Beautiful Dreamer

ava-2038Rumiko Takahashi ist eine der profiliertesten Mangaka aller Zeiten. Mangaka ist nicht unbedingt der einfachste Job, denn die Deadlines sind strickt, und wenn man nicht eine Hitserie erschafft verdient man auch nicht sonderlich gut. Rumiko Takahashi hingegen hat es geschafft Zeitweise eine der Bestverdiener Japans zu sein, und das nur durchs Zeichnen von Manga. Die gute Frau hat, neben durchaus kürzeren Geschichten, seit den 80ern eigentlich immer eine ewig laufende Serie am Laufen, die für diese Generation zu einem absoluten Klassiker wird, und in mehrere hundert Folgen TV-Anime, OVA und Filme adaptiert wird.

Von 1978 bis 1987 wäre das ihr erster großer Japan-Hit Urusei Yatsura in 34 Bänden, und nebenbei hat sie von 1980 bis 1987 auch noch mal schnell 15 Bände des dort ebenfalls Instant Classic Maison Ikkoku rausgehauen. Direkt im Anschluss lief die wohl für meine Generation weltweit bekannteste Serie Takahashis, nämlich von 1987 bis 1996 das 38 Bände umfassende Ranma 1/2. Um dann gleich anschließend von 1996 bis 2008 in 56 Bänden Inuyasha dranzuhängen. Seither zeichnet sie Rin-ne, welches auch schon bei 25 Bänden angekommen ist. Die gute Frau hat eigentlich nie keine Hitserie gezeichnet. Schön für sie.

Ihr früher Japan-Hit Urusei Yatsura sollte letztendlich in fast 200 Folgen TV-Serie, ein gutes Dutzend OVAs, und 6 Kinofilme adaptiert werden (von denen witzigerweise der Untertitel The Last Chapter für den vorletzten genommen wurde), herausgekommen in den zehn Jahren zwischen 1981 und 1991. Wir wenden uns hier dem zweiten Film zu, Urusei Yatsura 2: Beautiful Dreamer. Hier kommen wir zu einem weiteren großen Namen im Business: Mamoru Oshii. Das ist der hinter so Filmen wie der Kult-Klassiker Angel’s Egg, der die frühen westliche Anime-Landschaft mit prägenden Ghost in the Shell, die Patlabor-Filme, oder die Kerberos Saga zu der Jin-Roh gehört. Vorher bereits an einigen TV-Anime gearbeitet, war sein Durchbruch als Regisseur von Urusei Yatsura, bei dem er für die ersten zwei Filme verantwortlich zeichnet.

Dabei gestalten die sich ein wenig wie seine Arbeit an den ersten beiden Patlabor-Filmen: Der erste war eine relativ getreue Adaption der Serie ins Kinoformat ohne große Sprünge, dafür nutzte er dann seine Cloud, um sich beim zweiten Film wesentlich mehr zu trauen und vom Ursprungsmaterial zu entfernen. Deswegen besprechen wir auch Urusei Yatsura 2 und nicht auch den ersten Film, der erste ist scheinbar nur eine Filmadaption der TV-Serie, die üblich Rumiko Takahashi sicherlich charmant und witzig, aber auch seicht und stagnierend ist. Beautiful Dreamer hingegen war zu Release umstritten, da Fans sowie Takahashi wenig begeistert davon waren, dass er sich so weit vom Original entfernt, hat es über die anschließenden Jahrzehnte allerdings zu einem stark referenzierten Klassiker geschafft und gilt mittlerweile als der beste der 6 Filme, und als einer, der die Anime-Landschaft maßgeblich mit geprägt hat, der es regelmäßig in Listen bester Anime-Filme aller Zeiten schafft. Sprich es ist einfach der interessantere Film, und der mit mehr Prestige.

Urusei Yatsura, im Original, dreht sich übrigens um ein Alien in Form eines Bikini-Mädels, die zur Erde kommt, und über ein Missverständnis den lüsternen Ataru heiraten will, der sie zwar schon mag, aber lieber auch anderen Mädels nachstellen will, was sie zu übernatürlichen Eifersuchts-Attacken bringt. Plus um Atarus Schulklasse und Aufsichtspersonen, die alle die eine oder andere schräge Macke haben. Es ist eine Romcom von Rumiko Takahashi, wer irgendeine davon kennt, weiß ungefähr, wie alle davon ausarten. Wie fängt also Mamoru Oshii seinen zweiten Film zur Reihe an? Am Strand einer postapokalyptischen Ruinenstadt, an dem die Hauptcharaktere wortlos rumfaulenzen, während Alien-Dame Lum Wasserski fährt… ja, so viel mit der Original-Prämisse scheint der Film auf Anhieb nicht mehr zu tun zu haben.

