwann zu Beginn des Kapitels eben nicht die Möglichkeit auf das Ende mehr hatte, welches das nächste Kapitel freischaltet. Da ist es eher nervig, dass man die extrem textreichen aber schon bekannten Cutscenes erneut durchklicken muss. Zumal letztendlich nur wenige alternative Enden wirklich eine coole Bereicherung darstellen, viele sind ein glorifiziertes Game Over.

Auch nicht gebraucht hätte ich den Anime-Romcom-Einschlag. Dass Corpse Party so Anime aussieht, damit habe ich kein Problem. Dass sich die Synchronsprecher auch mehr wie Anime-Stereotypen anhören, statt eine realistischere Performance zu geben, geht auch noch. Aber das Spiel hat ein paar Momente im Script, bei denen ich nur die Augen verdrehen konnte. Wenn eines der Mädels mitten im Überlebenskampf ein anderes, das in der Truppe mit ihrem Schwarm ist, ermahnt jenem bloß nicht zu nahe zu kommen. Wenn eine ganze deplatzierte Kurzgeschichte daraus besteht, dass ein kleines Mädchen unbedingt aufs Klo muss, aber kein passendes findet, und sich vehement weigert einfach in eine Flurecke des zerstören Gebäudes zu pissen. Darin resultierend, dass wenn ein Antagonist sie in den Bauch boxt, sie sich einnässt, und des Spiel uns anschließend mehrmals drauf aufmerksam machen muss, dass sie nun keine Unterwäsche mehr trägt, weil sie den nassen Lappen ausgezogen hat. Wenn die schockenden Todes-CGs einiger Mädels sicher gehen, dass man dennoch unter ihren Rock schauen kann. Es kommt zu zwei Instanzen, in denen ein Kerl versehentlich einem Mädel an die Brust fasst. Bin ich hier in einer schlechten Light Novel Romcom, oder ist das hier ein Horror-Spiel? Es sind definitiv die Ausnahmen, aber jedes Mal ist das tonal so absolut deplatziert, so full on retard Anime, dass Corpse Party seine ansonsten echt gut aufgebaute Atmosphäre mit einem Schlag kaputt gemacht hat.

Ist echt schade, denn ansonsten ist das Spiel echt stimmig. Clock Tower auf dem SNES hat mir bereits bewiesen, dass auch 16bit 2D-Grafik durchaus unheimlich sein kann, und auch wenn ich Corpse Party nie ganz so freakig fand, so bereitet es doch ein sehr atmosphärisches Spielgeschehen, was bei einem Horror-Spiel ach das A und O ist. Die Grafik ist gerade detailliert genug, als dass das erste Auffinden eines Skeletts oder einer Blutverschmierten Wand doch Eindruck hinterlässt. Die Texte sind gut geschrieben, bieten zusätzliche grausame Details, und schaffen es häufig, weitestgehend realistisches Verhalten von Leuten in einer solch aussichtslosen Extremsituation widerzuspiegeln. Dazu noch echt glasklarer Sound, mit unheimlichen Hintergrundgeräuschen und packender Musik. Bei allem kruden Schluckauf hier und dort ist Corpse Party dennoch ein Spiel, welches sein Ziel vor Augen behält, und unter Strich ein gutes Horror-Feeling bereitet.

Atmosphäre ist und bleibt einfach der wichtigste Aspekt in einem Horror-Spiel. Eben der Aspekt, den Corpse Party wirklich gut hinbekommt. Und das Gameplay ist immerhin keine Katastrophe, sondern schlichtweg hier und dort etwas ungeschliffen, letztendlich ist Corpse Party gerade für die ersten vier Kapitel eh nahe einem Visual Novel, das einem hier und dort mal einen Gang runterlaufen lässt. Von daher sind die Nervfaktoren der Erfahrung wegen zu verschmerzen, ich hoffe nur das die Sequels doch etwas Feinschliff bekommen haben.

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