Vampire Chronicles – Prince Lestat

ava-2072In 2003 hat Anne Rice mit Blood Canticle also ihren Ragequit der Vampirchroniken hingelegt, derer und dessen Fans längst überdrüssig geworden. Stattdessen ging sie ihrem wiederentdeckten christlichen Glauben in Büchern nach, zu denen der wohl besser passt. Sie schrieb endlich ihre Jesus-Trilogie, oder zumindest die ersten zwei Bücher davon. Dann zwei Bücher der Songs of Seraphim. Aber irgendwie schien das nicht so viel einzuspielen wie ihre Goth-Horror-Romane. Also zurück zum Übernatürlichen durch Werwölfe mit The Wolf Gift Chronicles, und dann hatte sie plötzlich doch unbedingt neuen Vampirstoff, den sei ja schon längst erzählen wollte. Nach Claudia’s Story, einem Comic der Interview with the Vampire aus Claudias Sicht nacherzählt, kam also 2014 mit Prince Lestat nach 11 Jahren das erste neue Buch der Vampirchronik raus, und ein weiteres Buch steht für Ende des Jahres in den Startlöchern.

Man kann dann immerhin dem Buch zu Gute halten, dass es sich diesmal auch tatsächlich so liest, als wollte Anne Rice es schreiben, ganz im Gegenteil zum vorigen Schlusskapitel, Hohelied des Blutes, das sich ziemlich dahingeschludert gelesen hat und ständig passiv-aggressiv bis einfach nur aggressiv sich über die Leserschaft der Vampirchroniken und ihre Erwartungshaltungen beschwert hat.

Was nicht wirklich bedeutet das Prince Lestat ein gutes Buch ist, nur weil es etwas besser geschrieben ist. Genau genommen liest sich das ganze Ding extrem nach Fanfiction. Inklusive der Eigenschaft, dass das Ding erst mal für gut die erste Dreiviertel Länge mehr oder minder vor sich hin mäandert, bis es dann überstürzt einen Klimax hervorzaubert. Ist zwar nicht so, dass jenes Finale jetzt komplett aus dem Nichts ohne jegliches Buildup käme, wie das bei Twilight der Fall gewesen war, aber so ein wenig Ereignislos wirkt der Groß des Buches schon, bis dann der etwas schnell über die Bühne gebrachte Payoff kommt.

Prince Lestat ist übrigens das erste Buch der Vampirchronik, welches nicht als fiktive Biographie geschrieben ist. Die Kapitel mit Lestat als Hauptcharakter sind immer noch aus dessen Perspektive geschrieben, die diversen Kapitel der anderen Charaktere aber eben nicht. Und hier kommen viele Charaktere vor, jedoch nicht unbedingt viele neue, gleichzeitig aber auch nicht viele bekannte. In bester Fanfiction-Manier wirft uns Prince Lestat nämlich lauter Nebenrollen aus den vorigen Büchern hin, die dort teilweise nicht mal eines Namens würdig waren, und spinnt sich was zu jenen zurecht. Außerdem werden die eigentlich keiner Erklärung bedurften Entstehungsgeschichte der Talamasca und der Wesensart des Geistes Amel, welcher damals mit Akasha verschmolz und die Vampirrasse hervorbrachte, gelüftet. Viel liest sich halt wirklich so, als hätte ein Fan der Reihe sich hingesetzt, und eine weitere Geschichte um Super-Lieblings-Vampir Lestat geschrieben, mit jede Menge „schau wie viel ich weiß“-Referenzen aus den vorigen Dutzend Büchern gespickt, deren Lücken und offenen Geheimnisse zusätzlich füllend.

Die Vampire sind dabei übrigens so Zahnlos wie aus den letzteren Büchern der Vampirchronik bekannt. Alle sind so Herzensgut, so rein, so liebend, sich gegenseitig toll findend und vertrauend, und Umarmungen und Bussi Bussi, und blergh. Dass die Alten, die Kinder der Millennien, mal sehr rar war, weil kaum einer in jenes hohe Alter überlebt, ohne sich selbst zu zerstören, oder das Vampire notorische Einzelgänger sind, weil man es nur so lange mit ein und derselben Person aushält, ist auch Schnee von Gestern. Da Buch hier führt Dutzende an Uralten vor. Und fast jeder scheint plötzlich seine eigene kleine Enklave mit seinen Lieblingen gegründet zu haben. Ja Anne Rice ändert das ganze Branding ihrer Vampire ohne Biss am Ende des Buches, in dem sie über ihre Blutschuld hinweg kommen. Kein Denken mehr, man wäre böse. Keine Schuld mehr, weil man sich von Menschen ernährt. Keine Komplexe, weil man Untot ist. Vampire sind die neuen Blumenkinder, von nun an organisiert zusammenlebend, sich liebend, sich nur von Verbrechern ernährend. Mit ihrem Prinz Lestat in der Mitte.

Denn letztendlich war das der ganze Sinn und Zweck des Buches. Alle Vampire zusammenführen. Ihre komplette Existenz dem Anpassen, worüber Anne Rice schon seit geraumer Zeit lieber schreibt. Über Liebe deines Nächsten gegenüber, nicht mehr über Blutrünstige ihrer eigenen Existenz überdrüssigen Monster. Und ihren Liebling Lestat endlich noch mehr ver-Mary-Sue-en als er das eh schon war. Konnte er doch eh schon alles, fanden ihn doch eh schon alle unwiderstehlich, mit Akashas Blut stärker und begabter als seine Lebensdauer das zulassen sollte. Hier nun übernimmt er den Geist Amel in sich, der jetzt auch ein eigenen Charakter und ein Selbst entwickelt hat, natürlich hauptsächlich um geliebt werden zu können. Damit wird er das Zentrum der Vampire, da er deren Urkern in sich trägt, und alle applaudieren und feiern und fügen sich jeder Entscheidung ihres neuen Monarchen, nicht einer stellt sich dagegen oder findet es zu gefährlich ihre Lebensquelle in einem für seine Unberechenbarkeit bekannten Kerl zu sehen. Weil Lestat eben einfach zu toll ist, um nicht sofort von jedem geliebt und akzeptiert und bewundert zu werden.

So sehr also die spezifischen Kritikpunkte an Hohelied des Blutes für Prince Lestat aus dem Weg geräumt sind, so bestehen die zu den unmittelbar davor gekommenen Büchern also leider weiterhin. Den Vampirchroniken wäre wenig genommen gewesen, wenn sie nach Königin der Verdammten aufgehört hätten, und daran ändert auch Prince Lestat im Endeffekt nichts.

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