Doch nach dem Opener geht es erst mal zurück, ins Japan des Hier und Jetzt, in dem der schräge Haufen aus der Serie ein Schulfest vorbereitet. Drittes Reich Cafe haben sie ausgewählt… ich sag dazu jetzt mal nix. Komödiantische Eskapaden geschehen, Lum darf eifersüchteln, um sich lasern, und ihren Traum davon, ewig mit Ataru und seinen Freunden zu leben, preis geben – das scheint nur ein netter Nebensatz zu sein, wird aber tatsächlich für den Film sehr wichtig. Doch dann fängt Oshii schnell an, surreale Dinge einzustreuen. Wenn die Jungs nachts Snacks kaufen fahren, und ihnen plötzlich auffällt, dass die Stadt wie ausgestorben ist. Oder wenn der Lehrer und die Krankenschwester auf den Trichter kommen, dass es immer wieder der Tag vorm Schulfest ist, man sich also scheinbar in einer Zeitblase befindet. Wenn die Charaktere statt wie vorher in der Schule zu übernachten, um die Vorbereitungen rechtzeitig fertig zu bekommen, nach Hause geschickt werden, aber aus dem einen oder anderen Grund doch wieder alle beim Schulgelände ankommen.

Schnell erzählen sie uns auch eine japanische Legende, von der sich Oshii hat inspirieren lassen: Ein Fischer, der eine Schildkröte rettete, durfte zum Dank auf deren Rücken zum Palast des Drachengottes reisen, wo er einige Tage verbrachte, oder dies zumindest dachte, denn als er in sein Dorf zurückkam waren hunderte Jahre vergangen. Die Charaktere beginnen also darüber zu sinnieren, ob nicht nur im gewissen Umkreis um die Schule die Zeit sozusagen stehengeblieben ist, während drumherum alles normal weiterläuft. Und als sie auf einem Flieger tatsächlich versuchen das Viertel zu verlassen… ist dort nichts, es gibt lediglich die paar Häuserblocks um die Schule, getragen auf dem Rücken einer Schildkröte, mitten im endlosen All. Und dann beginnen immer mehr Menschen zu verschwinden, die Häuser zu verfallen, nur Atarus zu Hause seltsamerweise nicht, welches auch als einziges Gebäude weiterhin fließend Wasser und Strom hat, sowie der Conbini an der Straßenecke immer frische Lebensmittel bereit hält. Das ist im Prinzip der Opener gewesen, wenn die Gruppe an Freunden als letzte Überlebende in einer weitestgehend Ruinenstadt ohne jegliche Zivilisation ihre Tage vergammeln, weil es nichts zu tun und kein entrinnen gibt. Und dann fangen selbst die Freunde an zu verschwinden.

Holy shit, das ist eine erstaunlich nihilistische Welt, zu der die Stadt in Beautiful Dreamer zu zerfallen beginnt. Eine absolut aussichtslose Situation ohne jegliche Hoffnung auf Besserung. Aber, und das ist wirklich interessant, dennoch passt dies in den Canon der Franchise. Ich denke ich nehme niemandem was voraus, denn nicht allzu lang in den Film hinein, sich den Titel vor Augen haltend, ist klar, dass die hiesige Welt nur ein Traum ist. Deswegen darf sich Beautiful Dreamer so weit von der Hauptserie weg trauen, deswegen können die Ereignisse immer schräger und zusammenhangsloser werden, weil der Film im wahrsten Sinne des Wortes auf Traumlogik basiert. Schon ein sehr cleverer Einfall, den Mamori Oshii da hatte, um die ihm gegebene Plattform zu nutzen, um statt wie noch beim ersten Film das Erwartete zu liefern, lieber mit weitestgehend künstlerischer Freiheit stattdessen den Film zu liefern, den er lieber machen würde. Oshii wird immerhin später in Jin-Roh auch Traum und Wirklichkeit verwischen lassen, bei Ghost in the Shell in surrealem Cyberspace philosophieren, und gerade mal ein Jahr nach Beautiful Dreamer nichts anderes, als den sich komplett nicht erklärenden Arthouse-Film Angel’s Egg auf die Japaner loslassen. Ganz so tiefgründig ist Beautfiul Dreamer derweil nie, sondern mehr Style over Substance, wird dadurch aber nicht weniger interessant.

Das führt nicht nur zu einem narrativ sehr interessanten, wenn auch nicht immer ganz einfach zu folgenden (vor allem wenn man das Ursprungsmaterial halt nicht kennt), Film, wobei das natürlich so gewollt ist, sondern auch zu einem sehr interessant anzusehenden. Nicht nur weil er ein anständiges Animations-Budget hat, sondern weil er auch gern artistisch wird. Er sucht sich interessante Kamerawinkel, spielt mit Perspektiven und Farben, und erschafft so wirklich die passende Atmosphäre für diese Traumwelt, in der er spielt.

Sprich das Mamoru Oshii hier nicht geliefert hat, was gewollt war, sondern ganz egoistisch sein eigenes Ding durchgezogen hat, ist ein wirkliches Geschenk. Wer das „echte“ Urusei Yatsura erleben will, der hat mit der Vielzahl an Manga-Sammelbänden, TV- und OVA-Folgen, und fünf weiteren Filmen genug Stoff, um sich derer überdrüssig zu werden. Beautiful Dreamer ist speziell, und unerwartet, und interessant, und das ist auch gut so. Absolut sehenswerte 90 Minuten.

beautifuldreamer

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