Oz 6&7

ava-1622Die nächsten beiden Oz-Bücher, The Emerald City of Oz und The Patchwork Girl of Oz, gehen nun tatsächlich wieder dahin zurück, Abenteuer zu präsentieren, die weitestgehend in Oz an sich stattfinden, anstatt dies nur den Schauplatz der gehetzten Resolution in den letzten beiden Kapiteln sein zu lassen. Was vielleicht auch daran liegt, dass Emerald City das finale Oz-Buch sein sollte, und Baum erst drei Jahre später mit Patchwork Girl zur Serie zurückkehrte, um finanziell über die Runden zu kommen. Von daher war vielleicht diesmal einfach mehr Kreativität über, statt die Dinger im Jahresrhythmus rauszuhauen.

In The Emerald City of Oz will sich der Gnomenkönig daran rächen, dass Dorothy seiner Falle entwischt ist und Ozma mit dem magischen Gürtel die Hälfte seiner Kräfte besitzt, weswegen er einen Tunnel Richtung Smaragdstadt baut, um das Land von innen zu erobern. Währenddessen fliehen Dorothy und ihr Onkel und Tante vor der verschuldeten Farm der Realwelt nach Oz, wo Ozma sie von nun an leben lässt. Die Attacke des Gnomenkönigs wird schon fast zum Beiwerk des kleinen Trips in dem Dorothy ihrer Verwandtschaft das verquere Märchenland zeigt.

Ganz am Ende wird Oz dann endgültig von der Außenwelt abgeschottet, damit niemand mehr versehentlich rüberwechseln kann. Was aber nicht bedeutet, dass es von innen keine Abenteuer geben kann. Denn Ojos Onkel wird in eine Statue verwandelt und er begibt sich mit den zum Leben erweckten Glaskatze und Flickenmädel auf die Reise durchs Land, um die Zutaten für den Gegenzauber zu sammeln, auf der er auf alle möglichen früheren Oz-Bekannten von uns trifft.

Wie immer ist natürlich die Kinderlogik, auf der das Land Oz funktioniert, herrlich. Die Wortspiele, Dinge zu wortwörtlich zu nehmen, oder ganz lapidar die seltsamen Beweggründe von Erwachsenen hinnehmend. Wenn der Gnomenkönig sich ärgert, und seinen Marschall her zitiert, mit der Begründung, dass es natürlich keinen Spaß macht, sich zu ärgern, solange man jenen Ärger nicht an jemandem auslassen kann. Und wenn sein Marschall ihm ganz blase erzählt, dass wenn der Grund für seinen Ärger ist, dass er seinen magischen Gürtel zurück will, er vielleicht einfach aufhören sollte, jenen zurückhaben zu wollen, was somit seinen Grund zur Ärgernis nimmt, und er sich nicht mehr ärgern muss. Wenn die fehlende Empathie des Flickenmädchens damit abgetan wird, dass man diesem Zustand nicht helfen kann, weil sie nun mal mit Watte ausgestopft ist und somit kein Herz besitzt. Gleiches bei der Glaskatze meint, da sie ein Rubinherz hat, weswegen sie nun mal hartherzig ist.

Dabei wirft die Beschaffenheit des Landes Oz an sich natürlich viele interessante Fragen auf, die man am Besten direkt wieder abwinkt, weil es nun mal einfach ein Kinderbuch ist. Immerhin sprechen wir hier von einem Land, bei dem sich selbst die wachsenden Blumen ans Color Coding der einzelnen Gebiete halten. Bei dem Kürbismänner lebendig sind und sich ihre eigenen neuen Köpfe heranzüchten, weil Kürbisse nun mal verfaulen. Baum selbst gibt zu, nachdem er schreibt, was für eine Utopie Oz doch ist, bei der jeder nur so viel arbeitet, wie nötig ist, und per Tauschhandel auch jeder alles hat, was er benötigt, dass dies natürlich niemals in unserer echten Welt funktionieren würde.

Interessant wäre da beispielsweise der Antiklimax von Emerald City, wo die Armeen an Fieslingen einfach wieder nach Hause geschickt werden, nachdem sie vom Wasser des Vergessens getrunken haben und anschließend handzahm wurden. Ein Statement, dass Böses nicht geboren wird, sondern durch die Umwelt anerzogen ist?

Wenn ebenfalls in Emerald City eröffnet wird, dass die zu schrägen Einwohner einfach ihre eigenen Städte bekommen. Dort dürfen sie dann mit Gleichgesinnten sein, wie sie sind, ohne die Restbevölkerung zu stören. Ugh, ein sehr gefährlicher „aus den Augen, aus dem Sinn“-Gedankengang. Allgemein scheint eigene Persönlichkeitsentfaltung keine große Priorität im Lande Oz zu haben, wenn man nicht eine der außergewöhnlichen Hauptfiguren ist. So wird auch nebenbei erwähnt, dass Ozma zuteilt, wer wo zu leben hat, oder wer welcher Arbeit zum Allgemeinwohl nachgehen darf. Und da es zu gefährlich ist, darf niemand mehr Magie ausüben, abgesehen von Ozmas Buddies Glinda und der Oz-Zauberer.

Das ist natürlich in Oz alles supi, weil Ozma lieb und gerecht ist, und niemand irgendjemandem was böses wollen würde, und die gesamte Bevölkerung mit allem zufrieden ist. Doch in den falschen Händen wäre Oz sowas von schnell eine Tyrannei. Ozma regiert, weil sie in die Königsfamilie geboren wurde, das sie auch eine gerechte Herrscherin ist, ist reiner Zufall. Sie bestimmt, ihr Wille ist unumstößlich. Sie teilt ihren besten Freunden Villen und Schlösser zu, gibt ihnen sogar Landesteile, über die sie regieren können. Nur sie und ihre Freunde dürfen magische Vorteile nutzen. Schon praktisch, wenn „zum Allgemeinwohl“ bedeutet, dass nur man selbst und die seinigen das Sagen haben, und die Macht innehalten, dies ändern zu können. Oh, und das Liebesamulett, welches jeden friedfertig und freundlich macht? Hängt über dem Eingangstor zur Smaragdstadt. Na kein Wunder das jeder Ozma so toll findet und niemals anzweifeln würde, wenn selbst die eigenen Emotionen kontrolliert werden.

Wo wir bei fragwürdigen Momenten sind. Das Flickenmädchen macht ein (illegaler) Zauberer, damit sie die Hausmagd für seine Frau spielt. Jene will ihr ein Gehirn zusammenbrauen, tut aber nur Dinge wie Gehorsam und Unterwürfigkeit und Sorgfalt rein, keine Cleverness und Humor etc, mit der Begründung „Dienerschaft benötigt dies nicht, sonst werden die nur unnötig aufmüpfig“. Autsch. Als die frische zum Leben erweckte dann auch nachfragt, was ein „Diener“ ist, wird ihr direkt gesagt, dies sei ein anderes Wort für „Sklave“. Und am Ende von Patchwork Girl, wenn sie der narzisstischen Glaskatze ihr pinkes Edelstein-Gehirn gegen ein gläsernes ersetzen, damit sie ebenfalls gutmütiger wird… haben die gerade eine Lobotomie an einer Katze durchgeführt, um sie gehorsam zu machen? Eine Katze wohlgemerkt, die das ganze Buch über keine Probleme bereitet hatte oder eine Gefahr für sich oder andere war, sondern nur etwas selbstverliebt war und sich für was besseres hielt (was wirklich ziemlich normal für eine Katze ist), Ojo seine halbe Reise über aber sehr wohl zur Seite stand.

Ich mein ja nur, es ist wirklich einfach diese Kinderbücher und ihre naive Utopie zu nehmen, die zweifelhaften Ideen zu dekonstruieren, und daraus einen absoluten Alptraum zu machen, in dem die Macht von wenigen Tyrannen gehalten wird, die ihre Beweggründe verdreht rationalisieren, während jede Opposition gehirngewaschen oder in „Spezialstädte“ abgeschoben wird.

Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: